Versuch über die "Entzauberung der Welt"

Max Webers Begriff zwischen Religionssoziologie und Kunstphilosophie


Essay, 2000
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Vorbemerkung

„Da der Dichtung zauberische Hülle / Sich noch lieblich um die Wahrheit wand - / Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle, / Und was nie empfinden wird, empfand. / An der Liebe Busen sie zu drücken / Gab man höhern Adel der Natur, / Alles wies den eingeweihten Blicken, / Alles eines Gottes Spur. // Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, / Seelenlos ein Feuerball sich dreht, / Lenkte damals seinen goldnen Wagen / Helios in stiller Majestät. / Diese Höhen füllten Oreaden, / Eine Dryas lebt´ in jenem Baum / Aus den Urnen lieblicher Najaden / Sprang der Ströme Silberschaum.1

Denken wir heute an die „Entzauberung der Welt“, dann mag uns verschwommen vor Augen stehen, was Friedrich Schillers philosophisches Gedicht Die Götter Griechenlands (1788-1800) in poetischer Klarheit sentimentalisch ausdrückt. Die entzauberte Welt ist eine Welt ohne transzendente Dimension. „Unsre Weisen“, die Theologen und Wissenschaftler der Neuzeit, haben sie systematisch (durch den transzendenten Monotheismus und die exakten Naturwissenschaften) entzaubert. Von animistischen und anthropomorphen Deutungsmustern des Mythos befreit wird die Natur zur Faktenwelt neutralisiert und damit zum nutzbaren Rohstoff degradiert, denn die entzauberte Welt ist eine anthropozentrische Welt. Erst jetzt wird der Mensch wirklich zum Maß aller Dinge und dieses Maß ist prinzipiell maßlos. Das zweckrationale berechnende Beherrschen kennt nur temporäre technische Grenzen. Ethische Bedenken gleiten in die Rolle sachfremder Einwände ab. Der Fluß, einst Wohnung des Flußgottes, kann jetzt begradigt werden. Der heilige Hain wird (so Hegel) zum Holz. Selbst der Mond, einst eine Göttin, ist längst ein berechenbarer Landeplatz für Raketen geworden. Die Kehrseite dieser anthropozentrischen Entwicklung bildet die „transzendentale Obdachlosigkeit“2 des Menschen, ein weiterer Begriff, der in den kulturkritischen Jargon der Moderne eingegangen ist und häufig als Synonym für die „Entzauberung der Welt“ gebraucht wird. In ihm drückt sich der Preis des Entzauberungsprozesses aus. Der göttliche Kosmos schwindet und die ethischen Werte verlieren ihre metaphysische Verankerung. Der Wegfall eines Obdachs, einer den Menschen einschließenden sinnerfüllten transzendenten Ordnung, wird als Verlust erfahren.

