Der Inflektiv und seine Bedeutung im Rahmen der Internetkommunikation


Bachelorarbeit, 2011

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1 Die Geschichte des Inflektivs
1.2 Definition

2. Der Inflektiv in der Internetkommunikation
2.1 Grundlagen der Internetkommunikation
2.2 Die Spezifika der Chat-Kommunikation
2.3 Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit / Schriftlichkeit
2.4 Der Inflektiv
2.4.1 Grammatikalische Besonderheiten
2.4.2 Die Funktion des Inflektivs und seine Ursprünge
2.4.3 Inflektive in Internet- und Chat-Kommunikation
2.5 Verwandte Phänomene
2.5.1 Emoticons
2.5.2 Actionzeilen / me-Auszeichnungen
2.5.3 Onomatopoetika und Lautwörter
2.5.4 Akronyme
2.6 Internetkommunikation in anderen Sprachräumen

3. Fazit und Ausblick

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Weltbevölkerung und ihre Um- und Mitwelt befinden sich im Zustand stetiger Entwicklungen und Neuerungen. Abgesehen von technischen Innovationen, die ihren Ausgangspunkt größtenteils in der Industrialisierung haben, bestimmen soziale oder ökologische Entwicklungen die gesellschaftliche Organisation und deren Handeln auf diesem Planeten. Auch wenn es teilweise schwer fallen mag in diesen Tendenzen eine wahre Progression auszumachen, stellen sie neue Anforderungen an die Menschheit. Der Aufwand der zum Erwerb von Fähigkeiten und Qualifikationen zur Bewältigung dieser Anforderungen betrieben wird, scheint dabei oft in keinerlei Relation zu den Nutzen zu stehen. Die Herausforderungen der Zeit durchdringen dabei alle gesellschaftlichen Schichten und Strukturen.

Daher sind auch die Geisteswissenschaften vom Prozess der technologischen Innovationen betroffen. Bezüglich des Forschungsfeldes der Linguistik stellen die Neuerungen des 20. und 21. Jahrhunderts besondere Herausforderungen an Forscher und Forschung. Neben der Mediatisierung der Gesellschaft und der globalen Verfügbarkeit einer nahezu unuberschaubaren Masse an Printmedien, stellt vor allem das Internet, dem in dieser Arbeit gesonderte Beachtung geschenkt werden soll, ein neues Forschungs- und Arbeitsfeld für die Linguistik dar. Das Internet umfasst als virtueller Raum bereits viele Forschungsfelder der Sprachwissenschaft, es ergänzt sie aber teilweise auch um neue Aspekte, deren Entstehung und Verwendung scheinbar in engem Zusammenhang mit dem Medium Internet und seiner Beschaffenheit stehen. Der Inflektiv, der Repräsentant solch eines Phänomens ist, soll Thema dieser Arbeit sein.

1.1 Die Geschichte des Inflektivs

Die aktuellen Verwendungsformen des Inflektivs, die im späteren Verlauf dieser Arbeit behandelt werden sollen, werfen natürlich zwangsläufig auch die Frage nach seinen historischen Dimensionen auf. Der Inflektiv ist keineswegs als Phänomen des Internetzeitalters zu werten. Seine Ursprünge liegen vielmehr im Nachfeld des Zweiten Weltkriegs und in der Gattung der Comics. Bernd Dolle-Weinkauff spricht, in Bezugnahme auf das Jahr 1945, von einer „Stunde Null“ der Comichkultur in Deutschland[1]. Die kulturpolitischen Einschränkungen während des Nationalsozialismus ließen trotz der spezifisch deutschen Tradition für Bildgeschichten[2] keinen Platz für die Entwicklung einer Comickultur, wie sie sich in vielen anderen europäischen Staaten zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert hatte[3]. In den USA hatten sich Comic strips oder Comic books bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts behauptet. So entstand der Comic strip „Katzenjammer Kids“ für das New York Journal bereits 1897, interessanterweise durch einen deutschstämmigen Autor, dessen Auftrag in der Kreierung von „something like Max and Moritz“ lag[4]. So scheint es nicht weiter überraschend, dass zunächst amerikanische Comics in Deutschland bekannt wurden, die großteils durch amerikanische Besatzungssoldaten an die Bevölkerung verteilt wurden und später auch Bestandteile der CARE-Pakete bildeten[5]. Neben der persönlichen Weitergabe von diesen Comicheften, lässt sich bereits in der Frühphase ein „merkantile[r] Charakter“ ausmachen[6]. Comics wurden zum Tauschobjekt. Als Beispiele für damalige Comics sind „Ferdinand, der Stier“ (1946) oder „Der Bär, der keiner war“ (1948) zu nennen[7]. Durch diese Werke wurde eine Ausgangsbasis für die Entstehung deutscher Comics gelegt. Um das sprachliche Phänomen des Inflektivs zu erklären muss das Augenmerk jedoch weiterhin auf die fortbestehende Tradition amerikanischer Comics in Deutschland gelegt werden. Zwar beansprucht Herbert Feuerstein die Einführung des Inflektivs im „MAD“-Magazin für sich, allerdings erschien die erste Ausgabe dieses Magazins erst im Jahr 1967 und hält somit bei genauerer Untersuchung dem Anspruch auf Urheberrecht nicht stand[8]. Peter Schlobinski datiert das Auftreten des ersten Inflektivs in seiner ausgeprägten Form hingegen früher, zumal er ein singuläres Auftreten des Inflektivs vor dem 20. Jahrhundert keinesfalls ausschließen möchte[9]. Auch Lenke und Schmitz sprechen sich gegen die Inanspruchnahme des Inflektivs durch das „MAD“-Magazin aus und sehen seinen Ursprung, ähnlich wie Schlobinski, in den Übersetzungen der Disney-Comics ins Deutsche durch Erika Fuchs[10]. Die Micky-Maus-Chefredakteurin sah sich und ihr Team mit dem Problem der Umsetzung der amerikanischen „sound words“ (click) konfrontiert. Diese „Sprachgags von ursprünglich singulärem Charakter“ etablierten sich jedoch schnell als festes Inventar des deutschen Comicwortschatzes[11].

1.2 Definition

Dolle-Weinkauff, auf den sich Schlobinski an dieser Stelle bezieht, charakterisiert die neu entstandenen Wörter wie bibber, schluchz, seufz oder grübel als „onomatopöisierte[r] Verben“[12]. Die englische Bezeichnung als „sound words“ legt diese Schlussfolgerung ebenfalls nahe. Dieser Definitionsansatz ist keineswegs unumstritten und in dieser Arbeit soll ein alternativer Zugang gewählt werden, der die rein onomatopöisierende Funktion der Inflektive zurückweist. Hadumod Bußmann definiert Onomatopoiie als „Wortprägung durch Nachahmung natürlicher Laute“[13]. Das Beispiel grübel ist keine Nachahmung natürlicher Laute sondern eher eine Zustandsbeschreibung, die die bildliche Darstellung stützen soll. Bußmann verweist in ihrem Lexikonartikel zudem auf den Begriff „Ikon“, der sich aus in den Ausarbeitungen Schlobinskis wiederfindet. Schlobinski unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Formen des Inflektivs: der Basisfunktion und der progressiven Funktion (Assertionshandlung)[14]. Die Basisfunktion ist die „unmittelbare bildliche Repräsentation[...]“, die auch die ikonische Funktion umfasst[15]. In seiner Korrespondenz mit Klaus Bayer trifft Peter Schlobinski schließlich die Entscheidung, dass die zweite Form des Inflektivs eine illokutionäre Funktion hat. Das „optische nicht Wahrnehmbare[...] im Bild“ kann in seiner Progression somit ebenfalls durch den Inflektiv verkörpert werden[16].

