Das mittelalterliche Drama im sozial-religiösen Kontext


Seminararbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Definition
1.2 Zeitraum
1.3 Schauplätze
1.4 Quellen

2. Charakteristika
2.1 Stoffe
2.2 Sprachliche Form
2.3 Bühnengestaltung
2.4 Darstellungsweise
2.5 Darstellungsabsichten

3. Entwicklung
3.1 Die Anfänge
3.2 Spätmittelalter
3.3 Das Ende

4. Die Personen auf und hinter der Bühne
4.1 Die Autoren
4.2 Die Schauspieler und Spielleiter

5. Die verschiedenen Formen
5.1 Das Passionsspiel
5.2 Das Fronleichnamsspiel
5.3 weitere Formen

6. Zusammenfassung

1. Einleitung:

Meine Hausarbeit beschäftigt sich mit dem mittelalterlichen Drama im sozial-religiösen Kontext. Zunächst gebe ich einen Überblick über diese Dramenform im Allgemeinen, später gehe ich auf die Entwicklung des geistlichen Dramas, im Zusammenhang mit dem Übergang vom gradualistischen Weltbild[1] zum Nominalismus[2], ein. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt darin, zu zeigen, wie sich diese Form des Theaters, von den Anfängen im 10. Jahrhundert bis zu seinem Ende im 16. Jahrhundert, mit der Gesellschaft entwickelt hat.

1.1 Definition:

Das mittelalterliche, geistliche Drama war eine „Art geistliche Oper“[3], ein Schauspiel in der Kirche. Es wurden Szenen aus der Bibelgeschichte dargestellt, die den Christen, optisch und akustisch, ihre Religion näher bringen sollten und ihn zu einem gläubigen Wesen erziehen sollten[4]. Das geistliche Drama des Mittelalters war zu seiner Zeit ein „Medium der Volksunterweisung“[5]. Zusammengefasst kann man sagen, dass es eine „dramatisch szenische Darstellung geistlicher Stoffe“ ist, „welche Belehrung und Veranschaulichung bezweckt und die auf einer symbolistischen Simultanbühne, oft als Simultanhandlung aufgeführt wird“[6].

Auffallend ist, dass das geistliche Drama im 9./ 10. Jahrhundert von der Kirche eingeführt wurde und später, im 16. Jahrhundert, von der Kirche verboten wurde.[7]

1.2 Die Ursprünge:

Nach langer theaterloser Zeit entwickelte sich im 10. Jahrhundert, aus der Liturgie des Christentums, das religiöse Theater des Mittelalters.

Die Kirche sah das Theater bisher immer als sittenlos und sündig an[8], doch da sie sich ausbreiten wollte und nach mehr Anhängern trachtete, führte sie das Kirchenschauspiel als Teil des Gottesdienstes ein. Damit wollte sie Gläubige aus dem Volk anlocken, die normalerweise nicht in die Kirche gehen würden und sie vom heidnisch-antiken Theater ablenken[9]

Somit ist das geistliche Drama eine echte Neuschöpfung, da das Theater (nach der Antike) wiedergeboren wurde. Es hatte religiöse Ursprünge.[10]

1.3 Der Zeitraum

Der genaue Wirkungszeitraum des geistlichen Dramas ist wie in vielen anderen Bereichen der Literaturwissenschaft nicht genau anzugeben, doch er ist überschaubar. „Die griechische Kirche scheint schon im 9. oder 10. Jahrhundert religiös-theatralische Kirchenraumspiele veranstaltet zu haben“[11], jedoch nur im Rahmen des Gottesdienstes. Im Laufe der Zeit wurden die Spiele aber immer populärer. Mit der Entwicklung der Gesellschaft wurden sie aus der Kirche „herausgebracht“ und dem Volk „nahegebracht“.[12] Auch andere Länder wie Italien, Frankreich, England, Böhmen und die Niederlande fanden Gefallen an den Spielen.[13] Die zunehmende Verweltlichung führte dann im 16. Jahrhundert dazu, dass die Kirche mehrere Verbote aussprach und sie unterdrückte.[14] Im 17. Jahrhundert gab es vereinzelt in abgelegenen Dorfgegenden noch Aufführungen, doch auch diese verschwanden mit der Zeit.[15]

1.4 Die Schauplätze

Anfangs war die Kirche einziger Schauplatz für die geistlichen Spiele, doch durch den Zusammenbruch des gradualistischen Weltbildes und der somit resultierenden Verselbstständigung der Menschen[16], entwuchs das Theater der Kirche[17]. Es kam zu einer Loslösung vom Gottesdienst, die dazu führte, dass die Schauspiele nun draußen, also an nichtkirchlichen Orten, stattfanden. Der Ort hierfür war zumeist der Marktplatz, da er der größte Platz in einer Stadt war.[18] Andere Spielorte waren auch die „Straßen der Städte, Säle in den Ratshäusern, Wirtshäuser und die Stuben privater Häuser“[19]

1.5 Die Quellen

Die Hauptquelle für alle geistlichen Dramen war natürlich die Bibel mit allen heilsgeschichtlichen Ereignissen.[20] Aber auch Legenden und Apokryphen hatten Einfluss. Wichtig ist vor allem, dass fast keine Spielgruppe ihre Stücke selber schrieb. Es waren meistens schon überlieferte Texte, von Geistlichen geschrieben, die dann für die Aufführungen umgeschrieben und bearbeitet wurden.[21]

2. Charakteristika

2.1 Die Stoffe

Bei der Darstellung der biblischen, apokryphen und legendarischen Stoffe stand „die Geburt, Passion und Auferstehung Jesu eindeutig im Zentrum“[22]. Szenen wie die Jüngerberufung, die Bergpredigt und die Tempelreinigung erfreuten sich der meisten Beliebtheit. Auch stand Jesu öffentliches Wirken[23], wie diverse Heilungen von Blinden, Lahmen und Krüppeln und die Auferweckungen des Jünglings von Naim und der Tochter des Jairus und des Lazarus, im Vordergrund. Die Passion Jesu ist jedoch zumeist am Ausführlichsten und in allen Details dargestellt. Es beginnt beim Einzug in Jerusalem. Gezeigt werden das Abendmahl, die Gefangennahme, Verhöre, Verurteilung und Kreuzigung bis zum Begräbnis.[24] Vor allem solche Szenen waren wichtig, denn sie waren für das Volk eine Art Belehrung. Das realistische Schauspiel der Geschichte sollte ein Mitleiden, die „compassio“, beim Publikum erregen. Die Menschen sollten einsehen, dass man die Aufopferung Jesu wertschätzen sollte, da er sich für uns alle geopfert hat. Das Publikum sollte den Leidensweg Christi direkt miterleben und hautnah verfolgen.[25]

Abgesehen von den Stoffen, die Jesu Leben betrafen, wurden auch Stoffe aus dem Alten Testament verwendet, die „heilsgeschichtlich der Erlösung durch Jesu zugeordnet waren“[26]. Es handelt sich hierbei um die Schöpfungsgeschichte (z.B. die Erschaffung der Welt, der Engel und der Menschen), den Sündenfall (mit der Vertreibung aus dem Paradies), Kain und Abel, Moses, David und Goliath usw.

Wichtig zu nennen sind auch Stoffe wie das Weihnachtsgeschehen mit Darstellungen aus dem Leben Marias, Hirten- und Dreikönigsszenen, die Flucht nach Ägypten, dem Kindermord und anderen, und das Ostergeschehen. Dieses beinhaltet vor allem die Szenen der Auferstehung, der Marien am Grab und der Erscheinungen Jesu. Daran werden neutestamentliche Szenen der Himmelfahrt Jesu, des Pfingstwunders und der Himmelfahrt Maria angehangen. Abschließend sind noch Antichrist- und Weltgerichtsspiele zu nennen, die am Ende der Heilsgeschichte aufgeführt wurden.[27]

2.2 Die sprachliche Form

Anfangs war das religiöse Spiel des Mittelalters ein dem „Ritus der Heiligen Messe“[28] entsprungenes Schauspiel, das nur in lateinischer Sprache gehalten wurde.[29] Es waren hauptsächlich lateinische Osterfeiern, die die Vorstufe zu dem geistlichen Drama des Mittelalters darstellen.[30] Der Text war ausschließlich in Latein gehalten, doch manchmal wurde das deutsche Osterlied „Christi ist erstanden“ am Ende des Osterspiels gesungen. Man kann allgemein sagen, dass die lateinischen Spiele im Gegensatz zu den deutschen Spielen, die gesprochen wurden, gesungen wurden. Sie waren eine „Art Oratorien“[31].

