Experten-Laien Dialog

Wissenstransfer in der Fachkommunikation


Hausarbeit, 2010

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definition des Experten
2.1. Expertenwissen
2.2. Expertensysteme

3. Definition der Laie
3.1. Laiensysteme

4. Eine Abgrenzung von Fachmensch und Laie

5. Vom Laien zum Experten

6. Vertikalität und Horizontalität

7. Fachsprache in Experten-Laien Kommunikation
7.1. Fachwortschatz

8. Verständigkeitsprobleme in Experten-Laien Kommunikation

9. Wissenschaftssprache der Medizin

10. Beispiel eines Experteninterviews

11. Zusammenfassung

12. Bibliographie

1. Einleitung

In einem polnischen Nest bleibt ein Reisender mit seinem polnischen Automobil stecken. Alle Mühe, den Wagen selber zu reparieren, ist vergeblich. Man ruft den jüdischen Dorfklempner. Dieser öffnet die Motorhaube, blickt hinein, versetzt dem Motor mit einem Hämmerchen einen einzigen Schlag – und der Wagen fährt wieder. "Macht 20 Zloty“, erklärt den Klempner. Der Reisende: „So teuer?! Wie rechnen Sie das?“ Der Klempner schreibt auf: „Gegeben a Klopp – 1 Zloty. Gewusst wo – 19 Zloty“ (Sie kennen diese Geschichte. Sie wird immer wieder gern erzählt, weil sie auf einfache Weise eines verdeutlicht: „Wissen ist Macht.“ Ein Hammer in der Hand eines Unwissenden ist bestenfalls ein Instrument, um etwas zu zerstören. Ein Hammer in der Hand eines Meisters ist ein Werkzeug der Intelligenz und des Verstandes. Gewusst wie, wo, wann, wie lange, wie fest und – warum: Das ist auch der Sieg des Geistes über den Zufall, des Verstandes über das Unerklärliche, Unbegreifliche. Wer etwas beherrschen will, muss wissen, wie etwas funktioniert […] (Salcia Landmann (*1911), schweizerische Schriftstellerin)[1]

Tatsächlich heutzutage wird in vielen Lebenssituationen oft der Rat eines Experten benötigt. Ein Laie, der sich mit einem Problem nicht auskennt, wendet sich an einen Experten in dem bestimmten Bereich, sei es ein Arzt, ein Anwalt, ein Architekt, ein Computer-IT Ingenieur, ein Verkäufer, ein Behördeangestellter etc. Die Experten-Laien Kommunikation gehört mittlerweile zum alltäglichen Leben. Sie erweist sich als ein interdisziplinärer Untersuchungsstand und wird von sozialwissenschaftlicher, psychologischer, wirtschaftlicher und linguistischer Perspektive erforscht. In Kontext ihrer spezifischen Erkenntnisinteressen stellen sich die Forscher die Basisfragen: Wer ist ein Experte? Wer ist ein Laie? Auf welche Weise lässt sich das Expertenwissen definieren? Wie grenzen die Experten und Laien mit einander ab? Welche möglichen Störungen können bei der Experten-Laien Kommunikation auftreten? Wie kann die Kommunikation optimiert werden, um die gegenseitige Verständigung zu gewährleisten? Denn in der Regel, wenn zwei Menschen miteinander reden, Missverständnisse sind schwer zu vermeiden, da sich unterschiedliche Wissenswelten und Erfahrungen auf einander treten.

Solche Fragestellungen werden auch in der vorliegenden Arbeit behandelt. Die Experten-Laien Beziehungen werden hier mehr von soziologischer Sicht betrachtet und vor allem als hierarchisches Handlungsmuster angesehen. Die Experten-Laien Kommunikation wird als Beispiel des Wissenstransfers untersucht, wo auch auf die Frage der allgemeinen Wissensdefinition eingegangen wird. Dabei wird viel Aufmerksamkeit der Problematik der Fachsprache gelenkt, da die Fachsprache und ihre Verständlichkeit eine bedeutende Komponente der Experten-Laien Kommunikation ist.

Am Ende der Arbeit wird als Beispiel ein Dialog aus dem medizinischen Bereich vorgestellt und analysiert. Der Bereich der Medizin erweist sich als ein breites und interessantes Untersuchungsfeld der Experten-Laien Kommunikation mit großer Gewichtung des Fachwortschatzes.