Die Definition des Inflektivs ist jedoch Kernbestandteil der Forschungsdiskussion, in der selbst der Begriff „Inflektiv“ angezweifelt wird. Nicht in allen Fällen erfolgt eine Ausdifferenzierung wie sie Schlobinski vornimmt. Der onomatopoetische Ansatz findet sich so auch bei Oliver Teuber wieder, der sich ähnlich wie Hentschel und Weydt auf die Interjektion als Grundelement des Inflektiv-Phänomens festlegt und von der „Nachahmung der tönenden Natur“ spricht[17]. Hier werden erneut die definitorischen Unschärfen im Forschungsbereich des Inflektivs deutlich. Grundlage soll aber der Definitionsansatz von Beißwenger sein. Michael Beißwenger versucht formale Kriterien auszumachen, die Inflektive klassifizieren. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich um „Ein-Wort-Ausdrücke, die durchaus auch komplexer sein können“ und von Asterisken umschlossen sind, handelt (Beispiel für komplexe Inflektive: *indenarmnehmundtröst*)[18]. Der Aspekt der Progressivität wird durch seine Benennung abgedeckt, denn er spricht nicht von Inflektiven sondern von Handlungs- und Zustandsbeschreibungen[19]. Es ist allerdings fraglich ob die Verwendung von Asterisken eine Zwangsläufigkeit für Inflektive darstellt. Die grammatikalischen Bedingungen sollen an späterer Stelle genauer erläuert werden, bis dahin sollte Schlobinskis kurze grammatische Definition der Inflektive als „prädikativ gebrauchte Verbstämme“ ausreichen[20]. Komplexere Konstrunktionen, wie sie Beißwenger anführt, sind hierbei als ergänzte Verbstämme zu verstehen.

2. Der Inflektiv in der Internetkommunikation

2.1 Grundlagen der Internetkommunikation

Das Internet ist in seiner Konstruktion und aktuellen Ausprägung ein kaum zu überschauendes Medium, welches zeitgleich eine Vielzahl von Optionen und Möglichkeiten bereithält, deren Nutzung jedem User offen stehen. Diese Tatsache bedingt, dass auch das Feld der Sprache und Kommunikation ihren Platz in diesem Medium finden. E-Mails, Chats und Messenger tragen zur globalen und zeitnahen Kommunikation bei und stehen in Wechselwirkung mit ihren Hauptmittel, der Sprache. Hadumod Bußmann definiert Sprache als:

„Auf kognitiven Prozessen basierendes, gesellschaftlich bedingtes, historischer Entwicklung unterworfenes Mittel zum Ausdruck bzw. Austausch von Gedanken, Vorstellungen, Erkenntnissen und Informationen sowie zur Fixierung und Tradierung von Erfahrung und Wissen.“[21].

Die technische Innovation, die mit der Etablierung eines weltweiten Netzwerks einhergeht, bedingt somit auch sprachliche Entwicklungen, die Sprachpuristen wohl als Verfall kennzeichnen würden, die aber wenn überhaupt nur als kontrollierter Verfall gewertet werden können, denn die Entwicklungen folgen klaren Tendenzen, die sich weit über das Themenfeld Sprache heraus erstrecken. Dennoch ist die Rasanz mit der sich dieser mediale Wandel vollzogen hat einzigartig. Gundolf Freyermuth spricht von einem „historischen Medienumbruch[...]“[22]. Welche Konsequenzen hat dieser Umbruch jedoch auf die internetimmanente und eventuell sogar die internetexterne Kommunikation?

Die offensichtlichste Entwicklung besteht im Wechsel der Kommunikationsmethoden, die sowohl Individual- als auch Massenkommunikation betreffen. Brief und Fax werden ebenso verdrängt wie analoge Datenträger (Schallplatte oder Videokassette). An ihre Stelle treten E-Mail, SMS, CD, DVD und die Möglichkeit eines nahezu uneingeschränkten digitalen Datentransfers durch das Internet[23].

