Vom Aufzeigen und Bewältigen gesellschaftlicher Konflikte in der mittelhochdeutschen Literatur

Symbolische Kommunikation und ritualisiertes Verhalten am Beispiel der Begrüßungen in der Munleun-Episode in Wolfram von Eschenbachs ‚Willehalm’


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
A. Funktionen ritualisierten Verhaltens
B. Scheitern und Wiederaufnahme symbolischer Kommunikation – Die Munleun-Episode
1. Gestörte Kommunikation I – Willehalms Eintreffen am Hof
2. Gestörte Kommunikation II – Verhalten der Königin und Schwester Willehalms
3. Funktionierende Kommunikation I – Der Kaufmann Wimar
4. Funktionierende Kommunikation II / Gestörte Kommunikation III – Der Empfang der Narbonner Sippe am Hof
5. Gestörte Kommunikation IV – Willehalms Auftritt vor dem Königspaar
6. Wiederhergestellte Kommunikation I – Willehalms Begrüßung durch seine Familie
7. Wiederhergestellte Kommunikation II – Vermittlung durch Alyze

III. Schluss

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Ob du mich niht spottes werst / so stant uf: swes du an mich gerst, / des will ich dir ze hulden pflegen. / du hast mir werdekeit durhlegen. Willehalm, 156, 15-18.

Auf den ersten Blick ist Wolfram von Eschenbachs Versepos ‚Willehalm’ vor allem eines: die streckenweise verwirrend detaillierte Schilderung eines mittelalterlichen Weltkrieges zwischen Heiden und Christen, ausgelöst durch den Religions- und Gattenwechsel der einst heidnischen Königin Gyburc. Als wohl bekannteste mittelhochdeutsche Vertreterin der ursprünglich altfranzösischen Gattung des ‚Chanson de geste’ ist die Lebensbeschreibung Wilhelms des Heiligen – oder eben des Markgrafen Willehalm – jedoch bei genauerer Betrachtung viel mehr als das. Denn auf eine für die Entstehungszeit erstaunlich – wenn man so will – moderne Art und Weise ist sie durchzogen von einer Reihe bis heute hochbrisanter, oft antithetischer Themenkomplexe: Krieg und Religion, Fremdheit und Verwandtschaft, Gewalt und Toleranz. Zudem liefert eine genaue und reflektierte Analyse der höfischen Komponenten des Epos’ ein nicht unergiebiges Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse zu seiner Entstehungszeit, wenngleich wie bei allen literarischen Werken die Fiktionalität des Textes nicht vergessen werden darf.

Um ein Verständnis für mittelalterliche Verhaltensweisen zu entwickeln, hilft ein unvoreingenommener Blick auf die Wege und Formen der Kommunikation im Mittelalter; insbesondere das ritualisierte Verhalten der Führungsschichten in der Öffentlichkeit ist hierbei von großer Bedeutung. Während diese sogenannte „symbolische Kommunikation“ in der historischen Abteilung der Mediävistik inzwischen ein zunehmend häufiger beschrittener Weg zur Interpretation mittelalterlicher Verhaltens- und Denkweisen ist – vor allem Gerd Althoff[1] ist hier bahnbrechend zu nennen – fand sie in der literarischen Mittelalterforschung bislang kaum Beachtung. Eine Ausnahme und daher wichtige Grundlage dieser Arbeit stellt die detaillierte Untersuchung der „Poetik des Rituals“ von Corinna Dörrich[2] dar.

Die Erkenntnis, dass mittelalterliche Ehrvorstellungen, Verhaltensweisen und Kommunikationsformen kaum mit modernen Maßstäben zu erfassen sind, ist an und für sich nicht überraschend. Ebenso wenig die Tatsache, dass Politik im Mittelalter in aller Regel öffentlich stattfand, oftmals demonstrativen Charakter hatte und, um mit Gerd Althoff zu sprechen, genauen Spielregeln unterworfen war, Regeln also, die „in bestimmten Situationen von bestimmten Personen zwingend erwartet wurden [und deren Einhaltung] eine reibungslose, konfliktfreie Kommunikation erst“[3] ermöglichten. Umso erstaunlicher ist es jedoch, dass gerade diesen Aspekten bei der Analyse und Interpretation mittelhochdeutscher Literatur bislang so wenig Beachtung geschenkt wurde und ihr Vorkommen in höfischer wie Heldenepik in der Regel eher als schmückendes Detail denn als realistische Darstellung von Politik und Gesellschaftskonstellationen gedeutet wurde.

