Die Frage nach den Auswirkungen des Peloponnesischen Krieges auf die attische
Demokratie unterstellt bereits Wirkungen der Außenpolitik auf die innere Struktur der
Polis. Und tatsächlich fällt eine enge Verwobenheit von Außen- und Innenpolitik im
Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. auf. Die Siege bei Marathon, vor allem aber bei
Salamis und der sich daraus entwickelnde Seebund gehen einher mit einem Trend
zur Isonomie und später zur Demokratie – den Niederlagen im Peloponnesischen
Krieg folgen oligarchische Systeme in der Polis Athen. Scheinbar existierte eine
kausale Folge von inneren Entwicklungen nach äußeren Ereignissen.
Wenn man nach den Ursachen des oligarchischen Umsturzes von 411 fragt, genügt
es nicht, nur nach seiner direkten Vorgeschichte zu fragen, vielmehr muß
problematisiert werden, weshalb nach einer Kriegsniederlage auch die innere
Struktur der Polis erschüttert wird. Um dieses Verhältnis zu erklären, bedarf es
neben der Beschreibung des größten außenpolitischen Machtmittels Athens, der
Flotte, und der Untersuchung politischer Verhaltensmuster, auch der Analyse der
Motive zum Ausbau und zur Erweiterung attischer Macht. Bezogen auf den Umsturz
411 stellen sich vor allem die Fragen, ob der Peloponnesische Krieg die Entstehung
einer inneren Opposition begünstigte und ob nicht das Fehlen einer außenpolitischen
Perspektive für das Scheitern des oligarchischen Regimes mitverantwortlich war.
Diese Betrachtungen werden von Christian Meiers Konzept über das „ Politische der
Griechen“ eingeleitet und theoretisch fundiert:
1 Die Hausarbeit ist komplementär zu dem im Wintersemester 2000/01 gehaltenen Referat gleichen Themas
angelegt. Statt den direkten ereignisgeschichtlichen Auswirkungen des Peloponnesischen Krieges auf die
attische Demokratie, wird hier allgemeiner das Verhältnis von Innen- und Außenpolitik im Athen des 5.
Jahrhunderts untersucht. Die Hausarbeit versteht sich daher als Grundlage und Ergänzung zu den im Referat
behandelten Themen. Obwohl auch in den einzelnen Kapiteln versucht wird eine Verbindung zur Krise der
attischen Demokratie während des Peloponnesischen Krieges herzustellen, thematisiert nur das letzte Kapitel
direkt die Auswirkungen des Krieges auf Athen.
Gliederung
1. Das Politische der Griechen nach Christian Meier
2. Die Demokratie und die Außenpolitik
2.1. Die Flotte in der Demokratie
2.2. Verhaltensmuster in der Politik der Athener
2.3. Die Außenpolitik und ihr Nutzen
3. Athen im Peloponnesischen Krieg – Von der Entwicklung einer inneren Opposition zum Scheitern der „Vierhundert“
Zusammenfassung / Ausblick
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Wechselverhältnis von Innen- und Außenpolitik im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. und analysiert, wie der Peloponnesische Krieg und die damit verbundene Krise die strukturellen Grundlagen der attischen Demokratie erschütterten und den oligarchischen Umsturz von 411 v. Chr. begünstigten.
- Die theoretische Fundierung des Politischen bei den Griechen nach Christian Meier.
- Die Rolle der Flotte als zentrales Machtinstrument und deren Rückwirkung auf die demokratische Partizipation.
- Politische Verhaltensmuster und die Entwicklung von Parteiungen im klassischen Athen.
- Die Bedeutung materieller Vorteile und machtpolitischer Motive für die Außenpolitik Athens.
- Die Entstehung einer antidemokratischen Opposition und das Scheitern des Regimes der „Vierhundert“.
Auszug aus dem Buch
2.1.Die Flotte in der Demokratie
Wie im Kapitel 1 erwähnt kann man in den griechischen Poleis eine Koppelung von politischer Mitsprache und Wehrpflicht feststellen. Das Heer konstituierte sich zu wesentlichen Teilen aus der Bürgerschaft. Alle Bürger der Polis waren zum Wehrdienst verpflichtet, wobei das Gebot der Selbstausrüstung bestand. Nur die, die sich auch selbst ausrüsten konnten, zählten zur Bürgerschaft. Daher war die Phalanx der Hopliten zu Beginn des 5. Jahrhunderts v.Chr. identisch mit der Gesamtheit der politisch aktiven Bürger. Diese Koppelung von Wehrpflicht und politischer Partizipation blieb das gesamte Jahrhundert über bestehen, während sich die Bürgerschaft mit Hilfe der steigenden Bedeutung der Flotte vergrößerte: Stand bei der Schlacht von Marathon noch die Hoplitenphalanx im Zentrum des Kampfes, wird der Sieg von Salamis „auch und vor allem von der Flotte“ errungen.
Durch die Erfolge der Flotte bei Salamis und den sich letztlich darauf gründenden Seebund erwarben die Rudermannschaften, also vor allem diejenigen, die sich bisher nicht selbst ausrüsten konnten, politische Rechte. Damit ging die Kraft, die Athen entwickelte, nicht mehr von den Hopliten allein aus, sondern von der gesamten Bürgerschaft. Die Flotte wurde zum eigentlichen Träger der Herrschaftspolitik, die auf die Perserkriege folgte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Politische der Griechen nach Christian Meier: Dieses Kapitel erläutert das Konzept des Politischen bei den Griechen, welches durch die Teilhabe breiter Bürgerschichten eine neuartige Identität und ein Zusammenfallen von Polis und Bürgerschaft schuf.
2. Die Demokratie und die Außenpolitik: Hier wird die herausragende Stellung der Außenpolitik im athenischen Entscheidungsprozess analysiert und deren enge Verzahnung mit innenpolitischen Strukturen aufgezeigt.
2.1. Die Flotte in der Demokratie: Die Untersuchung zeigt, wie der Aufstieg der Flotte als militärisches Machtinstrument die politische Partizipation weiter Kreise der Bürgerschaft ermöglichte.
2.2. Verhaltensmuster in der Politik der Athener: Dieses Kapitel beleuchtet den Wandel politischer Handlungsabläufe und die Rolle von Hetairien sowie den Einfluss von Klientelstrukturen versus Programmorientierung.
2.3. Die Außenpolitik und ihr Nutzen: Hier werden die Motive der attischen Machtausübung im Seebund, insbesondere machtpolitische Ambitionen und materielle Vorteile, kritisch hinterfragt.
3. Athen im Peloponnesischen Krieg – Von der Entwicklung einer inneren Opposition zum Scheitern der „Vierhundert“: Das Kapitel untersucht den Zusammenhang zwischen der Niederlage in Sizilien, der Entstehung einer organisierten Opposition und dem letztlichen Scheitern des oligarchischen Regimes.
Zusammenfassung / Ausblick: Diese abschließende Betrachtung fasst die Rolle der Außenpolitik als dominierendes Feld athenischer Politik zusammen und weist auf die Notwendigkeit weiterführender Vergleiche mit der späteren Herrschaft der Dreißig hin.
Schlüsselwörter
Attische Demokratie, Peloponnesischer Krieg, Außenpolitik, Innenpolitik, Polis, Bürgerschaft, Seebund, Flotte, Hopliten, Isonomie, Christian Meier, Oligarchie, Vierhundert, Macht, Hetairien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des Peloponnesischen Krieges auf die innenpolitischen Strukturen der attischen Demokratie unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von Innen- und Außenpolitik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Konzept des Politischen, die Rolle der Flotte als Machtfaktor, politische Verhaltensmuster athenischer Akteure und die Ursachen für das Erstarken oligarchischer Bestrebungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, wie außenpolitische Ereignisse – insbesondere die Niederlage in Sizilien – den inneren Zusammenhalt Athens gefährdeten und warum das oligarchische Regime der „Vierhundert“ langfristig scheitern musste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historisch-analytischen Methode, wobei vor allem das Konzept des Politischen nach Christian Meier und zeitgenössische Quellen wie Thukydides herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Grundlegung nach Meier, die Analyse der militärischen und politischen Bedeutung der Flotte, die Untersuchung von Machtstrukturen sowie die historische Herleitung des oligarchischen Umsturzes 411 v. Chr.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind die „Deckungsgleichheit von Innen- und Außenpolitik“, die „Ereignishaftigkeit der Welt“ für die Griechen sowie das Spannungsfeld zwischen demokratischer Mitsprache und oligarchischen Interessen.
Welche Rolle spielten die Hetairien beim Umsturz von 411?
Den Hetairien kommt eine zentrale Rolle zu, da sie als lockere, aristokratisch geprägte Vereinigungen die notwendigen Strukturen für die politische Mobilisierung und den Umsturz boten.
Warum scheiterten die „Vierhundert“ laut der Analyse?
Neben der fehlenden inneren Geschlossenheit und einem mangelnden Realismus wird die außenpolitische Erfolglosigkeit als entscheidender Faktor identifiziert, der eine Stabilisierung des Regimes unmöglich machte.
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- Peter Schubert (Author), 2002, Die attische Demokratie unter dem Eindruck des Peloponnesischen Krieges, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17997