Der Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit soll im Bereich der Chat-Kommunikation liegen, allerdings ist es zur Klärung mancher Sachverhalte unabdingbar andere Formen der Internet-Kommunikation zu Rate zu ziehen und diese auf Parallelen und Unterschiede zu analysieren. Vorweg sollen jedoch nur kurz die Spezifika der Internet-Kommunikation dargelegt werden.

Peter Schlobinski beschreibt den mit dem Internet einhergehenden Wandel in seiner qualitativen als auch in seiner quantitativen Dimension. Unter Berufung auf Hartmut Roth liegen die wesentlichen Merkmale in „der Zunahme und dem raschen Wechsel von Kommunikationspartnern und […] in der Veränderung der Kommunikationsmedien, welche unweigerlich die Qualität der Interaktion und damit der sozialen Beziehung selbst beeinflussen“[24]. Durch die Einrichtung von Communities, Chats und Foren wird dem Nutzer ein riesiger Pool an potentiellen Kommunikationspartnern zur Verfügung gestellt, mit denen live oder on demand kommuniziert werden kann. Kommunikation bedarf keiner gleichzeitigen Anwesenheit der Kommunikationspartner mehr. Der Frage, ob Computerkommunikation als Ausgangspunkt für eine neue Schriftlichkeit dienen kann, gehen Haase, Huber, Krumeich und Rehm in ihrer Arbeit nach. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die sprachlichen Innovationen der Computerkommunikation sich stark an den Merkmalen gesprochener Sprache orientieren, auch wenn die Eingabe und Entnahme mit Tastatur und Bildschirm über Hilfsmittel funktionieren, die in ihrer Beschaffenheit eher der Schriftsprache zuzuordnen wären[25]. Beispielhaft für diese Tendenz führen sie Abkürzungen und Parataxen an[26].

2.2 Die Spezifika der Chat-Kommunikation

Wie bereits angedeutet weist die Internetkommunikation spezielle Kommunikationsformen und -bedingungen auf. Da das Internet in seiner Vielfalt jedoch die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Kommunikation anbietet, scheint es naheliegend, dass auch diese wiederum ihre eigenen Spezifika aufweisen. Die Chat-Kommunikation stellt hierbei keine Ausnahme dar.

Zur Klärung der „kommunikativen Randbedingungen“ soll hier zunächst auf die Ausarbeitungen von Angelika Storrer zurückgegriffen werden. Sie unterscheidet zwischen drei wesentlichen Randbedingungen: der Asynchronität, der technisch organisierten Sequenzierung und der medialen Schriftlichkeit[27]. Der Aspekt der Asynchronität ergibt sich aus der Tatsache, dass die Gesprächspartner innerhalb eines Chats die eingetippte Nachricht erst nach der Bestätigung des Senders durch das Drücken der „Enter“-Taste erhalten. Storrer führt zudem an, dass der Tippvorgang als solcher von den anderen Chatteilnehmern nicht wahrnehmbar ist[28]. Dies ist jedoch nur für einen Teil der Chatrooms zutreffend, denn mittlerweile gibt es durchaus Programme die den Schreibvorgang von Chatteilnehmern anzeigen.

Die technisch organisierte Sequenzierung meint die Organisation und Darstellung der Chat-Beiträge durch den Server. Die Beiträge werden demnach in eine zeitliche Reihenfolge gebracht, nämlich in die Reihenfolge, die ihrem Eintreffen auf dem entsprechenden Server entspricht[29].

