Die Mitgliedschaft der skandinavischen Staaten im Völkerbund


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die skandinavischen Staaten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

Innenpolitische Verhältnisse in der Zwischenkriegszeit

Die skandinavischen Staaten und die Gründung des Völkerbundes- Hoffnungen und Befürchtungen

Die ökonomische Situation der Zwischenkriegszeit

Der Beitritt der skandinavischen Staaten zum Völkerbund

„Arktischer Imperialismus“ und Schiedsgerichtsverfahren

Ziele der Skandinavier und praktische Beispiele ihrer Mitarbeit im Völkerbund

Kollektive Sicherheit und Abrüstung

Der Anfang vom Ende des Völkerbunds

Fazit

Literatur

Einleitung

Der französische General Ferdinand Foch, der als Oberkommandierender der gesamten Entente-Truppen in Frankreich die Achsenmächte im November 1918 zum Waffenstillstand nach seinen Bedingungen zwingen konnte, sagte später über die Deutschland betreffenden Artikel im Versailler Vertrag, dies sei kein Friedensvertrag, sondern ein Waffenstillstand für die nächsten 20 Jahre.[1]

Wie zutreffend er damit nicht nur die Aufnahme des „Schanddiktats“ innerhalb der deutschen Bevölkerung und die daraus resultierenden Revisionsbestrebungen, sondern auch die voraussichtliche Dauer des erzwungenen Friedens antizipierte, ist bemerkenswert.

Teil des Versailler Vertrages war auch der Völkerbund, der erstmalig das Konzept einer umfassenden internationalen Staatenvereinigung zur Erlangung dauerhaften Weltfriedens und –praktischer zunächst- einer Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg schaffen sollte.

Diese Arbeit befaßt sich mit dem Engagement der skandinavischen Staaten im Völkerbund. Zur Abgrenzung des Begriffs „Skandinavien“ soll in diesem Fall eine Kombination aus geographischer und linguistischer Definition benutzt werden, welche die beiden Hauptstaaten der skandinavischen Halbinsel, Norwegen und Schweden, sowie das zu großen Teilen zur norddeutschen Tiefebene gehörende Dänemark einschließt.[2]

Es soll dargelegt werden, welche Überzeugungen und Interessen den Zielen der Vertreter der skandinavischen Delegationen bei den Genfer Sitzungsrunden der Weltorganisation zugrunde lagen und somit handlungsleitend waren. Die Beobachtung schließt sowohl die anfänglichen Bemühungen der Skandinavier ein, den Völkerbund in gewissem Maße nach ihren Präferenzen zu formen, als auch ihr späteres Verhalten in praktischen politischen Fragen. Ein eigenes Kapitel widmet sich den internationalen ökonomischen Umständen der Zwischenkriegszeit sowie deren Einflüssen auf die skandinavische Wirtschaft. Insgesamt entsteht das Bild eines informellen Zusammenschlusses dreier Kleinstaaten am nördlichen Rand Europas, die mit der Erschaffung des Völkerbunds eine Abkehr ihrer bisherigen Politik der Neutralität wagten, um im Sinne des Wilsonschen Ideals für Frieden und Gerechtigkeit durch die Kodifizierung Internationalen Rechts einzutreten. Jedoch sahen sich die Männer und Frauen aus dem Norden in ihrem leidenschaftlichen Kampf für eine „neue Weltordnung“[3] von Anfang an einer vorwiegend durch die weiterbestehende Realpolitik der Großmächte gleichbleibenden Gleichgewichtspolitik gegenüber, die ihrem idealistischen Streben enge Grenzen setzte. Der Völkerbund hatte gerade dieses System der zwischenstaatlichen Beziehungen der Länder Europas, welches nach dem Abgang Bismarcks von der politischen Bühne in den Weltkrieg geführt hatte, durch ein neues der „Kollektiven Sicherheit“ ersetzen sollen. Der Erste Weltkrieg - die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ - hatte sich von einem regional begrenztem Konflikt zu einem Flächenbrand globalen Ausmaßes entfesselt.

Das Konzept Kollektiver Sicherheit bedeutete den Verzicht kriegerischer Mittel zur Beilegung internationaler Streitfälle. Im Rahmen des Völkerbunds sollten außerdem wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit die Friedfertigkeit der Staaten vergrößern. Zweites Hauptanliegen des Völkerbundes war die internationale Abrüstung.

