„Kafkas weltliterarische Bedeutung manifestiert sich erstens in den Einflüssen, die von den Werken anderer Autoren auf Kafkas Oeuvre ausgegangen sind und zweitens in jenen, die es selbst auf die Werke anderer Autoren nahm.“ Vor allem um die Einflüsse anderer Werke auf die Texte Franz Kafkas soll es in dieser Arbeit gehen. Sie macht es sich zur Aufgabe, die Möglichkeiten und Grenzen einer intertextuellen Interpretation von Kafkas Erzählung Ein Bericht für eine Akademie herauszuarbeiten.
Wenn in diesem Zusammenhang von Intertextualität gesprochen wird, ist der Ansatz von Julia Kristeva gemeint, der dieser Arbeit als maßgebliche theoretische Fundierung dienen soll. Und das gerade weil er mit einem höheren Grad an Unbestimmtheit operiert, als der zweite große, mit ihm konkurrierende Ansatz, zu dessen Vertretern etwa Ulrich Broich und Manfred Pfister zählen. Anders als deren Konzept, dass aufgrund des eng gesteckte Rahmens nur greifen kann, wenn intertextuelle Bezüge markiert und intendiert sind, geht Kristeva von einem Textbegriff aus, für den sie exemplarisch Kafkas Werke heranzieht: Gerade ihn sieht sie als einen Vertreter des polyphonen Romans des 20. Jahrhunderts, „der Sprache innerlich [...] macht“ und deshalb ihrem Konzept eher zu entsprechen vermag.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen: Die Intertextualitätstheorie
3. Exkurs: Interpretation und Überinterpretation
4. Kafka und Intertextualität: Ein erster Zugang
4.1 Zu Kafkas Lektüren
4.2 Zu Kafkas intertextuellem Verfahren
5. Intertextuelle Bezüge in Kafkas Bericht
5.1 Zu Kafka und Homer
5.2 Zu Kafka und E.T.A. Hoffmann
5.3 Zu Tierdressur und Varieté
5.4 Zu Kafka und Wilhelm Busch
6. Zusammenfassung und Fazit
7. Literaturliste
7.1 Texte
7.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen einer intertextuellen Interpretation von Franz Kafkas Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie" unter Anwendung des theoretischen Modells von Julia Kristeva. Dabei wird analysiert, inwiefern die dekonstruktivistisch-poststrukturalistische Theorie dazu beitragen kann, intertextuelle Bezüge auch dort zu identifizieren, wo klassische, hermeneutische Ansätze aufgrund fehlender markierter Hinweise an ihre Grenzen stoßen.
- Intertextualitätstheorie nach Julia Kristeva im Vergleich zu hermeneutisch-strukturalistischen Ansätzen
- Kafkas intertextuelle Schreibweise und die Rolle seiner Lektüren
- Analyse potenzieller intertextueller Bezüge zu Homer und E.T.A. Hoffmann
- Bedeutung gesellschaftlicher Diskurse (Tierdressur, Varieté) als Zeichensysteme
- Untersuchung von Einflüssen durch Wilhelm Buschs Bildergeschichten
Auszug aus dem Buch
4. Kafka und Intertextualität: Ein erster Zugang
Um einen Zugang zu möglichen intertextuellen Bezügen in Kafkas Bericht zu bekommen, empfiehlt es sich, den Autor Franz Kafka auch als Leser in den Blick zu nehmen: Zwar muss, sofern mit dem Konzept Kristevas operiert werden soll, nicht unbedingt vorausgesetzt werden, dass Kafka Texte anderer Autoren bewusst rezipiert hat. Auch unbewusste Bezugnahmen, sei es, weil die Lektüre eines Hypotextes so lange zurückliegt, dass die Erinnerung daran nur noch unbewusst vorhanden ist, oder solche, die auf Texte rekurrieren, die nicht mit einer gebührenden Aufmerksamkeit rezipiert wurden, und daher von vornherein nur begrenzt Eingang in den bewussten geistigen Fundus Kafkas gefunden haben, müssen einbezogen werden.
Kafkas Bezüge zur Weltliteratur „gründen sich auf Lektüren: auf Kafkas eigene Lektüren, soweit sie Eingang in sein literarisches Werk gefunden haben, wie auf ebenfalls produktive Lektüren seiner Texte durch andere Autoren.“ Die Bedeutung von Kafkas Lektüren relativiert Lamping allerdings: Sie als Indizien für intertextuelle Bezüge heranzuziehen, erscheint ihm schwierig. Er weißt darauf hin, dass Kafka „offenbar kein großer Leser“ war. Anderes als andere Autoren habe Kafka auch keine bedeutenden Essays über die von ihm rezipierten Texte geschrieben. Dadurch bleibe der Einfluss der Lektüren auf das Schreiben schwer zu identifizieren: „Kafkas produktive Lektüren sind oft versteckte oder verdeckte Rezeptionen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie Kafkas "Bericht für eine Akademie" intertextuell zu interpretieren ist, und begründet die Wahl des Modells von Julia Kristeva.