Diese erste Annäherung an die Rede von der „Entzauberung der Welt“ soll darauf hinweisen, daß sich der Begriff längst aus den Sinnzusammenhängen des Weberschen Werkes gelöst hat. Oft drückt er nur eine dunkle Ahnung vom schleichenden Verlust eines metaphysischen Weltverhältnisses aus. Zuweilen wird er als aufklärungskritisches Schlagwort gebraucht. Der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor etwa nutzt den Begriff der „Entzauberung der Welt“ um die „zwei Jahrhunderte“ des „radikalen Aufklärungsnaturalismus“ zu umschreiben.3 Die folgende Untersuchung fragt nach dem ursprünglichen Sinn der Weberschen Entzauberungsformel, damit aber auch indirekt nach dem Grund für ihre beachtliche Wirkungsgeschichte außerhalb des genuin religionssoziologischen Kontextes. Für die Möglichkeit dieser Wirkung lassen sich zwei Ursachen ausmachen: das emotionale Potential des Begriffes selbst und der merkwürdige Umstand, daß Weber diesen Begriff ganz im Gegensatz zu seiner üblichen, streng wissenschaftlichen Vorgehensweise nirgends in seinen Werken ausdrücklich – und damit exakt und einheitlich – definiert hat. Die Emotionalität, die dem Begriff der „Entzauberung der Welt“ anhaftet, erklärt sich wohl aus dem metaphysischen Bedürfnis des Menschen, einer anthropologischen Konstante, die gerade in Zeiten „positivistischer“ Weltanschauungen starke moralische und emotionale Reaktionen auslöst. Skeptizismus, Pessimismus und Nihilismus sind oft Ausdrucks-formen eines Gefühls des transzendenten Mangels. Daß die Entzauberungsformel dieses Gefühl bedient und ihm eine „tragische“, den unwiederbringlichen Verlust eines „heilen“ Kosmos beklagende Wendung verleiht, ist verständlich. Weniger verständlich erscheint zunächst der Verwirrung stiftende Gebrauch des Begriffes bei Max Weber selbst. Wie Friedrich H. Tenbruck in seinem Aufsatz Das Werk Max Webers4 nachweist, erhält der Begriff der „Entzauberung der Welt“ innerhalb der Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie5 (1920) eine Bedeutung, die er ursprünglich nicht besaß. Weber sprach in dem 1904 erschienenen Aufsatz Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus6 lediglich von den „strengen Calvinisten“, die die radikale „Entwertung aller Sakramente als Heilsmittel“ durchsetzten und „so die religiöse »Entzauberung« der Welt in ihren letzten Konsequenzen“7 vollzogen. In den GARS (sowie in den religionssoziologischen Passagen von Wirtschaft und Gesellschaft8 [1922] )wird aus dieser christlichen, im eigentlichen Sinne inner-protestantischen Entwicklung nun ein universalgeschichtliches Phänomen, das in allen Weltreligionen zumindest Ansätze zeigt, im Okzident aber, als „jener große religionsgeschichtliche Prozeß der Entzauberung der Welt, welcher mit der altjüdischen Prophetie einsetzte und, im Verein mit dem hellenischen wissenschaftlichen Denken, alle magischen Mittel der Heilssuche als Aberglaube und Frevel verwarf“9, am weitesten fortgeschritten ist. Doch damit nicht genug. In seinem Vortrag Wissenschaft als Beruf10 (1919) wird der wissenschaftliche Glaube an die „technischen Mittel“, mit denen man „alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne“ als „die Entzauberung der Welt“ bezeichnet. Der „in der okzidentalen Kultur durch Jahrtausende fortgesetzte Entzauberungsprozeß“ wird zwar noch als religionsgeschichtlicher Horizont aufgerufen und der wissenschaftliche „Fortschritt“ als „Glied und Triebkraft“11 dieses Prozesses damit in denselben eingebunden. Im Zentrum dieses Gedankenganges steht jetzt aber ein ethisches Problem: der Verlust des Sinns in einer metaphysiklosen Welt, die durch „intellektualistische Rationalisierung“ („durch Wissenschaft und wissenschaftlich orientierte Technik“12 ) ihr verbindliches ethisches Ordnungssystem verliert und in eine moralische Werte-Krise stürzt. Wärend die „Entzauberung der Welt“ innerhalb Webers religionssoziologischer Untersuchungen also einen Prozeß beschreibt, der – bald von der frühen Protestantismusthese abgelöst – gerade durch die Ausformung der Welt-religionen entsteht und aufgrund ihrer rationalistischen Stellungnahmen zur und intellektualistischen Durcharbeitungen der Welt fortschreitet, beschreibt die Ent-zauberungsformel in Wissenschaft als Beruf einen kritischen Endpunkt, einen prozeßlosen Zustand, der gerade den Wegfall des religiösen Weltverhältnisses konstatiert.

