Der Begriff Orient weckt kindliche Fantasien von fernen Ländern, von Menschen, die aussehen, als wären sie den Märchen aus Tausend und einer Nacht entstiegen. „Da ziehen Karawanen über gelbe Sanddünen, da sprengen Beduinen auf ihren Araberhengsten heran und werfen sich auf ihren Teppichen zum Gebet nieder, da tanzen schöne Frauen mit goldbereiften Füßen zwischen Springbrunnen auf kostbaren Teppichen vor patriarchalischen Sultanen [...] oder ruhen auf seidenen Kissen während schwarze Sklavinnen ihnen Luft zu fächeln“1, alles glänzt golden, die Luft ist warm und trägt den Duft verschiedenster exotischer Gewürze mit sich.
Dieses Bild vom Orient ist naiv-europäisch, geprägt durch Geschichten und Filme, welche immer ein sehr einseitiges Bild von der Welt und den Menschen südöstlich von Europa zeigen. Der Begriff Orient wird meist weniger in einem politischen oder geografischen sondern eher in einem religiös-kulturellen Sinne verwendet.2
Bildende Kunst, Malerei und Literatur wurden durch die Epochen von orientalischen Vorbildern geprägt und inspiriert. Einen Höhepunkt erreichte diese Inspiration durch die Wiederentdeckung der Altorientalischen Kulturen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der sich hier in der Kunst manifestierende, europäisch koloniale Blick auf den Orient prägt bis heute das westliche Bild des Nahen Ostens.
Wie kam der Schriftsteller Karl May dazu, einen solch großen Beitrag zu einem so nachhaltig wirkenden Orientbild zu leisten? Welche Intention verfolgte Karl May und welche Stereotypen erschuf er in seinen Romanen, die sich bis heute prägend auf die Vorstellung vom Orient auswirken? Im Folgenden werden der Mensch Karl May und sein Bezug zum Orient betrachtet. Am Roman Menschenjäger3 wird exemplarisch Karl Mays Blick auf die Religionen Islam und Christentum untersucht. Weiterhin werden das im Roman dargestellte Bild des Schwarzen und die Sklaverei thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Karl May
2.1 Der Schriftsteller und seine Leserschaft
2.2 Karl Mays Orientbild
3. Im Lande des Mahdi
3.1 Menschenjäger
3.2 Christentum und Islambild
3.3 Das Bild des Schwarzen
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Orientbild und die damit einhergehende Stereotypenbildung in Karl Mays Werk, insbesondere exemplarisch analysiert am Roman „Menschenjäger“. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Strategien May nutzte, um religiöse und ethnische Hierarchien zu konstruieren und wie diese in den Kontext seines eigenen Lebensweges und der zeitgenössischen Literaturrezeption einzuordnen sind.
- Konstruktion des „Orients“ in der Reiseliteratur
- Einfluss der Biografie Karl Mays auf seine fiktionalen Werke
- Analyse der religiösen Wertung zwischen Christentum und Islam
- Darstellung und Stereotypisierung Schwarzer Menschen bei Karl May
- Kritische Einordnung des Orientalismus-Diskurses in Mays Romanen
Auszug aus dem Buch
3.1 Menschenjäger
In Kairo trifft der Deutsche Kara Ben Nemsi während seiner Suche nach einer Wohnung, in einem Bierhaus auf den ihm bereits bekannten Murad Nassyr. Murad will Kara Ben Nemsi für seine geplante Reise in den Sudan als Begleitung engagieren. Als Lohn stellt er eine Gewinnbeteiligung an den dortigen Geschäften in Aussicht. Kara macht deutlich, dass er als Christ nichts mit schmutzigen Geschäften wie der Sklavenjagd zu tun haben will, aber Murad wiegelt ab. Kara bezieht unverbindlich eine Wohnung in Nassyrs Haus in dem es spuken soll. Es soll sich um den Geist des verstorbenen Besitzers handeln, der dort sein Unwesen treibt. Die Frau des Verstorbenen habe trotz ihres lebenslangen Wohnrechts Angst das Haus verlassen. Nach ihrem Tod, ging das Haus in den Besitz der Bruderschaft der Kadirine über.
Kara Ben Nemsi lernt tagsüber im Bierhaus ein junges schwarzes Geschwisterpaar vom Stamm der Dongiol kennen. Die beiden werden als Sklaven gehalten und von ihrem Besitzer, dem Vorsitzenden der Bruderschaft der Kadirine, misshandelt. Kara gerät mit dem Mokkadem aneinander und schlägt ihn nieder; daraufhin nimmt er die beiden Kinder mit in seine Wohnung, in der kurze Zeit später im Namen des Mokkadems Soldaten auftauchen, die Kinder ihrem Herrn zurückgeben wollen – Kara kann sie durch sein bestimmtes Auftreten und ein ordentliches Trinkgeld davon abbringen.
Nachts kommen drei „Gespenster“ in das Spukhaus, zwei überwältigt der Deutsche, eines kann entkommen. Es stellt sich heraus, dass eines von ihnen der Mokkadem selber ist. Kara bringt ihn dazu ein Schriftstück zu unterschreiben, indem seine Schuld eingesteht und auf die Kinder verzichtet; die Gefangenen werden freigelassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die Entstehung des Orientbildes und die Rolle von Karl May im Diskurs des Orientalismus.
2. Karl May: Dieser Abschnitt beleuchtet die Biografie Karl Mays, seine Kindheitserfahrungen und die Entwicklung seines Autorentums.
2.1 Der Schriftsteller und seine Leserschaft: Hier wird der Erfolg der Kolportageromane und das Verhältnis zwischen dem Autor und seinem zeitgenössischen Publikum analysiert.
2.2 Karl Mays Orientbild: Kapitel 2.2 beschreibt die literarische Prägung von Mays Vorstellungswelt und seine Verbindung zur realen Reiseerfahrung.
3. Im Lande des Mahdi: Dieser Teil führt in die spezifische Roman-Trilogie ein und kontextualisiert ihre Entstehungsgeschichte.
3.1 Menschenjäger: Eine detaillierte Inhaltsanalyse des Werkes „Menschenjäger“ bildet den Kern dieses Kapitels.
3.2 Christentum und Islambild: Hier wird die religiöse Hierarchisierung untersucht, die May zwischen christlichen und muslimischen Figuren vornimmt.
3.3 Das Bild des Schwarzen: Dieses Kapitel analysiert die Darstellung Schwarzer Menschen und die bei May auftretenden ethnischen Stereotype.
4. Fazit und Ausblick: Diese Zusammenfassung reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung im Hinblick auf Mays Bedeutung für nachfolgende Generationen.
Schlüsselwörter
Karl May, Menschenjäger, Orientbild, Orientalismus, Stereotypen, Islam, Christentum, Kolportageroman, Identitätskonstruktion, Kara Ben Nemsi, Sklavenhandel, Literaturwissenschaft, Ethnische Hierarchien, Reisewahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Konstruktion des Orientbildes im Werk von Karl May und analysiert dabei kritisch, wie der Autor durch die Darstellung von Religion und Ethnien Stereotype festigte.
Welche Themenfelder stehen dabei im Fokus?
Im Zentrum stehen die literarische Gestaltung des Orients, die Bewertung von Weltreligionen innerhalb der Romane sowie die Abbildung ethnischer Minderheiten im Kontext kolonialer Diskurse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Karl May in seinem Werk „Menschenjäger“ durch eine bestimmte Figurendarstellung Hierarchien schafft, um den „westlichen Christen“ als überlegene Instanz zu stilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die den Text des Romans „Menschenjäger“ mit biographischen Hintergründen Mays und zeitgeschichtlichen Diskursen über den Orientalismus verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine biographische Einführung, eine Analyse des Publikumsverhältnisses sowie eine detaillierte Untersuchung der religiösen und ethnischen Stereotypen innerhalb der Roman-Handlung.
Welche Keywords charakterisieren diese Untersuchung am besten?
Die zentralen Schlagworte umfassen Orientbild, Orientalismus, Karl May, Stereotypisierung, religiöse Wertung und koloniale Identitätskonstruktion.
Wie positioniert May das Christentum gegenüber dem Islam in „Menschenjäger“?
May nutzt eine klare Wertung, in der der christliche Protagonist stets durch Wissen, Moral und Vernunft als überlegen dargestellt wird, während muslimische Charaktere oft mit Aberglauben oder Regelverstößen assoziiert werden.
Welche Rolle spielt die Sklavenproblematik im Roman?
Obwohl May die Sklaverei im Roman explizit verurteilt, nutzt er die Thematik gleichzeitig, um menschliche Wertigkeiten festzulegen und die christliche Überlegenheit durch die Rettung von Sklaven moralisch zu festigen.
Wie verändert sich die Wahrnehmung des Autors durch die moderne Forschung?
Die moderne Forschung ist gespalten: Einerseits wird May für die Verbreitung kolonialer Stereotype kritisiert, andererseits wird er als Autor gesehen, der in seiner Fiktion persönliche biographische Defizite und eine idealisierte Weltsicht verarbeitete.
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- Mareike Jänsch (Author), 2011, Orientbild und Stereotypenbildung bei Karl May am Beispiel der Reiseerzählung "Menschenjäger", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179998