Macht Alleinerziehen krank?

Der psychische Gesundheitszustand alleinerziehender Mütter unter besonderer Berücksichtigung heterogener Lebenslagen in Deutschland


Bachelorarbeit, 2011
39 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Forschungsfrage
1.3 Bisherige Forschung

2 Theoretisches Konzept: Ressourcen und Belastungen als moderierende Variablen
2.1 Ökonomische und soziale Ressourcen/Belastungen auf Individualebene: Zufriedenheit mit der finanziellen Lage und der sozialen Unterstützung
2.2 Ressourcen und Belastungen auf der Kontextebene: Ost/West-Differenz und Regionstyp

3 Methoden
3.1 Datensatz und Untersuchungseinheiten
3.2 Operationalisierung der Variablen

4 Ergebnisse
4.1 Deskriptive Untersuchungen
4.2 Bivariate Untersuchungen
4.3 Multivariate Regressionen

5 Fazit
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse und weitere Forschung
5.2 Diskussion

„Der besondere Schutz der Familie zählt zu den im Grundgesetz verankerten Aufgaben des Staates.

Mit dem Wandel der Familie ändert sich die Zielgruppe."

Ruth Limmer

„Nach Jahrzehnten intensiver sozialwissenschaftlicher Public-Health-Forschung muss festgestellt werden: Gesellschaft und Gesundheit hängen enger zusammen als wir bisher angenommen haben. "

Bernhard Badura

1 Einleitung

1.1 Relevanz des Themas

Die Entkopplung von Ehe und Elternschaft ist längst ein sozialer Tatbestand: Statistiken ver­schiedener Institutionen belegen diese Entwicklung in zahlreichen Nationen (US Census Bu­reau; Bradshaw 2002). Diese sich verändernden Familienstrukturen tragen zu einer immer häufiger anzutreffenden Einelternschaft bei, die je nach Land spezifisch ausgeprägt ist und normativ bewertet wird. Dabei ist ein Phänomen in den meisten Ländern anzutreffen: Allein­erziehende befinden sich überdurchschnittlich oft in einer prekären sozialen und gesundheitli­chen Lage (Lange 2006: 123; Lampert et al. 2005; US Census Bureau; Bradshaw 2002). Be­reits durchgeführte Untersuchungen zeigen, dass Alleinerziehende insbesondere eine Schlechterstellung hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit erfahren. Diese soll auch An­satzpunkt dieser Untersuchung sein (Helfferich 2003: 11-15; Lange 2006: 125; Helbig 2006: 5).

Im internationalen Vergleich befindet sich Deutschland mit seinem Anteil an Einelternhaus­halten im Mittelfeld. Als nationale Besonderheit sticht allerdings die geringe Rate an Gebur­ten von unverheirateten Müttern hervor, welche auf das präferierte Familienmodell in Deutschland schließen lässt: Sowohl politisch-institutionell als auch gesellschaftlich sei das Aufziehen von Kindern innerhalb einer - lebenslangen - Ehe vorzuziehen. Stigmatisierung und Intoleranz lastet der oft als defizitär angesehenen Einelternschaft bis heute an.

Allerdings scheint die Form der Elternschaft äußerst dynamisch zu sein: Im Jahr 2000 lag der Anteil der Alleinerziehenden im gesamten Bundesgebiet noch bei 13%, im Jahr 2009 waren es bereits 19%. Hierbei ist hervorzuheben, dass der Anteil in den Neuen Ländern weitaus hö­her ist: Im Jahr 2009 waren demnach auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sogar über ein Viertel alleinerziehend[1] (Egeler; Hammer).

