Männer in der Krise

Zur Darstellung der Männlichkeit in Martin Walsers "Ehen in Philippsburg"


Seminararbeit, 2011
38 Seiten, Note: 1,3

Gratis online lesen

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Die Männlichkeitsbildung in der Forschung
2.2 Das hegemoniale Männlichkeitskonzept
2.3 Die Darstellung der Männlichkeit in Martin Walsers Ehen in Philippsburg
2.3.1 Die Dekonstruktion des hegemonialen Männlichkeitsideals
2.3.2 Die Heterosexualität als überholte Norm
2.3.3 Die Auflösung klassischer Geschlechterarrangements
2.3.4 Die Umwandlung klassischer Männerrollen
2.3.5 Der Zerfall des Wertekonzepts Ehe
2.3.6 Die neuen männlichen Statussymbole
2.4 Die Männlichkeitskomponenten der drei Hauptprotagonisten
2.4.1 Beumann und der Weg zum Mannsein
2.4.2 Benrath und die Worte eines Mannes
2.4.3 Alwin und das männliche Fortkommen

3 Schluss

4 Literatur- und Quellenverzeichnis

5 Kommentierte Bibliographie

6 Anlagenverzeichnis

7 Anlagen

1 Einleitung

Die Romanhelden in Martin Walsers erstem Roman „Ehen in Philippsburg“ sind ausschließlich männlich. Hans Beumann, der gerade sein zeitungswissenschaftliches Studium abgeschlossen hat, wird bald als Redakteur angestellt und erhält durch Anne Volkmann, mit der er sich am Ende verlobt, Zugang zur Philippsburger Gesellschaft. Dr. Alf Benrath, der angesehene, gut gebaute Frauenarzt, verlässt den Philippsburger Gesellschaftskreis und seine Geliebte Cécile nach dem Selbstmord seiner Frau Birga. Dr. Alexander Alwin, der ehemalige Anwalt mit Karriereambitionen in der Politik, versucht zusammen mit der Ehefrau seinen Machteinfluss auszubauen, der am Ende aufgrund des von ihm verursachten Verkehrsunfalls gefährdet ist. Dass die männliche Sichtweise überwiegt, begründet Walser mit der Verwandtschaft zwischen dem Autor und seinen fiktiv erschaffenen Figuren. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Autor alle Handlungen so selbst vollbracht hat, jedoch dass diese Möglichkeit bestehen kann.[1] Nur so kann Walser die Charaktere zum Leben erwecken und eine psychologische Tiefe bieten, die hingegen die Perspektive der Frauen ausklammert.[2] „Denn die auffallende Einseitigkeit des Romans, der diese Problematik [der Ehe, A.D.] zwar in mehrfacher Spiegelung, aber immer vom Mann aus darstellt und nicht [...] beide Ehepartner zu Wort kommen läßt, deutet darauf hin, daß weniger die Problematik der Ehe schlechthin als vielmehr das Verhalten der Männer zu und in ihr als sozialer Institution das eigentliche Thema ist.“[3] Aber nicht nur das männliche Verhalten innerhalb des Ehebundes ist ein Leitthema, sondern die Männlichkeitsdarstellung insgesamt. Nichtsdestotrotz wendet sich mit Ausnahme von Raths Beitrag keiner der Sekundärquellen intensiv dem Männlichkeitsbild in den „Ehen in Philippsburg“ zu. Die Mehrheit der Autoren betrachtet die Gesellschaftsstruktur im Ganzen. Die vorliegende Arbeit wird versuchen, die Lücke zu schließen.

Die Sprache Martin Walsers, die sich nicht in minutiöser Genauigkeit der Schilderungen, sondern in der intimen Analyse der Psychologie seiner Charaktere äußert, bietet ausreichend Anhaltspunkte für eine Analyse des männlichen Verhaltens.[4] Ferchl meint, dass die Detailgenauigkeit Walsers Beschreibungen neben der unaufdringlichen Charakterisierung das Ziel der Dekonstruktion von fest verankerten Bildern verfolgt.[5] Inwiefern davon traditionelle Männlichkeitsbilder und -ideale betroffen sind, soll die vorliegende Arbeit ergründen. Die zeitgeschichtliche Bedeutung der Männlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg legitimiert die Relevanz des Themas.

Nach einem kurzen Abriss zu psychologischen Erkenntnissen der Männlichkeitsentwicklung und zur jüngeren Geschichte der Männlichkeit bis in das 20. Jahrhundert in Kapitel 2.1 und 2.2, widmen sich die darauf folgenden Abschnitte der Frage, wie Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ Männlichkeit darstellen. Der Untersuchung liegt ein Modell zugrunde, das sich an zwei Übersichten von Schmale orientiert und durch mehrere Aspekte anderer Autoren erweitert ist (siehe Anlagen A und B, S. 35 und 36). Im Kapitel 2.4 stehen noch einmal die drei Hauptcharaktere im Fokus, um zu beleuchten, worin sich ihre Männlichkeit äußert. Die Arbeit soll herauskristallisieren, welche Eigenschaften die männliche Identität determinieren und inwiefern sie dabei traditionelle Männlichkeitskomponenten vertreten oder verdrehen. Eine Wertung der Darstellungen als Gesellschaftskritik wird die Arbeit nur in geringem Maße wagen, denn Walser zufolge ist ein „Roman [...] keine Aufforderung, sondern der beschreibt, wie es ist.“[6]

2 Hauptteil

2.1 Die Männlichkeitsbildung in der Forschung

„Insbesondere ist die immer wiederkehrende Auffassung bemerkenswert, daß wahre Männlichkeit nicht gleichzusetzen sei mit simpler anatomischer Männlichkeit. Männlichkeit wird also nicht als natürlicher Zustand begriffen, der spontan durch biologische Reife eintritt, sondern vielmehr als ein unsicherer oder künstlicher Zustand, den sich die Jungen gegen mächtige Widerstände erkämpfen müssen.“[7] Doch selbst nach Bestehen der Prüfungen bleibt die Männlichkeit unsicher und unterliegt einem ständigen Beweisdruck.[8] Die männliche Identität ist demgemäß „kein biologisches Faktum und kein individueller psychischer Zustand, sondern ein kulturelles Produkt, an dem sich jeder Mann zu messen versucht.[9] Dieses Verständnis von Männlichkeit legitimiert Vergleiche sowie Verallgemeinerungen zwischen den Romanhelden.

Zu der Erklärung der als männlich verstandenen Verhaltensweisen haben Psychologen, Anthropologen, Soziologen, Biologen etc. schon zahlreiche Hypothesen aufgestellt. Die aktuelle Forschung lehnt das soziobiologische Argument, dass sich Männer zur Erhaltung und Expansion ihrer Gruppe bestimmte Verhaltensweisen wie Aggressivität und Zusammenhalt aneigneten, ab.[10] Außerdem verwirft sie Freuds Ödipuskomplex, dem nach Männlichkeitsideale Kompensationsmittel gegen die Kastrationsangst sind. Er nimmt die gesellschaftlichen Zwänge aus dem Blick und fokussiert nur die individuelle Psyche.[11] Gegenwärtig gilt die Theorie der Postfreudianer, dass der Junge zunächst eine Phase der psychischen Verschmelzung mit der Mutter durchlebt, bevor er sich von ihr löst und in den „Individuationsprozeß“ eintritt.[12]

Die männliche Identität konstruiert sich nicht nur durch Relation zur Weiblichkeit, sondern auch in den Beziehungen von Männern untereinander.[13] An dieser sogenannten „doppelten Distinktionslogik“ werden sich die Untersuchungen dieser Arbeit orientieren.[14]

2.2 Das hegemoniale Männlichkeitskonzept

In der Aufklärungsepoche entstand ein hegemoniales Männlichkeitskonzept, das eng mit dem Aufstieg des bürgerlichen Gesellschaftsmodells verbunden war und erst zwischen 1860 und 1880 als tatsächlich umgesetzt gilt.[15] Es brachte die Eigenschaften hervor, die wir heute noch als stereotypisch maskulin verstehen: körperliche Stärke, Dominanz, Vernunft, politisches und wissenschaftliches Interesse, Furchtlosigkeit, Mut, fester Wille und Gefühlsstärke etc. (siehe Anlagen A und B, S. 35 und 36).[16]

,Hegemonial‘ meint, dass das Konzept von der herrschenden Schicht aus verbreitet wurde und sich nicht nur auf Männer beschränkte, sondern die gesamte Gesellschaft erfasste. Obwohl es nicht unweigerlich zum Idealbild der Männer werden musste, bedeutete die Abweichung von diesem Männlichkeitskonzept jedoch eine Gefahr der Stigmatisierung als Anti-Typ.[17] „Alles, wirklich alles: ideell, materiell, körperlich, moralisch, habituell, wird dichotomisch-geschlechtlich und asymmetrisch durch überlegene Männlichkeit markiert.“[18] Dabei wurde auch die Frauenrolle und Weiblichkeit in Relation zur Männlichkeit definiert.[19] Ab der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert geriet die männliche Identität zwar in eine Krise, ein neues Männlichkeitsbild entstand dennoch nicht, nur Modifizierungen und Radikalisierungen. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, besonders im Dritten Reich, erfuhr das hegemoniale Männlichkeitsbild „eine kontinuierliche Stärkung und schließlich Übersteigerung“.[20] Nach 1945 wird es in „einem mühsamen Prozess kulturellen Wandels zertrümmert“.[21] Obwohl die NS-Zeit den Zersetzungsprozess des hegemonialen Modells einleitete, „bezeichnet 1945 nicht das Ende des Modells, der Zerfall benötigte weitere rund dreißig Jahre.“[22]

Schmale meint sogar, dass europäische Männer „die Trümmer des hegemonialen Männlichkeitsmodells nach beiden Weltkriegen wieder zusammen[fügten]“[23] Dieser vorläufige Erfolg des hegemonialen Männlichkeitskonzepts nach 1945 war bedingt durch den Zivilisierungsprozess desselben: Das Wirtschaftswunder lieferte neue Identifikationsmöglichkeiten, der militärische Charakter des Modells wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschüttelt und legte sich in der übersteigerten Identifizierung von Mann und Beruf nieder, mit dem Statussymbol des Alleinernährers anstelle des Kriegshelden.[24]

„Obwohl Frauen in beiden Weltkriegen bis in die Rüstungswirtschaft Männer ersetzten und einen wesentlichen Teil zur Aufrechterhaltung der zivilen Gesellschaft beitrugen, wurde die soziale, politische und kulturelle Asymmetrie der Geschlechterverhältnisse aufrechterhalten.“[25] Dessen ungeachtet begann gleichzeitig der langsame Abbau dieser Asymmetrien ein, der erst circa 30 oder 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer neuen Qualität in den Geschlechterbeziehungen führte.[26]

Schmale verweist auf den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder, den Verbürgerlichungsschub, die Affirmation traditioneller Geschlechterrollen und den neuen Patriarchalismus für die Zeit nach 1955 als Rahmenbedingungen, die die Geschichte der Männlichkeit maßgeblich bestimmten.[27] Da der Roman in dieser Zeit zu verorten ist, werden diese wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen Grundlage der Untersuchungen bilden.

2.3 Die Darstellung der Männlichkeit in Martin Walsers Ehen in Philippsburg

2.3.1 Die Dekonstruktion des hegemonialen Männlichkeitsideals

„Alice fluchte und sagte, es gebe keine Männer mehr. Frau Volkmann gratulierte ihrer Freundin zu dieser Feststellung.“ (E 94).[28] Männer gibt es im Roman „Ehen in Philippsburg“ zwar zur Genüge, sie entsprechen nur keinem eindeutigen Idealbild mehr. Koepke erklärt die Dekonstruktion des hegemonialen Männlichkeitsbildes mit einer Verschiebung des Wertesystems.[29] Ehrliche Freundschaften und Beziehungen sind mit dem neuen Lebensstil der Gesellschaft unvereinbar.[30] Dieser Lebensstil wird von dem Verlangen, das eigene Image aufzupolieren und seinen Schein zu bewahren, aufrecht erhalten.[31] Die quasi Intellektuellen in den „Ehen in Philippsburg“ sind die idealen Vertreter für das neue Wertesystem. Sie kommen aus dem aufsteigenden Zweig der Medienwirtschaft, die um sich selbst eine Welt der Verblendung, Verlockung, der Lüge und des Verrats errichtet, demgemäß sich die einzelnen Charaktere auch verhalten.[32] Sie sind nicht naiv, sondern durchschauen diese Welt und behandeln sie mit Sarkasmus und Zynismus. Doch sie geben den starken Mann nur vor, denn in Wirklichkeit sind sie traumatisierte Seelen, die ihre Emotionen und Sehnsüchte zurückhalten, wie die weiteren Kapitel noch zeigen werden.[33] Beumanns Vorstellungen von einem angemessenen männlichen Verhalten, die im Kapitel 2.4.1 noch ausführlich zur Sprache kommen, oder Klaffs Wunsch, ein Mann zu sein, der vorwärts kommen will, seine Frau liebt, Kinder möchte und in seiner Familie aufgeht (Vgl. E 269), verweisen auf ein immer noch vorhandenes Idealdenken, das aber lediglich eine Wunschprojektion bleibt.

Das Kino bietet eine Reihe von Männlichkeitsbildern und wird im Roman allen voran von Beumann und Benrath konsumiert.[34] Neben diesem Massenmedium führt auch die Amerikanisierung zu einer Erweiterung der Identifikationsangebote, denn die „US- amerikanische Gesellschaft ermöglicht mehr alternative Männlichkeiten als andere Gesellschaften.“[35] Der Einfluss von Übersee kommt im Roman sogar explizit zum Ausdruck: Alice Dumont hatte als erste auf amerikanisch gemacht und damit Erfolg gehabt (Vgl. E 73) und Dr. ten Bergen begab sich auf Amerikareise und ist mit vielen neuen Anglizismen zurückgekehrt (Vgl. E 220).

Besonders die hegemoniale Assoziation von Männlichkeit mit dem Bild des Soldaten verwirft der Roman. Der Grund für die Entmilitarisierung der Männlichkeitsdarstellung ist die Perspektivenverschiebung nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege: Der Krieg wurde nun als verbrecherisch angesehen und konnte nicht mehr durch ein bestimmtes Männlichkeitsideal gerechtfertigt werden.[36] Diese Verschiebung verdeutlicht alleine die Statur der männlichen Protagonisten: Außer Knut Relow - „der Rennfahrer und Sportsmann und Kavalier“ (E 224) mit dem „junge[n], leicht übersehbare[n] Sportlergesicht“ (E 277) - Benrath und Claude sind alle männlichen Protagonisten dick. Das Bild des kräftigen, hoch gewachsenen Körpers hat keine militärische Notwendigkeit mehr. Es bleibt lediglich als Schönheitsideal in den Köpfen der Frauen, die sich vor Benrath, dem Koloss aus Muskeln und Sehnen, für ihre Männer schämen (E 123). Kampf und Selbstverteidigung finden auf anderen Ebenen statt, wie die Kapitel 2.3.6 und 2.4.2 noch zeigen werden. Zum Beispiel betrachtet Alwin die Eroberung einer Frau als Heldentat (Vgl. E 185) oder Beutejagd (Vgl. E 211) und die Heirat mit der Tochter einer adligen Familie „war doch nichts anderes als die Eroberung eines Stück kostbaren Landes, die Besteigung eines besonders hohen Gipfels!“ (E 200).

2.3.2 Die Heterosexualität als überholte Norm

Das hegemoniale Männlichkeitskonzept, dessen Basis die heterosexuelle Ausrichtung ist, duldet keine alternativen Männlichkeiten. Sie werden als Antitypen oder Bedrohung des vorherrschenden Konzeptes diskriminiert.[37] Der Ausschluss Homosexueller erfolgt aufgrund ihrer Nähe zur Weiblichkeit und aufgrund ihres Verstoßes gegen das naturgegebene polare Geschlechtsbegehren.[38] Alwins Gedanken bestätigen das heterosexuelle Normdenken: „Es war immerhin denkbar, daß Cécile sogar einem Büsgen das Blut wieder in die rechte Richtung trieb.“ (E 209). Homosexualität widerspricht seiner Metapher zufolge natürlicher biologischer Zyklen, wenn Büsgens Blut in die falsche Richtung‘ fließt.

So stellt sich die Frage, warum Harry Büsgen, der Chefredakteur der ,Weltschau‘, der auf Partys stets seine „Jünglinge“ mitbringt (E 71), keine Ablehnung erfährt. Warum kann er seine Homosexualität offensichtlich zeigen und führt kein Doppelleben, in dem er als Fassade Frau und Kinder hat, so wie die anderen Protagonisten ihre Ehefrau als Fassade mittragen, aber woanders die Geliebte wartet?

Die anderen Männer akzeptieren Büsgen wegen seiner außerordentlichen Macht und Überlegenheit. Der Chefredakteur ist der „König von Philippsburg“ (E 31), der „mächtigste Mann“ (E 212), von dem das Schicksal einzelner Personen abhängt (E 72). Mit seiner Herrschsucht lässt sich Büsgen nicht nur auf die hegemoniale Männlichkeit ein, sondern übersteigert sie sogar.[39] „Die mögliche Beschädigung männlicher Identität durch die Homosexualität auf der einen Seite soll so z.B. durch beruflichen Erfolg auf der anderen Seite ausgeglichen werden.“[40] So umgeht er, „dass zum Stigma der Homosexualität auch noch das Stigma des abweichenden Geschlechtscharakters hinzutritt.“[41] Beumann ist sogar beeindruckt von der ,Andersartigkeit‘ Büsgens, denn „[d]aß dieser berühmte Mann jetzt auch noch anders herum war, machte ihn für Hans noch geheimnisvoller. Er hätte ihn gerne sprechen hören.“ (E 71).

Die Demonstration einer auf überlegene Männlichkeit ausgerichtete Identität könnte bei Büsgen dementgegen auch unbewusst geschehen, denn selbst als schwuler Mann hat er eine heterosexuelle Sozialisation erfahren, in der ihm männliche Ausdrucksformen und Symboliken vermittelt wurden.[42] Krell erklärt, dass Schwule im Laufe der Adoleszenz eine männliche Identität entwickeln, die Homosexualität integriert, da der gesellschaftliche Druck sie zur Anpassung an ihre geschlechtsspezifische Rollenerwartung drängt.[43] Dass in der Philippsburger Gesellschaft ausreichend Assimilationsdruck herrscht, zeigt allein der Entwicklungsverlauf Beumanns.

Nicht zuletzt beweist der Roman, dass die Abwertung männlicher Antitypen mehr auf der Abweichung von maskulin konnotierten Wesensmerkmalen als auf der Abweichung von der heterosexuellen Orientierung aufbaut. Claude erhält als „effeminiert[er]“ Mann weniger Akzeptanz als der schwule Büsgen.[44] Weibliche Attribute reduzieren den Mann zu einem Männchen, wie Benrath in seinen „Erläuterungen zu dem irreversiblen Prozeß der Feminisierung der Smokingmännchen, der Männer der besseren Gesellschaft also“ (E 95) erläutert. Bei der Anti-Männlichkeits-Illustrationsfigur Claude versagt die Männlichkeit, denn er schaut hilfsbereit und unterwürfig (Vgl. E 76) und bekommt manchmal feuchte Augen (Vgl. E 76).[45] Walser spielt demzufolge mit der Tatsache, dass dem Stereotyp des schwulen Mannes als effeminiert oder unmännlich nur ein geringer Teil schwuler Männer entspricht und durchbricht damit das Antitypdenken des hegemonialen Männlichkeitsbildes.[46]

[...]


[1] Vgl. Hick 1983, zit. nach Walser 1957, S. 65.

[2] Vgl. Pezold 1971, S. 77; Vgl. Koepke 1994, S. 8.

[3] Pezold 1971, S. 74.

[4] Vgl. Morriën 1970, S. 17.

[5] Vgl. Ferchl 1991, S. 246.

[6] Vgl. Pezold 1971, zit. nach Walser, S. 284.

[7] Gilmore 1991, S. 11.

[8] Vgl. Zurstiege 1998, S. 60.

[9] Vgl. Gilmore 1991, S. XI.

[10] Vgl. Gilmore 1991, S. 26.

[11] Vgl. Gilmore 1991, S. 26/27.

[12] Gilmore 1991 zit. nach Mahler 1989, S. 28/29.

[13] Vgl. Meuser 2008, S. 35; Vgl. Krell 2008, S. 266.

[14] Meuser 2008, S. 35.

[15] Vgl. Schmale 2003, S. 152/153.

[16] Vgl. Schmale 2003, S. 175.

[17] Vgl. Schmale 2003, S. 153/154.

[18] Schmale 2003, S. 154.

[19] Vgl. Schmale 2003, S. 154.

[20] Schmale 2003, S. 152.

[21] Schmale 2003, S. 154.

[22] Schmale 2003, S. 232.

[23] Schmale 2003, S. 236.

[24] Vgl. Schmale 2003, S. 242/243.

[25] Schmale 2003, S. 237.

[26] Vgl. Schmale 2003, S. 237.

[27] Vgl. Schmale 2003, S. 238.

[28] Walser, Martin: Ehen in Philippsburg. Hg. von Helmuth Kiesel und Frank Barsch. Martin Walser Werke in zwölf Bänden. Erster Band. Frankfurt a. M. 1997, S. 94. Alle weiteren Zitate aus dem Primärtext werden unter der Abkürzung E mit der jeweiligen Seitenzahl geführt.

[29] Vgl. Koepke 1994, S. 4.

[30] Vgl. Koepke 1994, S. 9.

[31] Vgl. Koepke 1994, S. 10.

[32] Vgl. Koepke 1994, S. 4.

[33] Vgl. Koepke 1994, S. 6.

[34] Vgl. Schmale 2003, S. 244/245.

[35] Schmale 2003, S. 252.

[36] Vgl. Schmale 2003, S. 250.

[37] Vgl. Schmale 2003, S: 213.

[38] Vgl. Krell 2008, S. 266.

[39] Vgl. Schmale 2003, S. 175.

[40] Krell 2008, S. 272.

[41] Krell 2008, S. 273.

[42] Vgl. Ebd.

[43] Vgl. Krell 2008, S. 270.

[44] Krell 2008, S. 267.

[45] Vgl. Rath 1987, S. 24.

[46] Vgl. Krell 2008, S. 272.

38 von 38 Seiten

Details

Titel
Männer in der Krise
Untertitel
Zur Darstellung der Männlichkeit in Martin Walsers "Ehen in Philippsburg"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Germanisitk)
Veranstaltung
Gegenwartsliteratur in vier deutschsprachigen Staaten
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
38
Katalognummer
V180004
ISBN (Buch)
9783656025429
Dateigröße
870 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin Walser, Ehen in Philippsburg, Männlichkeit, Verlust der Männlichkeit, Männlichkeitssymbole, Hans Beumann, Alf Benrath, Alexander Alwin
Arbeit zitieren
Anne Decker (Autor), 2011, Männer in der Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180004

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Männer in der Krise


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden