Marx' Untersuchung zur Lage des Proletariats

Eine weltgeschichtliche Perspektive


Seminararbeit, 2010

31 Seiten, Note: 1,5 (CH: 5,5)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Marx’ weltgeschichtliche Perspektive des Proletariats
2.1 Zentrale Begriffe der Marx’schen Theorie
2.2 Historischer Materialismus
2.3 Von der Geschichte zur Weltgeschichte
2.3.1 Individualisierung und Kommunismus
2.3.2 Globalisierung und Weltmarkt
2.4 Befreiung von den Ketten
2.5 Exkurs: Modernes globalisiertes Proletariat

3 Schlussfolgerungen

4 Bibliographie
4.1 Gedruckte Quellen
4.2 Internetressourcen
4.3 Sekundärliteratur

5 Anhang
5.1 Abkürzungsverzeichnis
5.2 Verzeichnis der einzelnen Texte in den Marx Engels Werken

1 Einleitung

In der Woche vom 10. Oktober 2008 brachen die Börsenkurse weltweit so stark ein, dass selbst die Kurseinbrüche der Woche vom 24. Oktober 1929, dem „Schwarzen Donnerstag“ der Welt wirt schaftskrise, übertroffen wurden. Beim jüngeren Datum handelt es sich um den sog. „Schwarzen Freitag“, welcher ein kritischer Zeitpunkt der gegenwärtigenFinanzkriseist (Sinn 2009: 15f.). Neben der Kritik am kapitalistischen Finanz und Marktsystem und deren systemimmanenten Fehler, welche u.a. zum Ausmass der Krise beigetragen haben sollen, wurde auch das Interesse an bereits erledigt geglaubte Wirtschaftstheorien wieder wach. So verkaufte sich das vonKarl Marx (1818 1883)verfasste WerkDas Kapital (1867)1 im Jahr 2008 plötzlich um ein vielfaches mehr, als noch die Jahre zuvor (Panitch 2009: 140). Dieser Entwicklung entsprechend, publizierte die amerikanische Politik und WirtschaftszeitschriftForeign Policy (FP)in ihrer Ausgabe für die Monate Mai und Juni 2009 eine aus Lebensmitteln und Symbolen zusammengestellte Collage von Marx’ Konterfei. Scheinbar selbst über die eigene Auswahl des Titelbildes etwas verwundert, titelte FP (172) daneben: “Marx, really? Why he matters now”.

Ein Grund, warum Marx wieder eine Rolle spielen könnte, liegt einmal darin, dass die ideologischen Gegensätze, welche während demKalten Krieg (1949 1989)zum Tragen kamen, an politischer Brisanz verloren haben. So muss sich in der westlichen Hemisphäre heute niemand mehr davor fürchten (zumindest nicht in gleichem Masse wie zuvor), dass er oder sie bei einer öffentlichen Auseinandersetzung mit sozialistischen Theorien als subversive Kraft angesehen und politisch verfolgt wird (Judis 2009: 142f.). Dazu kommt, dass in Marx’ Schriften teils auch so etwas wie eine Vorsehung der ökonomischen Gegenwart gesehen wird und deswegen nun ein Interesse an diesen Schriften besteht, welches über die vormals antizipierten politischen Implikationen hinausgeht. Schliesslich sollen die Marx’schen Theorien auch aus der gegenwärtigen Perspektive nochmals neu analysiert werden, um bewerten zu können, ob sie sich auf die gegenwärtigen Probleme, welche periodisch wiederkehren werden, anwenden lassen und Lösungen anbieten (vgl. Panitch 2009: 140f., 145).

Da sich die Geschichte aber nicht wiederholt, weisen die beiden Wirtschaftskrisen von 1929 und 2008, trotz ihres historischen Gehalts als ökonomische Jahrhundertereignisse, einige Differenzen auf. So wurden unmittelbar nach dem jüngsten „Schwarzen Freitag“, währenddem die Börsen über das Wochenende geschlossen waren, konzertierte Massnahmen der G7 Staaten eingeleitet, welche einen totalen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems verhinderten. Es kam denn auch nicht zum erwartetenBank Run,also einem Ansturm von Privatpersonen auf die Banken um ihre Konten aufzulösen. Die Zahlungsunfähigkeit der betroffenen Banken wäre bereits nach kurzer Zeit die Folge gewesen. In der Zeitspanne von 1929 bis 1932 gingen so alleine in den USA rund 5000 Banken bankrott (Sinn 2009: 16f.). Abgesehen von den unterschiedlichen Auswirkungen ist den beiden wirtschaftlichen Ereignissen gleichwohl ihre globale Reichweite gemein. Für Marx war dies in gewissem Masse bereits im 19. Jahrhundert absehbar, als er zusammen mit Engels in der politisch programmatischen SchriftManifest der Kommunistischen Partei (1848)ausführte, dass „das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte [...] die Bourgeoisie2 über die ganze Erdkugel“ (MEW 4: 465)jagen lässt und die Ökonomie damit „kosmopolitisch gestaltet“ (MEW 4: 466) wird. In der ebenfalls von Marx und Engels gemeinsam verfassten SchriftDie deutsche Ideologie (1845 46),welche zu ihren Lebzeiten nie publiziert wurde (Marti 2008: 167), sprechen die beiden Autoren betreffend den eben beschriebenen Vorgang von einer „Umwandlung der Geschichte in Weltgeschichte“ (MEW 3: 46). Auch die Arbeiterschaft, das Proletariat, ist von dieser Entwicklung betroffen und kann „also nurweltgeschichtlichexistieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als weltgeschichtliche’ Existenz überhaupt vorhanden sein kann“ (MEW 3: 36). Was Marx unter der weltgeschichtlichen Existenz der Arbeiterklasse versteht und wo Zusammenhänge mit der globalisierten Wirtschaft bestehen, soll hier Untersuchungsgegenstand sein. Deshalb liegt dieser Arbeit auch folgende Fragestellung zugrunde:Weshalb kann das Proletariat gem. Marx nur als weltgeschichtliche, also global umspannende Klasse existieren?

Das nächste Kapitel untersucht zentrale Texte der Marx’schen Theorie in Bezug auf die Fragestellung (vgl. Kap. 5.2). Unterteilt in fünf Unterkapitel befasst es sich zuerst mit einigen Begriffen, auf die Marx regelmässig rekurriert und die für das Verständnis seiner Überlegungen relevant sind. Um bewerten zu können, wie Marx historische Vorgänge betrachtet, wird anschliessend die von ihm entwickelte Geschichtstheorie untersucht. Im dritten Unterkapitel wird Marx’ Sichtweise auf die Lage des Proletariats vor dem historischen Hintergrund des 19.

Jahrhunderts analysiert. Schwerpunkte bilden dabei das Verhältnis zwischen der Individualisierung der Proletarier und dem Kommunismus sowie die Zusammenhänge zwischen den Proletariern und der globalisierten Wirtschaft. Das darauffolgende Unterkapitel befasst sich mit den Möglichkeiten, welche Marx zur Verbesserung der miserablen Lage der Industriearbeiter vorschlägt, bevor schliesslich ein Exkurs sich mit der Lage einer gegenwärtigen Form des Proletariats beschäftigt und danach fragt, in welchem Verhältnis deren Lage zur Marx’schen Theorie steht. Im letzten Kapitel werden schliesslich die vorangehende Untersuchung zusammengefasst und Schlussfolgerungen gezogen.

