Die Thematik der "toten Winkel" beim LKW

Ein Projekt für Schülerinnen und Schüler der 3. Primarschulklassen


Diplomarbeit, 2011
40 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.1 Verkehrsunfallstatistik des Kantons Zürich
1.2 Gesetzliche Grundlagen
1.2.1 Pflichten Lastwagenfahrer, Ausrüstung
1.2.2 Pflichten des Fussgängers, Radfahrers

2 ANALYSEN
2.1 Zielgruppenanalyse
2.2 Bedingungsanalyse
2.2.1 Die Klasse
2.2.2 Infrastruktur
2.2.3 Zeitlicher Rahmen
2.2.4 Geltende Regeln

3 LEKTIONSZIELE/LERNINHALTE
3.1 Richtziele
3.2 Grobziel
3.3 Feinziele
3.3.1 Diagramm Ziele
3.4 Lerninhalte
3.4.1 Theoretische Hinführung zum Thema
3.4.2 Praktische Hinführung zum Thema
3.4.3 Kontrolle und Nachbearbeitung des Themas

4 UNTERRICHTSPLANUNG
4.1 Vorlage Unterrichtsplanung
4.2 Arbeitsblätter, Präsentation und I-V-K
4.2.1 Input - Arbeitsblatt
4.2.2 Verarbeitung - Bastelbogen
4.2.3 Kontrolle - Lernkontrolle
4.2.4 Powerpoint Präsentation (PPT)
4.2.5 Elternbrief
4.3 Zusammenarbeit mit der Lehrperson/Schulleitung
4.3.1 Halten der Lektion durch Verkehrsinstruktor
4.3.2 Nachbereitend zur Lektion durch Lehrperson

5 UNTERRICHTSREFLEXION
5.1 Positives und Negatives
5.2 Medienpräsenz
5.3 Zusammenarbeit mit Transportunternehmen
5.4 Lernwert und Nutzen

6 BIBLIOGRAPHIE
6.1 Internet
6.2 Anhang
6.2.1 Unterrichtsunterlagen
6.2.2 Unterrichtsplanung

1 Einleitung

In unregelmässigen Abständen ereignen sich immer wieder Unfälle zwischen Lastwagen und Fussgängern/Radfahrern. Oft sind diese Unfälle darauf zurück zu führen, dass der Lastwagenlenker gewisse Bereiche um sein Fahrzeug nicht einsehen kann. Diese nicht einsehbaren Bereiche werden sichttote Winkel, im Volksmund schlicht „tote Winkel“ genannt, und können folgendermassen definiert werden:

„Mit dem Begriff „Toter Winkel“ werden in der Regel bestimmte Bereiche vor, neben oder hinter Fahrzeugen bezeichnet, die von den Fahrern nicht eingesehen werden können - weder direkt noch mit Hilfe von Spiegeln. Das Problem betrifft vor allem LKW-Fahrer, aber durchaus auch die Fahrer von Kleintransportern und PKWs.“1

Unfälle, welche auf den toten Winkel zurückgeführt werden können, zählen zu den schwersten im Strassenverkehr und enden aufgrund des unausgeglichenen Kräfteverhältnisses der beiden Parteien oft tragisch.2 Meist trägt der Fussgänger schwere Verletzungen davon, in manchen Fällen verstirbt er noch am Unfallort.

Im Einsatzgebiet der Stadt- polizei Kloten ereigneten sich in den letzten zweiein- halb Jahren gleich zwei Un- fälle dieser Art, wobei beide Unfälle für die Fussgängerin, respektive die Radfahrerin, tödlich verliefen. Im Oktober 2008 kam es in Dietlikon3 zu einem Unfall zwischen ei- nem LKW, welcher an einer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: VuTod in Kloten, Sicht aus der Führerkabine, trotz Hilfsspiegel (gelber

Pfeil) konnte der Unfall nicht verhindert werden. Foto: UFD Kapo ZH. Lichtsignalanlage nach rechts abbiegen wollte, und einer Schülerin auf ihrem Fahrrad. Dabei übersah der Lenker das 11- jährige Mädchen, welches sich rechts neben dem LKW und tragischer weise genau im toten Winkel befand. Im Frühjahr 2010 ereignete sich aufgrund des toten Winkels ein Unfall in Kloten. Der LKW hielt an einer Einmündung an und wollte auf die querverlaufende Hauptstrasse einbiegen. Dazu musste der LKW ein Trottoir überqueren und der Lenker übersah eine Frau, welche mit dem Enkelkind im Kinderwagen vor dem Lastwagen vorbeiging. Das Kleinkind blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Seine Grossmutter ist leider verstorben. Trotz mehreren Zusatzspiegeln konnte dieser Unfall nicht verhindert werden. „Jedes Fahrzeug hat verschiedene tote Winkel. Auch mit modernen Rückspiegeln bleiben Bereiche, die vom Fahrzeugführer nicht überblickt werden können.“4 Nebst Sensibilisierung der Lenker von Fahrzeugen mit erhöhtem Gefährdungspotenzial, gilt es, auch die Fussgänger und Radfahrer als schwächere Partei auf diese Gefahr aufmerksam zu machen.

Obwohl diese Thematik durch die polizeiliche Verkehrserziehung üblicherweise erst in der 6. oder 7. Klasse behandelt wird,5 habe ich mich aufgrund der beschriebenen Relevanz und der gefährdeten Altersgruppe dazu entschieden, eine Lektion für die 3. Klasse zu gestalten.6 Denn gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu erreicht die Anzahl von schwerverletzten Kindern gerade im Alter von sieben bis neun Jahren, also im Alter des Zielpublikums, ihren Höhepunkt, und nimmt mit zunehmendem Alter wieder ab:

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Abb. 2: Tabelle gemäss Manuela Rechsteiner-Rensch, Vom Unfallgeschehen und der Gefahrenwahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen, Broschüre der bfu zur 19. bfu-Verkehrsinstruktorentagung. (Bern: 2010), 1.

Vor allem die Zahl der schwerverletzten Fussgänger in der Zielgruppe ist leider beachtenswert hoch, weshalb in der vorliegenden Arbeit die Problematik der toten Winkel aus Sicht des Fussgängers, und nur am Rande aus der des Radfahrers, betrachtet werden soll. Helmut Schrödel, Autor der Broschüre „Der Tote Winkel“, sagt dazu:

„Die Unfälle, die sich wegen des ‚toten Winkels‘ ereignen, zählen zu den schwersten im Stras- senverkehr, da die Opfer kaum eine Chance haben. Relativ häufig sind auch Schulkinder da- von betroffen.“7

1.1 Verkehrsunfallstatistik des Kantons Zürich

Gemäss vorsichtigen Schätzungen starben im Jahr 2006 in ganz Europa rund 400 Personen infolge des toten Winkels beim LKW.8 Wie hoch die Zahl von Personen ist, welche im Zu- sammenhang mit dem toten Winkel verletzt oder getötet wurden, lässt sich für die Schweiz ebenfalls nur schätzen. Diese Unfallursache wird durch die VUSTA (Verkehrsunfallstatistik) nicht separat erfasst. Um trotzdem relevante Daten zu dieser Thematik zu erhalten, mussten diese beim zuständigen Dienst der Kantonspolizei Zürich erhältlich gemacht, aufbereitet und anschliessend umgerechnet werden.9 In einem ersten Schritt sollen sämtliche Unfälle der letz- ten fünf Jahre dargestellt werden, bei denen ein LKW10 und Fussgänger11 oder Radfahrer be- teiligt waren. Aus nachstehendem Diagramm wird deutlich, dass Fussgänger und Radfahrer gleichermassen betroffen sind von Unfällen mit einem LKW. Jedoch ist die Gefahr, dass Un- fälle zwischen einem LKW und einem Fussgänger tödlich verlaufen, dreimal höher als bei Unfällen zwischen einem LKW und einem Radfahrer. Ist der LKW der Verursacher eines Unfalles, so steigt das Risiko, als Fussgänger bei einem solchen Unfall zu sterben, nochmals markant an und vervierfacht sich im Gegensatz zum Radfahrer.

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Abb. 3: Anzahl Unfälle zwischen LKW’s und Fussgängern, resp. Radfahrern und ihre Folgen, in einem Zeitraum von fünf Jahren. Quelle: VUSTA des Kts. Zürich, 01.01.2006-31.12.2010.

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Abb. 4: Anzahl Unfälle zwischen LKW’s und Fussgängern, resp. Radfahrern und ihre Folgen, in einem Zeitraum von fünf Jahren, wobei der LKW als Verursacher erhoben werden konnte. Quelle: VUSTA des Kts. Zürich, 01.01.2006-31.12.2010.

Mehr als 23% aller Unfälle zwischen einem LKW und einem Fussgänger verlaufen für den Fussgänger tödlich, wenn der LKW der Unfallverursacher ist. Demgegenüber verlaufen Un- fälle zwischen Radfahrern und LKW’s nur zu gut 6% tödlich für die schwächere Partei. Dar- aus kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Wichtigkeit zur Sensibilisierung von Fussgängern für die Thematik des toten Winkels ungleich höher ausfällt als für Radfahrer. Diese Erkenntnis stützt auch die Wichtigkeit der Bemühungen welche durch vorliegende Ar- beit in die Schüler der dritten Klassen investiert werden, wobei der Inhalt sich spezifisch an die Fussgänger richtet.

Nun stellt sich aber die Frage, wie viele Unfälle durch den toten Winkel verursacht wurden. Die oben stehenden Zahlen werden dazu mit dem Faktor 0.67 multipliziert. Gemäss der aktu- ellen Unfallforschung in Deutschland wird davon ausgegangen, dass rund zwei Drittel aller Unfälle zwischen Fussgängern/Radfahrern und Lastwagen auf den toten Winkel zurück zu führen sind.12 Für den Zeitraum von fünf Jahren ergeben sich somit für den Kanton Zürich die nachstehenden Werte.

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Abb. 5: Unfallursache toter Winkel, wobei der LKW als Verursacher erhoben werden konnte und die Unfall- zahlen mit dem geltenden Faktor der Unfallforschung multipliziert wurden. Quelle: VUSTA des Kts. Zürich, 01.01.2006-31.12.2010.

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Abb. 6: Unfallursache toter Winkel, wobei der LKW als Verursacher erhoben werden konnte und die Unfall- zahlen mit dem geltenden Faktor der Unfallforschung multipliziert wurden. Quelle: VUSTA des Kts. Zürich, 01.01.2006-31.12.2010.

Vom Januar 2006 bis zum Dezember 2010 ereigneten sich auf dem Kantonsgebiet Zürich (ohne Städte Zürich und Winterthur) rund 21 Verkehrsunfälle zwischen einem LKW und ei- nem Fussgänger oder Radfahrer aufgrund des toten Winkels. Trotz dem unausgeglichenen Kräfteverhältnis der Unfallbeteiligten ist dabei fest zu stellen, dass beinahe 69% aller Unfälle mit leichten Verletzungen für die schwächere Partei endeten. Dies kann unter Umständen da- rauf zurückgeführt werden, dass der LKW zum Unfallzeitpunkt mit geringer Geschwindigkeit unterwegs war, da diese Unfälle erfahrungsgemäss meist während einem Richtungswechsel oder Rangiermanöver geschehen. Im genannten Zeitraum kam es „nur“ zu rund drei Unfällen mit Todesfolge, bei denen der tote Winkel als Unfallursache angesehen werden muss.

Jeder Tote im Strassenverkehr ist jedoch ein Toter zu viel. Die Bestrebungen seitens der Verkehrsinstruktion in den Schulen sollen zum Ziel haben, die Anzahl von im Strassen- verkehr getöteten Personen jährlich zu reduzieren. Unter dem Motto: „ Pass uf - En Lascht wage! “ soll den Kindern auf altersgerechte Art die Besonderheit des LKW’s im Strassenverkehr näher gebracht werden. Denn: Je schwächer der Verkehrsteilnehmer ist, desto grösser sollen die Anstrengungen sein, ihn vor Unfällen zu beschützen.

1.2 Gesetzliche Grundlagen

Sowohl der Fussgänger, in vorliegendem Falle das Schulkind, wie auch der Lastwagenlenker, ist von Gesetzes wegen zu einem gewissen Verhalten, respektive zu einer obligatorischen Ausrüstung des LKW’s verpflichtet.

1.2.1 Pflichten Lastwagenfahrer, Ausrüstung

Gemäss dem Schweizer Strassenverkehrsgesetz und der dazugehörenden Verordnungen hat sich der Lastwagenlenker in diesem Zusammenhang an folgende Pflichten zu halten:

- Art. 34, Abs. 3 SVG: Der Führer, der seine Fahrrichtung ändern will, wie zum Abbiegen, Überho- len, Einspuren und Wechseln des Fahrstreifens, hat auf den Gegenverkehr und auf die ihm nachfolgen- den Fahrzeuge Rücksicht zu nehmen.13

- Art 13 Abs. 4-6 VRV: Der Fahrzeugführer darf beim Abbiegen nach links auf Strassenverzwei- gungen die Kurve nicht schneiden. Fahrzeuge aus entgegengesetzten Richtungen, die beide auf einer Kreuzung nach links abbiegen wollen, haben sich links zu kreuzen.

Muss der Fahrzeugführer wegen der Grösse seines Fahrzeugs oder der örtlichen Verhältnisse vor dem Abbiegen nach der Gegenseite ausholen, so hat er besonders vorsichtig zu fahren und nötigenfalls zu halten.

Befördern Motorfahrzeuge oder ihre Anhänger sichthemmende Ladungen, ist beim Einspuren und Ab- biegen besondere Vorsicht geboten. Nötigenfalls ist eine Hilfsperson beizuziehen, die das Fahrmanöver überwacht.

- Art. 71 Abs. 5 VTS: Der Führer oder die Führerin muss, bei einer Augenhöhe von 0,75m über der Sitzfläche, ausserhalb eines Halbkreises von 12,0m Radius die Fahrbahn frei überblicken können. Die Zulassungsbehörde verfügt die erforderlichen Auflagen (zusätzliche Spiegel, Mitfahrer, Begleitfahr- zeug), wenn diese Bedingung bei Arbeitsmotorwagen nicht erfüllt ist.

- Art. 112, Abs. 1-5 VTS: Rückspiegel links und rechts, Frontspiegel, Rampenspiegel14

Trotz der unterschiedlichen vorgeschriebenen Spiegel muss sich auch das Bundesgericht immer wieder mit Unfällen, verursacht durch den toten Winkel, beschäftigen:

„Das Bundesgericht hat sich schon mehrfach mit dem Problem des sichttoten Winkels zu befassen gehabt, namentlich im Zusammenhang mit Unfällen, bei denen Lastwagen und Fahrradfahrer beteiligt waren.“15

Denn alle Spiegel bringen keinen Nutzen, wenn der Fahrer nicht auch in die Spiegel schaut. Weiter muss das im Spiegel gesehene Bild in Sekundenbruchteilen richtig interpretiert wer- den. Gemäss zitiertem Bundesgerichtsurteil muss sich der Fahrer vergewissern, dass sich niemand im unüberblickbaren Bereich seines Fahrzeuges befindet. Dazu müsse sich der Fah- rer kurz vom Sitz erheben, sich vorbeugen oder seitlich verschieben um genügende Sicht zu gewinnen.

1.2.2 Pflichten des Fussgängers, Radfahrers

Die Anforderungen, welche an den Lastwagenfahrer von Gesetzeswegen und nach gültiger Gerichtspraxis bestehen, sind sehr hoch. Doch auch der Fussgänger hat Pflichten:

- Art. 26, Abs. 1-2 SVG: Jedermann muss sich im Verkehr so verhalten, dass er andere in der ord- nungsgemässen Benützung der Strasse weder behindert noch gefährdet.

Besondere Vorsicht ist geboten gegenüber Kindern, Gebrechlichen und alten Leuten, ebenso wenn Anzeichen dafür bestehen, dass sich ein Strassenbenützer nicht richtig verhalten wird.

- Art. 49, Abs. 1-2 SVG: Fussgänger müssen die Trottoirs benützen. Wo solche fehlen, haben sie am Strassenrand und, wenn besondere Gefahren es erfordern, hintereinander zu gehen. Wenn nicht beson- dere Umstände entgegenstehen, haben sie sich an den linken Strassenrand zu halten, namentlich ausser- orts in der Nacht.

Die Fussgänger haben die Fahrbahn vorsichtig und auf dem kürzesten Weg zu überschreiten, nach Möglichkeit auf einem Fussgängerstreifen. Sie haben den Vortritt auf diesem Streifen, dürfen ihn aber nicht überraschend betreten.

- Art. 47, Abs. 5 VRV: Ausserhalb von Fussgängerstreifen haben die Fussgänger den Fahrzeugen den Vortritt zu lassen.

Für die vorliegende Arbeit ist seitens der Pflichten des Fussgängers vor allem die Grundregel des Strassenverkehrsgesetzes im Art. 26 SVG von Bedeutung. Die Kinder sollen den LKW- Lenker nicht behindern. Dies kann dadurch geschehen, dass sie sich der toten Winkel bewusst sind und diese meiden. Weiter sollen sie besonders vorsichtig sein, wenn sich ein Strassenbe- nützer, namentlich ein Lastwagen, nicht richtig verhält. Dies könnte heissen, dass sie den Lastwagen grossräumig umgehen, wenn dieser ohne Hilfsperson rückwärtsfährt.

2 Analysen

Durch das Analysieren der Zielgruppe soll der Unterrichtsstoff möglichst gut auf das Können und die Fähigkeiten der Kinder angepasst werden. Mit der Bedingungsanalyse wird festge- stellt, welche Infrastruktur zur Verfügung steht und was aufgrund fehlender Infrastruktur nicht wie geplant durchgeführt werden kann, respektive was vom Verkehrsinstruktor selbst an Infrastruktur mitgebracht werden muss. Beide Analysen sollen dazu beitragen, einen mög- lichst gewinnbringenden Unterricht für die Kinder zu schaffen und einen möglichst reibungs- losen Ablauf zu ermöglichen.

2.1 Zielgruppenanalyse

Wie bereits erwähnt, wird die Thematik der toten Winkel normalerweise erst mit Kindern ab der 6. Klasse, also im Alter von rund 12 bis 13 Jahren, erarbeitet. Nach dem Studium der ein- schlägigen Literatur und auch aufgrund eigener Erfahrungen bin ich der Überzeugung, dass bereits die Kinder der 3. Klasse, im Alter von acht bis neun Jahren, fähig sind, die grundle- genden Gedanken dazu zu erfassen und zu verarbeiten. Bereits im Alter von rund zwei Jahren beginnt beim Kind die Bildung von semiotischen16 Prozessen wie der Sprache und inneren Bildern.

„Daran schliesst sich (mit etwa sieben bis acht Jahren) eine zweite Teilperiode an, die gekennzeichnet ist durch die Anfänge operatorischer Gruppierungen in ihren verschiedenen konkreten Formen und mit ihren verschiedenen Arten von Erhaltung.“17

In diesem Alter befindet sich das Kind in der Stufe des sogenannten antizipierenden Gefah renbewusstseins. Das Kind lernt, die Gefahren vorauszusehen und es lernt zu erkennen, durch welche Verhaltensweisen es in Gefahr geraten kann.18 Ulrike Zach, Professorin für Psychologie an der Universität Osnabrück, geht sogar noch weiter indem sie präzisiert:

„Im Alter von etwa sieben Jahren strukturiert sich das Denken wieder völlig neu: Es wird die Fähigkeit zu konkreten Operationen erworben, ein Stadium, in dem sich das Kind bis ungefähr in das elfte Lebensjahr befindet. Es kann nun logische Operationen über seine internen Repräsentationen ausführen, d. h. mit ihnen im Geiste handeln.“19

Daraus geht hervor, dass man Kindern der Altersgruppe von acht bis neun Jahren lerntechnisch vermutlich mehr beibringen kann, als weitläufig angenommen wird. Durch die vielfältigen Interessensgebiete und die ausserordentliche Wissbegierigkeit und Lernbereitschaft von Kindern in diesem Alter sind diese auch ausserordentlich aufnahmefähig. Dazu Markus Schmid, Kinderarzt am Kinderspital Zürich:

„Die Vielfalt ist ein durchgehendes Merkmal der kindlichen Entwicklung - in einem Ausmass, das den meisten Eltern und selbst Fachleuten nicht bewusst ist.“20

Und Roland Schröter, langjähriger Primarschullehrer ergänzt:

„Es müssen anspruchsvolle, die Neugier weckende Lernsituationen geschaffen werden, damit die Kinder die Welt aktiv entdecken können. Die Fähigkeiten, Energien und Kräfte der Schüler der Unterstufe werden häufig unterschätzt.“21

Bereits Kinder der 2. Klasse haben ein grosses Bedürfnis nach selbständigem und offenem Lernen: „Sie lernen mit grösster Freude und vollbringen erstaunliche Leistungen.“22 Um dem grossen Interesse der Kinder Rechnung zu tragen, wird der Hauptteil der Lektion am aktiven Lernen in und um den Lastwagen bestehen. Dadurch haben die Kinder die Möglichkeit, sich selber in die Lage des Fahrers zu versetzen, sozusagen am Modell zu arbei-ten, denn:

„Das Lernen am Modell ist dabei oft ausserordentlich ökonomisch: Mit einem Schlage können relativ komplexe Verhaltensmuster erworben werden, auch wenn sie anfangs vielleicht noch nicht perfekt gelingen.“23

Die kognitive Struktur des Kindes in der dritten Klasse ist durch folgende Merkmale gekenn- zeichnet:

- Grosse Komplexität der Lernprozesse
- Zunehmende Fähigkeit zur Strukturierung und Planung
- Zunehmende Abstraktionsfähigkeit
- Zunehmende Bedeutung der Sprache bei Erwerb von Wissen und Lösen von Proble- men

[...]


1 Die deutschen Versicherer und Deutsche Verkehrwacht (Hg.), Helmi © - sicher ist cool: Lektion 12 Toter Winkel (Grünwald bei München: Verkehrswacht Medien Center, 2003), 2.

2 Vgl. dazu: Harald Schlicht und Lars Johnsen, Raus aus dem toten Winkel! Das Konzept, Round Table Deutschland (Hg.), (Ammerland: o.V., 2008), 2.

3 Die Gemeinde Dietlikon wird durch die Stadtpolizei Kloten im Rahmen des Kommunalpolizeilichen Abkommens „Hardwald“ betreut.

Diplomarbeit VI-Kurs 2010/2011 des SPI 1

4 ASTAG/Pro Velo/Fonds für Verkehrssicherheit, Der tote Winkel: erkennen-vermeiden (Bern: ASTAG).

5 Siehe dazu auch: http://www.8ig.tv/id-7-schuljahr.html vom 04.11.2010.

6 Die Stadtpolizei Kloten führt die Verkehrsinstruktion in Kloten vom Kindergarten bis zur dritten Klas- se durch.

7 Helmut Schrödel, Der Tote Winkel: Gefahr erkennen-vermeiden-bew ä ltigen (München: Bundesverband der Unfallkassen, 1999.), 2.

8 Vgl. dazu: Harald Schlicht und Lars Johnsen, Raus aus dem toten Winkel! Das Lehrerskript, Round Table Deutschland (Hg.) (Ammerland: 2008), 3.

