Spezifische Verflechtungsmuster in der japanischen Wirtschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die japanische Eigenart der Cliquenbildung

2 Die Entstehung der Zaibatsu

3 Von den Zaibatsu zu den Kigyo Keiretsu

4 Sogo Shosha – „Generalhandelshäuser“ als Teil der Keiretsu

5 Vertikale Keiretsu

6 Horizontale Keiretsu

7 Die Mitsubishi Corporation als Beispiel einer horizontalen Keiretsu

8 Aktuelle Entwicklungen / Die Zukunft der Keiretsu

9 Auswirkungen auf die räumliche Struktur der jap. Wirtschaft

Literaturliste

Abbildungen und Tabellen

1 Die japanische Eigenart der Cliquenbildung

Habatsu: ha bedeutet Sekte oder Partei und batsu die Clique. Traditionell sind Japaner Menschen, welche die Gemeinschaft stark präferieren. Westlicher Individualismus ist in Japan typischerweise selten zu beobachten.

Einerseits gelten Japaner als egoschwach, andererseits ist die Ausübung von Macht und Autorität ein weit verbreitetes Ziel und gilt als äußerst erstrebenswert. Diese Disparität löst sich in den Habatsu auf. Sie sind hierarchisch organisiert, treten jedoch immer als eine geschlossene Gruppe auf. Ein Habatsu wird meist von einer sozial geschickten und charismatischen Person geleitet, welche ihre Anhänger um sich schart.

Solche Cliquen bilden sich (wie im Westen auch) vornehmlich durch lokale Nähe: Die Mitglieder derselben stammen aus der gleichen Dorfgemeinschaft, sind im selben Jahrgang einer Schule gewesen, befanden sich in einem Semester an der Universität oder fingen zusammen als Berufseinsteiger in einer Firma an. Das Bilden von Seilschaften ist stark ausgeprägt und scheint für den Japaner der einzige Weg zum Erfolg zu sein.

Der Ex-Premierminister Kakuei Tanaka ist ein bekanntes Beispiel. Trotz sozialschwacher Herkunft und nicht vorhandener klassischer Bildung, gelang es ihm durch geschickte Cliquen-Etablierung zum einflussreichsten Mann des Staates zu werden.

Ein anderes Beispiel sind die Angestellten der mandschurischen Eisenbahn, welche ein nationales schlagkräftiges Netzwerk bildeten, nachdem sie auf Grund des verlorenen Krieges (zweiter WK) einflusslos nach Japan zurückkehrten. Hier verteilten sie sich wieder über das ganze Land, blieben jedoch im ständigen Kontakt und förderten die gegenseitige Entwicklung.

Die Krönung dieser Netzwerk-Idee war die Bildung der Zaibatsu vor dem zweiten Weltkrieg und die der Keiretsu in der Nachkriegszeit.

2 Die Entstehung der Zaibatsu

Zaibatsu (wörtlich übersetzt: Finanzcliquen) entstanden meist innerhalb der Tokugawa Periode (1603 - 1867) aus alten Handelshäusern. Diese Zeit wurde durch die völlige politische, wirtschaftliche und kulturelle Abschottung vom Ausland geprägt. Sie wurden von einflussreichen Familien aufgebaut, deren Namen zum Teil auch heute durch die Firmenbezeichnungen erhalten geblieben sind, wie z.B. Mitsui (Sokubei Mitsui) und Sumitomo (Masamoto Sumitomo). Mitsubishi wurde dagegen erst im 19. Jahrhundert von Yataro Iwasaki gegründet und der Firmenname hat hier eine inhaltliche Bedeutung (drei rote Diamanten), welche das Firmensymbol beschreibt.

Alle drei Gründer waren Samurais, die aus Westjapan stammten. Ihre alten Geschäftsprinzipien, transformiert und adaptiert durch ihre Nachfahren, prägen auch heute noch die Politik der drei Konglomerate. Diese wurden durch eine Familien-Holding gesteuert. Die Eigentumsrechte der verschiedenen Firmen befanden sich innerhalb der Großfamilien.

Unter Zaibatsu kann man sich keine herkömmlichen Holdings vorstellen. Das wirtschaftliche Spektrum und die Finanzkraft einer Zaibatsu war extrem groß. Von Grundindustrien, Bank- und Finanzgeschäften, Chemischer Industrie und Handel war eigentlich so gut wie alles innerhalb einer Gruppe vertreten.

Typische Charakteristika der Zaibatsu waren:

- Eine gute Ausstattung mit finanziellen Mitteln oft in Form einer eigenen Bank
- Starkes Engagement im Außenhandel (Besitz eines Universalhandelshauses - Sogo Shosha)
- Starke Stellung in einer Grundindustrie (Stahl, Bergbau),
- Dominanz einer Familie
- Herausragende Rolle in der Industrialisierung seit der Meji (1868 - 1912) Zeit
- Intime Beziehungen zu den Top-Mitgliedern der Regierung und Administration
- Organisationsform einer Holding (siehe Abbildung 1)

Abbildung 1: Organisationsform der Mitsubishi Holding und prozentuale Aktienbeteiligung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: abgeänderte Grafik: Voack, Norbert, 1962 Das japanische Zaibatsu und die Konzentration wirtschaftlicher Macht Anhang

Anmerkung: Hier sind nur die direkten Beteiligungen der Holding dargestellt, es bestehen noch mehr Verflechtungen innerhalb der Zaibatsu.

Dies führte in der Vorkriegszeit zur starken oligopolistischen Prägung der Märkte.

Die genannten drei traditionellen Zaibatsu kontrollierten in den 30er Jahren in ihren jeweiligen Industriesparten die Hälfte der Produktion (Eli 1988).

1938 gab es 4850 Firmen, die Außenhandel betrieben. Auf 10 % entfiel ein Anteil von 50 % des gesamten Außenhandels. Auf Mitsui alleine 18,3 %, auf Mitsubishi 10,3 % (Eli 1988). Der Außenhandel der Zaibatsu wurde von deren Sogo Shosha (Handelshäuser) kontrolliert. Dabei wurden nicht nur Rohstoffe, sondern auch Know How und Fremdkapital importiert.

Über ihre Netzwerke kontrollierten die Zaibatsu auch die Politik Japans. Hierbei waren sie stets auf die gute Versorgung mit Rohstoffen bedacht (da Japans natürliche Vorkommen unbedeutend sind). Diese geschah auch durch kriegerische Auseinandersetzungen mit den Nachbarländern (Taiwan Krieg 1895 - Annexion der Insel, Russland 1905 - große Teile Sachalins und Rechte in der Mandschurei, Korea Krieg 1910 - Annexion der Koreanischen Halbinsel, 1. WK - Übernahme deutscher Kolonien in Tsingtao, China 1894 und 1931 - Schutzherrschaft über Mandschurei und Ehol). „Besonders während des ersten Weltkrieges ermutigten die Zaibatsu die Regierung in ihren Forderungen, Eisen, Kohle und andere Rohstoffe von China zu erhalten“ (Reischauer 1968).

3 Von den Zaibatsu zu den Kigyo Keiretsu

Im zweiten Weltkrieg übernahm sich Japan jedoch, griff letztendlich die USA an, verlor den Krieg und wurde von diesen später besetzt. Die US-Amerikaner lokalisierten einen Teil der aggressiv treibenden Kräfte in den mächtigen Zaibatsu und versuchten diese durch Anti-Monopol Gesetze zu zerschlagen. Formal juristisch gelang dies auch. Die führenden Familien verloren an Einfluss. Unterstützt durch ein neues Handels- und Industrie-Ministerium (MITI: Ministry of Industrie and Trade) formierten sich die ehemaligen Zaibatsu zu neuen Industriekonglomeraten (Kigyo Keiretsu). Nur wenige Zaibatsu wurden wirklich zerschlagen, jedoch konnten sich in dieser kurzen „Atempause“ auch neue Firmengruppen entwickeln.

Abbildung 2: Mitglieder des Kinyo-Kai (Präsidentenclub, der die Mitsubishi Keiretsu leitet)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle : abgeänderte Grafik aus Dodwell 1992

Charakteristika der Kigyo Keiretsu :

- Finanzielle Einbettung durch Gruppierung um eine Bank
- Überragende Stellung im Außenhandel, um ein oder mehrere Handelshäuser

(Sogo Shosha) herum

- Starke Stellung in den Hauptindustrien (Metal, Chemie, Elektronik)
- Kapital im Streubesitz; Steuerung durch Präsidentenclubs (Kais)
- Pionierrolle in der Forschung und Entwicklung (Biotechnik, Atomkraft, neue Wirkstoffe), sowie im Bereich der Datenbanken
- Einfluss über Industrieverbände auf die Politik
- Weitgehende operative Unabhängigkeit ihrer Mitglieder (siehe oben Abbildung 2)

Noch während die amerikanische Besatzungsmacht in Japan herrschte, trafen sich die alten Führungseliten und nahmen wieder wirtschaftliche und personelle Beziehungen auf bzw. intensivierten diese. Nur diesmal nicht unter dem Dach einer Zaibatsu, sondern als juristisch getrennte Firmen.

Der Protest der japanischen Unternehmen viel auffallend gering aus. Das Zaibatsu Konzept war im Grunde genommen schon vor dem zweiten Weltkrieg auf Grund der geschlossenen Struktur überholt, und die „Zerschlagung“ derselben führten zu einer effizienteren Netzwerk-Organisation (nicht ganz so eng wie vorher), welche die Finanzierung neuer Großprojekte wesentlich vereinfachen sollte. So trugen die neuen Gesetze ungewollt und nicht vorhersehbar zur Verbesserung der Organisation der Konglomerate bei.

Der wohl stärkste Unterschied zur Vorkriegszeit dürfte die Einbuße an Einfluss der führenden Familien gewesen sein. Banken durften nur noch Beteiligungen von zunächst maximal 10 % (bis 1977), später höchstens 5 % an Unternehmen halten und konnten so keine direkte Kontrolle mehr ausüben. Für alle anderen Firmen galt eine Beschränkung in Höhe des Eigenkapitals oder des Reingewinns (jeweils das höhere gilt).

Um diese Restriktionen zu umgehen, gaben bzw. geben die Nukleus Banken auch heute noch den Keiretsu Firmen hohe Kredite, und konnten über diese Schuldner-Gläubiger-Beziehung formal korrekt einen hohen Einfluss ausüben.

Die Veränderung der Konglomerate ist mit Hilfe der obigen beiden Abbildungen über die Mitsubishi Gruppe leicht erkennbar. Die erste Abbildung zeigt dieses Konglomerat als Zaibatsu, die zweite in Form einer Keiretsu. Deutlich ist die zentrale Funktion der Holding in der ersten Abbildung und die dezentrale Struktur der Keiretsu zu erkennen.

Des weiteren erfolgte eine Verlagerung auf modernere Industrien und innovative Geschäftsfeldern. Diese Politik der gemeinsamen Stärke wird insbesondere von der USA als Handelshemmnis stark kritisiert.

Diese neuen Gebilde haben die Größe und den Einfluss der Vorkriegs-Zaibatsu längst überholt. Sie tauchen auf Grund ihrer Rechtsstruktur in keiner Weltrangliste der größten Firmen auf (wie z.B. „Fortune“). Der Umsatz der größten sechs von ihnen übertrifft den der Multis Exxon und General Motors allerdings bei weitem (siehe Tabelle 1-3). Auch wenn zwischen ihnen keinerlei vertragliche Bindungen bestehen, treten sie doch wie eine geschlossene Einheit auf. Die Bank und das Handelshaus einer jeden Gruppe sorgen für die nötigen liquiden Mittel und bürgen für die Gruppenmitglieder, welche im Ausland investieren wollen. Gleichzeitig tauschen die verschiedenen Firmen Personal untereinander aus und sind sich gegenseitig die wichtigsten Handelspartner, dies alles bei äußerst geringen Gemeinkosten und für westliche Verhältnisse äußerst geringen Eigenkapitalquoten.

Zunächst folgt Tabelle 1 mit den zehn größten Industrieunternehmen der Welt.

Sodann Tabelle 2 mit den zehn größten Unternehmen (im konventionellen Sinne) Japans, wovon die ersten sechs Sogo Shosha darstellen.

Zuletzt Tabelle 3, in welcher der Anteil der Sogo Shosha am Gesamtumsatz der Keiretsu angegeben ist. Betrachtet man nun die Keiretsu als ein Unternehmen, so wird deutlich, dass deren Umsatz den der sechs Top-Industrieunternehmen der Fortune Liste, mit zum Teil doppelt so hohem Umsatz, bei weitem überholen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Spezifische Verflechtungsmuster in der japanischen Wirtschaft
Hochschule
Universität Mannheim  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Wirtschaftsgeographie II
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V18071
ISBN (eBook)
9783638224918
Dateigröße
1755 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Spezifische, Verflechtungsmuster, Wirtschaft, Wirtschaftsgeographie
Arbeit zitieren
Tom Kuehner (Autor), 2002, Spezifische Verflechtungsmuster in der japanischen Wirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18071

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Spezifische Verflechtungsmuster in der japanischen Wirtschaft


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden