Die Herausbildung des Konzeptes der 'virtuellen Gemeinschaft' und Formen gegenwärtiger Realisierung am Beispiel von learnetix.de


Magisterarbeit, 2003
99 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Soziologische Grundlagen und Begriffe sozialer Formation
2.1 Schwierigkeiten soziologischer Begriffsdefinition
2.2 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft
2.3 Georg Simmel: Formen der Vergesellschaftung
2.4 Max Weber: Grundriss der verstehenden Soziologie
2.5 Leopold von Wiese: Das System der allgemeinen Soziologie
2.6 George Caspar Homans: Die Theorie der sozialen Gruppe

3 Das Konzept des sozialen Netzwerks
3.1 Zur Entstehung des sozialen Netzwerkbegriffs
3.2 Zur Entstehung der Netzwerkforschung
3.2.1 Kennwerte der Netzwerkanalyse
3.2.2 Ergebnisse der Netzwerkforschung: Subgruppen- und Cliquenbildung innerhalb von Netzwerken
3.3 Das Konzept des sozialen Netzwerkes im gesellschaftlichen Zusammenhang
3.4 Weitere Anwendungsgebiete des Netzwerkbegriffs

4 Gesellschaftlicher Wandel und Individualisierungsprozess
4.1 Der Begriff der Individualisierung
4.2 Erste Individualisierungstendenzen im Mittelalter
4.3 Der Ursprung der Individualisierung in der Renaissance
4.4 Individualisierung und Moderne
4.5 Individualisierung im Zeitalter der Aufklärung
4.6 Individualisierung in der Industriemoderne
4.7 Individualisierung nach dem Zweiten Weltkrieg
4.8 Individualisierung in der Postmoderne

5. Das Konzept der virtuellen Gemeinschaften
5.1 Technologischer Wandel: Auf dem Weg zu virtuellen Gemeinschaften
5.2 Der Begriff der virtuellen Gemeinschaft
5.3 Virtuelle Gemeinschaften – Charakteristika, Potenziale und Grenzen
5.3.1 Das Demokratisierungspotenzial virtueller Gemeinschaften
5.3.1.1 Das Demokratiepotenzial für Bürger
5.3.1.2 Das Demokratiepotenzial für den Staat
5.3.1.3 Demokratiepotenzial und Kommerzialisierung
5.3.2 Virtuelle Gemeinschaften als Ort der Beziehungsbildung moderner und nachmoderner Gesellschaften
5.3.2.1 Beziehungsunterstützende Charakteristika virtueller Gemeinschaften
5.3.3 Virtualität als Potenzial virtueller Gemeinschaften
5.4 Virtuelle Gemeinschaften – Das Beispiel learnetix.deâ
5.4.1 Virtualität bei learnetix.deâ
5.4.3 Das beziehungsstiftende Potenzial bei learnetix.deâ

6. Explorative Untersuchung
6.1 Zur Methode
6.1 Durchführung
6.2 Entwicklung des Rücklaufs
6.4 Ergebnisse und Interpretation
6.4.1 Beurteilung der Annahme 1
6.4.2 Beurteilung der Annahme 2

7. Zusammenfassung und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Seien es der Feuilleton, der Wirtschaftsteil oder die Rubrik „Aus Forschung und Technik“ der Tageszeitungen, die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Literatur oder Berichterstattungen anderer Medien wie beispielsweise Fernsehsendungen oder Diskussionsrunden im Rahmen von Kongressen und anderen Veranstaltungen dieser Art. Überall wird man mit Begriffen konfrontiert, die das Potenzial des Internet und seiner Dienste[1], bzw. die in dieses Potenzial gesteckten Hoffnungen akzentuieren. Beinahe unvermeidlich stößt man im Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur auf Begriffe wie „New Economy“, „E-Commerce“, oder „dot.com“, die alle das Potenzial des Internet und seiner Dienste betonen, per elektronischer Datenübertragung schnell, unkompliziert und vor allem weltweit wirtschaftliche Transaktionen tätigen zu können.

Aber auch klassisch-soziologische Begriffe wie der der Gemeinschaft werden mit dem Zusatz „virtuell“ in den ebenso „virtuellen Raum“ des Internet transferiert. Denn auch in der Soziologie führt die „explosionsartige Verbreitung von Computern und Online-Anschlüssen“ (vgl. Dollhausen/Wehner 2000: 74) zu Diskussionen, die zumindest in Teilen ein grundsätzliches Überdenken der tradierten soziologischen Begriffe erkennen lassen.

Fraglich ist, wie groß der Einfluss des Internet auf die geschilderten Bereiche wirklich ist und ob die Folgen dieses Einflusses tatsächlich solch grundlegende Veränderungen darstellen, dass man wie Roesler von einer „digitalen Revolution“ (1997: 7) sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Bereiche sprechen kann. Wird das Internet tatsächlich die Entwicklung zur „reibungslosen Marktwirtschaft“[2] (Gates 2000: 105) unterstützen, oder ist die „Internet-Blase“ (Fricke 2002: ohne Seitenangabe) und damit alle in das wirtschaftliche Potenzial des Internet gesteckten Hoffnungen längst geplatzt?

Die Annahme, dass das Internet zu „größerer Weltharmonie“ (Negroponte 1997: 279) führt, in der technischer Fortschritt, Gleichheit, Friede und Wohlstand nicht mehr länger Utopien, sondern Alltag sind (vgl. brand eins 01/2003), wird in Frage gestellt durch die Behauptung, das Internet sei „vor allem ein Mythos“ (Roesler 1997: 8). Diesem käme die Aufgabe zu, aus Zweifel Zuversicht zu machen und die quälende Ungewissheit bezüglich der Zukunft durch „die Suggestion der Gewissheit“ (ebenda: 10) zu ersetzen.

Bezüglich des demokratischen Potenzials des Internet wird von einem athenischen Zeitalter gesprochen (vgl. Gore 1994), in dem die Bürger befähigt sind, selbst zu handeln, ohne auf Bürokratie angewiesen zu sein. Schrader hingegen konstatiert, „Drin sein“ sei bei vielen „out“ (Schrader 2003: 1), da entgegen der Prognosen weniger als die Hälfte der Deutschen im Jahre 2003 das Internet nutze (Vgl. ebenda). Somit würde ein vermeintliches demokratisches Potenzial seitens der Bürger gar nicht ausreichend in Anspruch genommen.

Nun kann es in dieser Arbeit nicht darum gehen, alle angesprochenen Potenziale des Internet in ihrer Gesamtheit zu analysieren und ihre Verwirklichungschancen bzw. den Grad ihrer tatsächlichen Verwirklichung zu diskutieren. Vielmehr soll der Schwerpunkt der Arbeit auf der Verwirklichung des soziologischen, beziehungsstiftenden Potenzials des Internet liegen, ohne jedoch die weiteren wissenschaftlichen Bereiche, in denen das Internet sich zu einem beliebten Instrument entwickelt hat, ganz zu vernachlässigen.

Um das tatsächliche soziale Potenzial des Internet zu betrachten, wird die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften am Beispiel von learnetix.deâ, einer virtuellen Lerngemeinschaft für Schüler nachgezeichnet. Diese Beschreibung wäre jedoch schwer nachvollziehbar, ohne das Aufzeigen der technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die das Entstehen virtueller Gemeinschaften erst ermöglichten. Hierzu zählen besonders die Entwicklung des Internet inklusive seiner diversen Dienste auf technologischer Seite und der Individualisierungsprozess auf der Gesellschaftsebene. Die Darstellung dieser beiden Entwicklungsprozesse ist ein weiterer umfangreicher Bestandteil der vorliegenden Arbeit. Mittels einer explorativen Studie in Form einer egozentrierten Netzwerkanalyse, sollen die in learnetix.deâ vorhandenen sozialen Beziehungsstrukturen dargestellt und teilweise auf ihre spezielle Beschaffenheit hin untersucht werden. Mögliche Unterschiede zu, und Gemeinsamkeiten mit „realweltlichen“ sozialen Beziehungsstrukturen sollen dabei identifiziert und benannt werden.