In der Forschungsliteratur, die den Begriff der „Entzauberung der Welt“ als Problem aufnimmt, hat sich wohl aus dieser vertrackten Situation heraus ein merkwürdiges, Differenzen in Detailfragen überlagerndes Interpretationsmuster durchgesetzt. Da der Webersche Entzauberungsbegriff nicht einheitlich gefaßt werden kann, solch eine Lösung aber erwartet wird, versucht man ihn an andere, scheinbar unproblematischere Begriffe anzubinden. So setzt Johannes Winckelmann den Entzauberungsprozeß mit der „Entmagisierung“, beziehungsweise dem „intellektuell-rationalen Fortschritt“13 gleich, wärend Günter Dux schlicht die „Säkularisierung“14 als Entzauberungssynonym anbietet. Friedrich H. Tenbruck spricht schließlich ganz allgemein vom „Rationalisierungsprozeß“, den er auch als „Modernisierung“15 faßt. All diese Verweise auf thematisch nahestehende Begriffe haben ihre Berechtigung, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Begriff der „Entzauberung der Welt“, den Weber durchaus gezielt in resümierenden – die religionssoziologischen Einzeluntersuchungen teilweise „philosophisch“ übersteigenden – Werkpassagen anwendet, einen selbstän-digen Bedeutungshorizont haben muß.

In der folgenden Untersuchung soll dieser Horizont ausgeleuchtet werden und damit von einer vorschnellen, die Einheitlichkeit der Entzauberungsformel erzwingenden Anbindung an thematisch nahestehende Bereiche (deren Fragwürdigkeit sich bei Tenbruck und Winckelmann schon in der Angliederung an zwei Begriffe zeigt) abgesehen werden. Vielmehr soll hier gerade der Bruch zwischen dem sachlich beschreibenden Entzauberungsbegriff innerhalb der religionssoziologischen Unter-suchungen und der eben nicht mehr wertfreien Entzauberungsformel in Wissenschaft als Beruf, die durchaus einem sentimentalischen Weltverhältnis im Sinne Schillers Aus-druck verleiht, dargestellt werden. Erst nach der getrennten Untersuchung beider „Entzauberungstypen“ wird dann auch im Rahmen dieser Arbeit die Frage nach der Möglichkeit eines einheitlichen Deutungsmusters des Entzauberungsprozesses gestellt.