Die skandinavischen Staaten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

Die Schaffung einer internationalen Staatenorganisation war bereits während des noch andauernden Ersten Weltkrieges angeregt worden. Sie geht vor allem auf die „Vierzehn Punkte für einen maßvollen Frieden“ des amerikanischen Präsidenten T. Woodrow Wilson zurück, deren letzter die Kreierung eines Bundes der Völker vorsah.[4][5] Bereits am 8.1.1918 verkündete Präsident Wilson die „demokratische Weltrevolution“ (Huber 2000: 2): Es muß zum Zwecke wechselseitiger Garantieleistung für politische Unabhängigkeit und territoriale Unverletzlichkeit der großen wie der kleinen Staaten unter Abschluß spezifischer Vereinbarungen eine allgemeine Gesellschaft von Nationen gebildet werden.« In einer Rede am 4. Juli 1918 in Mount Vernon bekräftigte Wilson seine Forderung nach Errichtung einer Friedensorganisation, die es sicherstellen sollte, »daß die Gesamtmacht der freien Nationen jede Rechtsverletzung verhüten wird Schickel 1982: 11-14).

Die Staaten Skandinaviens waren während des Ersten Weltkrieges neutral geblieben. Allerdings divergierten die von den einzelnen Nationen zum Ausdruck gebrachten Neigungen hinsichtlich der kriegführenden Parteien zum Teil beträchtlich. Dies resultierte besonders aus den unterschiedlichen geographischen Lagen. In Schweden, welches seit langer Zeit mit den russischen Ansprüchen im Mare Balticum und den es umgebenen Landmassen zu kämpfen hatte – im Schwedisch-Russischen Krieg von 1808/09 hatte Rußland die Åland-Inseln sowie ganz Finnland dazugewonnen – favorisierte in der latent deutschfreundlichen Stimmung eine kleine, jedoch lautstarke Fraktion einen kräftigen Schlag gegen Rußland, der mit Hilfe des Deutschen Reiches unternommen werden sollte. In Dänemark wurde es als selbstmörderisch angesehen, als Gegner Deutschlands in den Krieg einzutreten, obwohl wegen des Verlusts Schleswigs seit 1864 die Gefühle für den südlichen Nachbarn deutlich reserviert waren und man klar der Entente zuneigte (Jones 1969: 7-8). Norwegen indes war erst seit 1905 wieder selbständig[6] und hatte keine territorialen Ansprüche oder sonstige Interessen, die es mit Ergreifung der einen oder der anderen Kriegspartei hätte unterstützen können. Allerdings war es Anfang des 19. Jahrhunderts - damals in Union mit Dänemark - vom dänischen König auf der Seite Napoleons in den Krieg gegen England hineingezogen worden. Die anschließende britische Blockade hatte die norwegische Bevölkerung sehr hart getroffen. Ein freundschaftliches Verhältnis zu den Briten wurde nachfolgend in der Außenpolitik zu einem Anliegen höchster Priorität. Die von Norwegen im Jahre 1905 gewählte Neutralität basierte also auf britischer Seemacht, da Großbritannien sowohl die erforderliche Stärke als auch ein unmittelbares Interesse daran hatte, Norwegen gegen fremde Besetzung zu verteidigen (www.norwegen.org). Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stellte sich diese Westorientierung indes um einiges gewollter und somit auch gefestigter dar. Dies hatte mehrere Gründe: Norwegen hatte im durch den von deutscher Seite entfesselten U-Bootkrieg ca. 800 Schiffe verloren. Nach dem Krieg fand eine Reorientierung von Deutschland, das bisher die kulturellen Bindungen Skandinaviens nach Europa dominiert hatte, nach England und später auch nach Amerika statt. Außer als große Vorbilder im Parlamentarismus sah Norwegen klare Gemeinsamkeiten mit Großbritannien durch die maritime Ausrichtung beider Länder. Die Verbindungen zu den USA fußten zunächst stark auf der großen norwegischen Diaspora, die sich um die Jahrhundertwende dort gebildet hatte. Diese Neigungen wurden durch den Sieg der Alliierten, und später noch einmal durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Reich deutlich verstärkt (Riste 2001: 111, 128).

