Die Zahl der vom NS-Regime zwischen 1933 und 1945 ermordeten Juden beträgt nach vorsichtigen Schätzungen zwischen fünf und sechs Millionen , was im Durchschnitt folglich etwa 500.000 getötete Menschen im Jahr oder über 1300 Opfer am Tag bedeutet. Neben aller Betroffenheit angesichts solcher Zahlen, neben allen technischen, organisatorischen und ereignisgeschichtlichen Details und der prinzipiellen Frage, wie ein solcher Massenmord überhaupt möglich war, verdient bei der Behandlung der Judenverfolgung und –vernichtung auch und nicht zuletzt das Stattfinden des Holocaust unter den Augen der deutschen Bevölkerung Beachtung. Denn im deutlichen Gegensatz zu den unvorstellbaren Opferzahlen steht die Aussage vieler Deutscher nach 1945: „Davon haben wir nichts gewusst.“
Aus der Perspektive der älteren Generation, die mit dieser Aussage wohl vor allem eine eigene Schuld an der Judenverfolgung und –vernichtung zurückweisen und dem vermuteten Vorwurf der Unterstützung des NS-Regimes entgegentreten wollte, erscheint diese im Lauf der Zeit zur kollektiven Abwehr einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema gewordene Aussage verständlich. Aus der Perspektive des nachgeborenen Historikers drängen sich jedoch zahlreiche Fragen auf. Was ist mit „davon“ überhaupt gemeint? Welche Aspekte der Judenverfolgung waren den Deutschen bekannt und welche nicht? Gab es unterhalb der Ebene des Wissens nicht möglicherweise Bereiche des Ahnens, des Vermutens, gab es Gerüchte oder Hinweise? Mussten manche Dinge nicht zwangsläufig bekannt werden?
Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, auf diese Fragen rückblickend nach 1945 eine verlässliche Antwort zu erhalten. Ein Schritt zur Lösung dieses Problems liegt in der Wahl der Herangehensweise; das Wissen der Deutschen muss für jede Etappe der Judenverfolgung, für alle Schritte und Maßnahmen von 1933 bis 1945, mithilfe der jeweils zeitgenössischen Quellen erschlossen werden. Denn wo man auf diese Frage an einen Zeitzeugen heute als Antwort das typische „Davon haben wir nichts gewusst!“ erhalten würde, kann einem der Blick in die unverfälschten Quellen verraten, was die Deutschen wissen konnten, mussten, was sie vermuteten oder auch was sie eben nicht wissen konnten.
Im Folgenden soll – nach einem Überblick über die prinzipiell verwendbaren Quellen und die besondere Quellenproblematik des Themas – erläutert werden, was die Deutschen von den jeweiligen Etappen der Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 wissen, ahnen oder vermuten konnten.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Quellenproblematik
C. Das Wissen der deutschen Bevölkerung
I. Die erste Phase – Soziale Ausgrenzung und Diffamierung (1933-1941)
1. Juden-Boykotte und Nürnberger Gesetze
2. Novemberpogrom 1938
3. Die Judenfrage nach Kriegsbeginn – Auswanderung, Ghettobildung, Zwangsarbeit
II. Die zweite Phase – Deportation und Vernichtung (1941-1945)
1. Vorstufe der Vernichtung – Die Deportationen
2. Systematische Vernichtung – Die „Endlösung“
III. Hindernisse und Möglichkeiten der Wahrnehmung
1. Hindernisse
2. Möglichkeiten
D. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wissen der deutschen Bevölkerung über die Judenverfolgung und den Holocaust im Zeitraum von 1933 bis 1945, um der pauschalen Schutzbehauptung „Davon haben wir nichts gewusst“ historisch fundiert nachzugehen. Hierbei wird analysiert, inwieweit die deutsche Öffentlichkeit durch eigene Beobachtungen, Gerüchte, alliierte Propaganda oder offizielle NS-Informationen von den Verbrechen Kenntnis erlangen konnte und musste.
- Phasenbasierte Analyse der Judenverfolgung von 1933 bis 1945
- Kritische Quellenarbeit und Umgang mit NS-Stimmungsberichten
- Die Rolle der öffentlichen Wahrnehmung von Boykotten und Pogromen
- Informationswege und Gerüchtebildung bezüglich der Vernichtungslager
- Faktoren der Verdrängung und psychologische Barrieren der Wahrnehmung
Auszug aus dem Buch
3. Die Judenfrage nach Kriegsbeginn – Auswanderung, Ghettobildung, Zwangsarbeit
Während sich die antijüdischen Vorgänge der Vorkriegszeit weitestgehend öffentlich und vor den Augen der deutschen Bevölkerung abspielten, während die Parteipresse und die politische Führung keinen Hehl aus den antisemitischen Maßnahmen der Jahre 1933-1939 machten und während jeder Deutsche bis 1939 sehen und miterleben konnte, was sich im Reich in dieser Hinsicht abspielte, markiert der Kriegsbeginn einen ersten Wendepunkt in der Judenpolitik; die inzwischen weitgehend entrechteten, verarmten und isolierten deutschen Juden ließen sich propagandistisch kaum noch als Bedrohung instrumentalisieren. Antijüdische Maßnahmen fanden nun vornehmlich im Verborgenen statt – behördliche Verbote wurden direkt an die jüdischen Gemeinden gesendet, und trotz oder gerade wegen der Radikalisierung der Judenpolitik äußerte sich die Propaganda der frühen Kriegsjahre nur mäßig bis zurückhaltend über das Thema.
Die erzwungene Auswanderung bzw. Vertreibung der Juden aus dem Reichsgebiet, vor dem Krieg erklärtes Hauptziel des NS-Regimes, wurde kriegsbedingt zunehmend faktisch unmöglich. Zum einen erhöhte sich die Zahl der Juden im deutschen Machtbereich durch die Eroberung Polens millionenfach, zum anderen reduzierte sich die Zahl derjenigen Juden, denen nach Kriegsbeginn die Auswanderung noch möglich war, drastisch. Auch die erwogene Alternative, die „Evakuierung“ der Juden, sei es nach Madagaskar, Polen oder – ab 1941 – in die noch zu erobernden sowjetischen Gebiete, hatte kaum Aussicht auf Realisierung. Um in der Öffentlichkeit nicht das durchaus angebrachte Bild von Plan- oder Ziellosigkeit aufkommen zu lassen, wurden die Überlegungen zum Umgang mit den Juden in den nicht-öffentlichen Bereich verlegt, die Evakuierungspläne waren offiziell Geheimsache und somit für die Propaganda tabu. Dennoch blieben sie der Bevölkerung keineswegs verborgen, wie etwa ein Bericht der SD-Außenstelle Bad Kissingen vom November 1939 zeigt.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Spannungsfeld zwischen den unvorstellbaren Opferzahlen des Holocaust und der kollektiven Aussage vieler Zeitzeugen nach 1945, von den Morden nichts gewusst zu haben.
B. Quellenproblematik: Dieses Kapitel erörtert die methodischen Schwierigkeiten der historischen Forschung, da Quellen nach 1945 oft von Verdrängung geprägt sind und die NS-Quellen aus der Zeit selbst kritisch hinsichtlich ihrer Intentionen geprüft werden müssen.
C. Das Wissen der deutschen Bevölkerung: Der Hauptteil analysiert chronologisch und thematisch die verschiedenen Phasen der Ausgrenzung und Vernichtung sowie die Möglichkeiten der Bevölkerung, von den Verbrechen Kenntnis zu erlangen.
D. Zusammenfassung: Das Fazit stellt fest, dass eine vollkommene Ahnungslosigkeit der Bevölkerung über den Holocaust angesichts der vorliegenden Quellen kaum haltbar ist und viele Deutsche zwischen einem Nicht-Wissen-Wollen und dem Nicht-Glauben-Können agierten.
Schlüsselwörter
Holocaust, Judenverfolgung, Nationalsozialismus, deutsche Bevölkerung, Wahrnehmung, Quellenanalyse, Deportation, Vernichtungslager, Novemberpogrom, Antisemitismus, NS-Propaganda, Wissensgrad, Zeitzeugen, Endlösung, Ausgrenzung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Ausmaß des Wissens der deutschen Bevölkerung über die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das NS-Regime zwischen 1933 und 1945.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die soziale Ausgrenzung, der Prozess der Deportationen, die Entwicklung zur systematischen Vernichtung sowie die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung durch die Bevölkerung in einem Klima der Geheimhaltung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung der nach 1945 häufig getätigten Aussage „Davon haben wir nichts gewusst“ anhand zeitgenössischer Quellen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine methodisch reflektierte Analyse zeitgenössischer Quellen, darunter SD-Lageberichte, Tagebücher, ausländische Presseberichte und alliierte Flugblätter, um den Informationsstand der Bevölkerung zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Phasen: die soziale Ausgrenzung und Diffamierung (1933-1941), die Deportationen und systematische Vernichtung (1941-1945) sowie eine abschließende Gegenüberstellung von Hindernissen und Möglichkeiten der Wahrnehmung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird durch Begriffe wie Holocaust, Judenverfolgung, Wahrnehmung, Deportation, Quellenkritik und NS-Propaganda geprägt.
Warum war es für das NS-Regime wichtig, die Vernichtung geheim zu halten?
Das Regime befürchtete ablehnende Reaktionen der deutschen Bevölkerung bei zu drastischer Vorgehensweise, nutzte jedoch gleichzeitig gezielte Andeutungen zur Einschüchterung.
Wie bewertet der Autor die Aussage, man habe nichts gewusst?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass von „Nicht-Wissen“ für die meisten Fälle zwar gesprochen werden kann, „Ahnungslosigkeit“ für die wenigsten zutreffend ist, da das Wissen um die Vernichtung weit verbreitet war.
- Quote paper
- Lukas Strehle (Author), 2008, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland – Das Wissen der deutschen Bevölkerung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180485