2 Marx’ weltgeschichtliche Perspektive des Proletariats

2.1 Zentrale Begriffe der Marx’schen Theorie

Zunächst sind einige, in den Texten von Marx regelmässig wiederkehrende und für diese Untersuchung zentrale Begriffe zu betrachten. Bereits zu Beginn desManifestsbezeichnet Marx seine Gegenwart als „Epoche der Bourgeoisie“ (MEW 4: 463), in der sich die Gesellschaft „mehr und mehr in zwei große feindliche Lager“ (MEW 4: 463) spaltet: Diese beiden Lager sind dieBourgeoisieund dasProletariat.Die Proletarier sind „die modernen Arbeiter“ (MEW 4: 468), welche ihre eigene Arbeitskraft an die Arbeitgeber verkaufen müssen. Ausser dem Besitz ihrer eigenen Arbeitskraft sind die Proletarier „eigentumslos“ (MEW 4: 472) und gehören daher zur untersten Gesellschaftsschicht. Noch schlechter geht es nur noch demLumpenproletariat,„diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“ (MEW 4: 472). Diese ist so wie auch grosse Teile des Proletariats mitunter demPauperismus,also der (Massen )Armut verfallen und besteht u.a. aus „Vagabunden, Verbrechern, Prostituierten“ (MEW 23: 673). Im Gegensatz dazu steht die Bourgeoisie: Sie ist die herrschende Klasse, die den industriellen Mittelstand ersetzt und nun, über ein grosses Vermögen verfügend, „die Chefs ganzer industrieller Armeen“ (MEW 4: 463) stellt. Die Bourgeoisie wird ausserdem auch mit demKapitalgleichgesetzt (MEW 4: 468), was mit dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu tun hat. Dieses Verhältnis äussert sich im Kauf bzw. Verkauf der Arbeitskraft, wobei der Geldbesitzer, d.h. der Bourgeois und der Arbeitskraftbesitzer, d.h. der Proletarier einen gemeinsamen Vertrag abschliessen. Bei diesem Vertragsabschluss handelt es sich um einen Warentausch3 Geldware gegen Arbeitskraft als Ware wobei die Möglichkeit, Arbeitskraft als Ware zu verkaufen, nicht schon immer bestanden hatte, sondern „das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen“ (MEW 23: 183) ist und sich somit historisch entwickelte. Erst wenn der Geldbesitzer „den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt“ (MEW 23: 183) vorfindet, kann er sein Geld durch die Verwertung der Arbeitskraft in Kapital verwandeln. Frei ist der Arbeiter, wenn er (1) als freier Mensch über seine Arbeitskraft verfügen kann und (2) gleichzeitig frei von jeglichem anderen Eigentum ist (MEW 23: 183). Wenn der Bourgeois einmal die Arbeitskraft des Proletariers besitzt, so ist er fortanKapitalist,da er nun überProduktionsmittelund Geldsowiedie Arbeitskraft verfügt, wobei Marx das neu entstandene Verhältnis wie folgt darstellt: „Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, widerstrebsam“ (MEW 23: 191). Da der Arbeiterjetzt nicht mehr frei ist wie zuvor, wird er durch sein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem Kapitalisten nun zumLohnarbeiter. Während in der Antike Lohnarbeit als Sklavenarbeit überwiegend unfrei war, kam während der europäischen Städtebildung im Mittelalter der sog. freie Lohnarbeiter als Taglöhner auf. Die Art der freien Lohnarbeit wie sie Marx aus seiner Gegenwart kannte, entstand erst mit der Einführung der Gewerbefreiheit und der Abschaffung der Feudalverhältnisse in der Landwirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Tenfelde 2003a: 109 111). Trotzdem setzt Marx diese freie Lohnarbeit mit der antiken Sklaverei gleich, denn beide, Lohnarbeiter und Sklave, stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Arbeitgeber bzw. Herrn und werden ausgebeutet. Der Unterschied zwischen Lohnarbeiter und Sklave liegt nur im Verwendungszweck, den der Käufer beabsichtigt, nicht aber in der persönlichen Situation der betroffenen Individuen (MEW 23: 647).

Der Begriff des Kapitals ist mit dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch nicht vollends ausgeschöpft, zumal Marx der Definition dieses Begriffs ein hunderte von Seiten starkes Werk gewidmet hat. Es sei hier aber noch bemerkt, dass Marx am Ende des dritten Bandes desKapitalseine kurze Synthese seiner ökonomischen Analysen zum Begriff des Kapitals zur Verfügung stellt. Dort rückt er diegegenständlichen Arbeitsbedingungen,welche sich ausden produzierten Produktionsmittelnund derErdezusammensetzen, ins Zentrum: „Jene Produktionsmittel sind an und für sich, von Natur, Kapital; Kapital ist nichts als ein bloßer ökonomischer Name’ für jene Produktionsmittel. [...] Kapital und produziertes Produktionsmittel werden so identische Ausdrücke“ (MEW 25: 832f.). Der Geldbesitzer wird also nicht nur durch den Besitz der Arbeitskraft zum Kapitalisten, sondern eben auch durch liche Arbeit in ihr vergegenständlicht ist, wodurch sie einen Wert erhält und dass sie in einem bestimmten (gesellschaftlich festgelegten) Austauschverhältnis zu anderen Waren steht (MEW 23: 52f.). den Grundbesitz, der ihm erlaubt, seine materiellen Produktionsmittel sein Kapital dauerhaft in Betrieb zu nehmen. Warum aber eigentlich folgt der oben zitierte Arbeiter seinem neuen Arbeitgeber „widerstrebsam“, obwohl er seine Arbeitskraft freiwillig an diesen verkauft hat? Damit er seine Arbeitskraft reproduzieren kann, muss der Arbeiter Lebensmittel konsumieren und um diese erwerben zu können, muss er arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft ist daher mit dem Wert der zur Reproduktion der Arbeitskraft nötigen Menge an Lebensmitteln identisch (MEW 23: 184 186). Diekapitalistische Produktionzeichnet sich aber nicht nur durch die Produktion von Waren aus, sondern v.a. auch durch die Produktion vonMehrwertoder derPlusmacherei,d.h., dass der Arbeiter zu einem Teil für den Kapitalisten, statt für sich selber arbeitet (MEW 23: 532, 647). Aus diesem Grund folgt der Arbeiter dem betriebsamen Kapitalisten nur widerwillig in die Fabrik, weil er eben zu Gunsten seines Arbeitgebers ausgebeutet wird, damit dieser sein Kapital mehren kann. Auch später gereicht dem Arbeiter diese Anhäufung von Kapital zu keinem Vorteil. In diesem Moment nimmt das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer politischen Charakter an. Mit der Politisierung der Gegensätze der beiden Schichten, Bourgeoisie und Proletariat, entwickeln sich sodann eigentlicheKlassen,welche sich bald in einemKlassenkampf,der eben ein politischer Kampf ist, gegenüberstehen (MEW 4: 470f.). Die ungleiche Stellung zwischen dem Käufer und dem Verkäufer der Arbeitskraft resultiert nicht zuletzt deswegen, weil „der Mangel an Subsistenzoder Produktionsmitteln die Verkäufer zum Abschluss eines für sie unvorteilhaften Vertrags zwingen kann“ (Marti 2008: 171) und diese so den Käufern gegenüber benachteiligt sind.

2.2 Historischer Materialismus

Damit die Frage nach der weltgeschichtlichen Perspektive des Proletariats beantwortet werden kann, ist weiter danach zu fragen, was für ein Geschichtsbild Marx in seiner Theorie entworfen hat. In derIdeologiebegründete und entwickelte er zusammen mit Engels eine Geschichtstheorie, welche alsHistorischer Materialismusbezeichnet wird (Marti 2008: 167). Zu Beginn dieser Theorie steht die Kritik am damals gegenwärtigen Geschichtsbild, welche Marx in einer Randbemerkung als „sogenannteobjektiveGeschichtsschreibung“ (MEW 3: 40) bezeichnet. An derselben Stelle wirft er dieser einen reaktionären Charakter vor, da geschichtliche Verhältnisse getrennt von Tätigkeiten aufgefasst würden. Dabei handelt es sich um eine Kritik an der „idealistischen Geschichtsanschauung, [...] [die nicht] auf dem wirklichen Geschichtsboden“ (MEW 3:38) steht und die in der vonGeorg Wilhelm Friedrich Hegel (17701831)formuliertenGeschichtsphilosophieihr Vorbild findet (MEW 3: 39). Für Hegel ist Geschichte ein Prozess, bei dem das Wissen um die Freiheit stets wächst und deren Vollendung er in der christlich germanischen Welt sieht (Marti 2008: 151). Es geht in der Geschichtsphilosophie also um die Formulierung eines „allgemeinen Sinnzusammenhang[s] zeitlicher Veränderungen des Menschen und seiner Welt“ (Rüsen 2003: 21). Dabei handelt es sich um eine eigentlicheFortschrittstheorie(vgl. Kley 2004: 29), da die Veränderungen stets Verbesserungen für das Leben der Menschen hervorbringen und die Weltgeschichte einen göttlichen „Endzweck“ (Hegel 1996: 24) hat.

Ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung von Geschichte ist für Hegel die Vernunft. Diese muss freilich vom Betrachter der Geschichte mitgebracht werden, ansonsten sich die Erkenntnisse aus der Geschichte als leer erweisen, „denn wie man die Geschichte und die Welt ansieht, so sieht sie einen wieder an“ (Hegel 1996: 21). Wohl auch deshalb werfen Marx und Engels der Hegelschen Geschichtsphilosophie zu Recht vor, „daß in der Geschichte stets Gedanken herrschen“ (MEW 3: 48) und damit die Spekulation, anstelle der „Tatsachen und praktischen Entwicklungen“ (MEW 3: 41), das vorherrschende Element in der Historiographie sei. Überdies hätten die einfachen Leute den klareren Blick für die materiellen Umstände, als die Philosophen: „Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper sehr wohl zwischen [d]em zu unterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtschreibung noch nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen“ (MEW 3: 49), d.h., dass die (gewünschte) Realitätsnähe und Bodenständigkeit der Geschichtsschreiber gänzlich inexistent ist. Entgegen der Hegelschen Lehre kann für Marx das Bewusstsein „nie etwas Anderes sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ihr wirklicher Lebensprozeß“ (MEW 3: 26). Daher können die Menschen ihre eigenen Verhältnisse verbessern, indem sie sich von falschen Vorstellungen trennen (Marti 2008: 167), denn „[n]icht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein“ (MEW 3: 27), so Marx und Engels. Eine zentrale Rolle in Bezug auf das Bewusstsein spielt auch die Sprache, welche wie das Bewusstsein erst im Verkehr mit anderen Menschen entsteht: „[D]ie Spracheistdas praktische, auch für andre Menschen existierende [...] wirkliche Bewußtsein“ (MEW 3: 30). Deshalb sind nicht die idealen Vorstellungen der Menschen die treibenden Kräfte der Geschichte. Stattdessen werden diese durch „die äußeren Faktoren der materiellen Lebensführung“ (Rüsen 2003: 28) bestimmt. Die Marx’sche „Geschichtsauffassung beruht also darauf, den wirklichen Produktionsprozeß, und zwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln und [...] als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen“ (MEW 3:37).

Neben der materiellen Grundlage hat die Geschichte in der Marx’schen Historiographie auch einen Zweck, ähnlich den Vorstellungen Hegels.

[...]


1 1867 erschien die Erstauflage des ersten Bandes desKapitals,wobei die Erstauflagen des zweiten und dritten Bandes posthum 1885 bzw. 1894 erschienen und von Marx’ FreundFriedrich Engels (1820 1895)herausgegeben wurden (Lutz Bachmann 2007: 451).

2 Auf die Begriffe Bourgeoisie, Proletariat, u.a. wird in Kap. 2.1 weiter unten eingegangen.

3 Zum Charakter der Ware stellt Marx u.a. folgendes fest: „Der Warenkörper selbst [...] ist [...] ein Gebrauchswert oder Gut“ (MEW 23: 50). Damit diese Güter zu Waren werden, bedarf es zunächst einer „geschichtliche[n] Tat“ (MEW 23: 50), die der Ware ihren Charakter verleiht. Wichtige Eigenschaften der Ware sind, dass mensch

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Marx' Untersuchung zur Lage des Proletariats
Untertitel
Eine weltgeschichtliche Perspektive
Hochschule
Universität Zürich  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Forschungsseminar "Die Theorie von Marx"
Note
1,5 (CH: 5,5)
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V180510
ISBN (eBook)
9783656033424
ISBN (Buch)
9783656033677
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Marx, Weltgeschichte, Politische Philosophie, Politische Ökonomie, Historischer Materialismus, Kommunistischer Individualismus, Proletariat, Kapitalismus, Kapitalismuskritik, Kommunismus
Arbeit zitieren
M.A. Manuel Irman (Autor), 2010, Marx' Untersuchung zur Lage des Proletariats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180510

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