Um zu Aussagen solcher Art gelangen zu können, werden im Kapitel 2 soziologische Grundlagen und Begriffsdefinitionen sozialer Formationen, wie beispielsweise die der Gruppe, Gemeinschaft und Gesellschaft gegeben. Gleichzeitig soll auf die Vielzahl unterschiedlicher Begriffsinterpretationen hingewiesen werden, welche durch die verschieden starke Betonung von Merkmalen entstehen, die nach Meinung der diversen Autoren für die Konstitution sozialer Formationen verantwortlich sind.

Homans bezeichnet die beschriebene Vielzahl unterschiedlicher Definitionsansätze gar als ein „Hindernis für klares Denken in den Sozialwissenschaften“ (1978: 147).

Um zumindest eine Annäherung an allgemeingültige Definitionen sozialer Formationen zu erreichen, werden in den Abschnitten 2.2 bis 2.6 Theorien, Konzepte und Definitionsansätze von fünf unterschiedlichen Soziologen vorgestellt. Im Einzelnen sind dies die Ansätze und Theorien von Ferdinand Tönnies (2.2), Georg Simmel (2.3), Max Weber (2.4), Leopold von Wiese (2.5) und George C. Homans (2.6). Identifizierbare Gemeinsamkeiten zwischen den fünf Ansätzen sollen dann zur Annäherung an die gewünschten Metadefinitionen benutzt werden.

Die Auswahl der genannten Soziologen begründet sich in der häufigen Bezugnahme auf diese in der Standardliteratur zum Thema virtueller Gemeinschaften und internetbasierter Beziehungsbildung. Es kann gezeigt werden, wie nahe sich die vorgestellten Theorien bereits lang vor der Erfindung des Internet am Konzept der virtuellen Gemeinschaften befanden, was vermutlich auch der Grund für die häufige Nennung der Autoren und deren Theorien in der angesprochenen Literatur ist. Auch die Voraussage des Entwicklungsprozesses sozialer Beziehungsstrukturen durch die vorgestellten Soziologen, an dessen vorläufigen Ende das Konzept der virtuellen, interessenbasierten Gemeinschaften liegt, wird dargestellt.

Wurde im Kapitel 2 mit der Übersicht der traditionellen Definitionen sozialer Formationen der Ausgangspunkt für den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess dargestellt, an dessen Ende das Konzept der virtuellen Gemeinschaften steht, so beschäftigt sich das Kapitel 3 mit dem nächsten Schritt in diesem Prozess. Dieser Schritt manifestiert sich im Aufkommen des Konzepts des sozialen Netzwerks, das gegenwärtige Vergesellschaftungsstrukturen, die auch im Konzept der virtuellen Gemeinschaften abgebildet werden, zu erklären versucht.

Im Abschnitt 3.1 werden die Entstehungsgeschichte und einige Definitionen des Netzwerkbegriffs dargestellt. Um zu einer eigenständigen Definition zu kommen, wird dieser gegenüber den traditionellen Definitionen sozialer Formationen aus dem Kapitel 2 abgegrenzt.

Zeitlich eng verbunden mit der Entstehung des Netzwerkbegriffs, ist die Etablierung der Netzwerkforschung. Einen Einblick in die Entstehungsgeschichte, die methodischen und theoretischen Leitideen sowie in die formalen Verfahren und Erkenntnisse der Netzwerkforschung und speziell der Netzwerkanalyse gewährt der Abschnitt 3.2.

Der nachfolgende Abschnitt 3.3 zeigt auf, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Entstehung und Etablierung des Netzwerkbegriffs zur Beschreibung sozialer Beziehungsstrukturen begünstigt haben könnten und wie sich gleichzeitig die hohe Popularität des Begriffs erklären lässt. Hierzu wird auf die veränderten Anforderungen moderner Gesellschaften an das Individuum wie beispielsweise eine gesteigerte (soziale) Mobilität hingewiesen (Boissevain beschreibt diese Herauslösung des Individuums aus rein familiären Beziehungsstrukturen hin zu netzwerkartigen Strukturen dadurch dass er die Individuen fortan als „Unternehmer ihrer sozialen Beziehungen“ (1974: 7) sieht.

Der Netzwerkbegriffs und das damit beschriebene Konzept sind dabei gut geeignet den beschriebenen Anforderungen gerecht zu werden.

Auch der Abschnitt 3.4 belegt die aktuelle Popularität des Netzwerkbegriffs, indem er weitere Einsatzgebiete neben dem der Beschreibung sozialer Formationen aufzeigt. So wird der Netzwerkbegriff auch im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich verwendet, um Unternehmenskooperationen zu beschreiben, die als Reaktion auf die veränderten Wettbewerbsbedingungen im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungen wie der der Globalisierung gebildet werden (vgl. Sydow 2001). Und auch im Bereich der Politik werden Netzwerke gebildet, um dauerhafte, stabile Kompromissfindungen zu ermöglichen und zu erleichtern (vgl. Weyer 2000).

Den bereits im dritten Kapitel - im Rahmen des Entstehungsprozesses des Netzwerkbegriffs - angesprochenen gesellschaftlichen Veränderungen ist das gesamte vierte Kapitel gewidmet. Neben den im Kapitel 5 nachgezeichneten technologischen Entwicklungen stellen diese gesellschaftlichen Veränderungen eine weitere wichtige Voraussetzung für die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften dar. Fest in diese gesellschaftlichen Veränderungen eingebettet ist der Prozess der Individualisierung. Am Prozess der Individualisierung wird deutlich, welche Auswirkungen die gesellschaftlichen Veränderungen auf den Menschen und dessen Art der Beziehungsbildung haben.

Eine Definition für den Begriff der Individualisierung wird im ersten Abschnitt des Kapitels in Anlehnung an Simmels Theorie der sozialen Kreise gegeben, die verkürzt besagt, dass sich das Individuum durch die Ausdehnung der es umgebenden sozialen Kreise herausbildet, verstärkt und an Profil gewinnt. Mit der Zunahme des Individualisierungsgrades innerhalb der Gesellschaft verlagert sich der Schwerpunkt der Beziehungssetzung von familiären Beziehungen, in die das Individuum hineingeboren wurde (vgl. auch Kapitel 2), hin zu frei gewählten Beziehungen, deren Basis eher geteilte Interessen und vor allem Selbstverwirklichung sind. Am vermeintlichen Höhepunkt des Individualisierungsprozesses finden sich dann vollständig frei gewählte Beziehungskonstellationen in Reinform, die virtuellen Gemeinschaften.

Der Definition des Individualisierungsbegriffs folgt in den Abschnitten 4.2 bis 4.8 ein geschichtlicher Abriss des Individualisierungsprozesses von seinen ersten Anzeichen im Hochmittelalter (4.2) bis hin zu seiner gegenwärtigen nachmodernen Ausprägung, die im Abschnitt 4.8 erläutert wird.

Nach Wersig 1998 liegt die eigentliche Geburtsstunde der Individualisierung in der Renaissance. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Renaissance und deren Einfluss auf den Individualisierungsprozess werden im Abschnitt 4.3 dargestellt. Einen weiteren Entwicklungsschub erfährt das Individuum in der Epoche der Moderne. Im Abschnitt 4.4 „begleitet“ die vorliegende Arbeit das Individuum auf seiner Suche nach Gewissheit, während der es sich zu einem frei handelnden und vernunftfähigen Wesen entwickelt. Das Zeitalter der Aufklärung mit seinen Gleichheitsbestrebungen für jeden Menschen und die Industriemoderne mit ihren gravierenden Einflüssen auf die Beziehungsstruktur der Menschen werden hinsichtlich ihrer Wirkungen auf den Individualisierungsprozess in den Abschnitten 4.5 und 4.6 betrachtet. Zunehmende Komplexität, Unsicherheit und Multioptionalität sind Einflüsse, die auf die individuelle Lebensführung der Menschen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einwirken. Die Reaktionen des Individuums darauf und somit das Fortschreiten des betrachteten Individualisierungsprozesses werden im Abschnitt 4.7 ausführlich erläutert.