Die mediale Schriftlichkeit beschreibt den Vorgang des Eintippens der Nachricht mit der Tastatur und die mögliche Selektion der Gesprächspartner, für die die gesendete Nachricht zugänglich sein soll (Flüster-Modus)[30]. Punkt zwei und drei in den Ausarbeitungen Storrers scheinen Forschungskonsens zu sein, auch wenn in den meisten Fällen auf die gesonderte Betonung der Sequenzierung verzichtet wird. Der Punkt der Asynchronität taucht interessanterweise bei der Analyse der Internet-Kommunikation nur im Zusammenhang mit der E-Mail-Kommunikation auf. Die Chat-Kommunikation wird sowohl von Beißwenger als auch von Haase et al. als synchron bezeichnet[31]. Hier liegt kein genereller Konflikt zugrunde, vielmehr handelt es sich wohl um das Problem der inhaltlichen Auslegung von „Unmittelbarkeit“. Während Beißwenger, unter Bezugnahme auf Lenke/Schmitz, Chat als „das einzige synchrone, nicht-lokale Mehrweg-Medium“[32] betitelt und Haase et al. ihre Zuordnung der Chat-Kommunikation in das Feld der synchronen Kommunikation bereits durch ihre Gliederung deutlich machen liegt bei Angelika Storrer ein relativ eng definierter Unmittelbarkeits-Begriff vor[33]. Der Moment zwischen der Fertigstellung eines Beitrags und dem Absenden wird als ausreichend erachtet, um ihn als asynchron zu bewerten[34]. Auch Torsten Siever ist sich dieser Problematik bewusst, er spricht aber dennoch von „quasisynchrone[r]“ Kommunikation[35].

Im Folgenden soll die Chat-Kommunikation jedoch als synchrone Kommunikation eingestuft werden. Daher soll an dieser Stelle zusammenfassend die Definition von David Crystal genannt werden: „In a synchronous group, electronic interactions are taking place in real time.“[36]. Wichtiger als die Synchronität als solche ist in diesem Fall allerdings die Abgrenzung zu E-Mail-Kommunikation oder sonstigen on demand-Kommunikationsformen, bei denen der zeitliche Abstand zwischen Produktion und Rezeption erheblich größer sein kann als in einem Chatroom.

Die konkrete sprachliche Realisierung der Chat-Kommunikation soll nun genauer betrachtet und in ihre Einzelbestandteile aufgegliedert werden, wobei dem Inflektiv als Kernthema dieser Arbeit natürlich gesonderte Aufmerksamkeit zukommen wird. Zuvor soll jedoch noch kurz die sprachökonomische Grundstruktur der Chat-Kommunikation betrachtet werden.

Die Ökonomisierung der Textproduktion äußert sich, laut Beißwenger, in zwei grundlegenden Phänomenen: den Tippfehlern und der Kleinschreibung[37]. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Die Kommunikation mit mehreren Gesprächspartnern erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Selektionsfähigkeit, sowie die Fähigkeit die eigenen Gedanken möglichst schnell in einen Beitrag umzuwandeln; das Achten auf korrekte Orthographie bleibt hierbei auf der Strecke oder die Rechtschreibregeln werden sogar bewusst missachtet[38].