Diese Arbeit soll daher einen Beitrag zum besseren Verständnis mittelalterlichen Verhaltens aus literaturwissenschaftlicher Sicht leisten. Nach einem Überblick über die Funktionen relevanter Rituale werden am Beispiel der Munleun-Episode aus Wolfram von Eschenbachs ‚Willehalm’ Funktionieren und Störung gesellschaftlicher Ordnung, Entstehung und Bewältigung politischer Konflikte und die dazu notwendigen Spielregeln symbolischer Kommunikation untersucht werden.

II. Hauptteil

A. Funktionen ritualisierten Verhaltens

Für alle Standardsituationen mittelalterlichen Lebens existierten stereotype Regeln, die, wenngleich nicht schriftlich fixiert, mit einem gewissen Verbindlichkeitsanspruch ausgestattet waren.[4] Verletzungen dieser Regeln waren zwar keineswegs ausgeschlossen, signalisierten jedoch immer eine Störung der Ordnung. Denn anders als in modernen Gesellschaften war individuelles Abweichen vom Regelkanon in der ranggeordneten und rangbewussten Gesellschaft des Mittelalters, deren Verhalten strikt an Konventionen und Gewohnheiten gebunden war, weder erwünscht noch überhaupt ohne negative Konsequenzen denkbar. Rituale symbolischer Kommunikation besaßen ordnungsstiftende und –bewahrende Funktion und waren als solche nicht aus der mittelalterlichen Politik wegzudenken, da die Verwendung demonstrativer Zeichen und Spielregeln die mit öffentlicher Kommunikation verbundenen Risiken kalkulierbarer machte und die Protagonisten mit wesentlichen Informationen über Status, Intentionen und Gemütslage ihres Gegenübers versorgte.[5]

Welche Verhaltensmuster in einer bestimmten Situation jeweils erwartet wurden, hing vor allem von Amt und Stand der Beteiligten ab.[6] Aus dem weitläufigen Fundus symbolischer Kommunikationsformen interessieren für die Analyse der ausgewählten ‚Willehalm’-Passagen insbesondere diejenigen, die sowohl das höfische Umfeld betreffen als auch in Zusammenhang mit der Annäherung an Freunde und Feinde sowie deren standesgemäßen Begrüßung, der Eröffnung und Beendigung von Konflikten und nicht zuletzt dem ritualisierten Ausdruck von Trauer, Wohlwollen und Wut stehen.[7]

Betrachtet man den Empfang hochrangiger Staatsgäste in heutiger Zeit, gewinnt man noch einen schwachen Eindruck davon, welche Bedeutung die Begrüßung auf politischer Ebene im Mittelalter besaß. Das, was heute als „Protokoll“ bekannt ist, existierte auch damals schon; als stets in gleicher oder ähnlicher Form wiederkehrende politische Zeremonien (continuous political ceremonials)[8] besaßen detaillierte Begrüßungsrituale eine erhebliche Aussagekraft über das Verhältnis der sich Begegnenden. Sie waren entscheidend für die Funktionstüchtigkeit der Herrschaftsordnung, weil sie in stetiger Wiederkehr das Funktionieren dieses Gefüges öffentlich versicherten und den Beteiligten Verpflichtung waren, sich ihren demonstrierten Aussagen gemäß zu verhalten.[9] Es verwundert also nicht, dass Begrüßungen diejenigen Rituale sind, die auch in der mittelhochdeutschen Epik am häufigsten erwähnt werden.[10]

Doch warum kam gerade der Begrüßung eine derart große Bedeutung zu? Der Hauptgrund hierfür liegt sicher in der elementaren Funktion jeglichen Begrüßungsrituals: der Versicherung von Frieden und Huld. Die sich Begrüßenden geben einander damit schon beim ersten Aufeinandertreffen ihre Absicht zu erkennen, potentielle Gewalt abzuwenden,[11] was den Gruß zum Friedenszeichen macht, das einen deklarierten Verzicht auf Gewaltanwendung impliziert und vor etwaigen feindlichen Auseinandersetzungen zunächst wieder aufgekündigt werden muss.[12] Im Umkehrschluss ist die Verweigerung oder Aufkündigung des Grußes – sei es explizit oder stillschweigend – mit einer Kampfansage gleichzusetzen, wie zahlreiche Werke der mittelhochdeutschen Epik belegen.[13]

Eine stark visualisierte Gesellschaft, die es gewohnt ist, Zeichen und Rituale zu lesen und ihr Verhalten daran auszurichten, bedarf im Zusammenspiel verschiedener, teilweise gegensätzlicher Zeichen bestimmter Korrektive, um reibungslos funktionieren zu können. Ein solcher Ausgleich zwischen widerstreitenden Symbolaussagen ist beispielsweise dann nötig, wenn ein Ritter trotz friedlicher Absicht in Rüstung und Waffen am Hof erscheint, was für den geübten Blick der Zeitgenossen wohl eher selten auf eine harmonische Intention schließen ließ. Vielmehr legt das Tragen von Rüstung und Bewaffnung häufig den Verdacht feindlicher Absichten nahe – eine Symbolaussage, die ein formgerechter Gruß als Gewähr für die Wahrung der Friedens dementieren kann, etwa indem Helm und Waffen abgegeben oder von beiden Seiten Grußworte gewechselt werden.[14]

Doch nicht nur in der Kommunikation zwischen Fremden nimmt die Begrüßung einen besonderen Platz ein, auch innerhalb des Familienverbandes drückt sie – indem sie vriuntschaft und hulde demonstriert und bestätigt – das Funktionieren des sozialen Netzwerks öffentlich aus.[15] Wie die Verweigerung des Grußes zwischen Fremden mit einer Kampfansage zu vergleichen ist, so zeigt auch die verweigerte Begrüßung durch Vasallen oder Familienangehörige Huldentzug und Dissens zweifelsfrei an. In aller Regel gilt: wo nicht gegrüßt wird, stimmt etwas nicht im gesellschaftlichen Gefüge. Dass eine nachträgliche, öffentlich nachgeholte und den ‚Spielregeln’ gehorchende Begrüßung im Gegenzug auch die Wiederherstellung von Nähe und Huld spiegeln oder demonstrieren kann, ist mit diesem Wissen naheliegend.[16]

Begrüßungsrituale dienten dabei nicht allein der Friedenssicherung oder der Bestätigung von Gunst und funktionierenden Sozialgefügen. Der feudal strukturierter Herrschaftsverband des Mittelalters basierte in erster Linie auf Rang und Status seiner Mitglieder. Art und Umfang einer Begrüßung demonstrierten und perpetuierten diese Basis. Eine klare Trennlinie zwischen Rangdemonstration bzw. –Anerkennung auf der einen Seite und Friedenssicherungsabsicht auf der anderen Seite ist freilich oft schwer zu ziehen.[17] Mit dem Zweck der Statusrepräsentierung eng verbunden ist die Rolle von Begrüßungen als Ehrerbietungsrituale, wobei der Ehrgewinn zum einen durch exaktes Befolgen und Empfangen der aufgrund des eigenen Ranges angemessenen Verhaltensweisen und zum anderen etwa durch das Zuteilwerden einer im Verhältnis zum eigenen Rang übermäßigen Begrüßung erfolgen kann.[18] Hat man im Hinterkopf, welch entscheidendes Motiv für Feindseligkeiten, Friedensschlüsse oder ähnliches gerade im Hochmittelalter (verletzte) Ehrvorstellungen waren,[19] kann dieser Aspekt von Begrüßungsritualen gar nicht hoch genug gehängt werden.[20]

Hingegen dürfte die bewusste Demonstration höfischer Lebensart (hövescheit, zuht)[21] durch ritualisierte Begrüßungen wohl weniger auf historischer als mehr auf literarischer Ebene von Bedeutung sein. Konstellationen, in denen Personen durch das Abweichen von aufgrund der Erziehung selbstverständlichen höfischen Konventionen bewusst aus dem System „Hof“ ausbrechen, ohne die üblichen Konsequenzen zu erfahren, begegnen in aller Regel nur in der Literatur,[22] wenngleich auch auf historischer Ebene das kollektive Befolgen eines allgemeinverbindlichen Verhaltenskodex’ Standesgrenzen markierte – und kulturelle Grenzen innerhalb der höfischen Oberschicht jedenfalls teilweise zu verwischen vermochte. Neben einer erneut stark nach Rang und Status gerichteten Abgrenzungsfunktion zwischen höfischer Welt und nicht-höfischer Welt können also schließlich auch narrative Aspekte Teil der Schilderung von Begrüßungsritualen sein[23] – denn dank künstlerischer Freiheiten kann sich ein durch punktuell unhöfisches Verhalten charakterisierter und eingeordneter Protagonist eines fiktiven Textes anschließend häufig wieder nahtlos in die Gesellschaft eingliedern, ein Vorgang, der für die realhistorische Welt wenn nicht undenkbar, so doch weitaus komplizierter gewesen wäre. Nach Gerd Althoff „dispensieren sie [die Autoren, d. Verf.] ihre Helden von der Beachtung einschlägiger Regeln, ohne daß die Konsequenzen eintreten, die in der Realität zu erwarten wären.“[24]

[...]


[1] Gerd Althoff, Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997.

[2] Corinna Dörrich, Poetik des Rituals. Konstruktion und Funktion politischen Handelns in mittelalterlicher Literatur, Darmstadt 2002.

[3] Gerd Althoff, Wolfram von Eschenbach und die Spielregeln der mittelalterlichen Gesellschaft, Wolfram-Studien XVI, Freisinger Kolloquium 1998, S. 102-120, 102.

[4] Althoff, Wolfram von Eschenbach, S. 103.

[5] Ders., S. 104.

[6] Ders., S. 103.

[7] Ders., S. 103 f.

[8] Geoffrey Koziol. Begging pardon and favor. Ritual and political order in early medieval France, London 1992, 298f.

[9] Althoff, Spielregeln, S. 301.

[10] Dörrich, S. 54.

[11] Renate Roos, Begrüßung, Abschied, Mahlzeit. Studien zur Darstellung höfischer Lebensweise in Werken der Zeit 1150-1320, Diss. Bonn 1975, S. 30ff.; Horst Fuhrmann, „Willkommen und Abschied“. Begrüßungs- und Abschiedsrituale im Mittelalter, in: Ders., Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, München 1996, S. 17-39, 20 ff.

[12] Dörrich, S. 55.

[13] Dörrich weist unter anderem auf das ‚Nibelungenlied’, den ‚Parzival’ und den ‚Erec’ hin, in denen entweder ein bereits entbotener Gruß aufgehoben oder die Ausübung von Gewalt trotz zuvor erfolgtem Gruß problematisiert wird, dies., S. 55 und 173.

[14] Dörrich, S. 55 f.

[15] Dörrich, S. 56.

[16] Ebd.

[17] Dies., S. 57.

[18] Dies., S. 59.

[19] Knut Görich, Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im 12. Jahrhundert, Darmstadt 2001.

[20] Dörrich, S. 60.

[21] Dies., S. 61.

[22] Althoff, Wolfram von Eschenbach, S. 106.

[23] Dörrich, S. 63.

[24] Althoff, Wolfram von Eschenbach, S. 106.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vom Aufzeigen und Bewältigen gesellschaftlicher Konflikte in der mittelhochdeutschen Literatur
Untertitel
Symbolische Kommunikation und ritualisiertes Verhalten am Beispiel der Begrüßungen in der Munleun-Episode in Wolfram von Eschenbachs ‚Willehalm’
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Wolfram von Eschenbach – ‚Willehalm’
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V180491
ISBN (eBook)
9783656032120
ISBN (Buch)
9783656032434
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfram von Eschenbach, Wolfram, Eschenbach, Willehalm, Symbolische Kommunikation, Munleun, Konflikt, Gesellschaft, Bewältigung, ritualisiertes Verhalten, Ritual, Begrüßung
Arbeit zitieren
Lukas Strehle (Autor), 2009, Vom Aufzeigen und Bewältigen gesellschaftlicher Konflikte in der mittelhochdeutschen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180491

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