Die geschilderte Zunahme der Unsicherheit und Komplexität in der Spätphase der Moderne zwingen das Individuum zum Entwurf neuer Lebenspläne. Und auch die (Neu-) Gestaltung sozialer Beziehungsstrukturen sind ein zentraler Bestandteil dieser Planungen. Ein in diese Pläne eingebettetes, so genanntes „Bindungspatchwork“ (vgl. Wersig 2002: 124), beinhaltet die Ausbildung selbstgesteuerter, kurzfristiger, interessenbasierter und häufig wechselnder sozialer Beziehungen. Diese Art sozialer Beziehungen sind genau solche, für die das Internet und die dort angesiedelten virtuellen Gemeinschaften ausreichend Raum bieten können. Der Weg, an dessen nachmodernen Ende die eben beschriebenen sozialen Beziehungsstrukturen stehen, wird detailliert im kapitelabschließenden Abschnitt 4.8 aufgezeigt.

Das Kapitel 4 beschreibt somit ausführlich eine der beiden großen Voraussetzungen für die Entstehung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften, nämlich den Individualisierungsprozess vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen beginnend im Hochmittelalter und vorläufig endend in der Zeit der Nachmoderne. Die beobachteten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen beziehen sich dabei ausschließlich auf den so genannten „westlichen Kulturkreis.“[3]

Neben den im Kapitel 4 ausführlich diskutierten gesellschaftlichen Veränderungen und dem dort eingebetteten Individualisierungsprozess stellen die technologischen Entwicklungen des Internet, seiner Dienste und die Entwicklung des Personalcomputers den zweiten zentralen Block der Voraussetzungen dar, die die Entstehung virtueller Gemeinschaften überhaupt erst ermöglichen. Im Rahmen der Nachzeichnung des Entwicklungsprozesses dieser Technologien werden in den Abschnitten des Kapitels 5 Grundbegriffe der Computer- und Internetterminologie eingeführt.

Mit Abschluss des Abschnitts 5.1 wurde eine Übersicht aller für die Entstehung virtueller Gemeinschaften erforderlichen Entwicklungen gegeben. Im nachfolgenden Abschnitt 5.2 wird dann begonnen, das Konzept der virtuellen Gemeinschaften vorzustellen. Hierzu werden im ersten Schritt verschiedene Definitionsansätze für den Begriff der virtuellen Gemeinschaften vorgestellt. Aus der Gegenüberstellung der verschiedenen Ansätze wird versucht, eine Annäherung an eine allgemeingültige Beschreibung für das Konzept der virtuellen Gemeinschaften zu erlangen.

Die Unschärfe der existierenden Definitionsversuche resultiert nicht zuletzt aus den unterschiedlichen Übersetzungen des englischen Begriffs der „community“ in die deutsche Sprache. Auf die vermeintlichen Gründe für die uneinheitlichen Übersetzungen wird im Kaptitel 5 eingegangen.

Um trotz dieser Unschärfe ein gutes Verständnis vom Konzept der virtuellen Gemeinschaften und von der Motivation zur Teilnahme an solchen Beziehungsformen herzustellen, werden im Abschnitt 5.3 Charakteristika, Potenziale und Grenzen virtueller Gemeinschaften, sowie deren kritische Diskussion in der begleitenden Literatur ausführlich aufgezeigt.

Besonders ausführlich werden dabei das Demokratiepotenzial (5.3.1), das beziehungsstiftende Potenzial (5.3.2) und die Virtualität als Charakteristikum und Potenzial zugleich diskutiert (5.3.3).

Die so vorgestellten und diskutierten Potenziale und Grenzen werden im Abschnitt 5.4 auf ihre Verwirklichung bzw. Bestätigung hin untersucht. Dies geschieht am Beispiel von learnetix.deâ, einer existierenden virtuellen Gemeinschaft des Cornelsen Verlags für Bildungsmedien, die im genannten Abschnitt vorgestellt und hinsichtlich der vorher aufgezeigten Potenziale und Grenzen analysiert wird.

Den Abschluss der Arbeit bildet eine explorative Untersuchung, deren Methode, Durchführung und Ergebnisse im Kapitel 6 dargestellt werden. Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine egozentrierte Netzwerkanalyse, deren Zielsetzung es ist, Informationen über die Beziehungsstrukturen zwischen den Mitgliedern von learnetix.deâ zu erhalten.

Ziel der Untersuchung ist es dabei, die in Abschnitt 3.2.2 beschriebene Subgruppen- oder Cliquenbildung innerhalb von Netzwerken nachzuweisen. In einem zweiten Schritt wurden die zuvor durch Befragung identifizierten egozentrierten Netzwerke bzw. deren Mitglieder hinsichtlich ihres Mitgliedsalters, also der Dauer ihrer Mitgliedschaft bei learnetix.deâ, strukturiert. Die Annahme war hier, dass neu hinzukommende learnetix.deâ-Mitglieder über geringere Chancen verfügen, mit kommunikationsgeschichtlich Älteren in Verbindung zu treten. Dies sei darauf zurückzuführen, dass Neu-Mitglieder mit den bereits etablierten Beziehungen und ggf. bestehenden Schließungstendenzen in Konkurrenz treten müssen (vgl. auch Stegbauer 2001).

Insgesamt ließen sich viele der im Verlaufe der Arbeit identifizierten Potenziale, Charakteristika und Grenzen virtueller Gemeinschaften am Beispiel von learnetix.deâ wieder erkennen. Dargestellt werden diese detailliert im Abschnitt 6.4.

2. Soziologische Grundlagen und Begriffe sozialer Formation

In dem nun folgenden Kapitel werden die soziologischen Grundlagen und Begriffsdefinitionen sozialer Formationen eingeführt und erläutert. Unter 2.1 wird auf die Vielzahl von Begriffsinterpretationen seitens soziologischer Wissenschaftler eingegangen. Diese große Zahl unterschiedlicher Interpretationsansätze macht es schwierig bis unmöglich, klare, verbindliche Definitionen für die Beschreibung sozialer Formationen wie Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft zu erlangen. Dennoch soll mit der Vorstellung einzelner Soziologen und deren Theorien in den Abschnitten 2.2 bis 2.6 versucht werden, sich allgemeingültigen Beschreibungen der sozialen Formationen wie der Gruppe, der Gemeinschaft und der Gesellschaft zumindest anzunähern.

Die Auswahl der in den Abschnitten 2.2 bis 2.6 vorgestellten Soziologen und deren Theorien und Konzepte erfolgte in dieser Form, da auf gerade diese Vertreter in der Standardliteratur zum Thema der „virtuellen Gemeinschaften“ immer wieder Bezug genommen wird.

Die personenbezogene Gliederung des folgenden Kapitels dient der leichteren Wiederauffindbarkeit der einzelnen Vertreter bzw. deren Theorien und Konzepten. Dieser Umstand erscheint dadurch sinnvoll, da es im Verlauf der Arbeit immer wieder zu Vergleichen zwischen den traditionellen soziologischen Theorien und den im Internet auftretenden Formen von Vergesellschaftung kommt. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den „virtuellen“ sozialen Formationen und denen in diesem Kapitel beschriebenen sollten somit leichter fallen.

2.1 Schwierigkeiten soziologischer Begriffsdefinition

In der Soziologie herrscht offensichtlich nur wenig Übereinstimmung hinsichtlich der Definition zentraler Begriffe. Dass dies auch für die Definitionsbildung für die diversen Ausprägungen sozialer Formation gilt, bemerkt auch Poplin:

„From its inception as a discipline, sociology has been plagued by inconsistency and ambiguity in some of its basic terminology“(Poplin 1979: 3).

Die Verwendung unterschiedlicher Begriffe zur Beschreibung ähnlicher oder gar deckungsgleicher Ideen stellen laut Homans gar ein „Hindernis für klares Denken in den Sozialwissenschaften“ dar (1978: 147).

Führt der (sozial-) wissenschaftliche Gebrauch der „wirklichkeitsfremden Begriffsdefinitionen“ (Weber 1980: 1) bereits zu Missverständnissen, so ist zu vermuten, dass sich dieses Phänomen im alltagssprachlichen Bereich zumindest fortsetzt – wenn nicht gar noch verstärkt.

Hamman sieht einen Grund für die uneinheitliche Verwendungsweise soziologischer Begriffe in der Alltagssprache darin, „[...] dass sich gerade das gesellschaftliche Konstrukt, das der Begriff abbilden soll, kontinuierlich verändert und weiterentwickelt“ (2000: 223).

So ist zu vermuten, dass beispielsweise der Begriff der „Gemeinschaft“ in von der Landwirtschaft geprägten Gesellschaften mit anderen Wertvorstellungen verbunden und verwendet wurde und wird, als in heutigen, industrialisierten Zeiten und Gesellschaften.

Abhängig von der Entstehungszeit einer Begriffsdefinition und der Zielsetzung, die mit der Verwendung des Begriffs verfolgt werden soll, entstehen offenbar verschiedenartige Deutungen der soziologischen Begriffe.

Die aktuelle Diskussion zum Thema der „virtuellen Gemeinschaften“ liefert einen weiteren Beitrag zur Entstehung diffuser Begriffskonzepte bezüglich soziologischer Formationen. So wird der Begriff der „community“ aus der angelsächsischen Literatur übernommen und auf unterschiedliche Art und Weise übersetzt. Die kulturellen Grundlagen des Begriffs werden dabei nur selten hinterfragt. Diese Problematik wird an späterer Stelle ausführlicher diskutiert, da dann auch am Beispiel „learnetix.deâ“, einer existierenden „Online-Community“ anschaulich diskutiert werden kann.

Folgend werden nun – chronologisch – Theorien und Begriffsdefinitionen ausgesuchter Soziologen vorgestellt. Die Einführung dieser Definitionen soll dem Leser der Arbeit die Möglichkeit geben, die traditionellen Vorstellungen über die Beschaffenheit sozialer Formationen mit den neuartigen Strukturen virtueller Gemeinschaften zu vergleichen und ggf. Parallelitäten bzw. Unterschiede zwischen den Konzepten zu identifizieren. Die angegebenen Lebensdaten der vorgestellten Soziologen sollen dazu dienen, den zeitlichen Hintergrund der Entstehung der Begriffe zu bedenken. Wie bereits oben bemerkt, können sich in unterschiedlichen Zeiten und deren politischen und gesellschaftlichen Umständen verschiedene Werte mit den Begriffen der diversen soziologischen Formationen verbinden.

2.2 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft

Der wissenschaftliche Standort des Soziologen Tönnies[4]. lässt sich wie folgt darstellen: In seiner Theorie der „reinen Soziologie“[5] prägt er die Begriffe der „Gemeinschaft“ und der „Gesellschaft“ und stellt sie als gegensätzlich gegenüber.

Im Sinne Tönnies’ meint der Begriff der „Gemeinschaft“ Beziehungen zwischen Menschen, die auf familiären, verwandtschaftlichen oder örtlichen, also nachbarschaftlichen Bindungen beruhen. Emotionen und gemeinsame religiöse oder kulturelle Werte halten eine Gemeinschaft nach Tönnies dauerhaft zusammen (Tönnies 1926). Eine solche Lebensform wird von ihren Mitgliedern als Selbstzweck aufgefasst und konstituiert sich um ihrer selbst willen. Zur näheren Erläuterung dieses Umstands prägt Tönnies den Begriff des „Wesenwillen“[6], ohne den sich nach Tönnies eine Gemeinschaft nicht bilden kann.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für das Ent- und Bestehen von Gemeinschaft ist nach Tönnies das Fehlen von Freiwilligkeit beim Eingehen gemeinschaftlicher Bindungen.

„In Gemeinschaft mit den seinen befindet man sich, von Geburt an mit allem Wohl und Wehe daran gebunden“(Tönnies 1926: 3).

Die „Gesellschaft“ ist nach Tönnies hingegen durch unpersönliche, oberflächliche und vorübergehende Beziehungen zwischen den Menschen geprägt. Gemeinsame Werte und Emotionalität werden hier durch rationales Kalkül ersetzt. Verbindungen bilden sich demnach nur mit dem Ziel der Besserstellung, das beispielsweise durch den Tausch erreicht werden kann:

„[...] hier ist jeder für sich allein, und im Zustande der Spannung gegen alle übrigen. Keiner wird für den anderen etwas tun und leisten, keiner dem anderen etwas gönnen und geben wollen, es sei denn um einer Gegenleistung oder Gegengabe willen [...]“ (ebenda: 40).

Ein solches zweckorientiertes Handeln belegt Tönnies mit dem Begriff des „Kürwillens“, der für die Vergesellschaftung konstituierend ist.

Das traditionelle Dorf stellt nach Tönnies das Idealbild einer Gemeinschaft dar (vgl. Tönnies 1926: 32f). Dort kennt jeder jeden und soziale wie geographische Mobilität sind nur sehr gering ausgeprägt. Im Gegensatz dazu trifft man die gesellschaftlichen Beziehungen im Sinne von Tönnies eher in Großstädten an (vgl. ebenda: 35ff).

Wie sich im Verlauf der Arbeit noch zeigen wird, besitzen virtuelle Gemeinschaften beinahe ausschließlich Charakteristika, die Tönnies für die Beschreibung von Gesellschaft benutzt. Es wird wiederum deutlich, dass die Übersetzung des englischen Begriffs der „community“ in den deutschen Begriff der „Gemeinschaft“ problematisch ist, da mit diesem Begriff verbundene Werte – wie hier bei Tönnies – im Konzept der virtuellen Gemeinschaften nur schwer wieder zu finden sind.

Ein weiterer Definitionsansatz, nämlich der Georg Simmels, soll im nachfolgenden Abschnitt vorgestellt werden.

2.3 Georg Simmel: Formen der Vergesellschaftung

Georg Simmel wurde 1858 in Berlin geboren und verbrachte dort beinahe seine gesamte Lebenszeit. Erst vier Jahre vor seinem Tod im Jahre 1918, trat er eine Professorenstelle an der Universität von Straßburg an.

Hier soll die kurze biografische Einleitung dazu dienen, die folgenden soziologischen Begriffsdefinitionen Simmels zeitlich und gesellschaftlich einzuordnen[7]. So wird das Leben und Wirken in einer großen Stadt wie es Berlin auch schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, nicht ohne Einfluss auf die Ansichten Simmels hinsichtlich von Vergesellschaftungsformen geblieben sein. Es ist zu vermuten, dass großstädtische Beziehungsstrukturen alleine aufgrund der großen Zahl möglicher Beziehungen, die ein Einzelner potentiell eingehen kann, in der Regel nicht mit der gleichen Intensität geführt werden können wie beispielsweise dörfliche oder gar familiäre Beziehungen.

So setzt sich Simmel wiederholt mit dem Thema Großstadtleben auseinander und beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Kapitalismus und des Lebens in von Anonymität geprägten Großstädten auf den sozialen zwischenmenschlichen Verkehr auseinander (vgl. Simmel 1903).

Der Schwerpunkt des in dieser Arbeit betrachteten Ausschnitts der Soziologie Simmels liegt auf der Beobachtung und Deutung von Formen und Strukturen, die in sozialen Gebilden typisch sind. Innerhalb dieser stabilen Beziehungsstrukturen spielen sich laut Simmel Handlungen ab, die immer einem bestimmten Muster folgen.

„Gesellschaft“ existiert nach Simmel dort, „[...] wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten. Diese Wechselwirkungen bedeuten, dass aus den individuellen Trägern von veranlassenden Trieben und Zwecken eine Einheit, eben eine „Gesellschaft“ wird“ (Simmel 1992: 18). Ähnlich wie bei Tönnies (vgl. 2.2) konstituiert sich Gesellschaft durch das Streben nach Verwirklichung individueller Interessen (Simmel nennt sie Triebe). Das Streben nach Interessenverwirklichung hat wiederum soziale Handlungen zur Folge. Diese Handlungen eines Individuums haben dann Einfluss auf andere Individuen. Erst dann ist laut Simmel „[...] aus dem bloß räumlichen Nebeneinander oder auch zeitlichen Nacheinander der Menschen eine Gesellschaft geworden“ (ebenda: 19).

Im Gegensatz zu Tönnies, der den Begriff der Gruppe in seiner Dichotomie von „Gesellschaft und Gemeinschaft“ auflöst, gibt Simmel der Gruppe eine eigene Kontur und formt somit ein eigenständiges soziales Gebilde (ebenda: 63ff). Eine Gruppe im Sinne Simmels umfasst eine klar angebbare Zahl von Mitgliedern. Diese Gruppenmitglieder stehen bis zur Erlangung eines Gruppenziels in ständiger Interaktion. Durch die bereits erwähnten engen sozialen Wechselwirkungen, entwickeln sich im Zeitablauf Gruppenidentitäten und Traditionen innerhalb der Gruppe. Diese tragen wiederum zur steigenden Kohäsion der Gruppe bei.

Zur Entstehung der gruppenbildenden sozialen Wechselwirkung bedarf es somit mindestens zweier Individuen, die in einen Austausch treten. So lässt sich also eine quantitative Untergrenze von zwei Personen für die Entstehung einer Gruppe festlegen[8].

An diese Argumentation anknüpfend besteht auch eine quantitative Obergrenze für eine Gruppe. Ab einer unbestimmten Zahl von Gruppenmitgliedern ist die Aufrechterhaltung einheitlicher Beziehungsstrukturen nicht mehr möglich. Die stabilisierenden Interaktionen zwischen allen Gruppenmitgliedern sind nun nicht mehr gewährleistet. „Soll dies vermieden werden, so bleibt eben nichts übrig, als an einem bestimmten Punkte eine harte Grenze der Vergrößerung zu ziehen und allen von jenseits dieser andrängenden [...] Elementen die quantitative Geschlossenheit des Gebildes entgegenzusetzen“ (ebenda: 67).

Die hier gemachte Beobachtung von Schließungstendenzen zur Erhaltssicherung von Gruppen wird im Kapitel 6 im Rahmen der Untersuchung desselben Phänomens bei der virtuellen Gemeinschaft von learnetix.deâ mit Einschränkungen bestätigt werden.

Eine exakte numerische Obergrenze für den Bestand einer Gruppe liefert Simmel zwar nicht. Doch führt er die „patriarchalische Hausfamilie“ an (vgl. ebenda: 92), die meist 20 bis 30 Mitglieder umfasst und sich durch große Intimität und Solidarität auszeichnet. Nach Simmel sollte eine Gruppe diese Zahl von Mitgliedern nicht überschreiten, wenn sie ähnliche Charakterzüge wie die patriarchalische Familie erreichen will.

Zusammenfassend ist also festzuhalten, dass laut Simmel die Stabilität und Qualität sozialer Vergesellschaftungsformen von der Anzahl der jeweiligen Mitglieder bzw. derer sozialer Wechselwirkungen abhängt.

In seiner Theorie der „Kreuzung sozialer Kreise“ (vgl. ebenda) beschreibt Simmel die Entstehung sozialer Beziehungen unter Individuen. Demnach ist eine Person nach ihrer Geburt Mitglied im sozialen Kreis der Familie. Dies ist der erste von vielen sich konzentrisch um das Individuum ausbreitenden Kreisen. Im Laufe seines Lebens entwickeln sich nun Kontakte zu Personen, die außerhalb des erwähnten ersten Kreises der Familie stehen. Diese neu entstandenen Beziehungen sind nach Simmel vor allem inhaltlicher Natur. Das heißt, sie zeichnen sich durch „sachliche Gleichheit der Anlagen, Neigungen, Tätigkeiten usw. [...]“ aus (Simmel, 1992: 457). Es vollzieht sich offensichtlich ein Wechsel von herkunftsgeleiteten zu überwiegend interessengeleiteten Beziehungen, die für moderne Gesellschaften typisch sind. Der Einzelne nimmt hier an unterschiedlichen sozialen Kreisen teil. Da sind solche, an die er per Geburt gebunden ist und solche, die er frei wählt. Die Selbstbestimmtheit, die sich in der freien Wahl der neuen sozialen Kreise ausdrückt ist nach Simmel ein Faktor der erst zur Herausbildung von Individualität führt.[9] Das Individuum ist folglich „das Produkt seiner sozialen Beziehungen“ (Stegbauer 2001: 110). Oder in den Worten Simmels:

„[...] aus Individuen entsteht die Gesellschaft, aus Gesellschaft entsteht das Individuum“ (1992: 485).

Die Theorie Simmels lässt sich sehr leicht auf die internetbasierten virtuellen Gemeinschaften[10] von heute übertragen. Zwar ist es dem Einzelnen unmöglich mit weltweit allen Nutzern des Internet in Kontakt zu treten, doch bilden sich innerhalb des Internet soziale Kreise anhand themenabhängiger Diskussionsforen und –kanäle in Form von virtuellen Gemeinschaften (vgl. Hinner 1998 und Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit). Ein weiterer Interpretationsstandpunkt bezüglich konstituierender Merkmale sozialer Formationen, soll im Rahmen der Theorie Max Webers im nachfolgenden Abschnitt aufgezeigt werden.

2.4 Max Weber: Grundriss der verstehenden Soziologie

Max Weber gilt als Gründer der „verstehenden Soziologie.“[11] Aus der bis dahin eher als empirische Wissenschaft mit naturwissenschaftlicher Basis geltenden Soziologie formte Weber eine Wissenschaft, „[...] welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ (Weiß 1992: 45). Jede soziale Handlung ist in diesem Sinne in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu verstehen.

Max Weber bemühte sich um die Etablierung einer Soziologie als eigenständige Disziplin mit einer exakten Methodik und eigener Terminologie. In seinem erst posthum 1922 erschienenen soziologischen Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ liefert er eine große Zahl soziologischer Grundbegriffe. Im Folgenden sollen die für die vorliegende Arbeit interessanten Definitionen vorgestellt werden.

Den Ausgangspunkt der Soziologie Webers bildet das Individuum. Aus seinem zweckrationalen Handeln heraus entsteht nach Weber soziale Struktur. Damit unterscheidet er sich klar von Georg Simmel (vgl. 2.3) bei dem das Individuum vielmehr das Produkt seiner sozialen Beziehungen ist.

Laut Weber besteht eine soziale Beziehung „[...] ausschließlich und lediglich aus der Chance, daß ein seinem Sinngehalt nach in angebbarer Art aufeinander eingestelltes Handeln stattfand, stattfindet oder stattfinden wird“ (Weber 1980: 13 Hervorhebung im Original). Allein die Chance zur Entstehung eines aufeinander bezogenen Handelns sichert nach Weber bereits den Bestand sozialer Beziehungen. Es bedarf also nicht einer gewissen Dichte oder Häufigkeit sozialer Beziehungen, wie dies beispielsweise von Georg Simmel behauptet wird.