2. Theoretische Grundlagen: Die Intertextualitätstheorie: Es werden zwei Ausrichtungen der Intertextualitätstheorie gegenübergestellt: die hermeneutisch-strukturalistische und die poststrukturalistische nach Kristeva.
3. Exkurs: Interpretation und Überinterpretation: Dieser Abschnitt thematisiert das Spannungsfeld zwischen Textintention und Leserintention sowie die Gefahren der Überinterpretation bei der Suche nach intertextuellen Bezügen.
4. Kafka und Intertextualität: Ein erster Zugang: Es wird untersucht, wie Kafkas Lektüreverhalten und seine intertextuelle Schreibweise (Transformation von Vorlagen) zu bewerten sind.
5. Intertextuelle Bezüge in Kafkas Bericht: Das Hauptkapitel analysiert konkrete Motivkomplexe und Bezüge zu Homer, E.T.A. Hoffmann, zeitgenössischen Diskursen wie Tierdressur und Varieté sowie zu Wilhelm Busch.
6. Zusammenfassung und Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei betont wird, dass eine Kopplung von intertextueller und hermeneutischer Analyse ratsam bleibt.
7. Literaturliste: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Ein Bericht für eine Akademie, Intertextualität, Julia Kristeva, Literaturtheorie, Hermeneutik, E.T.A. Hoffmann, Homer, Wilhelm Busch, Tierdressur, Varieté, Literaturgeschichte, Poststrukturalismus, Textanalyse, Motivforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die intertextuellen Dimensionen von Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie" und prüft, ob das Theoriekonzept von Julia Kristeva für eine tiefere literaturwissenschaftliche Analyse geeignet ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es erfolgt ein Vergleich zwischen dem hermeneutisch-strukturalistischen Modell und dem poststrukturalistischen Konzept von Julia Kristeva, ergänzt um komparatistische Literaturanalyse.
Was ist das Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Möglichkeiten und Grenzen einer intertextuellen Deutung bei Kafka auszuloten, ohne dabei in unhaltbare Interpretationen abzugleiten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Intertextualitätstheorie, die Rolle von Kafkas Lektüren, der Einfluss von Autoren wie Homer und E.T.A. Hoffmann sowie die Bedeutung gesellschaftlicher Diskurse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden spezifische Motivkomplexe analysiert, darunter die Achillesferse, die Figur des Affen in Anlehnung an Hoffmanns Erzählungen und der Einfluss von Varieté und Tierdressur.
Welche Autoren werden primär als Bezugspunkte untersucht?
Besonders intensiv werden die Bezüge zu Homer (Ilias), E.T.A. Hoffmann ("Nachricht von einem gebildeten jungen Mann") und Wilhelm Busch ("Fipps der Affe") diskutiert.
Warum wird Julia Kristevas Ansatz gegenüber anderen Methoden bevorzugt?
Kristevas Ansatz wird bevorzugt, weil er auch unbewusste oder unmarkierte Bezugnahmen einbezieht, was bei Kafkas "unmarkierter" intertextueller Schreibweise notwendig sein kann.
Wie geht die Autorin mit dem Problem der "Beliebigkeit" in der Interpretation um?
Die Arbeit empfiehlt, Kristevas weiten Intertextualitätsbegriff stets durch hermeneutische Maßgaben zu ergänzen, um eine stabile Basis für die Interpretation zu wahren.
Was unterscheidet Kafkas "Tierdarstellungen" laut dem Text von klassischen Fabeln?
Kafkas Darstellungen werden als naturalistischer beschrieben; die Tierfiguren verlieren ihre Animalität nicht vollständig, was ihre "irritierende Bedeutung" ausmacht.
Welche Bedeutung hat das Motiv der "Achillesferse" in dieser Arbeit?
Es dient als prominentes Beispiel für eine intertextuelle Bezugnahme, die sich sowohl über das antike Motiv als auch über strukturelle Analogien im Text nachweisen lässt.
- Citar trabajo
- Alexander Hoffmann (Autor), 2008, Kafka und Kristeva: Erprobung des Intertextualitätsmodells nach Julia Kristeva an Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180317