Das Créole von Französisch-Guayana – nur ein überflüssiger Dialekt?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

20 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Geschichte von Französisch-Guayana

3. Entstehung des Créole von Französisch-Guayana

4. Créole eine eigene Sprache oder Dialekt des Französischen?
4.1. Tempus und Aspekt im Créole und im Französischen
4.2. Personalpronomen im Créole und im Französischen

5. Aktuelle Verwendung des Créole
5.1. Mutterspachendiversität der Créoles
5.2. Créole in der Schule
5.3. Créole in der Verwaltung
5.4. Créole in den Medien
5.5. Créole in Kunst und Literatur
5.6. Créole im Internet

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Sprache zu lernen, die nur eine sehr kleine Bevölkerungsgruppe spricht – ist das wirklich sinnvoll? Wäre es da nicht logischer eine der weit verbreiteten Sprachen zu lernen, wie etwa Französisch oder Englisch? In dieser Arbeit soll genau diese Frage exemplarisch am Beispiel des Créole1 von Französisch-Guayana beantwortet werden.

Hierfür wird nach einem Exkurs in die Geschichte der Region und der Entstehung des Créole auf dessen grammatikalische Besonderheiten eingegangen werden. Hierbei wird das Créole im Vergleich mit dem Französischen betrachtet, um zu ermitteln, ob es sich bei dem Créole tatsächlich um eine eigenständige Sprache, oder, wie häufig angenommen, um einen Dialekt des Französischen handelt. In diesem ersten Teil der Arbeit soll unter anderem der Wert des Créole für die Linguisten und die Sprachwissenschaft betont werden und so ein erster Grund für die Erhaltung des Créole aufgezeigt werden.

Im Anschluss soll analysiert werden, welchen kulturellen Wert die Sprache für die Guayanesen hat und inwiefern Créole im Alltag, etwa in Verwaltung, Schule und Medien, überhaupt noch präsent ist. Haben sich die Guayanesen selbst vielleicht schon mit dem drohenden Sprachentod des Créole abgefunden und arrangiert oder setzen sie sich für den Erhalt ihrer Muttersprache ein?

Die Arbeit schließt mit einem Fazit, in dem nochmals zusammen gefasst wird, warum das Créole von Französisch-Guayana erhalten werden muss und inwiefern das realisierbar ist. Hierbei wird unter anderem auf die Sprachpolitik Frankreichs und ihren Umgang mit Kreolsprachen eingegangen.

Da es zu Sprache und Geschichte Französisch-Guayanas nur wenig Forschungsliteratur gibt, basieren besonders Teile der Kapitel über den aktuellen Gebrauch des Créole auf Internet- Quellen, die nicht immer als im engeren Sinne „wissenschaftlich“ angesehen werden können und dennoch nützlich sind, da sie das Créole aus der Sicht der Sprecher beschreiben und präsentieren. Dennoch ist schon jetzt hervorzuheben, welche Chancen einem solchen bevölkerungsarmen Land, seiner Sprache und den sich dafür interessierenden Wissenschaftlern durch das Internet zukommen.

Die Geschichte des heutigen Französisch-Guayana, das in Südamerika eine Fläche von 90000m² umfasst2, soll an dieser Stelle erst mit Beginn der Kolonisierung erläutert werden.3 Bereits ab 1604 gab es immer wieder französische Besiedlungsversuche, allerdings zunächst erfolglos. Auch die englischen und niederländischen Kolonialisten versuchten die Region zu besetzen, letztlich waren es die Franzosen, die die Überhand gewannen. Wahrscheinlich bereits 1635 wurde der erste französische Stützpunkt auf der „Ile de Cayenne“ errichtet. Nachdem die Indianer den damaligen Kolonisierungsversuch zum Scheitern bringen konnten, gelang es der französischen Krone Ende des 17. Jahrhunderts sich die Region permament zu unterstellen. Zwischen 1809 und 1817 kam es zu einer Besetzung durch die Portugiesen, die allerdings durch die Franzosen wieder aufgehoben werden konnte.4

Während der Kolonialzeit wurden zunächst immer wieder Sklaven, etwa aus Afrika, in das heutige Französisch-Guayana gebracht. So gab es eine große Diversität an ethnischen Gruppen und an unterschiedlichen Sprachen (Französisch, Afrikans, die Sprache der Indianer, etc.). 1848 wurde die Sklaverei in der Region endgültig abgeschafft.5

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die französische Kolonie für rund 90 Jahre als Strafkolonie mit einer Art „offenem Vollzug“ genutzt. Bevor sie vor dem 2. Weltkrieg aufgelöst wurde, zählte sie noch rund 7 000 Gefangene aus aller Welt.6

Nach dem 2. Weltkrieg wurde im Zuge der Entkoloniserung beschlossen, dass statt einer staatlichen Souveränität von Guyane, deren politische Intergration in die Metropole (Frankreich) vorzuziehen sei. Somit wurde Guyane 1947 zu einem „Département d'Outre- Mer“ (DOM).7 Diese politische Entscheidung wird bis heute bei jeder Wahl durch die Bevölkerung aufs Neue bestätigt.8 Frank Schwarzbeck schreibt in diesem Zusammenhang:

Tatsächlich führte die Anwendung der französischen Gesetze auf die drei Inseln (Guadeloupe, Martinique, Réunion) und Guyane zu einer erheblichen Verbesserung der dortigen Lage in den Bereichen Gesundheit, Bildung und soziale Sicherheit, die in keiner anderen Kolonie in gleicher Weise stattgefunden hat.9

Der ehemalige Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing sah daher in den DOM's eine Art "Schaufenster Frankreichs", das zeigt, "was die französische Gesellschaft im Bereich von wirtschaftlichem Fortschritt, sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Freiheit zu leisten im Stande ist"10. Dennoch entfacht die Debatte um eine mögliche Souveränität von Guyane immer wieder neu – kritisiert wird vor allem, dass Französisch-Guayana keine eigene wirtschaftliche Stärke entwickelt, sondern durch die Zuschüsse aus Europa eine "Schein- Wohlstand" erzeugt.11 Seit 1974 ist Französisch-Guayana überdies „Region“ und seit 2003 „überseeische Region“ (Région d'Outre-Mer). Außerdem gibt es dort seit den achtziger Jahren einen conseil général und einen conseil régional.12

Neben einer schlechten wirtschaftlichen Lage ist der vergleichsmäßig überraschende und extreme Bevölkerungszuwachs zu betonen. Während Französisch-Guayana 1961 nur circa 34 000 Bewohner13 zählte und 1980 rund 62 000 Einwohner hatte14, waren es 1990 immerhin schon 114 808 (davon fast 30 % Ausländer)15 und 2009 sogar fast 230 00016. In Cayenne, der Hauptstadt des département, leben über 70 000 Menschen.17 Gewiss sind diese Zahlen nicht exakt. Die zahlreichen illegalen Einwanderer ohne Papiere etwa können nicht aufgelistet werden – dennoch ist die Entwicklung der Bevölkerungszahl außergewöhnlich. Gleichzeitig ist die schelchte wirtschaftliche Situation von Französisch-Guayana erschreckend. Eine politische und vor allem finanzielle Loslösung von der Metropole scheint bei der momentanen Situation des Landes unmöglich – dieses ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum sich die Mehrheit der Guayanesen für die Bindung an Frankreich ausspricht.

3. Entstehung des Créole von Französisch-Guayana

Das Créole von Franzlsisch Guayana entstand während der Zeit des Kolonialismus mit Beginn des Sklavenhandels. Hier war die Sprachgenese letztlich Resultat der Kommunikationsprobleme, etwa zwischen französisch-sprachigen und arikanisch-sprachigen Guayanesen.18 Créole entstand so unter dem Einfluss der Dialekte der Einheimischen, des Französischen der Kolonialisten und der afrikanischen Sprachen der Sklaven.19 Da das Créole bald auch Muttersprache der nachfolgendenen Generationen der Guayanesen wurde und da es aus einem Sprachkontakt zwischen mehr als zwei Sprachen entstand, ist es klar von "Pidgin" und "Mixed languages", wie etwa dem Michif, zu unterscheiden.

Heute von "dem" Créole zu sprechen, gestaltet sich als schwierig, da es keine normierte Grammatik, kein festes Vokabular oder geregelte Orthographie gibt. Insgesamt gibt es zahlreiche unterschiedliche Dialekte des Créole in Französisch-Guayana, die sowohl regional als auch sozial bedingt sind. In Cayenne etwa ist das Kreolische relativ nah an dem Französischen, im Gegensatz zu dem Cercle Oyapock-Approuague, wo das Créole noch Züge aufweist, die dem Créole vergangener Generationen sehr nahe kommen.20 In St- Laurent-du-Maroni hingegen ist das Créole stark von den Antillen beeinflusst zwischen Kourou und Mana ist das Créole nur gering von diesen beeinflusst worden.21

4. Créole eine eigene Sprache oder Dialekt des Französischen?

In der Forschung ist häufig umstritten, ob Créole zu den Sprachen oder Dialekten zählt. Offiziell gibt es keinen Maßstab dafür, welche strukturellen Unterschiede und Unabhängigkeiten es etwa zwischen dem Französischen und dem Créole geben muss, damit das Créole eine eigenständige Sprache und kein französischer Dialekt ist.22 An dieser Stelle

[...]


1 Wenn im Weiteren in dieser Hausarbeit von „Créole“ gesprochen wird, ist immer das Créole von Französisch-Guayana gemeint, ausser es ist gekennzeichnet, dass es sich um eine andere Kreolsprache handelt.

2 Vgl.: Saint Jacques Fauquenoy, Marguerite: Analyse structurale du créole guyanais (Etudes linguistique 13), Paris 1972, S. 13.

3 Dieses ist der Fall, da der historische Kontext einzig für die Verdeutlichung der Entstehung des Créole und der kulturellen Identität der Créole-Sprecher von Relevanz ist und Créole erst während der Kolonisierung entstanden ist.

4 Vgl.: Schwarzbeck, Frank: Französisch-Guayana. Die letzte kontinentale Überseebesitzung in Lateinamerika (Heidelberger Dritte Welt Studien 13), Heidelberg 1982, S. 8, 9 und 68.

5 Vgl.: Schwarzbeck, Frank: Französisch-Guayana, S. 99.

6 Vgl. ebd.: S. 86.

7 Vgl.: Saint Jacques Fauquenoy, Marguerite: Analyse structurale du créole guyanais, S. 14.

8 Vgl.: Schwarzbeck, Frank: Französisch-Guayana, S. 3 und 4 und Gewecke, Frauke: Die Karibik. Zur Gschichte, Politik und Kultur einer Region, 3. neubearbeitete und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main 2007, S. 121.

9 Schwarzbeck, Frank: Französisch-Guayana, S. 58.

10 Zitiert nach: Gewecke, Frauke: Die Karibik, S. 119.

11 Aufgrund des Rahmens dieser Arbeit kann an dieser Stelle nicht weiter auf diese politische Debatte eingegangen werden. Zur Vertiefung siehe u.a.: Schwarzbeck, Frank: Französi-Guayana, S. 119 ff.. und Gewecke, Frauke: Die Karibik, S. 119 f.

12 Vgl.: Schemm, Linda: Frankreich, Französisch-Guyana, unter: Munzinger, Wissen, das zählt, https://www.munzinger.de/search/document?id=03000FGU010&type=text%2fhtml&template=%2fpublikationen %2flaender%2fdocument.jsp&preview=0 (03.10.2011).

13 Vgl.: Saint Jacques Fauquenoy, Marguerite: Analyse structurale du créole guyanais, S. 14.

14 Vgl.: Commissariat Général du Plan, 1980, S.5 und 107, zitiert nach Schwarzbeck, Frank: Französisch- Guayana, S. 7.

15 Vgl.: Schlupp, Daniel: Modalités prédicatives, modalités aspectuelles et auxiliaires en créole à base lexicale française de la Guyane française XVIIIème – XXème (Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie 283), Dissertation, Tübingen 1997, S. 4.

16 Vgl.: Schemm, Linda: Frankreich, Französisch-Guyana,.https://www.munzinger.de/search/document? id=03000FGU010&type=text%2fhtml&template=%2fpublikationen%2flaender%2fdocument.jsp&preview=0 (03.10.2011).

17 Vgl. ebd..

18 Darüber, wie genau sich die Sprachgenese vollzog, gibt es in der Linguistik verschiedene Theorien. So findet sich etwa der Ansatz, dass Créole aufrgrund des Unvermögens seiner Sprecher als eine Art vereinfachtes Französisch entstanden ist. Diese These ist jedoch höchst umstritten und wird in dieser Arbeit mit dem Aufzeigen der Komplexität des Tempus und des Aspekts im Créole wiederlegt.

19 Vgl. dazu auch: Chanson, Philippe: Identité et Altérité chez Édouard Glissant et Patrick Chamoiseau, scritpeurs visionnaires de la Parole créole, http://www.potomitan.info/chamoiseau/identite.php (02.09.2011).

20 Vgl.: Schlupp, Daniel: Modalités prédicatives, modalités aspectuelles et auxiliaires en créole à base lexicale française de la Guyane française XVIIIème – Xxème, S. 4.

21 Vgl. ebd.: S. XXX Hier ist zu konstatieren, dass unterschiedliche Forscher unterschiedliche Einteilungen in Dialekte vornemen. Saint Jacques Fauquenoy etwa unterteilt lediglich in drei Gruppen: „1) le littoral etre Cayenne et St-Laurent, 2) le cercle de l'Oyapock-Approuague, 3) l'Inini“, Saint Jacques Fauquenoy: S. 16.

22 Vgl.: Stein, Peter: Kreolisch und Französisch, Tübingen 1982, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Créole von Französisch-Guayana – nur ein überflüssiger Dialekt?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Note
2,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V180783
ISBN (eBook)
9783656036548
ISBN (Buch)
9783656036746
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreol, Französisch, Creol, Französich Guyana
Arbeit zitieren
Tilman Biallas-Yusuf (Autor), 2011, Das Créole von Französisch-Guayana – nur ein überflüssiger Dialekt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180783

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