Auf dieser Grundlage entsteht laut Weber „Gesellschaft“, wenn sich soziales Handeln mit dem Ziel des „Interessen ausgleichs“ bzw. der „Interessen verbindung“ einstellt (ebenda: 21, Hervorhebungen im Original). Eine Vergesellschaftung entsteht demnach aus rein rationaler Motivation der Mitglieder. Weber bezeichnet die reinste Form der Vergesellschaftung als „Zweckverein“ (ebenda: 22).

Das soziale Handeln, das im Sinne Webers zur „Vergemeinschaftung“ führt, beruht auf „[...] subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit“ und ist auf Langfristigkeit ausgelegt (ebenda: 21, Hervorhebungen im Original).

Ähnlich wie Ferdinand Tönnies (vgl. 2.2) stellt für Weber die Familie den Idealtypus der Vergemeinschaftung dar: „Den Typus der Vergemeinschaftung gibt am bequemsten die Familiengemeinschaft ab“ (ebenda: 22).

Einschränkend betont Weber, dass die Mehrzahl sozialer Beziehungen sowohl Teile der „Vergesellschaftung“ als auch der „Vergemeinschaftung“ in sich vereinen (vgl. ebenda).

Wie bereits Georg Simmel (vgl. 2.3) erwähnt auch Weber die Sinnhaftigkeit auftretender Schließungstendenzen und Grenzbildungen im Rahmen der verschiedenen Formen sozialer Beziehungen. Als ein Motiv für eine solche Schließung führt Weber u. a. die „Hochhaltung der Qualität und (eventuell) dadurch des Prestiges [...]“ an (ebenda: 24).

Im Zentrum der Argumentation Webers steht u. a. die Notwendigkeit des Interessenausgleichs und der Interessenverbindung zur Bildung sozialer Beziehungen. Genau diesen übereinstimmenden Interessenfokus liefern virtuelle Gemeinschaften sehr deutlich. So trägt learnetix.deâ den Beinamen „Schüler-Lerncommunity von Cornelsen.“ Bereits in diesem Namen wird der Interessenfokus, nämlich das gemeinsame Lernen und ggf. Verbessern von Schulleistungen bei Schülern, betont. Im Sinne Webers sollten virtuelle Gemeinschaften also gut als Ort zur Beziehungsbildung geeignet sein. Die Richtigkeit dieser Annahme wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch ausführlicher diskutiert. Zuvor soll jedoch die Theorie Leopold von Wieses näher beleuchtet werden.

2.5 Leopold von Wiese: Das System der allgemeinen Soziologie

Leopold von Wiese war Soziologe und Volkswirt. Er war Gründer der „Kölner Zeitschrift für Soziologie“ und gemeinsam mit Ferdinand Tönnies auch Mitglied der 1903 gegründeten British Sociological Society, die u. a. dazu beitrug, dass die Soziologie an britischen Universitäten als eigenständige Disziplin eingeführt wurde. Die Etablierung der Soziologie als eigenständige Wissenschaft auch in Deutschland war ein Hauptziel von Wieses. Hierzu gehört laut von Wiese die Loslösung der Soziologie von anderen Wissenschaften wie Biologie, Physik, Politik oder Psychologie:

“Für die jüngste deutsche Entwicklung, [...], ist zunächst charakteristisch, daß sie diesen Weg der Naturwissenschaften fast ganz verlassen hat. Das ist eine sehr folgenreiche Tatsache: Eine solche Emanzipation ist nur möglich, wenn man die Probleme aus der Soziologie ausscheidet, die ihrem Wesen nach zum größeren Teile zur Biologie gehören [...]“ (1966: 44).

Von Wieses bezeichnet seine Auffassung von Soziologie als „Beziehungslehre“(vgl. 1966: 48). Gegenstände dieser Art von Soziologie sind die zwischenmenschlichen Wechselwirkungen und Beziehungen, die wiederum bestimmte Erscheinungsformen prägen. Bei der Einteilung und Definition von sozialen Gebilden verzichtet von Wiese im Sinne der Emanzipation der Soziologie von anderen Wissenschaften auf Beachtung von psychologischen oder andersartigen Motiven. Lediglich die zwischenmenschlichen Prozesse, die zur Konstitution von sozialen Gebilden führen werden in Wieses „Beziehungslehre“ betrachtet.

In diesem Sinne definiert von Wiese die „Gesellschaft“ als „abstrakte Masse ohne Substanz“(1966: 438).

Auch die Masse ist nach von Wiese ein soziales Gebilde, da ein Teil des „Ichbewußtseins im Wirbewußstsein“ untergeht und sich eine „überindividuelle Einheit“ herausbildet (ebenda: 417-418). In Abgrenzung zur Gruppe jedoch besitzt die Masse laut von Wiese eine geringere Potenz, da ihr die Struktur und vor allem eine Führerschaft fehlt.

Die Gruppe weist zudem eine verhältnismäßige Dauer und Einheitlichkeit auf[12]. Erst dann kann man im Sinne von Wieses die in einer Gruppe agierenden Menschen als zusammengehörig bezeichnen (ebenda: 448 ff). Im Gegensatz zu Simmel (vgl. 2.3 in dieser Arbeit) ist von Wiese nicht der Ansicht, dass die Intensität der Beziehungen mit der Größe der Gruppe schwindet. Ein Anwachsen der Mitgliederzahl bedeute vielmehr eine „der Gruppe zugute kommende Kraftsumme“ (ebenda: 457). Viel entscheidender sei die entsprechende Organisation der Gruppe. Gut organisiert nämlich können - nach von Wiese - Gruppen von ihrem quantitativen Zuwachs gar profitieren. Eine Optimalgröße von Gruppen besteht laut Wiese dennoch. Diese macht er abhängig von der jeweilig vorherrschenden Situation und der „bestehenden Mischung der sozialen Prozesse“ (ebenda). Numerische Werte für die Grenzziehung von Gruppen liefert von Wiese nicht.

„Gemeinschaft“ definiert von Wiese ebenso wie Tönnies (vgl. 2.2) als soziales Gebilde, in das man „hineingeboren“ wird (ebenda: 438).

Anstatt das Individuum in das Zentrum seiner Betrachtungen zu stellen, wie dies beispielsweise Max Weber tut (vgl. 2.4), fokussiert von Wiese auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und Prozesse, die er für die Herausbildung von sozialen Gebilden und Strukturen für unerlässlich hält. Offensichtlich ist er auch der Meinung, dass die erwähnten zwischenmenschlichen Beziehungen messbar sein müssten:

„Es handelt sich darum, die tatsächlich bestehenden Zusammenhänge zwischen den Menschen und Menschenverbindungen (nicht die von den Menschen gehegten Ideologien, Wünsche, [...]) zu beobachten, zu analysieren, systematisch zu ordnen und, soweit dies möglich ist zu „verstehen“ (von Wiese 1967: 142).

Diese Ansicht von Wieses greift die im Abschnitt 3.2 vorgestellte Netzwerkforschung auf und macht sie zum Mittelpunkt ihres Interesses. Zur systematischen Analyse der Beziehungsstrukturen von learnetix.deâ dient ebenso die in Kapitel 6 durchgeführte explorative Untersuchung.

Abschließend soll jedoch zuvor der verhaltenssoziologische Ansatz Caspar Homans vorgestellt werden.