Das Besondere an dieser Konstellation der Sympathien ist, daß sich aus ihr kein innerskandinavischer Konflikt ergab. Im Gegenteil; die drei Länder trafen hinsichtlich einer solchen Gefahr beim Dreikönigstreffen in Kristiania[7] im Dezember 1914 die Übereinkunft, untereinander auftretende Streitigkeiten ausschließlich auf friedlichem Wege zu regeln, die Kooperation untereinander zu fördern, und in dem Krieg der europäischen Großmächte Neutralität zu bewahren. Das sollte sie vor den desaströsen Folgen, die ein Eintritt in einen Krieg auf verschiedenen Seiten für die Zukunft ihrer Völker bedeutet hätte, bewahren. Die Fähigkeit zur friedfertigen Beilegung von Konflikten mit Eskalationspotential hatten Schweden und Norwegen bereits 1905 bei der Auflösung ihrer seit 1814 bestehenden Union gezeigt. Der Erste Weltkrieg überschattete und verdrängte kleinere Streitigkeiten zwischen den Ländern, welche zum Teil noch als Folge von 1905 bestanden hatten[8], und führte so zu einer praktisch erstmaligen Hervorkehrung und Ausnutzung ihrer vielfachen Gemeinsamkeiten: Von der Kalmarer Union 1388 bis zu Norwegens Selbständigkeit kann man die Geschichte der Halbinsel als Triumph des Separatismus über den Skandinavismus begreifen (Jones 1969: 4, 8).[9]

Der Vorsatz, Konflikte in zwischenstaatlichen Beziehungen mit Hilfe von Schlichtungsverfahren zu bereinigen, manifestiert sich in den zahlreichen und zum Teil weitgehenden entsprechenden Verträgen, welche die skandinavischen Staaten schon vor 1914 mit vielen Staaten, darunter außer Deutschland auch die europäischen Großmächte, abgeschlossen hatte. Die Neigung der Nordeuropäer zur Neutralität und ein starker Wille zu dauerhaftem Frieden war bereits um die Jahrhundertwende deutlich geworden, als viele Friedensgesellschaften gegründet wurden, in denen neben Neutralität auch Abrüstung bis hin zum Antimilitarismus eine Rolle spielte. Auch wurde in diesen Vereinigungen Bezug auf die beschränkte Möglichkeit kleiner Staaten zur Beeinflussung der Weltpolitik genommen- so hielten es etwa die „Friedensfreunde“ für das Recht und die Pflicht kleiner Länder, die Führung in Abrüstungsfragen zu übernehmen. Aus diesem Anliegen ergab sich jedoch die problematische Frage, wie man diese Grundsätze gegenüber den Großmächten vertreten und auch nur ansatzweise durchsetzten sollte, ohne dabei an Neutralität einzubüßen und sich dem Vorwurf der Einmischung auszusetzen (Jones 1969: 13, 15-16, 23-24).

Innenpolitische Verhältnisse in der Zwischenkriegszeit

Die innenpolitische Geschichte dieser Zeit kann grob in zwei Perioden eingeteilt werden; dabei muß berücksichtigt werden, daß die Phasen in den verschiedenen Ländern leicht gegeneinander verschoben sind. Die erste Periode war gekennzeichnet von schwachen Regierungen mit kurzer Lebensdauer,[10] die entweder nur von einer Minderheit unterstützt wurden, oder brüchigen Koalitionen entlang der Bruchlinie Sozialisten / Nicht-sozialisten. Die enorm starke Rivalität beider Lager im nordischen Fünfparteiensystem, bestehend aus Kommunisten und Sozialisten auf der einen, Bauern, Liberalen und Konservativen auf der anderen Seite, deren Repräsentanten in der jeweils anderen Seite die Verkörperung des Schlechten, wenn nicht gar Bösen sahen, machte Kooperation und Kompromiß nahezu unmöglich. Dies bedeutete praktisch eine Stagnation in so wichtigen Fragen wie Arbeitslosigkeit, staatlicher ökonomischer Intervention und Verteidigung. Die zweite Periode zeichnete sich hingegen durch eine Phase politischer Stabilität aus, in der die Sozialisten, häufig in Koalition mit den Bauernparteien, die Regierung stellten und eine „exzeptionelle legislative Produktivität“ zustande brachten. Diese Wende wurde eingeleitet durch eine kompetente politische Führung sämtlicher Parteien und das Bekenntnis der Sozialistischen Partei zu nationaler Einheit und einem Aufweichen ihrer starren Positionen in Bezug auf Klassen und das „richtige“ Wirtschaftssystem (Nordstrom 2000: 270-271).