1. Die „Entzauberung der Welt“ als religionssoziologischer Begriff

Webers Vorstellung vom Entzauberungsprozeß ist innerhalb der religionssoziologischen Untersuchungen um den Begriff der Rationalität zentriert. Doch schon dieser vermeintliche Leitbegriff entzieht sich einer exakten Definition. An deren Stelle treten bald rein formale Umschreibungen wie „Disziplinierung“ (im Sinne der Beherrschung alles Triebhaften) oder „Systematisierung“ (im Sinne einer Ausrichtung auf ein alles beherrschendes Lebensziel). Obwohl Weber der Kulturgeschichte keine evolutionis-tische – die Religion notwendig überwindende – Progression des rationalen Weltver-ständnisses im Sinne Hegels unterstellt (insbesondere die Abhandlung der Religionssoziologie in Wirtschaft und Gesellschaft ist von der Annahme getragen, daß gerade die Religion eine spezifische Affinität zur Rationalität besitzt), lassen sich in seinem Werk dennoch verschiedene „religiöse“ Rationalitätsstufen unterscheiden. Jede religiöse Vorstellung ist für Weber das Resultat einer Abstraktion und in diesem Sinne bereits als ein Prozeß der Rationalisierung zu verstehen. Schon „religiös oder magisch motiviertes Handeln“ ist „gerade in seiner urwüchsigen Gestalt, ein mindestens relativ rationales Handeln“16. Am Beginn der religionsgeschichtlichen „Entwicklung“ steht so die Stufe des „urwüchsigen Naturalismus“17. Dieses primitiv-religiöse Weltverhältnis ist ganz „diesseitig ausgerichtet“, „also gar nicht aus dem Kreise des alltäglichen Zweckhandelns auszusondern, [...]. Nur wir, vom Standpunkt unserer heutigen Natur-anschauung aus, würden dabei objektiv »richtige« und »unrichtige« Kausal-zurechnungen unterscheiden und die letzteren als irrational, das entsprechende Handeln als »Zauberei« ansehen können. Der magisch Handelnde selbst unterscheidet zunächst nur nach der größeren oder geringeren Alltäglichkeit der Erscheinungen“18. Bereits auf dieser ersten Stufe ist eine einfache Abstraktion vollzogen: „die Vorstellung von irgendwelchen »hinter« dem Verhalten der charismatisch qualifizierten Naturobjekte, Artefakte, Tiere, Menschen, sich verbergenden und ihr Verhalten irgendwie bestimmenden Wesenheiten: der Geisterglaube“19, der die Voraussetzung für ein animistisches Weltverständnis bildet. Die religiös-animistisch erweiterte Ganzheit des primitiven Kosmos ermöglicht dem archaischen Menschen eine moralische Orientierung innerhalb einer magisch durchdrungenen, sinnerfüllten Ordnung. Die immanente Welt wird magisch erweitert (man transzendiert ins Diesseits20 ) und aus dieser Erweiterung entstehen natürlich wirkende moralische Gefüge (Totemismus, Tabu). Die Verknüpfung rituell-stereotypisierter Einzelnormen schafft eine gelebte (nicht intellektualistisch entworfene) Systematik des moralischen Handelns, wobei der magische Ursprung dieser Normen einen konservativen Effekt hat: „die Stärkung des traditionellen Gefüges“21. Auch die auf der folgenden frühreligiösen Abstraktionsstufe entstehenden übernatürlichen „Götter und Dämonen“, „deren Beziehung zu den Menschen zu ordnen nun das Reich des »religiösen« Handelns ausmacht“22, bleiben ein immanenter Teil des – jetzt mythisch zu nennenden – Kosmos. Ähnliches gilt für die frühreligiöse Moral. Auch sie behält vorerst ihren magischen, nur sekundär „rational“ systematisierten Charakter. Dieser Jahrtausende überdauernde universale Zustand eines magisch-mythischen Weltverhältnisses des Menschen gerät mit dem Auftreten des prophetischen Religionstypus in eine Krise. Auf dieser Abstraktionsebene, die die „rationalistische“ Neigung zur „Pantheonbildung“23 und „Monolatrie“24 aufweist, beginnt die intellektualistische Ausformung der Weltreligionen im Weberschen Sinne25 und damit auch die Tendenz zur „Entzauberung der Welt“. Die prophetische Religion sprengt zum einen die alten magisch-rituellen moralischen Ordnungen und ersetzt sie durch eine systematische Ethik, eine auf ein religiöses Heilsziel ausgerichtete Lebensmethodik. Zum anderen zerstört sie den in seinem gelebten Sinn ruhenden immanenten archaischen Kosmos, denn „was die historischen Religionen [Welt-religionen] in erster Linie von den archaischen unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie im gewissen Sinne transzendental sind. Der kosmologische Monismus der früheren Stufe ist nun mehr oder weniger vollständig zerbrochen; neben die empirische Welt tritt ein gänzlich anderer Bereich [...]. Die Entdeckung dieser gänzlich anderen Sphäre religiöser Realität scheint die Abwertung des gegebenen empirischen Kosmos zu implizieren; jedenfalls ist die [...] Weltablehnung seit dieser Stufe ein allgemeiner Grundzug religiöser Systeme“26. Die dualistische Weltsicht der Weltreligionen setzt demnach einen Bruch des alten Weltbildes voraus und aus eben diesem Bruch entsteht das Sinnproblem, das man durchaus als Movens der prophetischen Religionen bezeichnen kann. Die aus ihren magischen Sinnbezügen gerissene Welt wird nun als bedrohliche Fremde erfahren, die systematische „Erlösung“ von innerer (intellektueller) und äußerer Not auf dem Wege einer sinnvollen Lebensführung gesucht. Der – als neuer Typ auftretende – prophetisch-religiöse Intellektuelle „sucht nun auf Wegen, deren Kasuistik ins Unendliche geht, seiner Lebensführung einen durchgehenden »Sinn« zu verleihen, also »Einheit« mit sich selbst, mit den Menschen, mit dem Kosmos. Er ist es, der die Konzeption der »Welt« als ein »Sinn«-Problem vollzieht. Je mehr der Intellektualismus den Glauben an die Magie zurückdrängt, und so die Vorgänge der Welt »entzaubert« werden, ihren magischen Sinngehalt verlieren, nur noch »sind« und »geschehen«, aber nichts mehr »bedeuten«, desto dringlicher erwächst die Forderung an die Welt und »Lebensführung« je als Ganzes, daß sie bedeutungshaft und »sinnvoll« geordnet seien“27. Dieser Drang nach einer sinnvollen Weltanschauung und einer sinnerfüllten rationalen Systematisierung des Lebens angesichts einer nunmehr als indifferent und sinnentleert erfahrenen Welt ist nach Weber allen Weltreligionen gemeinsam. Unterschiede sieht er allerdings im Grad ihrer Entzauberungstendenzen, denn während der prophetische Rationalismus der „exemplarischen Prophetie“28 Heilslehren entwickelt, die entweder mit der Magie operieren (Taoismus), sie tolerieren (Konfuzianismus), oder sie zwar als Schein entlarven, aber aufgrund der „weltflüchtigen“ Einstellung nicht aktiv bekämpfen (Buddhismus), bildet die „weltablehnende“ aber gleichzeitig weltzugewandte Heilslehre der „ethischen Prophetie“29 (vor allem in den Massenreligionen des Juden- und Christentums) eine ausgeprägte Magiefeindlichkeit aus. Um diese frühe Spaltung der prophetischen Rationalitätsausrichtung zu betonen, unterscheidet Weber auf der Resultatsebene zwischen der „entzauberten“ okzidentale Welt und dem asiatischen „Zaubergarten“30, in dem durch eine fehlende weltzugewandte Lebensmethodik im Stile der „innerweltlichen Askese“ der Erhalt der „antirationalen Welt des universellen Zaubers“31 begünstigt wurde. Zwar wirken alle Weltreligionen disziplinierend und aufgrund ihres Potentials, „die gesamte Welt von einem einzigen Blickpunkt aus zusammenzufassen“32, systemati-sierend, haben also Teil am universellen religionsgeschichtlichen Rationalisierungs-prozeß, doch nur im „Okzident“ geht die „Entzauberung“ über die Grenzen der inner-religiösen Systematik hinaus. Diese Ausweitung der Religion auf ein weltliches Handeln, das die schrittweise Entmagisierung der Welt beschleunigen muß, da der konservative Effekt der „Alltags-Magie“33 direkt angegriffen wird, erkennt Weber nur in der jüdisch-christliche Religiosität. Sie allein gelangt für ihn zur letzten Rationalitätsstufe, dem eigentlichen „Entzauberungsprozeß“, dessen Endpunkt die protestantische Ethik bildet.