Das mittelalterliche deutsche Drama entstand erst im 13. Jahrhundert so wirklich.[32] Durch die Veränderungen in der Gesellschaft und die zunehmende Verweltlichung wurde das strenge Latein durch die Nationalsprache des jeweiligen Landes verdrängt.[33] „Nicht mehr nur das geheimnisvolle Latein trägt die stilisierte Würde der theatralischen Interpretation, sondern die eigene Landessprache.“[34]. Dies geschah hauptsächlich durch die räumliche Veränderung. Das Schauspiel wurde von der Kirche auf den Marktplatz verlegt, wo nun auch viel mehr Zuschauer anwesend waren. Doch da der Bildungsstand des Publikums sehr niedrig war, konnten nur die wenigsten etwas verstehen. Somit drangen immer mehr Wörter und Ausdrücke der Volkssprache in den lateinischen Text.[35] Die Sprache in den deutschen Texten zeigt regionale Sprachformen, jedoch haben alle Texte, bis auf einige wenige Ausnahmen, einen einfachen, schlichten Sprachstil. „Derb-vulgäre, ja gelegentlich obszöne Ausdrucksweisen“[36] sind keine Seltenheit. Die Schauspiele sind fast nur im Reimpaarvers geschrieben, der normalerweise vierlebig war. Dennoch zeichnen sich auch viele Stellen durch eine freie Versfüllung aus.[37] Prosasprache kommt in den geistlichen Stücken nicht vor.[38]

[...]


[1] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 214

Das Wort Gradualismus setzt sich zusammen aus Dualismus (=Unterordnung des Geschöpfs unter die göttliche Allmacht) und gradus (=Stufe, Einordnung des Menschen in den von Gott bestimmten Stufenbau).

[2] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 218

Der Nominalismus erklärt die Idee und die Begriffe als bloße Namen (nomina) der Dinge ohne metaphysische Realität. Er bedeutet auch die Isolierung des Leibes.

[3] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 213

[4] Hans- Jürgen Koch (Hg.): Mittelalter 2. Stuttgart 1984, S. 263

[5] Carla Dauven- van Knippenberg: „Ein Anfang ohne Ende: Einführendes zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Predigt und geistlichem Schauspiel des Mittelalters“. In: Mittelalterliches Schauspiel. Festschrift für Hansjürgen Linke zum 65. Geburtstag; hrsg. Von U. Mehler & A.H Touber, Amsterdam, 1994, S. 155

[6] Carla Dauven- van Knippenberg: „Ein Anfang ohne Ende: Einführendes zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Predigt und geistlichem Schauspiel des Mittelalters“. In: Mittelalterliches Schauspiel. Festschrift für Hansjürgen Linke zum 65. Geburtstag; hrsg. Von U. Mehler & A.H Touber, Amsterdam, 1994, S. 151

[7] Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, 1990 Tübingen, S. 65

[8] Peter Simhandl: Theatergeschichte in einem Band, Berlin 1996

[9] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 213

[10] Peter Simhandl: Theatergeschichte in einem Band, Berlin 1996

[11] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 212

[12] Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 64 ff.

[13] Klaus Kanzog &Achim Masser (Hgg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 4, 2. Aufl., Berlin/NewYork, S. 78

[14] Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 88

[15] Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 87 ff.

[16] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 218

[17] Friedrich Michael & Hans Daiber: Geschichte des deutschen Theaters, Frankfurt am Main, 1989, S. 13

[18] http://soziales.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/sozarbeit/g... (existiert nicht mehr)

[19] Manfred Brauneck: Die Welt als Bühne: Geschichte des europäischen Theaters, Band 1, Stuttgart-Weimar, 1993, S.

[20] Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 66

[21] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 67 ff.

[22] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 67

[23] Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 80

[24] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 67

[25] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 220

[26] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 78

[27] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 78

[28] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 226

[29] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 226

[30] Friedrich Michael & Hans Daiber: Geschichte des deutschen Theaters, Frankfurt am Main, 1989, S. 12

[31] Wolfgang Stammler: Das religiöse Drama im deutschen Mittelalter, Leipzig, 1925, S. 6

[32] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 70

[33] Friedrich Michael & Hans Daiber: Geschichte des deutschen Theaters, Frankfurt am Main, 1989, S. 13 ff.

[34] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 220

[35] Peter Simhandl: Theatergeschichte in einem Band, Berlin 1996

[36] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 69

[37] Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 69

[38] Hans-Jürgen Koch (Hg.): Mittelalter 2. Stuttgart, 1984, S. 264

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Details

Titel
Das mittelalterliche Drama im sozial-religiösen Kontext
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Sprach-, Kommunikations- und Mediengeschichte des Deutschen im europäischen Kontext
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V18036
ISBN (eBook)
9783638224611
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drama, Kontext, Proseminar, Sprach-, Kommunikations-, Mediengeschichte, Deutschen, Kontext
Arbeit zitieren
Suzana Dulabic (Autor), 2003, Das mittelalterliche Drama im sozial-religiösen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18036

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