[...]


[1] Dieser Sicht entsprechend, schlägt Bryan J. Nordstrom schlägt vor, die gesamte Periode von 1914 bis 1945 als einen einzigen Konflikt zu sehen- ein 31-jähriger Krieg, unterbrochen von einem 20-jährigen Waffenstillstand (2000: 257).

[2] Exkludiert sind somit die in extensiven Skandinavien-Definitionen miteingeschlossenen Staaten Island und Finnland, erstes wegen seiner geographischen und politischen Irrelevanz, letzteres wegen seiner Nicht-Zugehörigkeit zur indogermanischen Sprachenfamilie.

[3] Ein in diesen Tagen arg strapazierter Begriff, der nach dem Ersten Weltkrieg sehr treffend den ebenso ambitiösen wie illusorischen Versuch kennzeichnete, Machtpolitik aus den internationalen Beziehungen zu verbannen.

[4] Die Idee eines Staatenbundes war bereits 1795 von Immanuel Kant in dessen Schrift „Zum Ewigen Frieden“ diskutiert worden. Dessen erste Voraussetzung, die republikanische Verfaßtheit (im Sinne von Repräsentativität und Gewaltenteilung) sämtlicher Staaten, war im Völkerbund freilich nicht gegeben (Schickel 1982: 11-14).

[5] Der christlich orientierte US-Präsident war auch der biblisch inspirierte Namensgeber der Charta oder Satzung des Völkerbunds: Im englischen Original heißt diese „Covenant“ und bezeichnet somit sowohl ein förmliches und rechtsverbindliches Versprechen im juristischen, als auch die Bundeslade der Israeliten im religiösen Sinne (Riste 2001: 129).

[6] Die Auflösung der Union mit Schweden rührte zu einem beträchtlichen Teil von der norwegischen Unzufriedenheit mit dem eigenen Anteil an der Außenpolitikformulierung her (Jones 1969: 5).

[7] 1925 umbenannt in Oslo.

[8] Norwegen hatte sich zum Beispiel durch die Großmächtegarantie von 1907 bei Schweden nicht beliebter gemacht, und auch Dänemark trugen die Schweden seine pronorwegische Haltung während der Auflösungsphase der Union nach.

[9] Eine Rolle bei der praktischen Undurchführbarkeit wie auch der zunächst zumindest theoretischen Undenkbarkeit einer noch weitergehenderen Kooperation, vielleicht in Form einer nordischen Föderation, spielte sicherlich die erst 1905 getrennte Union Schwedens und Norwegens.

[10] So hatte Norwegen in der gesamten Zwischenkriegszeit 12 Minderheitsregierungen, Schweden kam gar auf 15 verschiedene Regierungen. Dänemark stellte in dieser Beziehung mit nur 4 Regierungswechseln innerhalb dieser Zeit eine Ausnahme dar, obwohl seine ökonomischen und sozialen Probleme denen seiner Nachbarn nicht nachstanden (Nordstrom 2000: 271, 273, 275-276).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Mitgliedschaft der skandinavischen Staaten im Völkerbund
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Skandinavien in der Zwischenkriegszeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
32
Katalognummer
V18032
ISBN (eBook)
9783638224574
ISBN (Buch)
9783638684064
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt die aktive Mitarbeit der skandivischen Länder im Völkerbund. Besondere Berücksichtigung erfährt der Gedanke der Kollektiven Sicherheit, mittels derer zukünftige Kriege vermieden werden sollten.
Schlagworte
Mitgliedschaft, Staaten, Völkerbund, Skandinavien, Zwischenkriegszeit
Arbeit zitieren
Hendrik M. Buurman (Autor), 2002, Die Mitgliedschaft der skandinavischen Staaten im Völkerbund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18032

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