Noch einmal: alle prophetischen Religionen wirken nach Weber rational, indem sie eine systematische Weltanschauung entwickeln und innerhalb dieser eine methodische Lebensführung ermöglichen. Diese Lebensführung kann sich als „Anpassung an die Welt“34 oder als „Weltflucht“35 äußern, doch nur die „innerweltliche Askese“36 des Protestantismus, die aus Heilsgründen die Weltablehnung mit der Weltzugewandtheit verband, schuf eine rationale Lebensführung, „welche sich als Bewährung in einer von Magie gereinigten Welt verstand“37. Der Protestantismus erwies sich dabei „als Erbe der jüdischen Religion, die, trotz massiver magischer Einschüsse, an einer rationalen, von Magie freien Ethik festgehalten hatte. Diese Idee eines rationalen Handelns in der Welt wirkte im Christentum – verfestigt in der Anstalt der Kirche und unterstützt durch antikes Erbe – weiter [...].38 Im Judentum hatte die religiöse Rationalisierung den Weg der „Entzauberung der Welt“ am konsequentesten eingeschlagen, den das Christentum nun fortsetzte. Stets jedoch blieben erhebliche „magische Einschüsse“ erhalten. „Nur der asketische Protestantismus machte der Magie, der Außerweltlichkeit der Heilssuche und der intellektualistischen kontemplativen „Erleuchtung“ als deren höchster Form wirklich den Garaus, nur er schuf die religiösen Motive, gerade in der Bemühung im innerweltlichen »Beruf« [...] das Heil zu suchen.“39 Wenn Weber also von „jenem großen religionsgeschichtlichen Prozeß der Entzauberung der Welt“40 spricht, dann meint er die Entwicklung, die mit der altjüdischen Prophetie einsetzt und mit der protestantischen Ethik ihren Abschluß findet. Die anderen Weltreligionen werden hier nicht mit einbezogen. Zwar tragen auch sie durchaus den Keim einer antimagischen Weltanschauung in sich, es fehlt ihnen jedoch der antimagische weltliche Wirkungswille der ethischen Prophetie.41 Ihre ebenso systematische wie diszipli-nierende Rationalität geht einen anderen, außerweltlichen Weg. Die „Entzauberung der Welt“, die Weber in den GARS einmal als „die Ausschaltung der Magie als Heilsmittel“42 faßt, wird auch im alten Buddhismus43 geleistet, ein „entmagisiertes“ rationales innerweltliches Handeln kann er hier jedoch nicht feststellen. Am Endpunkt des Entzauberungsprozesses sieht Weber allein den „echten Puritaner“, der sogar am Grabe „jede Spur von religiösen Zeremonien“ verwirft und „die ihm Nächststehenden sang- und klanglos“ begräbt, „um ja keinerlei »superstition«: kein Vertrauen auf Heilswirkung magisch-sakramentaler Art, aufkommen zu lassen“44. Diese „puritanische Ethik“, die alle „Dinge der Erde“ in den „Zusammenhang einer gewaltigen und pathetischen Spannung gegenüber der »Welt«“45 rückt, also die Welt aus religiöser Sicht radikal entwertet, ihr aber als einzig möglichem Ort der Bewährung zugewandt bleibt, drückt für Weber die deutlichste noch religiös zu nennende entzauberte Haltung zur Welt aus. Mit der „Weltrationalisierung, trotz oder vielmehr gerade in der Form asketischer Weltablehnung“46 findet der religionsgeschichtliche „Entzauberungsprozeß“ seinen Abschluß.