2.6 George Caspar Homans: Die Theorie der sozialen Gruppe

Der amerikanische Soziologe George C. Homans gilt als Begründer der „Verhaltenssoziologie.“[13] In seinem Hauptwerk „The Human Group“ aus dem Jahre 1950 definiert er die „Gruppe“ anhand von Verhaltensbeobachtungen. Diese Beobachtungen wurden im Rahmen der so genannten „Hawthorne-Experimente“ von einer Gruppe um Elton Mayo gemacht[14]. Hierzu wurde eine Gruppe von Arbeitern der Western Electric Company in Chicago, die so genannte „Bank Wiring Group“ in einem extra dafür eingerichteten Observationsraum über einen Zeitraum von fünf Jahren (1927-1932) ständig beobachtet. Im Verlauf des Experiments kam es zur Bildung von Subgruppen. Ursprüngliches Ziel der Untersuchung war es, durch die Optimierung der Arbeitsbedingungen die Leistungsfähigkeit der Arbeiter zu erhöhen. Diese Erhöhung stellte sich auch tatsächlich ein, jedoch konnten die Ursachen dafür nicht mit den bis dahin bestehenden Erkenntnissen erklärt werden. Folglich mussten andere Erklärungsmuster gebildet werden. Es kam zur Entstehung des „Human Relations-Ansatzes“[15], der die Pflege der menschlichen Beziehungen zwischen Arbeitern und Führungskräften als zentralen Leistungsstimulus propagierte.

Für Homans definiert sich die Gruppe vor dem Hintergrund der Hawthorne-Beobachtungen durch die Interaktion ihrer Teilnehmer. Gleichzeitig grenzt sich die Gruppe damit auch gegen ihre Umwelt und gegen andere Gruppen ab:

„Wenn wir sagen, die Individuen A, B, C, D, E, ... bilden eine Gruppe, so bedeutet das, daß zumindest die folgenden Umstände herrschen: Innerhalb eines gegebenen Zeitraums steht A häufiger mit B, C, D, E.. in Interaktion, als mit M, N, L, O, P, .., welche nach unserer Wahl Außenstehende oder Mitglieder anderer Gruppen darstellen sollen. Auf diese Weise ist es möglich, durch bloße Zählung von Interaktionen eine Gruppe herauszuarbeiten, die sich quantitativ von anderen Gruppen unterscheidet“ (Homans 1960: 102-103).

Um ihren Bestand sichern zu können, braucht eine Gruppe laut Homans Motive für ihre Mitglieder und Aktivität in Form von Interaktion und Kommunikation zwischen ihren Mitgliedern. Diese drei Faktoren beeinflussen sich gegenseitig und verstärken sich dabei (vgl. ebenda: 111ff).

Eine explizite quantitative Ober- oder Untergrenze für den Bestand einer Gruppe gibt Homans nicht an. Die maximale Größe für eine Primärgruppe[16] beziffert er aber mit acht bis zwölf Mitgliedern (ebenda: 119). Können die Mitglieder einer Gruppe nicht mit allen anderen Mitgliedern von „Angesicht zu Angesicht“ in Kontakt treten, dann wird aus der Gruppe ein zufälliges Zusammentreffen von Individuen (vgl. ebenda: 29).

Für Homans ist die Gruppe das Basiskonstrukt und die Kohäsionsgarantie aller anderen sozialen Gebilde auf deren Ebene „Probleme“ wie „psychosoziale Isolation, Konflikte, Kreislauf, Kommunikation und Kontrolle“ am besten bewältigt werden könnten (vgl. ebenda: 427). Dies ist nach Homans auch der Grund, warum sich die menschliche Gesellschaft niemals über die Stufe der Gruppe hinaus auflösen kann.

Homans bemerkt bereits im Jahre 1950, dass „der Mensch in der alten Gesellschaft noch mit dem Menschen verbunden war. In dem neuen Haufen – man kann ihn nicht als Gesellschaft bezeichnen – ist er allein“ (Homans 1960: 421).

Durch verschiedenste soziologische, politische und auch technologische Veränderungen kommt es offenbar auch zu veränderten Formen von sozialen Gebilden innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Eine Theorie, die gegenwärtige Vergesellschaftungsstrukturen zu erklären versucht, ist die Theorie des „sozialen Netzwerks“. Sie führt uns weg von den Klassikern der deutschen (und im Falle Homans auch der amerikanischen) Soziologie und schlägt die Brücke zur aktuellen Diskussion. Dennoch werden die Begriffsdefinitionen der eingeführten Soziologen im weiteren Verlaufe der Arbeit erneut Gegenstand des Interesses sein.

Das Konzept des „sozialen Netzwerks“, dessen Entstehung und diverse wissenschaftliche Anwendungsgebiete des Konzeptes sollen als neue, gegenwärtige Ansätze der Beschreibung sozialer Formationen im folgenden Kapitel erläutert werden.

3. Das Konzept des sozialen Netzwerks

Im nun folgenden Kapitel soll der Begriff des sozialen Netzwerks eingeführt werden. Im Vergleich zu den im Kapitel 2. vorgestellten klassischen soziologischen Ansätzen und der darin gelieferten Definitionen von sozialen Formationen wie Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft, stellt der Begriff des sozialen Netzwerkes eine Weiterentwicklung in Richtung des Konzepts der virtuellen Gemeinschaften dar. Der Netzwerkbegriff versucht hierbei, die gesellschaftlichen Veränderungen (vgl. Kapitel 4), die seit der Entstehungszeit der im Kapitel 2. vorgestellten soziologischen Theorien stattgefunden haben, zu erfassen.

Zeitlich und inhaltlich eng mit der Einführung des Netzwerkbegriffes verbunden, ist das Aufkommen der Erforschung der Netzwerke. Die Netzwerkanalyse in ihren diversen Ausprägungen, die als egozentrierte Netzwerkanalyse auch Bestandteil der vorliegenden Arbeit ist, ist die wohl gängigste Form der Netzwerkforschung. Im zweiten Teil des Kapitels wird die Netzwerkanalyse näher beleuchtet. Zu Beginn des Kapitels soll jedoch ein Überblick über die Entstehung des Netzwerkbegriffs gegeben werden.

3.1 Zur Entstehung des sozialen Netzwerkbegriffs

Als einen der frühesten Vertreter der Netzwerktheorie könnte man den bereits im zweiten Kapitel vorgestellten Soziologen Georg Simmel bezeichnen. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts erforschte Simmel die Formen von Vergesellschaftung, statt deren Inhalte in den Vordergrund zu stellen. Wie schon im Kapitel 2.3 erwähnt, konstituieren sich Formen der Vergesellschaftung durch die Wechselwirkungen, die zwischen den Individuen herrschen. Diaz-Bone transferiert den Begriff der Wechselwirkungen in Simmels Sinne in die heutige Sprache und bezeichnet sie als „einen Prozess des Netzwerkens zwischen den Individuen“(1997: 7). Eine erste Definition des sozialen Netzwerkbegriffs lieferte Barnes im Jahre 1954:

„Each person is, as it were, in touch with a number of people, some of whom are directly in touch with each other and some of whom are not. [...] I find it convenient to talk of a social field of this kind as a network” (1954: 43, Hervorhebung im Original).

Barnes war britischer Sozialanthropologe und Mitglied der so genannten „Manchester-Schule“. Zusammen mit Clyde Mitchell und anderen führte Barnes an der Universität von Manchester zahlreiche soziologische Fallstudien an meist außereuropäischen Kulturen durch.[17] Ziel der Gruppe um Barnes und Mitchell war es, soziale Handlungen nicht mehr nur durch internalisierte Werte zu erklären, sondern deren Abhängigkeit von den sozialen Strukturen in denen sie stattfinden aufzuzeigen. Diese Strukturen bezeichneten die Mitglieder der „Manchester-Schule“ als Beziehungs netzwerke (vgl. Mitchell 1969) .

Diese Sicht der Dinge wendete sich entschieden gegen das zur damaligen Zeit in der britischen Sozialanthropologie vorherrschende Paradigma des Strukturfunktionalismus. Dieser orientierte sich stark an den Stabilitätsbedingungen sozialer Systeme. Betrachtet wurden gesellschaftliche Institutionen, deren Aufgabe es - nach Ansicht der Vertreter des Strukturfunktionalismus – war, gesellschaftliche Ordnung zu sichern (vgl. ebenda).

Für sich wandelnde Gesellschaften greifen solche Betrachtungsweisen nach Meinung der Mitglieder der „Manchester-Schule“ allerdings zu kurz. Individuen, die nach Selbstverwirklichung streben und suchen, verlassen zu diesem Zwecke traditionelle Gesellschaftsformen und deren Normen. Sie werden zu „Unternehmern ihrer sozialen Beziehungen“ (Boissevain 1974: 7) und bilden sich selbst ein Netzwerk von Beziehungen. Das gleichzeitig entstehende Interesse an der Erforschung der Charakteristika und Strukturen solcher Beziehungsnetzwerke soll Inhalt des nachfolgenden Abschnitts sein.

3.2 Zur Entstehung der Netzwerkforschung

Ebenso wie bei der Begriffsentstehung könnte man die Entstehung des Netzwerk-Forschungsansatzes früher datieren, als dies allgemein der Fall ist. Denn bereits Lazarsfeld und Berelson untersuchten im Rahmen ihrer Columbia-Studien den Einfluss interpersonaler Umgebungen innerhalb von Netzwerken persönlicher Kommunikation (vgl. Lazarsfeld et al 1948). Es wird jedoch behauptet, dass der Netzwerkbegriff hier lediglich „metaphorischen Charakter“ gehabt habe (Schenk 1995: 12). Den „Durchbruch“ der Netzwerkforschung als sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm datiert beispielsweise Diaz-Bone auf das Ende der 1960er Jahre (1997: 16), als an der Harvard-Universität eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern um Harrison White die Netzwerkforschung „entscheidend weiterentwickeln“ konnte (ebenda). Die so genannten „Harvard-Strukturalisten“ versuchten, die sozialwissenschaftliche Methode und die soziologische Theorie stark miteinander zu verbinden. Im Sinne der „Harvard-Strukturalisten“ wird die gesamte Gesellschaft mit einer regelmäßigen (Netzwerk-) Struktur organisierter Beziehungen durchzogen und konstituiert sich dadurch auch (vgl. White 1965).

[...]


[1] Als Internet wird ein heute weltumspannendes Netzwerk von Computern bezeichnet, dass aus einer Reihe miteinander verbundener Subnetzwerke besteht. Häufig wird der Begriff Internet auch synonym mit dem des „World Wide Web“ (WWW) genutzt. Das WWW bezeichnet allerdings lediglich einen Dienst (eine im Internet angebotene Funktion) innerhalb des Internets, der die Darstellung multimedialer Daten erlaubt und sich durch seine Nutzerfreundlichkeit auszeichnet (vgl. ausführlicher u. a. Kreuzberger 1997; Vesper 1998; Voss 1999).

[2] Reibungslos deshalb, weil das Internet Geschäftspartner schnell und unkompliziert direkten Kontakt zueinander verschafft und beiden mehr Informationen übereinander liefern kann (vgl. Gates 2000).

[3] Für eine Definition des westlichen Kulturkreises vergleiche u. a. Huntington 1997.

[4] Eine ausführliche Biografie Ferdinand Tönnies findet sich bei der Ferdinand Tönnies-Gesellschaft unter: http://home.t-online.de/home/ftg-kiel/leben.htm

[5] Tönnies unterscheidet zwischen einer „reinen“, einer „angewandten“ und einer „empirischen“ Soziologie (Vgl. hierzu Tönnies 1926, Erstes Buch).

[6] Den Gegensatz zum „Wesenwillen“ bildet der „Kürwille“, der wiederum eng mit dem Begriff der „Gesellschaft“ verbunden ist. Zur weiteren Definition der Begriffe vgl. Tönnies 1926: S. 83-122.

[7] Eine ausführliche Betrachtung des Lebens und des Werkens Simmels nimmt Horst J. Helle vor (vgl. Helle 1997).

[8] Für Simmel ist diese Zweiergruppe zugleich die intimste und stabilste Form der Gruppe. Zu diesem Ergebnis kommt er aufgrund umfangreicher psychologischer Betrachtungen der Zweierbeziehung. Vor allem in der Abgrenzung zur Dreiergruppe und der in ihr enthaltenen umfangreichen Verhaltensmöglichkeiten der Gruppenmitglieder, zeigen sich die stabilisierenden Eigenschaften der Zweiergruppe (Vgl. hierzu Simmel 1992: S. 82-159).

[9] Zur genauen Betrachtung von Simmels Individualisierungstheorie siehe Simmel 1992: 456-511und 791-816.

[10] Eine genaue Definition dieses Begriffs wird im Kapitel 5 dieser Arbeit gegeben.

[11] Eine ausführliche Betrachtung des Wirkens und Lebens Max Webers findet sich auf den Soziologie-Fachbereichsseiten der Universität Graz unter: http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/weber/49bio.htm

[12] Von Wiese listet sechs Merkmale für den Idealtypus einer Gruppe auf. Neben der relativen Dauer sind dies die Organisiertheit, die Vorstellung von der Gruppe bei den Mitgliedern, die Entstehung von Traditionen innerhalb der Gruppe im Zeitablauf, die Wechselbeziehungen zu anderen Gruppen und der Umwelt, sowie ein Gruppengeist, den von Wiese als „Richtmaß“ bezeichnet (vgl. von Wiese 1966: 449).

[13] Eine ausführliche Betrachtung des Wirkens und Lebens George C. Homans findet sich auf den Soziologie-Fachbereichsseiten der Universität Graz unter: htttp://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/homans/23bio.htm

[14] Die Hawthorne-Experimente und ihre Befunde sind hauptsächlich in den folgenden Werken dokumentiert worden: Mayo 1933, Roethlisberger 1939.

[15] Für eine umfangreiche Beschreibung und Kritik des Human Relations-Ansatzes sie beispielsweise Maslow 1954 und McGregor 1960.

[16] Charles Cooley führte den Begriff der „primary group“ ein und bezeichnete damit eine „intimate face-to-face association and cooperation (Cooley et al. 1933: 23).

[17] Vgl. Barnes 1954, Mitchell 1969, Bott 1957 und Gluckmann 1955.

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Die Herausbildung des Konzeptes der 'virtuellen Gemeinschaft' und Formen gegenwärtiger Realisierung am Beispiel von learnetix.de
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Publizistik- und Kommunikationswissenschaften)
Note
1,6
Autor
Jahr
2003
Seiten
99
Katalognummer
V18065
ISBN (eBook)
9783638224857
ISBN (Buch)
9783638700047
Dateigröße
1443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herausbildung, Konzeptes, Gemeinschaft, Formen, Realisierung, Beispiel
Arbeit zitieren
Malek Ait-Djoudi (Autor), 2003, Die Herausbildung des Konzeptes der 'virtuellen Gemeinschaft' und Formen gegenwärtiger Realisierung am Beispiel von learnetix.de, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18065

Kommentare

  • Gast am 3.6.2004

    Superhilfreich.

    Die vorliegende Arbeit war superwichtig als Recherchestütze für meine eigene Arbeit über virtuelle Gemeinschaften. Die Investition hat sich alleine für die umfangreiche Literaturliste gelohnt.

  • Gast am 21.4.2006

    Sehr hilfreich und unterbewertet.

    Die Arbeit ist sehr akribisch erstellt und lässt nur wenige Fragen unbeantwortet. Das Literaturverzeichnis ist sehr bemerkenswert. Von mir eine glatte 1!

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