9 Sämtliche Zahlen wurden durch Fw Marcel Schmid, DV Verkehrstechnik der Kapo ZH, aus der Verkehrsunfallstatistik des Kts. Zürich ausgewertet. Die Zahlen berücksichtigen den gesamten Kanton Zürich, ohne die Städte Winterthur und Zürich, da diese eine eigene Statistik führen. Die Zahlen betreffen den Zeitraum vom 01.01.2006 bis zum 31.12.2010. Die gesamte Auswertung, inklusive der Planunterlagen zur Kennzeichnung der Unfallorte liegt dieser Arbeit im Anhang bei.

10 Zur Kategorie LKW zählen gemäss VUSTA auch Trolleybusse und Linienbusse des öffentlichen Verkehrs, sowie Reisecars.

11 Die Kategorie Fussgänger unterteilt sich in Fussgänger und Benützer von fahrzeugähnlichen Geräten (FäG) wobei diese Unterteilung in vorliegender Arbeit nicht berücksichtigt wurde.

12 Dieser Wert beruht auf Schätzungen und Erfahrungen der Unfallforscher. Vgl. dazu Helmut Schrödel, a.a.O., 3.

13 Sämtliche Gesetzestexte sind den aktuellen Versionen von Gesetz und Verordnung entnommen, wel- che auf der Bundesseite www.admin.ch vom 06.11.2010 publiziert sind.

14 Dazu können freiwillig weitere Spiegel angebracht werden, wie z.B. der Dobli-Spiegel. Dabei handelt es sich um einen Weitwinkelspiegel, welcher einfach nachgerüstet werden kann. Siehe dazu: www.dobli.com vom 28.02.2011.

15 Bundesgerichtsentscheid BGE 127 IV 34.

16 Semiotik: allgemeine Theorie vom Wesen und dem Gebrauch von Zeichen.

17 Jean Piaget, Meine Theorie der geistigen Entwicklung, 2. Aufl. (Weinheim: Beltz Verlag, 2010) 66.18 Vgl. dazu: Manuela Rechsteiner-Rensch, a.a.O., 1.

19 Ulrike Zach in: Das Familienhandbuch des Staatsinstituts f ü r Fr ü hp ä dagogik (IFP) auf www.familienhandbuch.de vom 08.11.2010. Diese pauschale Feststellung ist jedoch sehr individuell, bezogen auf das Können des einzelnen Schülers, zu verstehen. Diesen Umstand hat auch die Klassenlehrperson U. Sakho bei Durchsicht dieser Arbeit nochmals hervorgehoben.

20 http://www.bi.zh.ch/etc/medialib/bi/direktion/DownloadBI.Par.0002.File.dat/PPP_Dr. Schmid.PDF vom 05.11.2010.

21 Roland Schröter-Lieberwald, Individualisierendes Lernen: Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis der 3. Klasse (Witten: 2008), 10.

22 Ebd. 12.

23 Hans-Peter Nolting und Peter Althaus, Psychologie lernen: Eine Einf ü hrung und Anleitung, 10. Aufl. (Weinheim: Beltz Verlag, 2010), 81.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Thematik der "toten Winkel" beim LKW
Untertitel
Ein Projekt für Schülerinnen und Schüler der 3. Primarschulklassen
Hochschule
Schweizerisches Polizei-Institut SPI
Veranstaltung
Grundkurs für Verkehrs- und Sicherheitsinstruktoren
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V179973
ISBN (eBook)
9783656026693
ISBN (Buch)
9783656036029
Dateigröße
2282 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sichttote Winkel, toter Winkel, tote Winkel beim LKW, Unterrichtsplanung, 3. Klasse, Verkehrsschulung, Verkehrsinstruktion, Schweizerisches Polizei-Institut, SPI, Verkehrsunfall, Unfälle, VUSTA
Arbeit zitieren
David Jäggi (Autor), 2011, Die Thematik der "toten Winkel" beim LKW, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179973

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