Wie bereits erwähnt befinden sich Alleinerziehende häufig in einer prekären sozialen Lage: Studien zeigen, dass Allerziehende - verglichen mit verheirateten Eltern - ein geringeres Net­toäquivalenzeinkommen, geringere Bildung, höheres Armutsrisiko und einen höheren Anteil an Sozialhilfeempfängern aufweisen (Lange 2006: 123). Doch diese Gruppe erfährt nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine gesundheitliche Schlechterstellung; dies belegen Unter­suchungen zum Gesundheitsstatus, welche einen negativen Effekt des Alleinerziehens postu­lieren, der zwar zum Teil, aber nicht gänzlich auf die sozioökonomische Lage zurückgeführt werden kann (Lampert et al. 2005; Lange 2006). Bisher nicht erfasste Faktoren dieser Lebens­form scheinen demzufolge ebenfalls Einfluss auf die Gesundheit zu nehmen. Die Notwendig­keit weiterer Forschung und Verbesserungsansätze wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass die Gesundheit der Eltern die Entwicklung des Nachwuchses beeinflussen kann (Lam- pert et al. 2005: 108; Seyda und Lampert 2009: 105-113). Gesunde Eltern sind demnach Vor­aussetzung für Chancengleichheit der nächsten Generation.

Ein Ziel dieser und diverser anderer Forschungsinitiativen ist das Aufdecken von Hinweisen und Strategien, wie Staat und Gesellschaft hinsichtlich politisch-institutioneller, ökonomi­scher, sozialer und psychologischer Sphäre den Gesundheitsstatus Alleinerziehender verbes­sern und so Chancengleichheit unterstützen können. Denn, wie Bernhard Badura so treffend bemerkt hat, hängen „Gesellschaft und Gesundheit [..] enger zusammen als wir bisher ange­nommen haben“ (Badura 2011: 23). Dieser Aussage soll in diesen Untersuchungen Rechnung getragen werden.

Um die Ergebnisse zu generieren, gliedert sich diese Untersuchung wie folgt: Die For­schungsfrage wird in Abschnitt 1.2 entwickelt und methodisch präzisiert, des Weiteren wird der bisherige Forschungsstand im Abschnitt 1.3 näher erläutert. Theoretische Grundlage bildet das zweite Kapitel, dessen Ausführungen sich in Mikro- und Kontextperspektive gliedern. Auf Grundlage der Belastungs- und Ressourcentheorie werden in Abschnitt 2.1 und 2.2 die Hypothesen generiert. Dem Methodenkapitel, welches auf Datensatz und Untersuchungsein­heiten in Abschnitt 3.1 und auf die Operationalisierung der Variablen in Abschnitt 3.2 eingeht, folgen die Ergebnisse in Kapitel 4: Deskriptive (Abschnitt 4.1) und bivariate Berechnungen (Abschnitt 4.2) und anschließende Regressionsmodelle (Abschnitt 4.3) testen die Hypothesen. In Abschnitt 5.1 werden die Ergebnisse zusammengefasst und Implikationen für weitere For­schungsvorhaben erläutert. Abschließend werden innerhalb der Diskussion politisch­institutionelle, soziale und psychologische Handlungsmöglichkeiten analysiert.

1.2 Forschungsfrage

Wie bereits erwähnt weisen Alleinerziehende durchschnittlich eine schlechtere psychische Gesundheit auf als Eltern, die Kinder mit Partner großziehen (Helfferich 2003: 11-15). So zeigen auch Berechnungen dieser Untersuchung (vgl. Tabelle 1), dass bei nur etwa 5% der mit Partner erziehenden Mütter eine depressive Erkrankung vom Arzt festgestellt wurde - dagegen liegt bei Alleinerziehenden der Anteil knapp drei Mal so hoch. Ähnlich ausgeprägt ist der An­teil derjenigen, die einen relativ niedrigen Mental Component Scale[2] (i. F. MCS) Wert, auf­weisen: Nur etwa 16% der Mütter mit Partner im Haushalt besitzen einen auffällig niedrigen Wert, der auf eine beeinträchtigte psychische Gesundheit hinweist; dagegen zählen über ein Drittel der Alleinerziehenden in diese Kategorie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Macht Alleinerziehen also krank?

