Das Integrationswunder - Realität oder Mythos?

Wie verlief die Integration in den westlichen Besatzungszonen? Kann man von einem Integrationswunder sprechen?


Hausarbeit, 2011

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Vorgeschichte
2.1 Ursachen und Hintergründe der Vertreibung Deutscher
2.2 Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten - Umfang, Verlauf und Struktur

3 Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in den westlichen Besatzungszonen
3.1 Gesellschaftliche Integration
3.2 Wirtschaftliche Integration

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Flüchtlinge und Vertriebenen „leben politisch, beruflich und materiell nicht anders als die Deutschen, die hier seit Generationen ansässig sind. Daß das gelingen konnte, ist das eigentliche Wunder unserer Nachkriegsgeschichte“.1 So oder so ähnlich wurde die Integration 30 Jahre nach der Flucht und den Vertreibungen aus den ehemals deutschen Ostgebieten präsentiert. Vielfach wird der Vorgang dieser Integration deswegen als Integrationswunder bezeichnet und damit suggeriert dieser Begriff, dass diese Integration problemlos abgelaufen sei.

Das Hauptanliegen dieser Arbeit liegt darin, das Phänomen ‚Integrationswunder‘ zu beleuchten und herauszufinden, ob es sich dabei um Realität oder um einen Mythos handelt.

Um einen Einblick in die Situation rund um die Flucht und die Vertreibungen zu bekommen, gebe ich zunächst einen Überblick über die Ursachen und die Hintergründe, um danach auf den Umfang, den Verlauf und die Struktur der Flucht und Vertreibungen einzugehen. Dies dient dazu, um sich in etwa vorstellen zu können, was auf die einzelnen Personengruppen zu gekommen ist und wie die Vertreibungen abgelaufen sind.

Nach der Vorgeschichte beschäftige ich mich dann mit der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen. Integration kann man auf verschiedenen Ebenen betrachten, z.B. politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Ich beschränke mich hierbei auf die gesellschaftliche und die wirtschaftliche Integration, da diese beiden Formen unmittelbar miteinander verbunden sind. Eine weitere Beschränkung ist, dass ich mich nur auf die westlichen Besatzungszonen beziehe, da die sowjetische Besatzung im Gegensatz dazu nicht von Flüchtlingen und Vertriebenen ausging, sondern von Umsiedlern. Dadurch handhabten die Sowjets diese ganze Problematik anders als die westlichen Alliierten. Auch hier beziehe ich mich fast ausschließlich zu Literatur über die amerikanische und britische Besatzungszone, da die Franzosen sich weigerten Flüchtlinge und Vertriebene aufzunehmen und deswegen der Anteil dieser in der französischen Besatzungszone nur etwa bei 1% lag, was dazu führte, dass es dort nicht in dem selben Ausmaß um die Frage der schnellen und erfolgreichen Integration ging wie in den anderen beiden westlichen Besatzungszonen.

Ich habe mich bei der Literatur überwiegend auf aktuelle Werke bezogen, da die ältere Literatur, die sich mit dem Thema beschäftigt, meiner Meinung nach stark von der Zeit beeinflusst war, d.h. die Literatur war zu sehr darauf fixiert, dass es das Integrationswunder auf jeden Fall gegeben hat und das war mir nicht objektiv genug. Außerdem hat sich die Forschung in diesem Bereich sehr weiterentwickelt, was bedeutet, dass die Literatur von damals veraltet ist.

Am Schluss beschäftige ich mich dann mit der Frage, ob die Integration gelungen ist und inwieweit man von einem Integrationswunder sprechen bzw. ob es Realität oder ein Mythos ist.

2 Die Vorgeschichte

2.1 Ursachen und Hintergründe der Vertreibung Deutscher

Ein großes Ziel Hitlers vor und während des Zweiten Weltkrieges war es, mehr ‚Lebensraum‘ für die Deutschen im Osten zu gewinnen. Dieses Ziel umfasste die „weitreichende Durchführung von Umsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen ganzer Bevölkerungen“2, um die Gebiete frei für die Volksdeutschen3 zu machen. Durch die expansive Politik Hitlers waren von den Durchführungen dieser Vertreibungen und Deportationen etwa neun Millionen Menschen betroffen. Geplant waren die Durchführungen schon im ‚Generalplan Ost‘, der sogar von 45 Millionen Menschen, die ausgesiedelt werden sollten, ausging. Dieser Plan wurde von Heinrich Himmler, der von Hitler zum ‚Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums` ernannt wurde, entwickelt und teilweise umgesetzt.4 Denn ein weiteres Ziel außer der territorialen Erweiterung des Deutschen Reiches war eine dauerhafte Herrschafftssicherung der Deutschen im Osten. Dieses sollte durch das Erreichen des ersten Zieles realisiert werden. In den ersten fünf Jahren des Krieges wurden etwa eine Million Volksdeutsche ‚heim ins Reich‘ geholt. Mit ‚Reich‘ sind hier die durch die Deutschen eroberten und angegliederten Gebiete im Osten gemeint. Die bis dahin einheimische Bevölkerung wurde nach bestimmten Kriterien selektiert. Daraus folgte, dass nur etwa 1,7 Millionen Menschen als ‚eindeutschfähig‘ galten und somit die deutsche Staatsangehörigkeit erhielten. Die restlichen Juden und Polen, etwa 8,5 Millionen Menschen, sollten vertrieben werden.5 Einige Millionen Menschen starben während der deutschen Besatzungszeit. Die Herrschaft Hitlers, die vornehmlich die Lebensraumgewinnung und Stabilisierung der deutschen Macht verfolgte, hielt bis zum Vormarsch der Roten Armee ab Mitte 1944 an.

„Auch wenn […] [Hitlers] verbrecherische Pläne nur in Ansätzen verwirklicht werden konnten, erlitten als Folge des Wahns vom deutschen ‚Lebensraum im Osten‘ viele Millionen Juden und Slawen Tod und Entwurzelung – noch bevor der erste Deutsche in den Ostgebieten vertrieben oder ermordet wurde.“6

Mit dem Vorrücken der Roten Armee begann die große Flucht der Deutschen in den Ostgebieten. Ebenso kam es zu den sogenannten ‚wilden‘ Vertreibungen, da die Polen die deutsche Bevölkerung aus den östlichen Gebieten so schnell wie möglich wegschaffen wollten. Obwohl das Potsdamer Abkommen die Aussiedlung der Deutschen regelte, liefen die ‚wilden‘ Vertreibung bis Anfang 1946 weiter. Ein wichtiger Grund für die gewaltvollen Vertreibungen kann der „Hass, [den] zuvor die nationalistische Besatzungsherrschaft in der Tschechoslowakei und mehr noch in Polen und der Sowjetunion geschürt hatte“7, sein. Außerdem ging es darum, dass vorher im Krieg geraubte Land wieder zu erlangen.

2.2 Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten - Umfang, Verlauf und Struktur

Seit dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 18 Millionen Deutsche (Reichsdeutsche und Volksdeutsche) in den damaligen deutschen Ostgebieten. Noch vor der Kapitulation Deutschlands begannen die Evakuierungen und die ‚wilden‘ Vertreibungen. Nachdem Deutschland kapituliert hatte kam es in der Zeit vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 zur Potsdamer Konferenz, an der die Amerikaner, die Briten und die Sowjets teilnahmen. In der Konferenz sollte unter anderem die Neuordnung Deutschlands, sowie der Ablauf und der Umfang der Übersiedlungen geklärt werden. Die rechtlichen Grundlagen wurden im 13. Artikel der Potsdamer Erklärung festgelegt. Hier wurde auch bestimmt, dass die Umsiedlungen organisiert und human ablaufen sollten.

„Mit Hilfe der Richtlinien des Alliierten Kontrollrates […] versuchten die westlichen Alliierten zwar die Aussiedlung der Deutschen […] zu regulieren, doch fehlte es an organisatorischen Voraussetzungen, mit denen man eine geregelte Aus- und Umsiedlung hätte durchführen können.“8

Zwei Millionen Menschen haben die Flucht oder die Vertreibungen nicht überlebt. Erst von der zweiten Phase der Umsiedlungen ab dem Frühjahr 1946 kann man behaupten, dass sie einigermaßen geregelt ablief.9

Insgesamt waren es etwa 12 Millionen Menschen die eine neue Heimat suchten. Ein Drittel von diesen Menschen ist in die Sowjetische Besatzungszone gegangen. Die anderen zwei Drittel verteilten sich auf die westlichen Besatzungszonen. Da sich die französischen Besatzungsbehörden aber dagegen wehrten Flüchtlinge und Vertriebene aufzunehmen, war die Verteilung auf die einzelnen Besatzungszonen nicht gleichmäßig. Insgesamt lag der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung in der französischen Besatzungszone bei ca. 1%. Im Vergleich dazu: In der sowjetischen Besatzungszone waren es etwa 24%, in der amerikanischen Besatzungszone knapp unter 18% und in der britischen Besatzungszone 14,5%. Aber auch innerhalb der einzelnen Besatzungszonen gab es eine ungleichmäßige Verteilung. Da viele große und mittelgroße Städte im Krieg zerstört worden sind, konnten dort keine Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen werden, so dass sie in ländlich geprägte Gebiete zogen. Eine weitere Erscheinung war, dass auch in den westlichen Besatzungszonen die östlichen Gebiete stärker favorisiert wurden.10 Hauptflüchtlingsländer waren Niedersachen, Bayern und Schleswig-Holstein. Ende der 40er bis in die 50er wurden etwa eine Million Menschen aufgrund von Umsiedlungsprogrammen in andere Bundesländer verteilt. Außerdem zog es zusätzlich noch 1,7 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene vom Land in die städtischen Gebiete anderer Bundesländer. Auch innerhalb der einzelnen Länder gab es hunderttausendfache Bewegungen. Somit sah die Verteilung der Flüchtlinge und Vertriebene in den westlichen Besatzungszonen um 1950 anders aus als direkt nach dem Krieg. Die meisten Umsiedlungen innerhalb der westlichen Besatzungszonen vollzogen sich aus den Hauptflüchtlingsländern in die Bundesländer NRW, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.11

Insgesamt dauerte der Prozess der Flucht, Vertreibungen, Umsiedlungen und Wanderungen, der hier beschrieben ist, etwa sechs Jahre (1944 – 1950).

3 Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in den westlichen Besatzungszonen

Die größte Frage in Bezug auf die Flüchtlinge und Vertriebenen „war die Frage, wie die Folgen von Flucht und Vertreibung im Ansiedlungsgebiet […] bewältigt werden konnten“12. Neben der Aufnahme, Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen, ging es auch um ihre Integration in der Bevölkerung. Dazu kann man die Integration auf den Ebenen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik betrachten. Ich behandele in dieser Arbeit nur die gesellschaftliche und die wirtschaftliche Integration, da sie unmittelbar miteinander verknüpft sind, wogegen die politische Integration nebenher ablief.

3.1 Gesellschaftliche Integration

Gesellschaftliche Integration zielt darauf, Menschen, die neu in eine Gesellschaft kommen, im sozialen Leben der bisherigen Gesellschaft mit einzubeziehen und ein respektvolles Miteinander der Menschen aufzubauen. In wieweit dies nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Besatzungszonen geschehen ist, werde ich im nachfolgendem Abschnitt erläutern.

Die gesellschaftliche Integration der Flüchtlinge und Vertriebene in der Nachkriegszeit, war davon geprägt, dass sich sowohl die Vertriebenen und Flüchtlinge und auch die Einheimischen dieselben Fragen stellten. Solche Fragen waren zum Beispiel: ‚Wo kann ich wohnen? Gibt es genug Nahrungsmittel? Wo ist meine Familie?‘ Vor allem bei dem Versuch die ersten beiden Fragen zu beantworten, sahen die Einheimischen die Flüchtlinge und Vertriebenen als Bedrohung an. Schließlich mussten sie die knappen Nahrungsmittel und die begrenzten Wohnräume jetzt auch noch mit für sie fremden Menschen teilen. Diese Einschätzung der neuen Mitbewohner als Bedrohung spiegelte sich auch in der Behandlung derer wieder. Zum Teil schlug das Gefühl der Bedrohung und Ablehnung sogar in Rassismus über. Die Unterbringung der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Wohnräumen der Einheimischen, die teilweise auch auf Befehl der Alliierten erzwungen wurde, führte zu weiteren Konflikten untereinander. In solchen Situationen prallten verschiedene Kulturen auf engstem Raum aufeinander. Eine Umfrage aus dem Jahr 1948 zeigte, dass 90% der Flüchtlinge und Vertriebenen nicht in Deutschland bleiben, sondern zurück in ihre alte Heimat wollten. Dies hat auch damit zu tun, dass sich die Menschen hier nicht gut aufgenommen und wohl gefühlt haben.13

Im Laufe des Jahres 1946 war es kaum noch möglich die Flüchtlinge und Vertriebene in privaten Wohnräumen unterzubringen und somit wurden sie in bestehende oder neu errichtete Lager eingewiesen. Für knapp 200.000 Flüchtlinge und Vertriebene waren solche Lager sogar 10 Jahre nach dem Kriegsende das Zuhause. Die Unterbringung in Lagern erschwerte die gesellschaftliche Integration der Menschen die dort lebten, massiv, denn hier waren die Flüchtlinge und Vertriebenen unter sich. Aber für die Lagerbewohner bedeutete diese Art der Unterkunft Privatsphäre gegenüber den fremden Einheimischen. Die Tatsache, dass die Lager häufig am Rand von Ortschaften gebaut wurden, führte dazu, dass die Isolation der Bewohner dieser Lager zusätzlich verstärkt wurde. Doch genau dies wollten die Alliierten in den westlichen Besatzungszonen eigentlich vermeiden.

[...]


1 Hans-Joachim von Merkatz (Hg.), Aus Trümmern wurden Fundamente. Vertriebene – Flüchtlinge – Aussiedler. Drei Jahrzehnte Integration, Düsseldorf 1979, S.7.

2 Klaus J., Bade/Jochen, Oltmer, Normalfall Migration, Bonn 2004, S. 49.

3 Personen deutscher Herkunft, aber ohne deutsche Staatsangehörigkeit

4 Vgl. Dieter Bingen(Bearb.)/Manfred Gebhardt/Joachim Küttner, Deutsche in Polen nach 1945. Gefangene und Fremde (Biographische Quellen zur Zeitgeschichte, Bd. 19), München 1997, S. 18.

5 Vgl. Klaus J. Bade/Jochen Oltmer, Mitteleuropa. Deutschland, in: Klaus J. Bade, u.a. (Hg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 32010, S. 156.

6 Johannes Hürter, Nationalistisches Besatzungsregime und rassischer Vernichtungskrieg im Osten, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Flucht Vertreibung Integration, Bielefeld 2005, S. 47.

7 Hürter, Nationalistisches Besatzungsregime und rassischer Vernichtungskrieg im Osten, S. 47.

8 Gerd Becker, Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus Polen und den ehemals deutschen Ostgebieten. Vorgeschichte, Ursachen und Abläufe, Gießen 1988, S.88.

9 Vgl. Becker, Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus Polen und den ehemals deutschen Ostgebieten, S.78ff.

10 Vgl. Jochen Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 86), München 2010, S.49.

11 Vgl. Myung-Sun Park, Die Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. Mobilität und Klassenstrukturierung in den fünfziger Jahren, Bielefeld 1989, S. 184 ff.

12 Mathias Beer, Flüchtlinge und Vertriebene in den Westzonen und der Bundesrepublik Deutschland, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Flucht Vertreibung Integration, Bielefeld 2005, S. 111.

13 Vgl. Beer, Flüchtlinge und Vertriebene in den Westzonen und der Bundesrepublik Deutschland, S. 113ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Integrationswunder - Realität oder Mythos?
Untertitel
Wie verlief die Integration in den westlichen Besatzungszonen? Kann man von einem Integrationswunder sprechen?
Hochschule
Universität Paderborn  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Migration und Politik in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V180745
ISBN (eBook)
9783656035862
ISBN (Buch)
9783656035930
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
integrationswunder, realität, mythos, integration, besatzungszonen, kann
Arbeit zitieren
Janin Huse (Autor), 2011, Das Integrationswunder - Realität oder Mythos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180745

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