2.3 Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit / Schriftlichkeit

Konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit werden im Allgemeinen als Extrempunkte einer Skala angesehen. Nur wenige Schrift- oder Spracherzeugnisse lassen sich auf dieser Skala jedoch an genau diesen Extrempunkten verorten. Die Internetkommunikation stellt hier keine Ausnahme dar. Johannes Bittner spricht von einem „hybriden“ Phänomen, das die „historische Opposition von (Druck-)Schrift und Sprache“ aufweicht[39]. Die verschiedenen Abstufungen zwischen konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit finden sich somit auch in der Internetkommunikation. Folgt man den Ausarbeitungen von Michaela Schirnhofer, so sind Schreiben und Text fortan als „dynamische Begriffe der Bewegung, der Performanz und der Interaktion“[40] einzuordnen. Auch sie spricht von einem hybriden Phänomen, welches Eigenschaften sowohl konzeptioneller Mündlichkeit als auch Schriftichkeit aufweist[41]. Dagegen schreibt Dittmann die Chat-Kommunikation eher der konzeptionellen Mündlichkeit zu[42]. Der Verzicht auf Formalitäten und allgemein gültige Rechtschreibregeln sind Argumente, die für diese Zuordnung sprechen. Natürlich ist der Grad der konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit vom Gesprächs- oder Diskussionsgegenstand abhängig, allgemein kann im Bereich der Freizeitverwendung des Internets die Einschätzung Dittmanns vertreten werden. Allerdings muss die konzeptionelle Mündlichkeit graphisch realisiert werden. „Wegen der hohen Geschwindigkeit und Bequemlichkeit der elektronischen Post werden heute viele Telefonate oder private Mitteilungen durch E-Mail ersetzt.“[43]. Die konzeptionelle Mündlichkeit wird in diesem Fall nicht länger an das Medium Sprache, sondern an das Medium Schrift gebunden. Hier entsteht eine gewisser Konflikt, der sich im Fortlauf der Arbeit am Beispiel des Inflektivs noch einmal verdeutlichen wird, und wie ein stetes Bemühen nach dem Durchbrechen medial bedingter Grenzen wirkt. Grundsätzlich kann allerdings festgehalten werden, dass spezielle Kommunikationsformen im Internet durchaus das Ziel verfolgen Defizite in der Kommunikationssituation zu kompensieren[44].

2.4 Der Inflektiv

Die angesprochenen sprachökonomischen Überlegungen auf Seiten der Internetnutzer (hier insbesondere der Chatter) stellen sicherlich ein konstitutives Element dar, das zur Etablierung des Inflektivs in der Chat-Kommunikation geführt hat. Diese und andere Funktionen des Inflektivs werden Thema des nächsten Abschnitts sein, zuvor wird die grammatikalische Beschaffenheit dieser Wortart im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.

2.4.1 Grammatikalische Besonderheiten

Wendet man sich der grammatikalischen Beschaffenheit der Inflektive zu, so sind die Ausarbeitungen von Beißwenger unumgänglich. Er unterscheidet zwischen simpler und komplexer Wortbildung und gewissen Sonderformen[45]. Als Beispiel für die simple Wortbildung ist *freu* zu nennen, das zudem in den für Inflektive typische Asterisken gesetzt wurde. Verbendstellung und Verbinitialstellung sind die beiden Komponenten, die zusammen die komplexe Wortbildung ausmachen. Die komplexe Wortbildung ist zudem durch das Auftreten einer oder mehrerer substantivischer oder adjektivischer Konstituenten gekennzeichnet[46]. Eine tabellarische Darstellung soll an dieser Stelle für die exemplarische Füllung dieser Kategorien sorgen:

Verbendstellung

Verbinitialstellung

Die Sonderformen, die Beißwenger anspricht, kennzeichnen sich dadurch, dass sie in ihrem Ursprung nicht eindeutig auf eine Wortform zurückzuführen sind. *s* oder *g* sind hier als typische Beispiele zu nennen. Sie gehen zwar auf die englischen Begriffe smile und grin zurück, sind aber sowohl als Verb als auch als Substantiv zu realisieren[47].

Die morphologische und syntaktische Analyse bleibt Beißwenger in seiner Arbeit schuldig. Schlobinski beschreibt das Phänomen Inflektiv aber auch unter diesen Gesichtspunkten. Die Rolle des Aktanten ist dabei eng mit dem grundlegenden Kommunikationsablauf innerhalb des Chatrooms verknüpft. Ein Pseudonym kennzeíchnet die Autoren der jeweiligen Beiträge.

[...]


[1] B. Dolle-Weinkauff: Comics made in Germany, S.9.

[2] Als Beispiel werden hier von Dolle-Weinkauff die Bildgeschichten von Wilhelm Busch aufgeführt.

[3] Vgl. B. Dolle-Weinkauff, Comics made in Germany, S.9.

[4] Vgl. Ebd.