Bei Betrachtung bereits durchgeführter Studien ist zu vermuten, dass dies stark von der indi­viduellen Lebenssituation der/des Alleinerziehenden abhängt. Aus der Tatsache, dass eine Person alleinerziehend ist, leitet sich also nicht automatisch ab, dass diese Person statistisch betrachtet immer im gleichen Maße benachteiligt ist. Heterogene Lebenslagen können sehr unterschiedliche Effekte hinsichtlich der psychischen Gesundheit bewirken. Dies führt theore­tisch so weit, dass unter bestimmten Bedingungen der Elterstatus „alleinerziehend“ theore­tisch sogar positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben könnte.

Eben dieser Pluralisierung der Lebensformen und deren Wirkung auf die psychische Gesund­heit soll innerhalb dieser Untersuchung Rechnung getragen werden. Nach Analyse verschie­dener Studien kann bei vier Ausprägungen der individuellen Lebenssituation vermutet wer­den, dass diese eine moderierende[3] Wirkung auf den Zusammenhang von Elternstatus und psychischer Gesundheit besitzen.

Auf Grundlage des in Kapitel 2 näher erläuterten theoretischen Rahmens der Ressourcen- und Belastungstheorie soll vor allem die moderierende Wirkung von insgesamt vier individuellen und kontextuellen Variablen im Vordergrund stehen: Die subjektiv eingeschätzte Zufriedenheit mit der finanziellen Lage, die Zufriedenheit mit der sozialen Unterstützung, der soziale Kon­text mit Wohnsitz in den neuen/alten Bundesländern und der Regionstyp (Stadt-Land Unter­schiede).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ist beispielsweise bei alleinerziehenden Müttern/Vätern die Zufriedenheit mit der finanziellen Lage gering, bewirkt diese zusätzliche Belastung einen viel stärkeren negativen Effekt auf die psychische Gesundheit als bei Eltern, die Kinder mit Partner großziehen. Hier stellt die Part­nerschaft selbst eine wichtige Ressource dar: Eine gewisse finanzielle und emotionale Absi­cherung ist wahrscheinlich, wohingegen sich bei Alleinerziehenden die Alleinverantwortlich­keit gegenüber dem Nachwuchs, die fehlende partnerschaftliche Arbeitsteilung und Rollenkonflikte stark belastend auswirken.

Bewerten hingegen alleinerziehende Mütter oder Väter ihre finanzielle Lage gut, sind sie die­sen Belastungen weniger ausgesetzt: Einerseits können sie diese ökonomischen Ressourcen in Betreuungs- und Entlastungsmöglichkeiten investieren, andererseits kann die Abwesenheit eines Partners auch zu psychischer Entlastung führen, da - gerade in dieser finanziellen Kons­tellation - Autonomie und Entscheidungsfreiheit die Lebensqualität der/des Alleinerziehenden verbessern. Demnach kann eine Partnerlosigkeit - beim gleichzeitigen Auftreten einer guten ökonomischen Lage - neutral oder sogar positiv auf den Gesundheitszustand wirken (Helffe- rich 2003: 19).

Auch das makrosoziale Umfeld unterscheidet sich wie bereits angedeutet nicht nur innerhalb verschiedener Nationen, auch innerhalb Deutschlands existieren unterschiedliche Einstellun­gen zu den Familienformen, welche einen kollektiven Einfluss auf den Gesundheitszustand haben können. Diese Unterschiede sind sicherlich sehr komplex und vielen Variablen wie der Historie, Bevölkerungsdichte, lokalen Besonderheiten und vielem mehr unterworfen. Von besonderem Interesse ist hierbei die Unterscheidung, ob Alleinerziehende in städtischen bzw. ländlichen Gebieten leben und ob deren Wohnsitz in den neuen oder in den alten Bundeslän­dern liegt. Der soziale Kontext hinsichtlich des geschichtlichen Hintergrunds, der Sozialisati­on, der politisch-institutionellen Unterstützung und der gesellschaftlich anerkannten Einstel­lungen, Werte und Normen ist unterschiedlich ausgeprägt. Je nachdem, unter welchen Gegebenheiten man lebt, wirkt sich der Alleinerziehendenstatus stärker oder schwächer auf die psychische Gesundheit aus. So ist anzunehmen, dass in der Stadt und auf dem neuen Bun­desgebiet wohnende Alleinerziehende weniger Stigmatisierung und bessere Betreuungsmög­lichkeiten vorfinden, die sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken.