[...]


1 Friedrich Schiller: Die Götter Griechenlands. Zweite und dritte Strophe. In: Friedrich Schiller: Gedichte. Eine Auswahl. Stuttgart, 1991. S. 129.

2 Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der Epik. Frankfurt a. M., 1988. S. 28.

3 Taylor benutzt die Webersche Entzauberungsformel in mehreren Werken. Als Beispiel sei hier auf ein Werk verwiesen. Charles Taylor: Das Unbehagen an der Moderne. Frankfurt a. M., 1997. S. 9; S. 11.

4 Friedrich H. Tenbruck: Das Werk Max Webers. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Nr. 27, 1975. (S. 663-702) S. 667.

5 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. 3 Bde. Tübingen, 1988. Im folgenden als „GARS“ mit römisch bezifferter Bandangabe bezeichnet.

6 Max Weber: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: GARS I. (S. 17-206). Der Aufsatz erschien zuerst 1904 und wurde für die GARS überarbeitet.

7 Weber: GARS I, S. 156.

8 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen 1980. Im folgenden als „WG“ bezeichnet.

9 Weber: GARS I, S. 94.

10 Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Stuttgart, 1995.

11 Ebd., S. 19.

12 Ebd., S. 18.

13 Johannes Winckelmann: Die Herkunft von Max Webers „Entzauberungs“-Konzeption. Zugleich ein Beitrag zu der Frage, wie gut wir Max Weber kennen können. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Nr. 32, 1980. (S. 12-54). S. 19ff.

14 Günter Dux: Religion, Geschichte und sozialer Wandel in Max Webers Religionssoziologie. In: Constans Seyfarth, Walter M. Sprondel (Hg.): Seminar: Religion und gesellschaftliche Entwicklung. Studien zur Protestantismus-Kapitalismus-These Max Webers. Frankfurt a. M., 1973. (S. 313-337). S. 327.

15 Tenbruck: Das Werk Max Webers, S. 670.

16 Weber: WG, S. 245.

17 Ebd., S. 248.

18 Ebd., S. 245.

19 Ebd., S. 246

20 Als „Transzendenz ins Diesseits“ beschreibt Arnold Gehlen wohl ganz im Sinne Webers die magische Welt- und Natur-Aneignung primitiver Kulturen. Arnold Gehlen: Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen. Wiesbaden, 1986. S. 14-19.

21 Dux: Religion, Geschichte und sozialer Wandel in Max Webers Religionssoziologie, S. 320.

22 Weber: WG, S. 247.

23 Ebd., S. 250.

24 Ebd., S. 254.

25 „Unter Weltreligionen werden hier, in ganz wertfreier Art, jene fünf religiösen oder religiös bedingten Systeme der Lebensreglementierung verstanden, welche besonders große Mengen von Bekennern um sich zu scharen gewußt haben: die konfuzianische, hinduistische, buddhistische, christliche, islamitische religiöse Ethik. Ihr tritt als sechste mitzubehandelnde Religion das Judentum hinzu [...].“ (In: Weber: GARS I, S. 237f).

26 Robert N. Bellah: Religiöse Evolution. In: Constans Seyfarth, Walter M. Sprondel (Hg.): Religion und gesellschaftliche Entwicklung. Studien zur Protestantismus-Kapitalismus-These Max Webers. Frankfurt a. M., 1973. (S. 267-302). S. 284.

27 Weber: WG, S. 307f.

28 Ebd., S. 273.

29 Ebd., S. 273.

30 Weber: WG, S. 379; GARS I, S. 513; GARS II, S. 371.

31 Weber: GARS II, S. 370.

32 Dux: Religion, Geschichte und sozialer Wandel in Max Webers Religionssoziologie, S. 322.

33 Weber: GARS II, S. 371.

34 Weber: GARS I, S. 527.

35 Weber: WG, S. 330.

36 Ebd., S. 329.

37 Tenbruck: Das Werk Max Webers, S. 690.

38 Ebd., S. 690.

39 Weber: WG, S. 378f.

40 Weber: GARS I, S. 94.

41 Weber gibt für die Stufe der Rationalisierung, welche eine Religion repräsentiert, zwei Maßstäbe an. „Einmal der Grad, in welchem sie die Magie abgestreift hat. Dann der Grad systematischer Einheitlichkeit [...].“ (GARS I, S. 512) Nach diesem Muster bleibt die Rationalität der asiatischen Weltreligionen am ersten Maßstab hinter den okzidentalen Formen zurück.

42 Weber: GARS I, S. 114.

43 Weber: GARS II, S. 218ff.

44 Weber: GARS I, S. 95.

45 Ebd., S. 513.

46 Ebd., S. 525.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Versuch über die "Entzauberung der Welt"
Untertitel
Max Webers Begriff zwischen Religionssoziologie und Kunstphilosophie
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Max Weber: Wirtschaftsethik der Weltreligionen - Der Buddhismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V180409
ISBN (eBook)
9783656031369
ISBN (Buch)
9783656031031
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
versuch, entzauberung, welt, webers, begriff, religionssoziologie, kunstphilosophie, Max Weber, Arnold Gehlen, Charles Taylor, Soziologie, Entzauberung der Welt, Zivilisationskritik, Kulturkritik
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Magister Artium Robert Schulze (Autor), 2000, Versuch über die "Entzauberung der Welt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180409

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