Die Problematik der Experten-Laien Kommunikation ist ziemlich gut erforscht und dargestellt in der Fachliteratur. In der vorliegenden Arbeit wurden die interessantesten Ansichten der Autoren vorgestellt und ein verallgemeinertes Bild von Experten, Laien und ihre Rollen in der Gesellschaft herausgearbeitet.

2. Definition des Experten

Der Begriff Experte kommt aus Lateinischem expertus „erprobt“, „bewährt“. (Drosdowski 1989, 169f) und bezeichnet eine Person, die sich auf einem bestimmten Gebiet gut auskennt. Die Synonyme für Experte sind: Ass, Autorität, Fachfrau, Fachmann, Kenne, Kennerin, Könner, Könnerin, Spezialist, Spezialistin. (Duden 2010, 358f)

Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache definiert „Experte“ folgendermaßen: „jemand, der sehr viel über ein bestimmtes (Fach)Gebiet weiß“ und gibt als Synonyme „Fachmann, Sachverständiger“. (327f)

Unter Experten werden auch die Personen gemeint, „die komplexe berufliche Anforderungen bewältigen, für die sie sowohl theoretisches (wissenschaftsbasiertes und akademisch vermitteltes) Wissen als auch praktische Erfahrungen haben sammeln müssen“. (Bromme/Rambow 2001, 3f) Experten sind in der Lage Theorie in der Praxis anzuwenden aufgrund der Training sowie auch des Talents.

Ein Experte kann Fachwissen in einem speziellen Bereich besitzen und dadurch ein Spezialist ausschließlich in diesem Gebiet sein – Finanzexperte, Kunstexperte, Literaturexperte – oder sich auch im Allgemeinen in unterschiedlichen Bereichen auskennen und fachübergreifendes Wissen besitzen. Demzufolge kann auch ein Experte ein Fachmann genannt werden. Duden definiert den Fachmann als „eine Person, die in einem bestimmten Fach ausgebildet ist und entsprechende Kenntnisse hat“ (Duden 2010, 360f)

Wer wird als Experte aus sozialer Sicht gesehen? Nach dem voluntaristischen Expertenbegriff ist jeder Mensch mit besonderen Informationen, Fähigkeiten für die Bewältigung des eigenen Alltagslebens ausgestattet. Im weiten Sinn kann man hier von einem spezifischen Wissensvosprung sprechen. Demnach wären im Prinzip alle Menschen Experten, Experten ihres eigenen Lebens. (Bogner 2009, 67f) Die konstruktivistische Definition richtet ihren Fokus auf die Mechanismen der Zuschreibung der Expertenrolle. Diese Definition unterscheidet sich in einen methodisch-relationaler und sozial-repräsentationalen Ansatz. Laut dem ersten Ansatz funktioniert „Experten-Sein“ über die Zuschreibung dieser Rolle seitens der Akteure, die an Aufklärung und Informationen an „objektivem“ Faktenwissen interessiert sind. Z.B. innerhalb der Organisationen lassen sich Experte auch auf den niederen Hierarchieebenen finden. Die Führung besteht nicht immer nur aus Experten. Expertentum ist im Grunde genommen keine personale Eigenschaft oder Fähigkeit. Der zweite Ansatz sieht Experte als ein gesellschaftliches Konstrukt, das in der sozialen Realität als Experte, als Angehörige der „Funktionselite“ angesehen wird (Meuser/Nagel 1994, 181f, zitiert in Bogner 2009, 68f).

Laut wissenssoziologischer Fokussierung des Experten handelt der Experte als Wissenschaftler mit sicherem, eindeutigem Wissen, das ihm jederzeit kommunikativ und reflexiv verfügbar ist. (Bögner 2009, 69f) Den Experten charakterisieren nicht die Kompetenzdifferenzen, sondern die soziale Relevanz seines Wissens. (Bogner 2009, 70f)

Im rechtlichen Bereich werden die Begriffe Sach- bzw. Fachkundiger oder befähigte Person verwendet. Unter befähigte Person wird „eine Person, die durch ihre Berufsausbildung, ihre Berufserfahrung und ihre zeitnahe berufliche Tätigkeit über die erforderlichen Fachkenntnisse zur Prüfung der Arbeitsmittel verfügt“[2] verstanden. Die befähigte Person benötigt in der Regel einen Befähigungsnachweis – Nachweis der fachlichen (theoretischen und/oder praktischen)Vorbildung.[3] Duden definiert einen Sachkundiger als „eine Person, die Sachkenntnis besitzt, die sich auf einem Sachgebiet auskennt“ wo unter Sachkenntnis ein „gründliches Wissen“ gemeint wird. (Duden 2010, 780f) Den Definitionen zufolge ist die praktische Erfahrung neben der Ausbildung von großer Bedeutung.

2.1. Expertenwissen

Bevor der Begriff des Expertenwissens erläutet wird, sollte zuerst der Begriff des Wissens im Allgemeinen definiert werden. Das Gabler Wirtschaftslexikon gibt folgende allgemeine Definition des Wissens: „die Gesamtheit der Kenntnisse und Fähigkeiten, die Individuen zur Lösung von Problemen einsetzen. Wissen basiert auf Daten und Informationen, ist im Gegensatz zu diesen immer an eine Person gebunden“. (Gabler 2000, 3542)

Es wird auch kognitiver, semiotischer, sensualistischer und wissenssoziologischer Wissensbegriffe unterschieden. Ein kognitiver Wissensbegriff bezeichnet Wissen im engeren Sinne als die Gesamtheit der gedächtsnismäßigen Repräsentationen eines Individuums“ (Niegemann 1999, 29, zitiert in Antos 2005, 347f). Nach semiotischem Wissensbegriff wird Wissen symbolisch mittels externer Medien (insbesondere Texte, Bilder) repräsentiert“ (Niegemann 1999, 29, zitiert in Antos 2005, 347f). Laut sensualistisches Wissensbegriffs Wissen ist was man mit eigenen Augen gesehen hat – das weißt man und das muss wahrscheinlich wahr sein. Hier tritt aber auch der Gegensatz auf: Wir sehen oft nur das, was wir bewusst oder unbewusst sehen wollen. Oder nach Karl Popper: Wir erkennen etwas immer nur im Lichte bestimmter Theorien (Vorannahmen). (Antos 1999, 348f) Interessant ist der wissenssoziologische Wissensbegriff: „Wissen ist der individuelle Wissensvorrat des Einzelnen. Und nicht vom „Wissensträger“ zu trennen“. Dieser Wissensvorrat umfasst nicht nur das Fachwissen, sonder auch die Meinungen, Annahmen des Experten oder des Laien. Nach Palm Wissen ist nicht nur Fachwissen, sondern auch Alltagswissen“ (Palm 2001, 349f) In anderen Wörtern, was jemand weiß, das weiß er als Teilnehmer an sozialen Veranstaltungen. (Antos 2005, 349f)

Ernst Pöppel bietet einen neurowissenschaftlichen Zugang. Er unterscheidet „Drei Welten des Wissens“:

- Explizites (begriffliches) Wissen – bescheid zu wissen, Auskunft erteilen zu können. Das ist Information mit Bedeutung. Explizites Wissen ist einem bewusst, es steht jede Zeit zur Verfügung, z.B. in Enzyklopädien und Lehrbüchern. Es ist unsere Kenntnisse über bestimmte Erscheinungen oder Gegenständen.
- Implizites (Handlungs-) Wissen – das Können des Experten. Implizites Wissen drückt die Intuitionen der Menscher aus.
- Anschauungswissen (bildliches Wissen), Erinnerungswissen und Vorstellungswissen - Identitätsbildendes Wissen, bezieht sich auf eigene Erfahrungen, Erinnerungen, Selbstwissen, Wahrnehmungen, Erkenntnisse. (Pöppel 2000, 22, 25, 29, zitiert in Antos 2005, 350-351f)

Explizites Wissen kann auch als „ich-fernes“ Wissen und implizites bzw. bildliches Wissen - als „ich-nahes“ Wissen bezeichnet werden. (Antos 2005, 353f)

Expertenwissen, in Anlehnung an den englischen Sprachgebrauch auch Expertise genannt, ist „Kenntnisse und intellektuelle Fähigkeiten einzelnen Personen, deren Leistung auf einem bestimmten Fachgebiet weit über dem Durchschnitt liegen. In der Regel besteht Expertenwissen aus sehr großen Informationsmengen in Verbindung mit Vereinfachungen, wenig bekannten Fakten, Faustregeln und klugen Verfahrensweisen (Heuristiken), die eine effiziente Problemlösung (in diesem Gebiet) ermöglichen“. (Gabler 2000, 1026)

Nach Sprondel Expertenwissen ist ein in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft „als notwendig erachtetes Sonderwissen“ (Sprondel 179, 148f, zitiert in Bogner 2009, 38f), das auf Probleme bezogen ist, die als Sonderprobleme definiert sind. Sprondel sieht dieses Wissen an die Berufsrolle gebunden. (Bogner 2009, 38f)

Drei zentrale Dimensionen des Expertenwissens werden unterschieden:

- „technisches“ Wissen - charakterisiert sich durch die Herstellbarkeit und Verfügung über Operationen und Regelabläufe, fachspezifische Anwendungsroutinen, bürokratische Kompetenzen. Hier unterscheidet sich das Expertenwissen von dem Alltagswissen durch einen spezifischen Wissensvorsprung.
- „Prozesswissen“ – ist auf Einsichtnahme und Informationen über Handlungsabläufe, Interaktionstroutinen, organisationale Konstellationen sowie vergangene oder aktuelle Ereignisse bezogen. Der Experte ist direkt in diese Ereignisse durch seine praktische Tätigkeit involviert. Das Prozesswissen basiert sich mehr auf praktische Erfahrung und weniger auf theoretisches Fachwissen.
- „Deutungswissen“ – die subjektive Relevanzen, Regeln, Sichtweisen und Interpretationen des Experten. Das ist „das Feld der Ideen und Ideologien“, Erklärungsmuster des Experten. (Bogner 2009, 71f)

„Deutungswissen“ weist nicht unbedingt auf den Wissensvorsprung des Experten. Ein Experte mit dem „Deutungswissen“ kann auch eine „Privatperson“ sein, einfach ein aufgeklärte Laie. (Bogner 2009, 72f)

Daraus schließt sich eine endgültige Definition des Experten: „Der Experte verfügt über technisches, Prozess- und Deutungswissen, das sich auf ein spezifische Handlungsfeld bezieht, in dem er in relevanter Weise agiert (etwa in einem bestimmten organisationalen oder seinem professionellen Tätigkeitsbereich). Insofern besteht das Expertenwissen nicht allein aus systematisiertem, reflexiv zugänglichem Fach- oder Sonderwissen, sonder er weist zu großen Teilen den Charakter von Praxis- oder Handlungswissen auf […]Das Wissen der Experten, seine Handlungsorientierungen […] weisen zudem – und das ist entscheidend – die Chance auf, in der Praxis in seinem Handlungsfeld […] hegemonial zu werden […]. (Bogner 2009, 73f)

Expertenwissen kann durch verschiedene Möglichkeiten erworben werden: durch eine Ausbildung, Studium oder Forschung. Eine staatliche bzw. staatlich anerkannte oder allgemein anerkannte Prüfung mit Übergabe eines Zeugnisses bestätigt den Erwerb und Besitz der notwendigen Kenntnisse. Es ist auch möglich das Expertenwissen autodidaktisch zu erwerben, mit Hilfe der Bücher, Internet und sonstigen Quellen. In diesem Fall wird aber die Person nicht als Fachmensch anerkannt.

Aus der jeweiligen Besonderheit der Erfahrung, aus der Art des Umgangs mit Wissen und auch aus der eigenperspektivischen Einschätzung sowohl durch Laien als auch durch Experten lassen sich noch weitere Wissenstypisierungen vornehmen. Eine mögliche Typologisierung von Wissensbeständen resultiert aus der unterschiedlichen Intensität der Befassung mit dem Gegenstand. Die Erfahrungsintensität ist nicht nur eine Kategorie, die im Bereich des Laienwissens greift, sondern auch für den Expertenbereich relevant ist. Hier kann man über ein allgemeines fachliches Grundwissen oder Orientierungswissen, oder auch über ein Handbuchwissen sprechen. Der Kontakt mit dem Gegenstand kann eine direkte, eigene Erfahrung darstellen oder aber eine indirekte, über Personen oder Institutionen vermittelte Erfahrung.

[...]


[1] www.zitate.de/db/ergebnisse.php?kategorie=Experte

[2] § 7 Abs. 2 der BetrSichV

[3] www.unternehmerinfo.de/Lexikon/B/Befaehigungsnachweis.htm

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Experten-Laien Dialog
Untertitel
Wissenstransfer in der Fachkommunikation
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Dialoglinguistik"
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V180259
ISBN (eBook)
9783656030300
ISBN (Buch)
9783656030683
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
experten-laien, dialog, wissenstransfer, fachkommunikation
Arbeit zitieren
Olga Risukhina (Autor), 2010, Experten-Laien Dialog, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180259

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Titel: Experten-Laien Dialog



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