Feministische Kritik am Multikulturalismus

"Is multiculturalism [really] bad for women? “- auch in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Feministische Kritik am Multikulturalismus
2.1. Internationale Debatte
2.1.1. Susam Moller Okin
2.1.2. Clare Beckett und Marie Macey
2.1.3. Sawitri Saharto
2.2. Deutsche Debatte
2.2.1. Seyran Arteş
2.2.2. Necla Kelek

3. Die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland
3.1. Anwendung der Scharia
3.1.1. Rechtliche Grundlagen
3.1.2. Beispiele für die Anwendung
3.1.2.1. Umgang mit polygamen Ehen
3.1.2.2. Scheidungsrecht
3.2. Häusliche Gewalt
3.3. Zwangsverheiratungen
3.4. Bildung

4. Fazit
4.1. Bewertung der Fallsbeispiele
4.2. Ist Multikulturalismus in Deutschland schlecht für Frauen?

1. Einleitung

Deutschland ist ein Land mit knapp 82 Millionen Einwohnern (Statistisches Bundesamt 2009). Rund 15 Millionen Personen in der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, damit stellen sie im Jahr 2005 fast ein Fünftel der Gesamtpopulation dar (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2007: 12). Die Gesellschaftsstruktur Deutschlands ist durch die stetige Zuwanderung im Wandel.

In Deutschland leben Menschen aus den verschiedensten Kulturen zusammen. Wen wundert es da, dass eine Debatte über die Ausgestaltung dieses multikulturellen Zusammenlebens geführt wird? Es werden vielerlei Aspekte diskutiert, angefangen bei Fragen bezüglich der Erbauung religiöser Bauwerke, über Quotenreglungen für Minderheiten im Öffentlichen Dienst bis hin zu Ausnahmereglungen in privatrechtlichen Angelegenheiten oder dem Tragen religiöser Symbole im öffentlichen Raum. Im Zusammenhang mit diesen Debatten fällt immer wieder der Begriff des Multikulturalismus bzw. Multikulti. Manchen Wortmeldungen zufolge ist Multikulti gescheitert (Luft 2008) und andere proklamieren den Multikulti-Irrtum (Ateş 2007). Multikulti ist in aller Munde und wird, besonders in den letzten Jahren, heiß diskutiert.

Man stellt sich die Frage, was dieser besagte Multikulturalismus ist, über den alle sprechen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme ist Multikulturalismus kein neues Phänomen, jedoch hat sich seine Problematik im Zuge der Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg erheblich verschärft (Ackermann/Müller 2002: 7). „Kulturelle Komplexität war und ist nicht nur der Regelfall menschlichen Zusammenlebens- sie wird mehr denn je unsere Zukunft bestimmen.“ (Ackermann/Müller 2002: 8), so konstatieren die Autoren Ackermann und Müller. Wie mit kulturell komplexen Gesellschaftsstrukturen umgegangen wird ist also ausschlaggebend für die Zukunft.

Es gibt verschiedene Ansichten darüber wie das Zusammenleben in kulturell vielfältigen Gesellschaften gestaltet werden soll. Einer der wohl bekanntesten Theoretiker diesbezüglich ist Will Kymlicka. In seiner Idee des liberalen Multikulturalismus sollten Minderheitenrechte gewährt werden, jedoch werden diese nicht kulturrelativistisch begründet, sondern durch die individuelle Freiheit des Einzelnen auch seine kulturelle Identität zu entfalten (vgl. Kymlicka 2007). In Opposition zu Kymlicka steht Brian Barry, der argumentiert, dass Kulturen sich wandeln und deshalb keine Grundlage für Minderheitenrechte sein können. Barry sieht die Zuerkennung von Rechten an eine bestimmte kulturelle Gruppe als Gefahr für die Gerechtigkeit (vgl. Barry 2001). Hier nenne ich nur zwei Ansichten zur Umsetzung multikulturalistischer Tendenzen, die exemplarisch sind und aufzeigen wie gänzlich unterschiedlich diese ausfallen können.

Im Zusammenhang mit der Debatte über Multikulturalismus und die potentielle Einführung von Minderheitenrechten leitet die Diskussion oft in den Bereich der Frauenrechte über. Denn die vorherrschende Meinung ist oft, dass Frauen in Minderheitenkulturen unterdrückt werden und diesen Kulturen aus diesem Grund keine Minderheitenrechte zugesprochen werden sollen. Feministinnen kritisieren multikulturalistische Ansätze kontinuierlich. Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein sehr wichtiger Bestandteil einer Demokratie und sollte deshalb in der Debatte auch nicht vernachlässigt werden. Schon Jaques Chirac sagte vor einigen Jahren: „Der Grad der Zivilisation einer Gesellschaft wird letztendlich am Raum gemessen, den Frauen einnehmen“ (zitiert nach Saharso 2008: 15).

Aus diesem Grund möchte ich diese Arbeit der feministischen Kritik am Multikulturalismus widmen. Mein Erkenntnisinteresse liegt darin herauszufinden, ob Multikulturalismus schlecht für Frauen ist, wie auch Susan Moller Okins Titel „Is multiculturalism bad for women?“ (Okin 1997) fragt. Ich beziehe mich im Gegensatz zu Okin in meiner Ausarbeitung allerdings auf die deutsche Gesellschaft. Obwohl Multikulturalismus in Deutschland anders als in Großbritannien oder den Niederlanden kein offizielles Politikkonzept ist, sondern multikulturelle Politiken eher unter dem Begriff der Integrationspoltik zusammengefasst werden existiert auch in Deutschland Multikulturalismus (Verderaosa/Luther: 2006). Ich möchte in Erfahrung bringen, ob die Autoren wirklich Multikulturalismus kritisieren oder ob sie eher kulturrelativistische Tendenzen angreifen. Im letzten Schritt der Arbeit, dem Heranziehen empirischer Daten komme ich meinem eigentlichen Erkenntnisinteresse näher. Durch den Vergleich der Daten mit der Kritik möchte ich aufzeige, ob die Kritik der Feministinnen haltbar ist und Multikulturalismus Frauen benachteiligt.

Zu Beginn greife ich die internationale Debatte zu Multikulturalismus und Feminismus auf und beziehe mich vornehmlich auf Susan Moller Okin, die eine der einflussreichten Kritikerinnen ist. Im Anschluss werde ich auf die innerdeutsche Debatte zum vorherrschenden Multikulturalismus eingehen, um schließlich zum empirischen Teil zu gelangen. Die Auswahl der Fallbeispiele traf ich vornehmlich auf Grundlage dessen, was die angeführten Autoren als Kritikpunkte aufführen. Als erstes Fallbeispiel werde ich die Anwendung der Scharia in Deutschland als gewissermaßen institutionalisierten Multikulturalismus anführen und überprüfen ob und wenn ja inwiefern Frauen dadurch benachteiligt werden. Anschließend werde ich Statistiken zur häuslichen Gewalt beleuchten, um herauszufinden ob an Frauen mit Migrationshintergrund mehr Gewalt verübt wird als an Frauen deutscher Herkunft. Abschließend werde ich das Thema der Zwangsverheiratungen, die einen klaren Verstoß gegen die Menschenrechte darstellen, beleuchten. Zudem werde ich die Anzahl der Bildungsabschlüsse von Mädchen nicht-deutscher Herkunft mit denen von Mädchen deutscher Herkunft vergleichen, um zu erfahren ob Mädchen der Weg zum Abschluss verstellt ist, der für ihre ökonomische und geistige Emanzipation grundlegend ist. Auch die Debatte um die Verschleierung muslimischer Frauen sei es durch das Kopftuch oder die Burka wäre als Fallbeispiel sehr interessant gewesen, doch ist dieses Thema zu komplex um es in diese Liste mit aufzunehmen. Ebenfalls wird femal genital mutilation häufig thematisiert. Es erscheint mir in Zusammenhang mit Deutschland allerdings nicht sinnvoll diesen Menschenrechtsverstoß zu analysieren, weil diese Problem einerseits keinen so großen Raum in Deutschland einnimmt und andererseits keine konkreten Daten für Deutschland vorliegen bzw. sich die Dunkelziffer nur erahnen lässt.

2. Feministische Kritik am Multikulturalismus

2.1. Internationale Debatte

2.1.1. Susan Moller Okin

Susan Moller Okin ist eine der schärfsten Kritikerinnen des Multikulturalismus und leitete die Diskussion über Multikulturalismus in Zusammenhang mit Feminismus ein (Saharso 2008: 11). Okin selbst fällt es schwer eine Definition von Multikulturalismus aufzustellen. In ihren Texten bezieht sie sich, wenn sie von Multikulturalismus spricht, auf die Forderung von Minderheitengruppen (meist in liberalen Demokratien) durch Gruppenrechte ihre Kultur bzw. Lebensart zu schützen (Okin 1999: 10). Hier entsteht der zentrale Konflikt zwischen den individuellen Menschenrechten und kultureller Autonomie.

Sie begründet die aktuelle Debatte damit, dass in westlichen Ländern nach Dekaden der geforderten Assimilation von Immigranten, heute der Forderung nach weniger repressiven Maßnahmen nachgegangen wird und neue Wege gesucht werden müssen, wie mit kultureller Differenz umgegangen werden soll. Die zentrale Frage für Okin ist allerdings vielmehr wie reagiert werden soll, wenn die Forderungen der Minderheitengruppen mit einem der zentralen Elemente der liberalen Demokratie, der Gleichberechtigung, in Konflikt stehen. Sie kritisiert die bisherige Gestaltung von Minderheitenrechten auf verschiedene Weise. Einerseits werden die Kulturen ihrer Meinung nach monolith behandelt obwohl vielmehr beachtet werden müsste inwiefern Unterschiede innerhalb der Gruppe bestehen oder auch die verschiedenen Gruppen sich untereinander unterschieden. Zudem blenden die Verteidiger von Gruppenrechten meist den privaten Bereich aus, der jedoch für die die Entscheidung darüber, welche Art von Leben man führen will ausschlaggebend ist. Abgesehen davon werden die Minderheitengruppen zumeist von älteren, männlichen Mitgliedern in der Öffentlichkeit vertreten, die nicht repräsentativ für die Gruppe stehen können. (Okin 1999: 9-12, 24)

Doch ihr wichtigster Kritikpunkt ist, dass die Anerkennung kultureller Differenzen dazu missbraucht wird Frauenrechte zu beschneiden und Menschenrechtsverstöße zu legitimieren. Frauenrechte sind Menschenrechte, doch wenn Verstöße geschlechterspezifisch auftreten, werden sie oft nicht als solche wahrgenommen. (Okin 1998: 321,338)

Gender und Kultur sind, nach Okin, auf folgende Weise miteinander verbunden: Eheschließung, Erbrecht, Sorgerecht, Besitztumsregelungen sind fast immer kulturell begründet sowie verankert und die meisten Kulturen haben zum Ziel die Frau durch den Mann zu kontrollieren, was sich beispielsweise in den Gründungsmythen der monotheistischen Religionen zeigt. Die Gleichberechtigung ist nirgends als abgeschlossener Prozess zu betrachten, auch nicht in den westlichen Staaten, jedoch sind diese in der Weise fortschrittlicher, als dass ein rechtlicher Anspruch auf Gleichberechtigung besteht. Somit sind alle Kulturen patriachal geprägt. Nach Okin fordern die am stärksten patriachal geprägten Kulturen die meisten Gruppenrechte, die im seltensten Fall nicht genderbezogen sind. (Okin 1999: 16-17)

Aus Okins Perspektive sind Gruppenrechte also nicht „part of the solution“ (Okin 1997: 22), vielmehr könnten sie dazu beitragen, das Problem zu verschlimmern. Okins Argumentation zu Folge besteht für Frauen, die einer stärker patriachal als die Mehrheitsgesellschaft geprägten Minderheitengruppe angehören, keinerlei Motivation dafür diese erhalten und schützen zu wollen (Okin 1999: 22).

Die Kritik an Okins Sichtweise ist vielfältig. Azizah Y. al-Hibiri beispielsweise wirft Okin „western patriarchal feminism“ (al-Hibiri 1999: 41) vor, der die anderen Frauen zu passiven Opfern stereotypisiert und ihnen dadurch keinesfalls behilflich ist (vgl. al-Hibiri 1999). Zudem wird ihre Unterscheidung zwischen westlichen und nicht-westlichen Staaten beanstandet und getadelt, dass sie Kulturen essentialisiert (Saharso 2008: 11-12).

1.1.2. Clare Beckett und Marie Macey

Auch wenn diese Autorinnen ihre Kritik eher auf Großbritannien richten, führe ich sie aufgrund ihrer Definition von Multikulturalismus an. Sie lautet: „multiculturalism demands respect for (any an all) cultural traditions“(Beckett/Macey 2001: 316). Diese Definition beschreibt allerdings viel eher eine kulturrelativistische Politik, die durchaus kritikwürdig wäre. Nach Ansicht der Autorinnen tragen unkritische Multikulturalismusströmungen dazu bei, dass benachteiligte Gruppen weiterhin und noch stärker unterdrückt werden. Keine Gesellschaft kann eine Politik des anything goes in Bezug auf Kultur aufrechterhalten bzw. vertreten, da offensichtliche Grenzen von diversity bestehen. Zudem besteht das Zusammenleben auf einer gewissen Basis von geteilten Werten und Normen. Je kulturell komplexer eine Bevölkerung ist, desto schwieriger ist es einen solchen Wert- bzw. Normkonsens zu finden. Aus diesem Grund ist ein Multikulturalismus, wie sie ihn definieren, für die Autorinnen eine Gefahr für liberale Demokratien. (Beckett/Macey 2001: 309,315-316)

Beckett und Macey zufolge trägt Multikulturalismus in einer sehr kulturrelativistischen Form also dazu bei Frauen weiterhin und noch stärker zu benachteiligen.

2.1.3. Sawitri Saharso

Die niederländische Professorin Sawitri Saharso stellt die Behauptung auf, dass Vorschriften, die die Freiheit von Frauen einschränken, funktional für die Erhaltung von Minderheitenkulturen sein können. Dies liegt begründet in der zentralen Rolle der Frau, sie ist die biologische und kulturelle Reproduktion der Gruppe zuständig. Die Identität einer Gruppe konstituiert sich in Abgrenzung zu anderen. Besonders Kleidervorschriften für Frauen können dienlich für die Identitätserhaltung und- abgrenzung einer Gruppe sein. Fühlt sich eine Gruppe nicht akzeptiert oder in ihrer Identitätserhaltung gefährdet wird sie verstärkt darauf achten, dass die Frauen die Regeln einhalten. Kulturelle Vorschriften, die Frauen einschränken sind dementsprechend nicht nur Ausdruck von Frauenfeindlichkeit, sondern dienen zudem auch dem Erhalt der Gruppe. Würde man also den Gruppen keine Minderheitenrechte zugestehen wäre ihre Identität gefährdet und sie könnte auseinander brechen. (Saharso 2008: 12-17)

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob Saharso es als wünschenswert erachtet, die Identität der Communities in Frage zu stellen und aufzuweichen oder nicht. Sollten Minderheitengruppen also anerkannt werden, damit sie weniger repressiv gegen Frauen vorgehen oder ihre Identität in Frage gestellt werden, damit sich ihre Autorität verringert?

Ein Ansatz den Saharso als sehr wichtig beurteilt ist, dass Kulturen in der Debatte um Minderheitenrechte und Feminismus nicht als Ganzes beurteilt werden, sondern einzelne Praktiken diskutiert und beurteilt werden. (Sahraso 2008: 24-26)

2.2. Deutsche Debatte

2.2.1. Seyran Ateş

Seyran Ateş erregt ebenso wie ihre Kollegin Necla Kelek Aufsehen mit ihren Aussagen zum Multikulturalismus in der deutschen Gesellschaft. Sie bezieht sich bei der Definition einer multikulturellen Gesellschaft, wie sie Deutschland seit den 80er-Jahren darstellt, auf Heiner Geißler. „Multikulturelle Gesellschaft bedeutet die Bereitschaft, mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zusammenzuleben, ihre Eigenarten zu respektieren, ohne sie germanisieren und assimilieren zu wollen“ (zitiert nach Ateş 2007: 13-14).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Feministische Kritik am Multikulturalismus
Untertitel
"Is multiculturalism [really] bad for women? “- auch in Deutschland
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V180114
ISBN (eBook)
9783656027010
ISBN (Buch)
9783656026754
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Multikulturalismus, Feminismus, Susan Okins, Necla Kelec, Seyran Artes, Sawitri Saharto, Bernd Ladwig, Kritik, Migrationshintergrund, Schulabschlüsse, häusliche Gewalt, Scharia, Deutschland, Zwangsehen, Kopftuch
Arbeit zitieren
Luisa Friederici (Autor), 2010, Feministische Kritik am Multikulturalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180114

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