Social Software im Kreditgeschäft

P2P-Banking vs. Finanzintermediation


Masterarbeit, 2011
125 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Motivation
1.2. Ziel der Arbeit
1.3. Gang der Untersuchung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Social Software und Web 2.0
2.1.1. Beispiele für Web 2.0-Anwendungen
2.1.2. Wissenskonversionen im Web 2.0
2.1.3. Virtuelle Communities (of Practice)
2.1.4. Financial Communities
2.1.5. Wirtschaftliche Bedeutung von virtuellen Communities (für Banken)
2.1.6. Gefahren von Social Software für Unternehmen und Banken
2.2. Begriffsbestimmung P2P-Banking
2.3. Institutionenökonomische Theorie als Vertragsgrundlage
2.4. Diversifikation: Die Portfoliotheorie von Markowitz
2.5. Banken als Finanzintermediäre und beauftragte Informationsproduzenten
2.5.1. Allgemeine Neoklassische Ansätze
2.5.1.1. Losgrößentransformation
2.5.1.2. Fristentransformation
2.5.1.3. Risikotransformation
2.5.2. Das Modell von Diamond
2.5.2.1. Überlegungen und Grundannahmen ohne Intermediär
2.5.2.2. Kostensenkung durch delegiertes Monitoring

3. Kreditgeschäft der Banken in der Praxis
3.1. Weiterführende Betrachtungen zu Diamonds Modell
3.2. Bedeutung des Modells für das Retailgeschäft
3.3. Der Ratenkredit
3.2. Risiken des Bankbetriebs in der Finanzintermediation
3.3. Risikomanagement im Bereich der einzelwirtschaftlichen Risiken
3.3.1. Kreditwürdigkeitsprüfung durch standardisierte Scoring-Verfahren
3.3.2. Sicherheiten
3.3.3. Weitere einzelwirtschaftliche Maßnahmen zur Risikoreduktion
3.4. Management der Portfoliorisiken

4. P2P-Banking in der Praxis
4.1. Zopa
4.1.1. Prinzip
4.1.2. Risikomanagement
4.1.3. Zopa-Community
4.1.4. Marktperformance
4.2. Smava
4.2.1. Prinzip
4.2.2. Risikomanagement
4.2.3. Smava-Community
4.2.4. Marktperformance
4.3. Prosper
4.3.1. Prinzip
4.3.2. Risikomanagement
4.3.3. Prosper-Community
4.3.4. Marktperformance
4.4. Plattformübergreifende Communities – Vernetzte Diskussion

5. Vergleich
5.1. Motive für P2P-Banking-Nutzer
5.2. Motive der Bankkunden
5.3. Geschäftsmodelle und Organisation
5.4. Verträge und Preisbildung
5.5. Risikomanagement
5.6. Marktperformance
5.7. Social Software und Communities
5.8. P2P-Banking-Portale: Markt oder Intermediär?
5.8.1. Transformationsfunktion
5.8.2. P2P-Banking-Portale als Intermediär
5.8.3. Aufteilung des Kreditvergabeprozesses
5.9. P2P-Banking: Mode oder ernstzunehmende Alternative?

6. Fidor-Bank AG: die erste Web 2.0-Bank

7. Fazit und Ausblick

Literatur

Vorwort

Die Idee zu dieser Arbeit entstand aus der Unzufriedenheit über die oberflächlich geführte Diskussion rund um das Thema P2P-Banking. Sie soll Unterschiede und Gemeinsamkeiten zur klassischen Finanzintermediation genau herausstellen und einen Beitrag darstellen, der eine neue Perspektive auf das P2P-Banking als Alternative zur Finanzintermediation ermöglicht.

Ich möchte Herrn Prof. Dr.-Ing. Norbert Gronau und Frau RA Tanja Röchert-Voigt danken, die mich dieses Thema nach meinen Vorstellungen haben umsetzen lassen. Ein ganz besonderer Dank geht auch an M.A. Paul Köppen, der sich trotz unerwartet hohem Arbeitsaufwand während seiner Promotion in Bologna zum wiederholten Male bereit erklärt hat, das Lektorat meiner Arbeit zu übernehmen, und der mich auch schon während meines gesamten Studiums unterstützte. An dieser Stelle möchte ich auch meinen Eltern danken, deren unaufgeforderter Unterstützung ich mir auf meinem bisherigen Weg und auch während der Erstellung dieser Arbeit sicher sein konnte. Sie entlasteten mich unaufgefordert in vielen Bereichen, sodass ich die verbliebende freie Zeit ganz meinem Sohn Anton widmen konnte. Ein weiteres Familienmitglied, dem ich danken möchte ist mein Cousin René Ott, mit dessen Hilfe nicht nur diese Arbeit einem kritischen Blick aus der Bankpraxis unterzogen wurde. Vielen Dank auch Hien Ngyuen, die mir immer wieder dabei half, die Motivation während dieser Arbeit zu behalten und meine Denke mit interessanten neuen Perspektiven eines völlig anderen Kulturkreises zu bereichern. Ähnliches gilt für den geisteswissenschaftlichen Teil meines Umfelds, der erfolgreich verhindert hat, dass ich mich auf festgefahrene Denkstrukturen zubewege. Neben M.A. Paul Köppen und einigen anderen, stehe ich insbesondere bei Mandy Joachim in der Schuld.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Banking is necessary, banks are not.“ konstatierte Bill Gates mit Verweis auf das Online-Banking in den 90er Jahren sehr polemisch (vgl. Miller 2007, S. 149). Das Aufkommen des Online-Banking schien die Bankfiliale und den Banker überflüssig werden zu lassen. Tatsächlich lassen sich heute viele Finanzdienstleistungen ohne den persönlichen Kontakt zu einem Berater vom Kunden online erledigen. Überflüssig sind Filialen und Berater bisher deshalb aber nicht geworden, denn die Nachfrage nach Information und Beratung steigt immer noch an (vgl. Fabel/Warschun 2010, S. 1). Einige Jahre später mit dem Aufkommen von Social Software, stellt sich eher die Frage, auf welchen Wegen Kunden sich informieren und ihren Bedarf nach Information decken. Was bisher meist durch den Berater geschehen ist, passiert heute oft durch Recherche und Austausch Gleichgesinnter im Internet. Im Bereich kleiner Privatkredite und –anlagen geraten Banken verstärkt durch P2P-Banking-Portale unter Druck. Dieses Thema gewann im Zuge der Reputationsverluste der Banken während und nach der Finanzkrise (vgl. o.V. 2010a, S. 1 und o.V. 2010b, S.1 sowie o.V. 2010c, S. 1, auch o.V. 2011a, S. 9) und der sich ständig weiterentwickelnden Möglichkeiten des Internets an Aktualität. Das Vertrauen in Kreditinstitute hat gelitten. Kunden fühlen sich verunsichert und nicht in der Lage das Risiko einer Anlage mit Hilfe des Beraters adäquat einzuschätzen, weil die Beratungsleistung in manchen Fällen von zweifelhafter Qualität ist (Vgl. Volmer 2011, S. 1, sowie Reidel 2010, S. 1). So ist es nachvollziehbar, dass der Wunsch besteht, die klassischen Finanzintermediäre zu meiden. Communities, Blogs und Foren spielen heute für viele Kunden bei der Anlageentscheidung eine größere Rolle als die Beratung in der Bank (Vgl. Fabel/Warschun 2010, S.5 sowie o.V. 2010c, S. 1). Doch nicht nur die Beratung wird durch die User selbst organisiert. Auch eine Kernaufgabe der Banken, nämlich die Finanzintermediation wird durch gemeinschaftliche Selbstorganisation substituiert und Kreditinstitute werden teilweise oder ganz aus diesem Prozess ausgeschlossen. Neben den sozialen Motiven locken die augenscheinlich günstigen Zinssätze auch den ertragsorientierten Anleger und den kostenbewussten Schuldner auf die P2P-Banking-Portale. Die Interaktivität und Schnelllebigkeit des Web 2.0 spielt hier eine große Rolle und ist im Begriff die Finanzdienstleistungsbranche in ähnliche Veränderungsdynamiken zu zwingen (Vgl. Fabel/Warschun 2010, S. 1ff.). Gleichzeitig verpassen Banken den Anschluss beim Ausschöpfen der Möglichkeiten des Web 2.0 und damit auch die Chance ihren angeschlagenen Ruf zu verbessern und neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Eine Idee zum systematischen Umgang mit diesem Medium wurde bisher von den klassischen Banken nicht umgesetzt. (vgl. o.V. 2010c, S. 1).

1.1. Motivation

Die Motivation zu dieser Arbeit entstand bereits vor einigen Jahren als Smava als bedeutendste deutsche P2P-Banking-Plattform an Bekanntheit gewann. Die begeisterten Erfahrungsberichte ließen sofort die Frage aufkommen, ob sich diejenigen des Risikos, das sie eingehen, bewusst sind und ob die augenscheinlich hohen Zinsen nicht mit zu viel Risiko erkauft sind. Die attraktiveren Zinssätze werden oft leichtfertig auf das Wegfallen einer „teuren“ Bank zurückgeführt. Eine erste gedankliche Durchdringung ließen starke Zweifel an dieser Argumentation aufkommen, da es genügend theoretische Modelle gibt, die die Vorteilhaftigkeit der Finanzintermediation plausibel herleiten. Doch diese Ansätze haben alle eines gemeinsam: Sie sind meist vor der Zeit des Web 2.0 entstanden und berücksichtigten demzufolge die Möglichkeiten dieser Technologie nicht. Bestehende Literatur zu diesem Thema ist kaum vorhanden und die bereits geführten Diskussionen fassen insbesondere die bankfachlichen Zusammenhänge deutlich zu kurz. So argumentieren Frerichs und Schuhmann (vgl. Frerichs/Schuhmann 2008, S. 7f.), dass der Zinsunterschied zwischen klassischer Intermediation und dem P2P-Banking auf die Transformationsfunktion der Banken zurückzuführen sei. Doch diese Erklärung ist einfach zu kurz gefasst und nicht befriedigend. Blaesi (Blaesi 2010) lieferte mit seiner Studie einen wertvollen Beitrag und stellte heraus, dass trotz der fehlenden physischen Präsenz das Vertrauen der Nutzer in das P2P-Banking und die dazugehörige Community dem Vertrauen, das Bankkunden ihrem Institut entgegenbringen, in nichts nachsteht. Aber auch hier werden Unterschiede zur Finanzintermediation nur ungenügend herausgearbeitet.

1.2. Ziel der Arbeit

Ziel der Arbeit soll es sein, bestehende Argumentationen zu überprüfen, indem ein ausführlicher Vergleich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Formen der Kreditvermittlung herausstellt. Dabei soll ermittelt werden, welche Gründe dazu beitragen, dass das P2P-Banking in seinen Zinssätzen sowohl für den Kreditnehmer als auch für den Kreditgeber oft attraktiver ist. Es soll auch die Standardargumentation, dass dies aufgrund der fehlenden „teuren“ Bank der Fall wäre, geprüft werden. Im Gegenzug soll auch diskutiert werden, ob die Argumentation bisheriger Ansätze zur Erklärung der Existenz von Banken in ihrem Gehalt durch das Aufkommen von Social Software beeinflusst sind und überdacht werden sollten. Beispielhaft wird hier neben allgemeinen Ausführungen das Modell von Diamond als einer der anerkanntesten informationsökonomischen Ansätze angeführt. Weiterhin soll geklärt werden inwieweit P2P-Banking tatsächlich ein Substitut für Intermediation einer Bank darstellen kann oder ob Merkmale existieren, die für beide Formen Alleinstellungsmerkmale darstellen. Daneben soll auch überprüft werden wie Banken das Thema Social Software angehen und ob die dortigen Potentiale auch von Banken schöpfbar sind. Aufbauend darauf sollen mögliche Strategien diskutiert werden, wie Banken mit dem Web 2.0 und dem P2P-Banking umgehen könnten.

1.3. Gang der Untersuchung

Zunächst werden im zweiten Kapitel die nötigen theoretischen Grundlagen gelegt, indem mit Begriffsbestimmungen begonnen werden. Danach wird sich dem Begriff des P2P-Banking genähert, um relevante Formen einzugrenzen. Anschließend werden die nötigen vertragstheoretischen Grundlagen angegangen, um problematische Aspekte der Beziehung von Kreditnehmer und Kreditgeber beleuchten zu können. Diese Betrachtungen spielen für viele Diskussionen um die Existenzberechtigung von Banken, so auch bei Diamond, eine wichtige Rolle. In dieser Diskussion wird auch immer wieder die Bedeutung der Diversifikation von Kreditportfolios hervorgehoben, sodass die Portfoliotheorie von Markowitz als Erklärung für die in der Praxis zu beobachtende Diversifikation ein weiterer Bestandteil der Theorie ist. An dieser Stelle wird zu den Erklärungsansätzen für die Existenz von Banken übergegangen, wobei hier das Modell von Diamond die zentrale Rolle einnimmt. Danach wird im Abschnitt 3 die Kreditvergabe der Banken in der Praxis betrachtet. Dazu werden anfänglich die Betrachtungen Diamonds an die Kreditvergabepraxis angenähert und auf den relevanten Geschäftsbereich übertragen. Insbesondere der Umgang mit Risiko spielt hier eine Rolle. Nachdem die praktische Betrachtung für die Banken geschehen ist, wird selbiges für die P2P-Banking Plattformen stattfinden. Ihre Geschäftsmodelle sind auf den ersten Blick sehr vergleichbar und verfolgen eine ähnlichen Zweck, was mit einer detaillierten Untersuchung überprüft wird. In Abschnitt 5 findet der eigentliche Vergleich statt, der sich nicht nur auf die Unterschiede der beiden Formen der Kreditvergabe sondern unter den Plattformen bezieht. Daneben wird versucht eine Antwort darauf zu finden welches Potential das P2P-Banking besitzt und welche Möglichkeiten Banken im Umgang mit dem Web 2.0 und dem P2P-Banking in Erwägung ziehen könnten. Als Untersuchungsbeispiel soll die Fidor-Bank in Abschnitt 6 dienen, deren Geschäftsmodell auf dem Web 2.0 basiert. In Abschnitt 7 werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

2. Theoretische Grundlagen

Zunächst werden die Begriffe Social Software und Web 2.0 diskutiert, um Ihre (wirtschaftliche) Bedeutung für die Zusammenarbeit herauszustellen, um anschließend den Begriff des P2P-Bankings besser einordnen zu können. Mit der Institutionenökonomie und der Portfoliotheorie von Markowitz folgen weitere theoretische Grundlagen, die für die Kreditvergabepraxis und die Erklärungsansätze für die Existenz von Banken wichtig sind.

2.1. Social Software und Web 2.0

Social Software bezeichnet Informationssysteme, die es Nutzer erlauben, ihre Zusammenarbeit durch verschiedene Arten der Kommunikation zu unterstützen (Back/Gronau/Tochtermann 2009, S. 4 und Stegbauer/Jäckel 2008, S. 7). Dieser Begriff wird von einigen Autoren nicht trennscharf vom Begriff des Web 2.0 abgegrenzt, andere sehen Social Software als Teilmenge des neuen Webs (vgl. Back/Heidecke 2009, S. 4 und Walsh/Kilian/Hass 2011, S. 4). Für den weiteren Gang der Untersuchung ist eine detaillierte Abgrenzung nicht nötig. Festzuhalten bleibt, dass diese wirtschaftliche und soziale Bedeutung besitzen, die nun genauer betrachtet werden sollen.

Der Begriff Web 2.0 wurde durch Tim O’Reily geschaffen und geprägt. Er versteht das „neue“ Internet als einen Interaktionsraum, der von Beteiligung lebt, und dessen Anwendungen von den Beiträgen der Nutzer leben. Durch diese neuartigen Tools ist es möglich die Intelligenz der Akteure in solchen Anwendungen zu bündeln. Damit dieses Konzept erfolgreich sein kann ist es nötig, dass eine Mindestanzahl an Nutzern zusammenkommt, da die einzelnen Beiträge nur im Austausch, der Diskussion und letztendlich durch deren Zusammenfügen in einem gemeinschaftlichen Werk wertvoll werden. Die Nutzer begreifen das Web 2.0 jedoch nicht nur als Technologie, sondern auch als eine Grundeinstellung zur Interaktion zwischen Menschen. Hier wird also die Technologie durch eine soziale Komponente erweitert, die auch das Vertrauen für den Erfolg voraussetzt. (vgl. O’Reilly 2005, S. 1).

Eng damit verbunden ist der Open-Source-Gedanke, der wohl die extremste Ausprägung der Mitmach-Einstellung darstellt. Stallman forderte in den 70iger Jahren erstmals, dass Software frei zugänglich und von jedermann veränderbar sein soll. Was sich zunächst auf Software bezog weitete sich mit dem Web 2.0 auch auf andere Lebensbereiche und Produkte aus (vgl. Roebers/Leisenberg 2010, S. 23ff). Als Beispiel für die neue Form der Zusammenarbeit soll nun das Entwicklerteam des freien Betriebssystem Ubuntu dienen. Hier existiert zwar ein professioneller Entwicklerkern, jedoch wird die Arbeit maßgeblich von der Community vorangetrieben, die sich freiwillig und unentgeltlich an der Arbeit beteiligt. Damit entstehen völlig neue Möglichkeiten der Organisationsgestaltung, die bestehende Unternehmen sorgfältig durchdringen und prüfen sollten. (vgl. Roebers/Leisenberg 2010. S. 24).

Das Web 2.0 bietet inzwischen unzählige Möglichkeiten für die User sich in Form von Texten sowie Audio- und Videoinhalten mit einzubringen. Dadurch befinden sich die Inhalte auch in ständigem Wandel und unter der Qualitätsprüfung der Teilnehmer ( vgl. Stegbauer/Jäckel 2008, S. 7), wie das Beispiel Wikipedia verdeutlicht. Durch die Dezentralität und die vielen Verlinkungen zwischen verschiedenen Instrumenten und Inhalten, erhält der ganze Prozess rund um das Schaffen von neuem Wissen eine hohe Dynamik, die eine effiziente Wertschöpfung ermöglicht und kaum Einstiegsbarrieren aufweist (Walsh/Kilian/Hass 2011, S. 5ff). Ein wichtiges Merkmal dieser neuen Zusammenarbeit ist, dass sich die Akteure auf der gleichen Ebene mit ähnlichen Interessen begegnen (vgl. Raake/Hilker 2010, S. 23) und so flache Hierarchien entstehen. Auch zeitliche und räumliche Restriktionen spielen kaum eine Rolle, da Inhalte meist von jedem Endgerät mit Internetanschluss zu einem beliebigen Zeitpunkt aufgerufen und bearbeitet werden können.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen wie sie Zusammenarbeit mit diesen Instrumenten funktionieren kann, werden nun einige Beispiele gegeben. Es ist wichtig die Inhalte und Instrumente des Web 2.0 nie isoliert, sondern als eine ganze interaktive Sphäre zu betrachten, um eine Vorstellung von der Dynamik zu bekommen. Die Anwendungen sind meistens so gestaltet, dass ihre Schnittstellen untereinander kompatibel sind. So nutzen z.B. manche Zeitungen die Möglichkeit Artikel aus Wikipedia in ihre Website einzubinden (vgl. Walsh/Kilian/Hass 2011, S. 10).

2.1.1. Beispiele für Web 2.0-Anwendungen

Eine Vielzahl von Menschen nutzen Web 2.0-Anwendungen und profitieren von ihnen. Seien es Nutzerbewertung beim Kauf eines Buches oder die Planung einer Urlaubsreise: Das Wissen gleichgesinnter User wird für Konsumentscheidungen immer wichtiger. Ein weiteres Beispiel ist Wikipedia als wohl bekannteste und größte Ansammlung von Wissen, das vielen Nutzer bei der Suche nach bestimmten Informationen einen schnellen Überblick bietet und fündig werden lässt. Auch diese Inhalte entstehen durch die Teilnehmer und werden von ihnen ständig verändert (vgl. Raake/Hilker 2010 S. 20). Es soll nun ein kleiner Überblick gegeben werden, der die Vielfalt von Anwendungen im Internet allerdings erschöpfend erfassen kann.

Weblogs

Die beiden Worte Web und Log treffen den Kern des Charakters dieses Kommunikationstools, das in seiner Kurzform auch Blog genannt wird. Der Autor (auch Blogger) hat auf dieser Plattform die Möglichkeit regelmäßig neue Beiträge einzustellen, die von Besuchern kommentiert werden können. Durch die Verlinkung über Permalinks und Trackbacks ist nicht nur nachvollziehbar auf welche Inhalte sich der Blog bezieht. Es entsteht gleichzeitig eine Blogsphäre, in der sich Besucher und Blogger bewegen können. (vgl. Stocker/Tochtermann 2010, S. 46f.).

Wikis

Ein Wiki ist interaktiver als ein Blog. Inhalte eines Wikis sind Ergebnisse kollektiven Schreibens und enthalten somit nicht nur Kommentare anderer, sondern werden von ihnen mitgestaltet. Eine klare Abgrenzung von Autor und Leser existiert nicht, da jeder Nutzer Inhalte zu einem Wiki beisteuern und auch bestehende Inhalte verändern kann. Links ermöglichen auch hier die Vernetzung der Inhalte nach innen und außen. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel ist die freie Online Enzyklopädie Wikipedia (vgl. Stocker/Tochtermann 2010, S. 48f.). Auch die einfache Handhabung wirkt sich vorteilhaft auf die Dynamik des Wikis aus. Es sind keine tiefgreifenden technischen Kenntnisse erforderlich, um teilzuhaben. (vgl. Michelson 2010, S.16). Kritisch muss angemerkt werden, dass die Inhalte aufgrund dieser schwer nachvollziehbaren Dynamik selten zu verifizieren sind und immer mit einem skeptischen Auge betrachtet werden sollten. So ist z.B. nicht auszuschließen, dass ein Beitrag nicht der Dokumentation oder Schaffung von Wissen dienen soll, sondern z.B. meinungsbildende Ziele verfolgt (vgl. Müller/Gronau 2009, S. 10).

Rich Media

Rich Media ist weniger eine Social Software-Anwendung als ein Schlagwort für multimediale Inhalte im Web 2.0. So existieren mit Portalen wie Youtube eine große Onlinevideothek und mit Seiten wie Flickr eine Ansammlungen von Bildern, die alle jederzeit und weltweit erreicht werden können (vgl. Niedermaier 2008, S. 63) . Inhalte werden meist von Usern eingestellt und können auch von diesen kommentiert werden.

Foren

Für den zwischenmenschlichen Austausch von Wissen und Information und das Weitergeben von Erfahrungen spielen auch Webforen eine große Rolle und sind ein schon länger genutztes Mittel. Meist sind sie auf bestimmte Themengebiete begrenzt und Teil einer Website. Hier können Diskussionen geführt sowie Beiträge und Antworten verfasst werden, an denen sich die Akteure beteiligen können. Dabei lässt sich ein Forum nicht nur zum Diskurs aktueller Themen, sondern auch als Rechercheinstrument für wiederkehrende Fragestellungen nutzen, da die Beiträge erhalten bleiben, solange sie nicht gegen die Regeln des Forums verstoßen. (vgl. Niedermaier 2008, S. 63f.).

Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke gewinnen immer mehr an Popularität und werden inzwischen sogar in Kinofilmen thematisiert. Durch sie ist es möglich Kontakte zu knüpfen, zu pflegen oder wieder aufzunehmen. Die Mitglieder können hier auf verschiedenste Formen miteinander interagieren. Chats und andere Nachrichtensysteme sowie die Möglichkeit mediale Inhalte einzustellen, zu verlinken und zu kommentieren, seien an dieser Stelle beispielhaft genannt. Neben Netzwerken wie z.B. Facebook, die das allgemeine soziale Miteinander fördern, existieren aber auch solche, die sich an konkrete Zielgruppen wie Singles, Studenten, Geschäftsleute, Karriereinteressierte und viele andere richten. (vgl. Cyganski/Hass 2011, S. 82f.). Die Möglichkeiten in sozialen Netzwerken zu kommunizieren, ändern und erweitern sich ständig. Miniprogramme, die Widgets, Gadgets oder Apps genannt werden, sind inzwischen zahlreich vorhanden und ein wichtiger Teil des Konzepts.

Social Bookmarking

Das Social Bookmarking ist weniger eine Form der Zusammenarbeit, als vielmehr das Versehen von Inhalten mit Lesezeichen, um es anderen Interessenten unter Stichworten zugänglich zu machen (vgl. Niedermaier 2008, S. 63).

Tagging

Das Tagging ist das Versehen von Inhalten im Internet mit Metadaten. Durch die Verwendung von Schlagworten ist es nicht nur möglich Inhalte schneller zu finden, sondern auch kollektive Begriffsverständnisse und Wertevorstellungen in diesen Metadaten abzubilden (vgl. Roebers/Leisenberg 2010, S. 87).

RSS Feeds

Abonniert ein Nutzer einen RSS Feed wird er automatisch über Neuerungen aufmerksam gemacht auf die sich dieser bezieht. So wird er mit neuen Nachrichten versorgt ohne selbst wiederholt aktiv zu werden. Dabei steht die Abkürzung genau genommen für zwei verschiedene Bezeichnungen. Rich Site Summary bezeichnet eine Datei in der Zusammenfassungen verschiedener Quellen enthalten sind, wogegen Really Simple Syndication vollständige Inhalte bereitstellt (vgl. Breitner et al. 2011, S. 72).

Podcasts

Podcasts sind aufgezeichnete Mediendateien, die Nutzer herunterladen und anhören bzw. auch ansehen können. Meist werden sie in Form von Radiosendungen angeboten. Handelt es sich dabei um Videodateien werden sie unter anderem auch als Videocast oder Video-Podcast bezeichnet (vgl. Horn/Fine 2007, S. 11).

Diese Beispiele sollten verdeutlichen, dass es durch die Anwendungen im Web 2.0 möglich ist in hohem Maße von Mensch zu Mensch zu agieren. Welche Bedeutung dies für das Wissensmanagement hat, wird im nächsten Abschnitt erläutert.

2.1.2. Wissenskonversionen im Web 2.0

Social Software bzw. Web 2.0 lassen durch ihre Interaktivität eine ganz neue Dynamik des Wissensaustauschs zu. An dieser Stelle soll auf den Begriff des Wissens eingegangen werden, um anschließend die Bedeutung der Möglichkeiten des Web 2.0 zu erörtern.

Der Begriff des Wissens wird in der wissenschaftlichen Literatur nicht einheitlich verwendet. Es wird jedoch inhaltlich in zwei Dimensionen unterschieden. Das personengebundene Wissen wird von einigen Autoren als implizites Wissen bezeichnet und geht auf die Autoren Nonaka und Takeushi zurück. Gronau spricht hier von stillschweigendem Wissen. Mit diesen Synonymen beschreiben die Autoren das Wissen, das nicht einfach artikulierbar ist. Es steht immer zu einer Person, deren Überzeugung und Erfahrung in Bezug und lässt sich so nur schwer übertragen. Dagegen handelt es sich beim expliziten Wissen um Zusammenhänge, die sich unabhängig von einer Person in Büchern, Bildern oder ähnlichem darstellen lassen, sodass sie von Dritten verstanden, archiviert und weitergegeben werden können. Dieser Wissensbegriff deckt sich weitgehend mit dem Begriff der Information nach North (vgl. Gronau/Lindemann 2010, S. 10; Gronau 2009, S.14f; Nonaka/Takeushi 1995, S. 62ff und North 2010, S. 35f).

Nonaka und Takeuchi sehen in den vier Arten der Wissensumwandlung einen wichtigen Prozess, der den Erfolg durch Schaffung von neuem Wissen in einer Organisation maßgeblich beeinflusst: Die Sozialisation bezeichnet die Interaktion zwischen einzelnen Individuen und die einzige Möglichkeit stillschweigendes Wissen durch z.B. Imitation, Beobachtung und Übung weiterzugeben bzw. stillschweigendes Wissen der einen Person direkt in stillschweigendes Wissend einer anderen Person umzuwandeln. Die Externalisierung dagegen ist die Umwandlung von stillschweigendem in explizites Wissen. Hier geht der Kontextbezogene Teil des impliziten Wissens verloren und stellt so als Ergebnis nur einen Extrakt des ursprünglichen Wissens dar. Bei der Kombination wird explizites Wissen zu neuem explizitem Wissen zusammengefügt. So stellt auch jede wissenschaftliche Arbeit mit dem zitieren unterschiedlicher Quellen in neuem Zusammenhang zum großen Teil eine Kombination dar. Die Internalisierung beschreibt die Umwandlung von explizitem Wissen in stillschweigendes Wissen z.B. durch das Aufnehmen von Wissen durch Anlesen. Bei der anschließenden Anwenden wird das Wissen durch Erfahrung ergänzt und in einen personenspezifischen Kontext gebracht (vgl. Gronau 2009, S. 14ff. sowie Gust von Loh 2008, S. 34f. und Trojan 2005, S. 68f.) Dabei wird, nach Nonaka und Takeushi, die Organisation als eine Einrichtung angesehen, die durch spiralartiges Durchlaufen der einzelnen Konversionen neues Wissen schafft. (vgl. zur Wissensspirale: Nonaka/Takeuchi 1995, S. 62ff., aber auch: Trojan 2005, S. 68f., sowie Gust von Loh 2008, S. 34f und Gronau 2009, S. 14ff.). Auch wenn die Ansicht umstritten ist, dass das Durchlaufen dieser Spirale Voraussetzung für erfolgreiches Wissensmanagement ist, wird ihr Beitrag für das Wissensmanagement in der Literatur als sehr hoch eingeschätzt. Sie spielt auch bei der Betrachtung der Schaffung von Wissen im Web 2.0 eine Rolle, da es durch den interaktiven Charakter verstärkt möglich ist auf dem Wege der Sozialisation Wissen weiterzugeben bzw. zu schaffen (vgl. Walsh/Kilian/Hass 2010, S. 3ff. und Ayelt/Wauch 2008 S. 2f).

2.1.3. Virtuelle Communities (of Practice)

Virtuelle Communities sind Gemeinschaften, die sich unter Nutzung von Web 2.0-Anwendungen themengebunden oder themenungebunden miteinander austauschen. Dabei steht der soziale Aspekt im Vordergrund, nach dem jedes Mitglied die Möglichkeit haben soll, sich mit einzubringen (vgl. Berge/Bueschgen 2011, S. 21). Die weitreichenden Möglichkeiten der Kommunikation spielen hierbei eine besondere Rolle und fördern die Interaktion (vgl. Döbler 2008, S. 120). Für das Entstehen einer solchen Community ist wichtig, dass sich eine genügende Anzahl von Menschen über einen gewissen Zeitraum an diesem Austausch beteiligt und dass durch das Einbringen persönlicher Ideen, Erfahrungen und auch Gefühle ein Geflecht an sozialen Beziehungen entsteht (vgl. Herstatt/Sander 2004, S. 3). Dabei stärken über einen meist langen Zeitraum entwickelte, gemeinsame Rituale und Traditionen die Beziehungen in und das Zugehörigkeitsgefühlt zur Community (vgl Drüner et al. 2007, S. 37). Durch die Anonymität und die einfache Handhabung von Scoial Software werden Eintrittsbarrieren gesenkt, sodass es recht einfach ist, sich zu beteiligen (vgl. Abschnitt 2.1).

Dabei sind im sie Wesentlichen sechs Funktionsgruppen zu unterscheiden, die den Usern Nutzen stiften (vgl. hierzu Koch/Richter 2009, S. 71 und Messerschmidt/Berger/Skiera 2010, S. 100): Das Identitätsmanagement ermöglicht es dem Nutzer, sich durch Fotos, Miniaturanwendungen, Gruppenmitgliedschaften u.ä. so darzustellen, wie er sich gern sieht. Ein Beispiel stellt hier Facebook dar. Die Expertensuche in Netzwerken wie Xing ist ein weiteres Motiv. Das für Dritte sichtbare Darstellen des eigenen Netzwerks wird unter dem Begriff der Kontaktawareness subsummiert. Eng damit verbunden ist die Netzwerkawareness. Der Nutzer kann durch das Senden von Statusmeldungen oder Austausch über aktuelle Aktivitäten sein Netzwerk pflegen. Die fünfte Funktionsgruppe ist der gemeinsame Austausch an sich, der über die verschiedensten Möglichkeiten wie Foren, Gruppen, Nachrichtensysteme u.ä. erfolgen kann. Das Kontaktmanagement beinhaltet alle Aktivitäten, die Pflege der persönlichen Kontakte betreffen. Daneben sind auch einfache Dinge wie die Anerkennung in der virtuellen Community oder Altruismus mögliche Beweggründe sich am gemeinschaftlichen Austausch zu beteiligen (vgl. Drüner et al. 2007, S. 37).

Hat eine Community eine klare Zielstellung und geht ein gemeinsames Probleman, wie es in einer P2P-Banking-Community der Fall ist, wird hier von einer Community of Practice gesprochen. Die Nutzer wollen die Vermittlung von Kapital zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber selbst organisieren diesem ganzen Unterfangen eine soziale Dimension verleihen. Eine solche Community organisiert und steuert den Lernprozess selbst, um ihrer Zielstellung und ihrem Interesse bestmöglich nachzugehen. Sie besteht aus drei wichtigen Elementen, die zunächst die Community an sich umfasst. Diese findet sich über ein gemeinsames Thema, welches das zweite Element darstellt. Dabei werden drittens Methoden und Vorgehensweisen sowie Sichtweisen entwickelt, die die Mitglieder teilen und gemeinsam nutzen. Diese stark persönliche Interaktion und die Schaffung eines gemeinsamen Verständnisses für die gemeinsame Herausforderung trägt dazu bei, dass sich die Community-Mitglieder für die gesamte Gemeinschaft verantwortlich fühlen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen (vgl. Gronau 2010, S. 18ff. und Zboralski 2006, S. 32ff.).

So beteiligen sich Akteure an einem Projekt, bei denen nicht die typischen Interessenkonflikte auftreten, die in der Agenturtheorie beschrieben werden. Beiträge werden aus intrinsischer Motivation heraus geleistet und müssen nicht durch Kontrolle oder extrinsische Anreize herbeigeführt werden. Bei dieser Form der Beziehung wird das Modell des Agenten für den Leistungsersteller durch das Modell des Stewards ersetzt (vgl. zum Stewardship-Modell Hehn 2011, S. 179f. und zur Agenturtheorie Abschnitt 2.3). So können Kosten reduziert und die Effizienz gesteigert werden.

Einige Autoren sind der Meinung, dass das in solch einer Community entstehende Wissen einen Wert hat, den ein Unternehmen aufgrund der begrenzten Zahl der Teilnehmer nicht leisten kann (Raake/Hilker 2010, S. 90). Auch wenn diese These sehr gewagt ist, kann zumindest vermutet werden, dass eine Erweiterung des Kreises der Akteure durch die erfolgreiche Etablierung einer Community um ein Unternehmen bzw. einen kommerziellen Kern große Potentiale birgt, wie das Beispiel der Linux-Distribution Ubuntu zeigt (vgl. Abschnitt 2.1).

2.1.4. Financial Communities

Es, existieren auch zum Thema Finanzen Communities. Dabei muss zwischen solchen unterschieden werden, die von einem Finanzinstitut betrieben werden, und solchen, die unabhängig sind und mit keinem Institut in Verbindung stehen (vgl. Messerschmidt/Berger/Skiera 2010, S. 101). Sehr häufig zu finden sind Communities, die sich mit Anlagethemen beschäftigen, insbesondere wenn es um das Börsengeschehen geht. Dabei sind diese Netzwerke auch für Anlageprofis interessant. Neben dem Wissen der Gemeinschaft können diese auch überraschend gut allgemeine Stimmungen ausmachen. Seit der Inbetriebnahme der Community Scharewise im Jahre 2007 lagen die Einschätzungen der Community insgesamt besser als die der Analysten. Dies muss allerdings mit Vorsicht betrachtet werden. Durch die starke Vernetzung der Communities und die schnelle Durchdringung des Internets mit Nachrichten und Mitgliedermeinungen ist es nicht ausgeschlossen, dass die Einschätzungen der Gemeinschaft den Kurs erheblich beeinflussen (vgl. Raake/Hilker 2010, S. 116 und Schnell 2007, S.1). Neben diesen recht spezialisierten Communities gibt es aber auch andere, die sich mit allen Themen im Bereich der Finanzen und den dazugehörigen Dienstleistern, also auch Banken, beschäftigen. So gilt: Ob Banken sich im Web 2.0 engagieren oder nicht, sie sind bereits Thema in den verschiedenen Communities. Es existieren Bewertungsportale wie ciao, auf denen Nutzer Banken mit Punkten bewerten können. Diese Punktevergabe kann anschließend in ausführlichen Erfahrungsberichten detailliert erläutert und ergänzend in den Kategorien Service, Filialnetz und fachliche Beratung bewertet werden. Das Angebot wird genutzt. Zu vielen großen und auch kleinen Banken existieren jeweils deutlich mehr als 100 Kommentare (vgl. ciao: Banken). Auf Seiten wie WhoFinance können sogar passende Berater gefunden und bewertet werden (vgl. WhoFinance).

2.1.5. Wirtschaftliche Bedeutung von virtuellen Communities (für Banken)

Wie bereits im letzten Abschnitt angedeutet wurde, können aus Communities wirtschaftliche Potentiale geschöpft werden. Dies kann direkt, über bspw. Gebühren, oder indirekt passieren. Es wird bereits viel Geld im Web 2.0 ausgegeben und weiteres Wachstum vorausgesagt (vgl. Messerschmidt et al. 2010, S. 5).

In Karrierenetzwerken wie XING lassen sich Erlöse durch Gebühren erzielen. Bestimmte Funktionen des Portals sind nur über eine kostenpflichtige Mitgliedschaft verfügbar. Weitere Möglichkeiten Erträge zu erzielen sind mit Werbung und Cross-Selling nicht neu. Allerdings bieten Communities Möglichkeiten die Ansprachen und Cross-Selling-Ansätze zu personalisieren, indem diese auf das Verhaltensmuster und die Interessen der Mitglieder abgestimmt werden. (vgl. Berge/Bueschgen 2011 S. 27ff).

Für Banken kommt eine solche Nutzung von Communities nicht in Frage. Sie sollten virtuelle Communities nutzen, um Reputationsarbeit zu leisten und eine Gemeinschaft um ihre Bank herum aufbauen. So kann die Community in den Wertschöpfungsprozess mit eingebunden werden und das Wissen und Feedback in die Entwicklung neuer Produkte fließen. Durch diese zusätzlichen Impulse dient die Community als wertschöpfendes Element und unterstützt so die Erreichung der Unternehmensziele (vgl. Walsh/Kilian/Hass 2011, S. 10). Daraus ergeben sich weitere Chancen. Wurde ein Produkt durch die Gemeinschaft in seiner Entwicklung mitgestaltet, so wird sich durch den gemeinschaftlichen Konsum das Erlebnis des Kaufs intensivieren. Da die Bindung innerhalb der Community auf sozialen Beziehungen basiert, können sich die Kundenbindung und –loyalität erhöhen. Weiterhin können Communities als Multiplikatoren wirken und weitere Mitglieder akquirieren, die sich an dem gemeinsamen Konsumerlebnis beteiligen. Meinungen der Mitglieder wirken auf den Kunden meist glaubwürdiger als Werbebotschaften der Unternehmen. So kann mit der Einbindung der Community nachhaltiges Kundenmanagement praktiziert werden, von dem sowohl das Unternehmen als auch die Mitglieder der Community profitieren (vgl. Drüner et al. 2007, S. 37f.).

Die Comdirect verfolgt diese Strategie schon länger. Seit 1999 steht die Bank mit ihren Kunden im Internet kritisch im Dialog. Seit dem wurden viele Produktideen umgesetzt, die aus den Vorschlägen der virtuellen Gemeinschaft stammen. Auch allgemeine Verbesserungsvorschläge wie zusätzliche nützliche Features werden von der Bank aufgenommen (vgl. Mandel 2008 S. 36f). Daneben zeigt Amazon wie man durch Automatisierung und ständiger Prozessverbesserung sowie den Einsatz von Social-Software-Elementen möglichst viele Aktivitäten in die Community verlegt. Das Unternehmen ist bestrebt den Nutzern möglichst wenig Anlass zu geben sich bei Amazon zu melden. Sie versuchen auch die Berührungspunkte mit kaufmännischen Prozessen zu reduzieren, indem diese in die Community verlagert werden. Weitere Anregungen für die organisationale Gestaltung finden sich bei Google. Die innerbetrieblichen Strukturen werden ähnlich wie in einer virtuellen Community gestaltet. Es wird weitestgehend auf eine hierarchische Gestaltung der Beziehungen der Organisationsmitglieder verzichtet. Google versucht gezielt Mitarbeiter einzustellen, für die diese Strukturen die Voraussetzungen sind, um besonders kreativ zu sein. So werden kreativitätshemmende, bürokratische Elemente vermieden. Ob Web 2.0- oder klassisches Unternehmen: Aus Social Software lassen sich für Unternehmen und Banken potentiale Schöpfen, die alle Bereiche der Wertschöpfungskette, von der Entwicklung bis zum After-Sales-Management, betreffen können (vgl. Roebers/Leisenberg 2010, S. 18ff). Insgesamt wird auch der Finanzbranche attestiert, dass die Nutzung von Social Software enorme Potentiale birgt, die derzeit nicht annähernd ausgeschöpft werden (vgl. Rauschenbach 2011, S. 131f. und o.V. 2011c, S. 47 sowie Spermann 2011, S. 143). Wie es sich derzeit tatsächlich in der Praxis verhält wird in Abschnitt 5.7 untersucht.

2.1.6. Gefahren von Social Software für Unternehmen und Banken

Aus dem Charakter des Web 2.0 lassen sich auch einige Gefahren ableiten, die zum einen für die Unternehmen, zum anderen für die Nutzer entstehen. Insgesamt ist das Risiko durch die Eigendynamiken des Web 2.0 und der User untereinander nur sehr schwer zu kalkulieren und zu steuern, sodass Unternehmen genau überlegen müssen, wie sie vorgehen.

Das technische Risiko und die Datenschutz-Risiken entstehen dadurch, dass das Unternehmen im Internet Ziel für Angriffe durch Hacker oder Malware sein kann. Besonders Web 2.0-Anwendungen sind für derartige Angriffe gefährdet, was sich bspw. bei MySpace zeigte, als sich das soziale Netzwerk infizierte. Da hier oft persönliche Daten hinterlegt werden, ist deren Schutz von besonderer Bedeutung und muss gut durchdacht sein. Genauso schnell wie die Verbreitung von Information und Wissen im Internet vonstatten geht, kann eine ungenügende Sorgfalt beim Umgang mit selbigen genauso schnell Malware verbreiten (vgl. Grabendströer 2009, S. 49f.). Weiterhin besteht die Gefahr, dass die in den Wertschöpfungsprozess eingebundenen Community-Mitglieder völlig unrealistische Forderungen in Sachen Produkteigenschaften, Preis u.ä. stellen und das Unternehmen dadurch negativ in der Community bewertet wird. Für ein Geschäftsmodell, das auf Social Software basiert oder dessen Erfolg maßgeblich von der Nutzung von Social Software abhängt, stellt sich die Frage, ob sich überhaupt die kritische Menge an Nutzern in der Community zusammenfindet, die die beschriebenen Vorteile und Dynamiken ermöglicht. So kann ein Unternehmen bereits frühzeitig scheitern, wenn es nicht genügend Akzeptanz und Interesse bei den Web 2.0-Nutzern generiert (vgl. Walsh/Kilian/Hass 2011, S. 10). Weiterhin ist das Wissen, dass in einer Community generiert wird für jeden zugänglich, der auch einen Internetzugang besitzt. So können auch andere Unternehmen auf dieses Wissen zugreifen und Nutzen daraus generieren. Daneben muss die Qualität und Echtheit der gebotenen Informationen immer kritisch hinterfragt werden. Da jeder Nutzer mit einem Internetzugang Testberichte schreiben, Bewertungen abgeben oder sonstig Einschätzungen über Unternehmen verbreiten kann, ist die Gefahr der Manipulation, der Fehlinformation und der Verbreitung von Negativinformation sehr groß. So gibt es immer wieder Fälle, bei denen Produkte durch „gekaufte“ Bewertungen oder gezielte Manipulation in ein besseres oder schlechteres Licht gerückt werden. Sind negative Informationen über ein Unternehmen erst einmal im Netz, so können diese schlecht wieder entfernt werden. Selbst wenn es einem Unternehmen gelänge, diese restlos zu beseitigen, so könnte dies jedoch dazu führen, dass Communities dieses Vorgehen gezielt als Zensur anprangern und so dem Unternehmen noch mehr schaden. Grabenströer (vgl. Grabenströer 2009, S. 54) empfiehlt hier Strategien zu entwickeln sich der Dinge anzunehmen, ohne zu zensieren. Ein weiteres Gefahrenpotential besteht darin, dass Unternehmen das Wesen des Web 2.0 nicht richtig erfassen und es deshalb nicht verstehen sein Potential zu nutzen, bzw. sich damit Schaden zufügen. Eine Einweg-Kommunikation über bspw. Facebook oder die Einstellung von Standard-Werbeclips in Youtube ist lediglich eine Verschwendung von Ressourcen. Denn wenn der Mitmach-Faktor für den Nutzer nicht erkennbar ist, sieht er keinen Mehrwert und wird die Angebote meiden. Es besteht sogar die Gefahr, dass das Unternehmen seine Reputation verschlechtert, weil ihm fehlende Kompetenz oder fehlendes Interesse an den Bedürfnissen seiner Kunden nachgesagt werden können. Insgesamt müssen Unternehmen immer auch darauf achten die richtigen Social-Software-Anwendungen zu wählen, die sowohl zum Unternehmen, als auch zu den Produkten des Unternehmens passen (vgl. zu diesem Abschnitt vgl. Grabenströer 2009, S. 49ff.).

2.2. Begriffsbestimmung P2P-Banking

Beim P2P-Banking entspricht das Prinzip der Kreditvermittlung eher dem Prinzip des Finanzmarktes, welches sich aber in einigen wichtigen Details von diesem unterscheidet. Eine wichtige Schlüsselrolle spielt hier die Community und die Social Software. Das P2P-Banking ist unter synonymen Begriffen wie Social Lending, Personal Finance, Social Banking, Crowd Financing und anderen zu finden. Dabei bedeutet Peer to Peer frei übersetzt gleich zu gleich oder auch Person zu Person und beschreibt damit in sich einen wichtigen Grundgedanken. Wie auch auf dem Finanzmarkt ist die P2P-Plattform ein Ort, auf der Kreditgeber und Kreditnehmer zusammenfinden. Der Kontrakt kommt dabei direkt zwischen Kapitalgeber und Kapitalnehmer zustande. Die Vertragsbeziehung und die Dynamiken innerhalb der Community zeichnen sich auch durch eine ausgeprägte soziale Dimension aus und verleihen dem einzelnen Teilnehmer und der gesamten Gemeinschaft ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. Strukturell lässt sich ein solches Gebilde also wie folgt vorstellen. Zum einen stellt es einen Marktplatz dar, weil hier ein Ort geschaffen wird, an dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen, ökonomischer Tausch vollzogen wird und eine Preisbildung stattfindet. Weiterhin lebt eine solche Plattform durch die virtuelle Community (of Practice), wie sie in Abschnitt 2.1.3 beschrieben wurde. Solch eine Community funktioniert nur, wenn auch als dritter Punkt die Kooperation unter Mitgliedern und mit dem Plattformbetreiber funktioniert (vgl. Frerichs/ Schuhmann 2008, S.4ff sowie Blaesi 2010, S. 14ff).

P2P-Banking ist also die Vermittlung von Kapital innerhalb einer Community auf einem nur den Mitgliedern zugänglichen Markt, bei der durch Kooperation unter Nutzung von Social Software die Kreditvermittlung und Kreditentscheidungsfindung durch die Mitglieder unterstützt wird.

Untersuchungsgegenstand sind hier solche Plattformen, die das Ziel verfolgen Gewinn zu erwirtschaften. Diese stehen in direkter Konkurrenz mit Banken, da sie ein Substitut zur klassischen Finanzintermediation sein könnten. Hier haben auch die Anleger das Ziel einen Gewinn aus ihren Investments zu erzielen. Daneben gibt es Plattformen, die vorrangig nach sozialen Aspekten arbeiten. Anleger agieren hier z.B. als Entwicklungshelfer durch die Vergabe von zinslosen oder auch verzinsten Krediten an Unternehmer in Entwicklungsländern. Solche Plattformen bedienen eher eine Nische (vgl. Frerichs/Schuhmann 2008, S. 30ff), stehen so nicht in direkter Konkurrenz zu klassischen Finanzintermediären und sind demzufolge nicht Betrachtungsgegenstand der Untersuchung. Weiterhin muss die Kundengruppe, für die das P2P-Banking in Frage kommt, abgegrenzt werden. Da es sich hier meist um kleinere Kreditvolumina handelt, die zwischen Privatpersonen vermittelt werden, stehen P2P-Banking-Plattformen mit der Kreditvergabe im Retail-Geschäft in Konkurrenz. Das Retail-Banking ist standardisiertes Mengengeschäft mit Privatkunden, die aufgrund ihres Nutzungsverhaltens relativ wenig Beratungsbedarf haben. Im Kreditbereich sind dies meist Ratenkredite und solche, die kurzfristig Liquidität bereitstellen, wie z.B. ein Dispositionskredit. Zu dieser Kundengruppe zählen alle Privathaushalte mit geringem bis mittlerem Nettoeinkommen von bis zu ca. 4.000 Euro im Monat. Eine klare Grenze kann hier allerdings nicht gezogen werden, sodass dies eher als Orientierung und Kategorisierungshilfe dient. Folgt man dieser Zuordnung, so sind dem Retailbereich über 90 Prozent der Privathaushalte zuzuordnen (vgl. Swoboda 2004, S. 159f.).

2.3. Institutionenökonomische Theorie als Vertragsgrundlage

Auch wenn die Institutionenökonomische Theorie stark abstrahiert und sehr vereinfachende Modellannahmen trifft, so lassen sich aus ihr wertvolle Erkenntnisse für die Gestaltung von Vertragsbeziehungen gewinnen und auf den Kreditvertrag und die Finanzintermediation übertragen. Die drei Strömungsrichtungen dieser Organisationstheorie boten auch für einige Existenzerklärungen für Banken die Grundlage und sind somit von besonderer Bedeutung. Ebers und Gotsch (vgl. Ebers/Gotsch 2006, S. 248ff.) diskutieren die drei Ansätze ausführlich. Aus ihnen lassen sich drei wichtige Punkte für das Kreditgeschäft ableiten. Die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Rückführung des Kreditbetrages lässt sich durch das Setzen von Anreizen, dem Beseitigen von Informationsasymmetrien und eine dauerhafte sozialen Bindung erhöhen.

Betrachtungsgegenstand der Theorie ist der ökonomische Austausch und die Analyse von Institutionen, in deren Rahmen der Austausch vollzogen wird. Ihr Erkenntnisinteresse liegt in der Klärung der Koordinationsprobleme und Kosten, die verschiedene Institutionen verursachen, wie es sich aus dieser Betrachtung heraus mit der Effizienz verhält und wie diese wiederum den Wandel der Institutionen beeinflussen (vgl. Ebers/Gotsch 2006, S. 247f). Alle drei Theorien sind mit ihren wichtigsten Merkmalen in Tabelle 1 dargestellt und werden nun näher erläutert.

Die Theorie der Verfügungsrechte stellt, nomen est omen, das Verfügungsrecht in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Die Akteure sind Nutzenmaximierer, die ihren Nutzen sowohl aus materieller, als auch aus nicht-materieller Zielerfüllung generieren können. Es wird die Annahme getroffen, dass sie den aus knappen Ressourcen gewinnbaren Nettonutzen eindeutig bewerten können. Die Verfügungsrechte, die in vier unterschieden werden, werden im Rahmen geltenden Rechts bestimmt, übertragen und durchgesetzt und beeinflussen das Verhalten der Akteure. Konkret handelt es sich bei diesen um das Recht eine Ressource zu nutzen (usus), deren Erträge einzubehalten (usus fructus), die Ressource abzuändern (abusus) und die Rechte an ihr zu übertragen. Umso mehr Rechte ein Akteur an einer Ressource besitzt, desto mehr Nettonutzen kann er per se auch aus der Ressource generieren. Kosten, die in dieser Theorie betrachtet werden, sind Transaktionskosten, die im Rahmen der Übertragung, Bestimmung und Durchsetzung dieser Verfügungsrechte anfallen. Diese bestimmen auch die Effizienz der Verfügungsrechtestrukturen und können dazu führen, dass ein Kontrakt erst gar nicht zu Stande kommt, wenn der erzielbare Nettonutzen durch die Höhe dieser negativ ist (vgl. Ebers/Gotsch, S. 247ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Übersicht Institutionenökonomische Theorien (eigene Darstellung, Ergebnisse der Betrachtungen aus diesem Abschnitt)

Die Agenturtheorie beleuchtet einen problematischen Aspekt der vertraglichen Beziehung, in deren Mittelpunkt die asymmetrische Informationsverteilung bei Prinzipal (Auftraggeber) und Agent (Auftragnehmer) steht. Denn die ungleiche Informationsverteilung ist sowohl Grund für das Engagement des Agenten, als auch Quelle für mögliche Zielkonflikte. Zwar benötigt der Prinzipal den Informationsvorteil bzw. Expertise des Agenten, allerdings kann dieser seinen Wissensvorsprung zum Nachteil des Auftraggebers ausnutzen, denn die Vertragspartner werden hier als opportunistisch beschrieben. Sie sind beide Nutzenmaximierer, die gegebene, stabile Präferenzen besitzen und deren Ziele sowohl monetär, als auch nicht-monetär sein können. Beide sind rational und erwarten Rationalität auch vom anderen Beteiligten. Sie unterscheiden sich jedoch in der Risikoneigung, wobei der Agent risikoavers ist und der Prinzipal eher als risikoneutral bezeichnet wird. Der Wissensvorsprung des Auftragnehmers wird in der Agenturtheorie in vier unterschiedliche Gruppen eingeordnet, die ex ante nicht identifizierbar sind. Zunächst kann er über versteckte Eigenschaften (Hidden Characteristics) verfügen, die für den Prinzipal zu dessen Nachteil wirken können. Auch versteckte Absichten (Hidden Intention) und der fachliche Wissensvorsprung (Hidden Knowledge) beinhalten Gefahren für ihn. Letztendlich ist dadurch das eigentliche Leistungsniveau (Hidden Action) des Agenten nicht beobachtbar, was dieser zur besseren Selbstdarstellung ausnutzen kann. Durch das Vorhandensein versteckter Eigenschaften kann es zur sogenannten adversen Selektion kommen, die darauf beruht, dass ein gewisses Maß an negativen Eigenschaften bei der Beziehung einer Leistung durch den Prinzipal pauschal eingepreist wird. Das kann dazu führen, dass Agenten mit besseren Eigenschaften den Markt verlassen und so die Qualität auf dem Markt sinkt. Diese Agenturprobleme müssen durch den Prinzipal in der Vertragsgestaltung berücksichtigt werden, wodurch Agenturkosten verursacht werden. Vor der eigentlichen Leistungserbringung müssen Rahmenbedingungen vereinbart und fixiert werden, deren Einhaltung kontrolliert und ggf. bei Abweichung gesteuert werden müssen. Fällt die Erfüllung des Vertrages nicht entsprechend der Übereinkunft aus, muss der Agent nachbessern oder Schadensersatz zahlen. Alle Kosten, die dazu führen, dass der Prinzipal sein Nutzenmaximum nicht erreicht, werden als Residualkosten bezeichnet. Neben der genannten Kontrolle hat der Prinzipal noch andere Möglichkeiten, auf das Verhalten des Agenten Einfluss zu nehmen. Anreizkompatible Verträge, bspw. durch Gewinnbeteiligung des Auftragnehmers, führen dazu, dass Zielkonflikte zwischen den Vertragspartnern gemindert werden und der Bedarf nach Kontrolle und Information geringer ausfällt. Die Menge letzterer kann durch die Schaffung und Verbesserung eines Informationssystems erhöht werden, indem Berichte oder ähnliches eingefordert werden (vgl. Ebers/Gotsch 2006, S. 258ff).

Die Transaktionskostentheorie betrachtet das institutionelle Arrangement des Austauschs und dessen Ausgestaltung. Die Vertragspartner sind wie in der Agenturtheorie opportunistisch, unterscheiden sich allerdings nicht wie dort in ihrer Risikoneigung, da beiden Risikoneutralität unterstellt wird. Ein besonderer Punkt, mit dem sich die Transaktionskostentheorie deutlich von den anderen beiden Ansätzen abhebt, ist die Annahme, dass die Akteure trotz des Anspruchs der Rationalität nur begrenzt rational sind und nicht alle nötigen Informationen und Umweltzustände ex ante antizipieren können. Kosten, die hier anfallen, sind Produktions- und Transaktionskosten, wobei die Rolle der Produktionskosten in diesem Ansatz nicht ersichtlich wird. Letztere teilen sich in Informations- und Suchkosten, die im Zuge der Suche nach einem geeigneten Transaktionspartner und Informationen über Produkteigenschaften und deren Preise anfallen, in Verhandlungs- und Vertragskosten, Überwachungskosten und Kosten, die aus Konflikten und zur Durchsetzung der eigenen Interessen auf die Akteure zukommen. Aus der Annahme der begrenzten Rationalität lässt sich zusätzlich ein Anpassungsbedarf der Vertragsbedingungen im Nachhinein ableiten. Dabei hängt die Vorteilhaftigkeit der Transaktion von drei Variablen ab. Zunächst wird sie durch die transaktionsspezifischen Investitionen determiniert, die vereinfacht als Spezialisierungsinvestitionen der Vertragspartner ineinander verstanden werden können. Umso höher diese sind, desto geringer sind Kosten für jede weitere Transaktion. Auch die Unsicherheit über das Verhalten des Vertragspartners und zukünftige Entwicklungen können die Kosten beeinflussen. Hier steigen die Kosten mit zunehmender Unsicherheit. Letztlich werden sie auch durch die Häufigkeit der Transaktionen durch das Erzielen von Skalenerträgen und Synergieeffekten beeinflusst. Entscheidend für die Effizienz ist unter dem Zusammenspiel der genannten Einflussfaktoren die richtige Wahl des institutionellen Arrangements (vgl. Ebers/Gotsch 2006, S. 277ff.). Hier gibt es drei Ausprägungen, von denen die klassische Vertragsbeziehung eher für Standardgüter aufgrund deren standardisierten Charakters geeignet ist. Die Vertragspartner agieren nur sehr begrenzt persönlich, fixieren alle Bedingungen ex ante und beschränken ihre Beziehung meist nur auf diese eine Transaktion. Konflikte werden gerichtlich geklärt. Die neoklassische Vertragsbeziehung beschreibt hier eine deutlich persönlichere Vertragsbeziehung, die über einen weiteren Zeithorizont verfügt und die aufgrund der weniger genauen Fixierung der Rahmenbedingungen mit Anpassungs- und Sicherungsklauseln einhergeht. Konflikte werden nur im Ausnahmefall gerichtlich, ansonsten auf anderem Wege geklärt. Nimmt die Beziehung einen noch persönlicheren und zeitlich weiter ausgeprägten Charakter an, so handelt es sich um eine rationale Vertragsbeziehung, bei der Konflikte ohne Gerichte geklärt und Bedingungen ex ante noch loser definiert werden (vgl. Ebers/Gotsch 2006, S. 277ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Social Software im Kreditgeschäft
Untertitel
P2P-Banking vs. Finanzintermediation
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
125
Katalognummer
V180820
ISBN (eBook)
9783656038313
ISBN (Buch)
9783656038221
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Social Software, Social Media, Finanzintermediation, Facebook, Zopa, Prosper, smava, Kredit, Kreditinstitut, Geld, Finanzen, Banken, Wissensmanagement, soziale netzwerke, P2P-Banking, Social lending
Arbeit zitieren
Master of Science Business Administration Christian Ott (Autor), 2011, Social Software im Kreditgeschäft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180820

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