[5] B. Dolle-Weinkauff, Comics, S.23.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. hierzu: Fußnote Nr. 5 bei: P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.194.

[9] Vgl. P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.194.

[10] Vgl. N. Lenke/P. Schmitz, Geschwätz im globalen Dorf, S.129.

[11] Zit n. P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.196.

[12] Zit. n. Ebd., S.194.

[13] H. Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Sp. 1, S.494.

[14] Vgl. P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.197.

[15] Vgl. hierzu: Fußnote Nr. 12 bei: P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.197.

[16] Vgl. P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.197.

[17] Vgl. Fußnote Nr. 3 bei: P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.194.

[18] M. Beißwenger: Chat-Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, S.106.

[19] Vgl. Ebd., S.105; sowie M. Haase, M. Huber, A. Krumeich, G. Rehm: Internetkommunikation und Sprachwandel, S.65.

[20] P. Schlobinski: *knuddel – zurueckknuddel – dichganzdollknuddel*, S.193.

[21] Vgl. H.Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Sp.2, S.643.

[22] G. Freyermuth, Internetbasierte Kommunikation, S.10.

[23] Vgl. Ebd.

[24] Zit. n. P. Schlobinski, Bedeutung digitalisierter Kommunikation, S.26.

[25] Vgl. M. Haase et al., Internetkommunikation und Sprachwandel, S.81.

[26] Vgl. Ebd.; vgl. hierzu auch: T. Siever, Sprachökonomie in den „Neuen Medien“, S.77-83.

[27] Vgl. A. Storrer, Sprecherwechsel und sprachliches Zeigen in der Chat-Kommunikation, S.7.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Vgl. A. Storrer, Sprecherwechsel und sprachliches Zeigen in der Chat-Kommunikation, S.7.

[30] Vgl. Ebd.

[31] Vgl. hierzu: M. Beißwenger, Kommunikation in virtuellen Welten, S.41; M. Haase et al., Internetkommunikation und Sprachwandel, S.56-58.

[32] Zit. n. M. Beißwenger, Kommunikation in virtuellen Welten, S.41.

[33] Vgl. M. Haase et al., Internetkommunikation und Sprachwandel, S.56.

[34] Vgl.A. Storrer, Sprecherwechsel und sprachliches Zeigen in der Chat-Kommunikation, S.7.

[35] T. Siever, Sprachökonomie in den „Neuen Medien“, S.77.

[36] D. Crystal, Language and the Internet, S.151.

[37] M. Beißwenger, Kommunikation in virtuellen Welten, S.71; Beißwenger führt hier zudem eine Ausdifferenzierung verschiedener Fehlertypen und ihrer „Intentionen“ auf.

[38] Vgl. M. Haase et al., Internetkommunikation und Sprachwandel, S.75f.

[39] J. Bittner, Digitalität, Sprache, Kommunikation, S.53.

[40] M. Schirnhofer, Textdesign von nicht-linearen Texten in der massenmedialen Kommunikation, S.180.

[41] Vgl. Ebd., S.181f.

[42] Vgl. M. Dittmann, Sprachverwendung im Internet, S.39f.

[43] M. Haase et al., Internetkommunikation und Sprachwandel, S.59.

[44] Vgl.M. Schirnhofer, Textdesign von nicht-linearen Texten, S.181.

[45] Vgl. M. Beißwenger, Kommunikation in virtuellen Welten, S.110.

[46] Vgl. Ebd., S.111.

[47] Vgl. M. Beißwenger, Kommunikation in virtuellen Welten, S.111.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Inflektiv und seine Bedeutung im Rahmen der Internetkommunikation
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V180582
ISBN (eBook)
9783656034063
ISBN (Buch)
9783656034322
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inflektiv, bedeutung, rahmen, internetkommunikation
Arbeit zitieren
Lukas Kroll (Autor), 2011, Der Inflektiv und seine Bedeutung im Rahmen der Internetkommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180582

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