Hinsichtlich der methodischen Vorgehensweise soll geprüft werden, ob ein statistischer Inter­aktionseffekt vorliegt. Aufklären sollen dies sowohl bivariate Berechnungen als auch Regres­sionsmodelle mit Interaktionsvariablen.

1.3 Bisherige Forschung

Hinsichtlich der Forschungsfrage sind es vor allem die empirischen Studien des Robert-Koch Instituts, welche auf die Pluralisierung der Lebensformen von Alleinerziehenden behandeln (Helfferich 2003; Lange 2006; Lampert et al. 2005; Helbig 2006: 5). Diese arbeiten haupt­sächlich mit dem Bundesgesundheitssurvey von 1998 (i.F. BGS98), dem Sozioökonomischen Panel (i.F. SOEP) aus dem Jahr 2000 und dem Mikrozensus mit den Daten aus dem Jahr 1999. Da bisher nur im SOEP neue Daten hinsichtlich der spezifischen Fragestellung dieser Arbeit erhoben wurden, soll die SOEP-Welle aus dem Jahre 2009 verwendet werden, um ak­tuelle Ergebnisse zu generieren.

Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes ist inhaltlich die umfangreichste Studie und beinhaltet insbesondere empirische Untersuchungen zur „Gesundheitsbezogenen Lebensquali­tät“. Diese stellt die Benachteiligung alleinerziehender Mütter hinsichtlich psychologischer Krankheiten heraus (Helfferich 2003: 11-15), wobei moderierende Variablen nur indirekt un­tersucht werden (Helfferich 2003: 19). Dennoch wird die Relevanz der ökonomischen, sozia­len und kontextuellen Ressourcen betont (Helfferich 2003: 6, 10), die auch in dieser Arbeit einen zentralen Ansatz bilden.

Neben diesen empirischen Untersuchungen wurden ebenfalls qualitative Studien durchge­führt, welche die individuelle Wahrnehmung des Alleinerziehens untersuchen. Hierbei sind insbesondere die Nachforschungen von Norbert F. Schneider hervorzuheben: So würden Frauen nicht nur eine materielle Besserstellung und günstigere Kinderbetreuung vermissen, sondern viel mehr die gesellschaftliche Anerkennung und den Respekt vor ihren Erziehungs­leistungen (Schneider 2001: 358) - was wiederum auf die entscheidende Bedeutung des sozia­len Kontexts hinweist. Als zentrale Idee Schneiders Studien sind moderierende Variablen zu nennen, welche er mithilfe qualitativer Interviews analysieren möchte: Demnach scheinen die subjektive Bewertung der finanziellen Lage und die Herkunft aus alten bzw. neuen Bundes­ländern eine moderierende Wirkung zu besitzen. Da diese Untersuchungen auf teilweise explorativen, qualitativen Interviews beruhen, sollen Individual- und Kontexthypothese in dieser Arbeit empirisch abgesichert werden. Auch die Frage nach positiven Lebensbereichen, die das Belastungserleben der Alleinerziehenden in einem differenzierteren Licht erscheinen lassen, wurde bisher kaum untersucht. Schneider sieht als erster die Relevanz dieser individu­ellen Ressourcen, welche für sozialpolitische Maßnahmen bedeutsamer sein sollten (Schnei­der 2001: 358).

Des Weiteren wurden bisher keine multivariaten linearen Regressionen zur Aufdeckung der moderierenden Variablen durchgeführt. Lediglich eine Studie untersucht mithilfe logistischer Regression die Prävalenz bestimmter psychischer Krankheiten und betrachtet hierbei auch zahlreiche Interaktionsvariablen. Allerdings wurde nur eine Interaktion hinsichtlich des El­tern- und Partnerschaftsstatus aufgedeckt: Die Wahrscheinlichkeit an einer psychischen Er­krankung zu leiden scheint unabhängig vom Partnerschaftsstatus zu sein. Erst wenn eine part­nerlose Person auch Nachwuchs betreut, habe dies einen negativen Effekt (Helbig 2006). Dies ist jedoch für diese Untersuchungen nicht unmittelbar relevant, da Fragen nach weiteren In­teraktionseffekten, welche individuelle Bewertungen und den sozialen Kontext betreffen, nicht beantwortet werden. Außerdem wurde lediglich eine 12-Monats-Prävalenz abgefragt, längerfristige Beeinträchtigungen und latente psychische Probleme werden unter Umständen nicht erfasst.

Deshalb sollen in dieser Untersuchung durch die bereits in Abschnitt 1.2 eingeführten MCS- Indikatoren verwendet werden. Dieser Index misst weniger das Auftreten einer Krankheit, sondern kann - ganz im Sinne des im folgenden Kapitel vorgestellten Salutogenese-Konzepts - als Messinstrument für „psychische Gesundheit“ interpretiert werden. Außerdem bietet die metrische MCS-Skala die Möglichkeit, positive und negative Gesundheitseffekte (i.e. Res­sourcen und Belastungen) innerhalb einer multivariaten Regression adäquat zu quantifizieren.

2 Theoretisches Konzept: Ressourcen und Belastungen als moderierende Variablen

Innerhalb der Public-Health-Forschung werden verschiedene Konzepte diskutiert, welche die Gesundheit einer Population messen. Beliebt und lange Zeit bevorzugt war die Prävalenz von Pathogenesen, also das Auftreten von Krankheiten innerhalb einer untersuchten Population. Susanne Hartung vertritt die Ansicht, dass der Gesundheitszustand nicht nur durch die Indika­toren von Pathogenese, also der Frage „Was macht uns krank?“, sondern auch durch gesund­heitsfördernde Wirkungen, der Salutogenese, gemessen werden soll. Denn „[a]uch ein chro­nisch kranker Mensch kann sich gesund fühlen und ein erfülltes Leben führen“ (Hartung 2011: 235). Übertragen auf den psychologischen Untersuchungsgegenstand wird in dieser Arbeit deshalb die psychologische Gesundheit und weniger das Auftreten psychischer Krank­heiten im Vordergrund stehen.

In diesem Konzept spielen Ressourcen und Belastungen eine wichtige Rolle: Die Bewältigung von krankheitsfördernden Belastungen kann durch Ressourcen begünstigt werden (Hartung 2011: 241). Hinsichtlich des Elternstatus wird aufgrund bereits beschriebener Studien ange­nommen, dass die Situation in der Rolle der/des Alleinerziehenden eine Belastung darstelle, welche einen negativen Effekt auf die psychische Gesundheit ausübe. Es existieren zahlreiche Vermutungen, weshalb diese Lebenssituation belastender wirken sollte als bei Eltern mit Part­ner: Die abverlangte Rollenvielfalt überfordere den/die Alleinerziehenden, eine entlastende und die Rollenvielfalt verringernde Arbeitsteilung mit dem Partner sei nicht möglich. Außer­dem belaste die Alleinerziehenden der eventuell vorhandene Trennungsstress, die alleinige Verantwortlichkeit für den Nachwuchs und die Stigmatisierung der Umwelt, in welcher die Ein-Eltern-Familie oftmals als defizitäre Lebensform gelte (Limmer 1998: 140; Lampert et al. 2005: 85; Schneider 2001: 358). Dass der Status des Alleinerziehens - je nach Lebenslage - auch eine Ressource darstellen kann, wird selten thematisiert. Dabei könne diese Familien­form zusätzliche Lebensqualität aufgrund hinzugewonnener individueller Entscheidungsfrei­heit und Autonomie bieten, des Weiteren könne die Trennung von einem Partner unter Um­ständen auch entlastend wirken (Limmer 1998: 119).

An dieser ambivalenten Wirkung des Alleinerziehens setzt die Idee heterogener Lebenslagen an: Ist die psychische Gesundheit tatsächlich abhängig vom Elternstatus - oder sind viel mehr die heterogenen Lebenslagen ausschlaggebend? Gibt es Gruppen von Alleinerziehenden mit bestimmten Merkmalen, deren Alleiner­ziehendenstatus sich gar positiv - i.e. als Ressource - auf die psychische Gesundheit auswirkt?

Der methodische Blickwinkel soll an dieser Stelle vorweg genommen werden: Um die Wir­kung heterogener Lebenslagen zu prüfen, soll das Vorhandensein und die Richtung von Mo­derationseffekten4 untersucht werden. Moderiert ein bestimmtes Merkmal - theoretisch als Belastung oder Ressource erfasst - den Zusammenhang von Elternstatus und psychischer Ge­sundheit?

Als mögliche moderierende Ressourcen/Belastungen kommen nach Hartung folgende Sphä­ren in Betracht: Psychologische (Kohärenzgefühl, Kontrollüberzeugung, Selbstbewusstsein), materielle und sozial gebildete Ressourcen/Belastungen (Hartung 2011: 241-246). Auf die psychologischen Ressourcen/Belastungen kann aufgrund der nicht erfassten bzw. schwer er­fassbaren Daten nur indirekt eingegangen werden. Materielle und soziale Ressour­cen/Belastungen sind hingegen Teil der Hypothesen im Abschnitt 2.1. Nicht näher geht Har­tung auf die kontextuellen Ressourcen/Belastungen ein, die in der vorliegenden Forschungsarbeit im Abschnitt 2.2 behandelt werden.

Im Folgenden sollen sowohl relevante Ressourcen als auch Belastungen auf Individual- und Kontextebene behandelt werden.

2.1 Ökonomische und soziale Ressourcen/Belastungen auf Individualebene: Zufriedenheit mit der finanziellen Lage und der sozialen Unterstützung

Obwohl moderierende Zusammenhänge in der Literatur kaum empirisch erfasst wurden, ge­ben qualitative Studien Hinweise auf mögliche moderierende Variablen. So sorgen sich allein­erziehende Mütter - viel mehr als Mütter mit Partner - um ihre finanzielle Lage. Diese Sorgen beeinflussen das Belastungsempfinden hinsichtlich des Alleinerziehendenstatus aus den be-[4] reits genannten Gründen negativ und verursachen eine schlechtere psychische Gesundheit (Lampert et al. 2005: 86; Schneider 2001: 363f).

Allerdings postuliert Schneider in seinen qualitativen Studien, dass der zunächst negativ ein­geschätzte Effekt des Alleinerziehendenstatus sich negiert, sobald das alleinerziehende Eltern­teil seine finanziellen Ressourcen sehr positiv einschätzt. Der Unterschied zwischen Alleiner­ziehenden und mit Partner Erziehenden verschwindet unter diesen Umständen gänzlich (Schneider 2001: 357). Zu erklären ist dies mit einem allgemein geringeren Belastungsemp­finden, da - im Gegensatz zu Alleinerziehenden mit einer schlecht eingeschätzten finanziellen Lage - diese besser gestellte Gruppe weniger Geldsorgen ausgesetzt ist. Außerdem erfährt sie eine geringere Arbeitsteilungs- und Rollenproblematik dank - unter diesen Umständen er­schwinglicher - Kinderbetreuung. Als weiterer Grund kann angeführt werden, dass das indi­viduelle Lebenskonzept ohne finanzielle und partnerschaftliche Einschränkungen ausgelebt werden kann.

Diese Beobachtung Schneiders beschreibt einen Interaktionseffekt[5]. Folgende Hypothese[6] lässt sich nun formulieren:

H1: Je besser die „subjektiv eingeschätzte finanzielle Lage“, desto geringer ist der Einfluss des Status „alleinerziehend“ auf den psychischen Gesundheitsstatus.[7]

Untersuchungen postulieren auch ein geringeres Zeitbudget Alleinerziehender, worunter sozi­ale Kontakte tendenziell leiden könnten[8] (Helfferich 2003: 10, 19). Sowohl in wissenschaftli­chen Schriften als auch in populärwissenschaftlicher Literatur werden diesen sozialen Res­sourcen eine besonders wichtige Rolle zugeschrieben. So beruft sich ein Artikel aus der Wochenzeitung DIE ZEIT auf Untersuchungen von James House und gibt zu bedenken, dass „[d]as Fehlen sozialer Beziehungen [...] ein ebenso hohes Gesundheitsrisiko wie Zigaretten­konsum, hoher Blutdruck, Übergewicht und Bewegungsmangel“ darstellt (Albrecht 2009). Ganz im Sinne Susanne Hartungs soll zur Messung des Einflusses auf die Gesundheit der funktionale Aspekt des Sozialen im Vordergrund stehen, weshalb weniger auf das Sozialkapi- tal[9], sondern auf die damit zusammenhängende „soziale Kooperation“ (Badura 2011: 32f.) bzw. soziale Unterstützung fokussiert wird.

[...]


[1] Im Jahr 2000: 12% in West- und 18% in Ostdeutschland; Im Jahr 2009: 17% West- und 27% Ostdeutschland.

Datengrundlage: Mikrozensus 2009.

[2] Die Mental Component Summary Scale (Mental Health), i. F. MCS, basiert auf den multi-item Skalen des SF- 12. Die Skalen der MCS messen unter anderem das emotionale Wohlbefinden, Einschränkungen durch emotionale Probleme und die soziale Rollenfunktion. Die MCS wurde mithilfe von Faktorenanalyse (PCA, varimax rotation) erstellt; Mittelwert = 50, Standardabweichung=10; Hohe Werte repräsentieren eine bessere psychische Gesundheit (Nübling 2007).

[3] Moderation tritt auf, wenn der Zusammenhang zwischen zwei Variablen von einer dritten Variablen moduliert wird (Diaz-Bone 2006: 207).

[4] Gemessen als Interaktion in Regressionsmodell, vgl. Ergebnisse in Kapitel 4.

[5] Der Interaktionseffekt stellt die statistische Umsetzung des bereits erläuterten Moderationseffekts dar.

[6] Die Forschungsfrage konzentriert sich auf Interaktionseffekte, welche als Nullhypothesen formuliert werden. Allerdings können auch andere Arten von Effekten (e.g. Scheinkausalität, Intervention oder Suppression) auftreten.

[7] Der Gesundheitsstatus von finanziell gut gestellten Alleinerziehenden wäre demnach gleich oder gar besser (da eventuell geringere Belastungen durch Partnerschaft und zusätzliche Ressourcen durch Autonomie vorliegen) verglichen mit Eltern mit Partnern.

[8] Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass sich die soziale Isolation Alleinerziehender bisher nicht bestätigen ließ. Untersuchungen kamen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen (Nestmann und Stiehler 1998: 78).

[9] Nach dem theoretischen Konstrukt Hartungs bildet das Sozialkapital die Grundlage für die soziale Unterstützung. Das Sozialkapital ist definiert als „vertauensvolle Kontakte“, ohne die soziale Unterstützung nicht möglich wäre. Das Sozialkapital ist also eine Vorbedingung: Es kann theoretisch ein hohes Sozialkapital vorliegen, woraus aber nicht unbedingt soziale Unterstützung erwachsen muss, weshalb bei der

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Macht Alleinerziehen krank?
Untertitel
Der psychische Gesundheitszustand alleinerziehender Mütter unter besonderer Berücksichtigung heterogener Lebenslagen in Deutschland
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
39
Katalognummer
V180005
ISBN (eBook)
9783656025702
ISBN (Buch)
9783656026280
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Medizinsoziologie, Public Health, Alleinerziehende, allein erziehend, Mütter, Frauen, Ressourcen, Belastungen, moderierende Variablen, SOEP, multivariat, Regression, ökonomische Ressourcen, Soziale Ressourcen, finanzielle Lage, soziale Unterstützung, Kontextebene, Neue/Alte Bundesländer, Regionstyp, Stadt/Land, Empirie
Arbeit zitieren
Anja Köngeter (Autor), 2011, Macht Alleinerziehen krank?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180005

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Macht Alleinerziehen krank?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden