Zu Hans Bernhard Reichow: Organische Stadtbaukunst (1948) und die Sennestadt bei Bielefeld

Theorie und Praxis des Städtebaus im 20. Jahrhundert


Seminararbeit, 2009

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Die organische Stadt als natürlicher Gegenpol zur lebensfeindlichen Großstadt?

2 Hans Bernhard Reichow

3 Die organische Stadt
3.1. Von der Notwendigkeit eines neuen Stadtplanungsleitbildes
3.2. Grundzüge der organischen Stadtbaukunst nach Hans Bernhard Reichow
3.2.1.. Funktionale Gliederung der Siedlungsflächen
3.2.2.. Das Arbeitsstättenband für Gewerbe und Industrie
3.2.3.. Zerklüftung des Stadtrandes und naturnahes Wohnen
3.2.4.. Die sinnvolle Anordnung von Gemeinschaftseinrichtungen
3.2.5.. Das gegliederte, einfache, funktionierende Verkehrssystem
3.2.6.. Kultur, Verwaltung, Geschäfte: Der Stadtkern

4 Die Sennestadt bei Bielefeld als Beispiel einer organischen Stadt
4.1. Planung und Aufbau der Sennestadt
4.2. Organische Elemente
4.3. Die Sennestadt heute

5 Fazit

1 Die organische Stadt als natürlicher Gegenpol zur lebensfeindlichen Großstadt?

Mittlerweile leben 80 % der Europäer in Städten. Die Landflucht in die vielversprechenden Metropolen lässt die Städte wachsen und bringt viele Probleme mit sich: Staus, Abfälle und Umweltverschmutzung wirken sich negativ auf die Lebensqualität, die Gesundheit und das soziale Verhalten der Stadtbewohner aus(Europäische Kommission). Dieses Problem ist keineswegs neu; schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatten die Mechanisierung und die Industrialisierung zu einem sehr starken Städtewachstum geführt, das ebenfalls in chaotischen und elenden Verhältnissen in den Großstädten endete (Eltze 2005: 12) . Es zerstörte die Bindungen der Bewohner untereinander – aber auch die Lebenseinheit der Bewohner selbst (Reichow 1948: 3). DerWiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gab einigen Stadtplanern die Gelegenheit, die stadtplanerischen Fehler der Vergangenheit zu überdenken und eigene, neue Konzepte zu verwirklichen. Ein Vertreter des organischen Stadtbaus ist Hans Bernhard Reichow, dessen Konzept den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum der Stadtplanung rückt.Die organische Stadt wurde in Form der Sennestadt bei Bielefeld verwirklicht.

Doch inwieweit wurde Reichows Konzept umgesetzt? Ist die Sennestadt die Idealform der organischen Stadt, oder mussten Kompromisse eingegangen werden? Ist die Sennestadt ein Erfolgsmodell oder gleicht sie doch eher der gemeinen, chaotischen Stadt?

In der vorliegenden Arbeit werden – nach einer kurzen biographischen Vorstellung Reichows – die zentralen Merkmale der organischen Stadtbaukunst herausgearbeitet. Danach folgt eine Überprüfung der Kriterien anhand der Sennestadt. Im letzten Kapitel klärt sich die Frage, inwieweit die Sennestadt als Erfolgsmodell gewertet werden kann, oder ob doch der ruhige Reiz des Organischen dem zappeligen Zauber des Chaotischen unterliegt.

2 Hans Bernhard Reichow

Hans Bernhard Reichow (*1899 in Roggow, Westpommern) gilt als Vertreter des organischen Stadtbaus nach dem zweiten Weltkrieg. Er promoviert in Danzig am Lehrstuhl für Städtebau mit der abschließenden Dissertation „Alte bürgerliche Gartenkunst“, arbeitet danach im Architekturbüro von Erich Mendelsohn und wird ab 1928 Stadtplaner in Dresden. Daraufhin ist er als Stadtbaurat in Braunschweig tätig und wird 1936 nach Stettin berufen. Dort ist er als Baudirektor neben dem Entwurf kommunaler Bauten auch für die Planung langfristiger Stadtentwicklungsperspektiven verantwortlich.1941 wird Reichowzur Mitarbeit am Generalbebauungsplan für Hamburg hinzugezogen. In dieser Zeit entwickelt Reichow seine Idee der organischen Stadtplanung, die sich durch ihre Naturnähe und durch eine weitgehend kreuzungsfreie Verkehrswegeführung auszeichnet. diese Erkenntnisse publiziert er nach dem 2. Weltkrieg in seinen Büchern "Organische Stadtbaukunst" (1948) und "Die autogerechte Stadt" (1949). Darin benutzt er vertraute Analogien, die seit der Mitte des 17. Jh. im Stadtbau geläufig waren: Metaphern wie das Astwerk eines Baumes oder die Adern eines Blattes prägen seine bildliche Sprache. Er lehnt alle unorganischen Formen als statisch ab, spricht sich deshalb gegen schnurgerade Straßen oder Ringstraßen aus. Beispielhaft wendet er diese Erkenntnisse als Architekt ab 1945 an, indem er sich an vielen Wettbewerben mit seinen Stadtplanungskonzepten beteiligt. In ganz Deutschland realisiert er etliche Wohnsiedlungsprojekte, darunter als größtes und wohl wichtigstes die Sennestadt in Bielefeld, die auch in dieser Arbeit beispielhaft dargestellt werden soll. Hans Bernhard Reichow stirbt 1974 in Bad Mergentheim (Spiro 1992: 89; Henning 1986: 216; Lubitz 2005) .

3 Die organische Stadt

Reichows Konzept der organischen Stadt ist die Antwort auf die unmenschlichen Städte der Vorkriegszeit. Er ist der Meinung, dass die zunehmende Mechanisierung seit der Industrialisierung und die steigende Attraktivität der Stadt aus Sicht der Landbewohner die Städte anwachsen lässt und zu chaotischen und beengten Zuständen innerhalb der Städte führt. Die Menschen würden zu „Zeitökonomen“ und ehemalige Einheiten von Leben, Beruf und Familie lösten sich auf. Jene Tendenzen einer lebensfeindlichen Stadt wollten viele Stadtplaner beim Wiederaufbau und Ausbau der Städte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zulassen. Dieses Kapitel beschreibt zunächst, warum Hans Bernhard Reichow eine neue Ära der Stadtplanung beginnen will. In Kap 3.2 werden die Lösungsansätze Reichows skizziert, die zu einem harmonischeren Nebeneinander zwischen Stadt und Natur beitragen sollen.

3.1 Von der Notwendigkeit eines neuen Stadtplanungsleitbildes

Das starke Wachstum der Städte hat das Aussehen derselben und die Lebensqualität in den Städten verändert. Die Mechanisierung und Industrialisierung hat die „alten Bindungen der einst vorhandenen Lebenseinheit [zerstört], doch hat sie im Aufbau einer neuen bisher versagt“ (Reichow 1948: 3). Eine wichtige Rolle spielten dabei schon die mittelalterlichen Stadtbefestigungen, die eine geplante, gesunde Stadterweiterung unmöglich machten. Stattdessen verdichtete sich die Bebauung innerhalb der Stadtmauern und führte bereits zu dieser Zeit zu „Entartungserscheinungen der historischen Stadt- und Lebenseinheit“ (ebd.). Die Lebenseinheit der Stadtbewohner wird später durch die Motorisierung immer mehr zerrissen: Arbeit findet fernab der Stadt in Industriegebieten statt, außerhalb der ursprünglichen Stadt liegende Kleingartengebiete, Altersheime, medizinische Einrichtungen etc. „vollenden schließlich die Zerrissenheit des Tages-, Jahres- und Lebenslaufs jedes Großstadtbewohners“ (ebd.: 4).Unaufhaltsam fressen sich die Städte rücksichtslos in die umgebende Landschaft und zerstören diese. Reichow bemerkt, dass die Größe und Unübersichtlichkeit der Stadt bei den Stadtbewohnern zu einem „anonymen Lebenswandel in krankhaftem Egoismus“ oder „geschwächtem Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Familien- und Volksgemeinschaft“ führen kann (ebd.). Auch vor dem Hintergrund der zunehmenden gesundheitlichen Belastungen, der anormalen Tagesrhythmen und der Entwurzelung der Bewohner formuliert Reichow die Idee einer „organischen Stadt“. Sie soll „durch eine Neuordnung des großstädtischen Lebens und Gefüges das für den Menschen Nötigste, seine lebenswichtigen Bedürfnisse und deren Befriedigung wieder so ordnen und zusammenfassen, daß wir damit einer neuen Lebenseinheit das gesunde Gehäuse bereiten“ (ebd.: 9).

Aber wie soll dieses gesunde Gehäuse aussehen? Welche lebenswichtigen Bedürfnisse des Stadtbewohners sollen wiederhergestellt werden? Reichow beklagt in diesem Zusammenhang die Naturferne großstädtischen Lebens. Lauben-, Wochenend- und Landhäuser zerreißen die Einheit und entfernen die Natur aus dem alltäglichen Leben der Menschen. Die Stadtbewohner versuchen, diesen misslichen Zustand mit biologisch unzulänglichen Surrogaten (z.B. Gartenhöfen, Dachgärten etc.) zu lindern (ebd.: 11ff.). Zugleich stellt Reichow eine Sehnsucht nach einfachem und naturnahem Leben fest. Nach einer langen Phase von mechanistischem Denken und Handeln weist die Synthese der erzielten Ergebnisse den Weg „zurück zur Natur“, wie ihn auch Rousseau beschrieben hat (ebd. 14ff.). Leider hat aber gerade dieses mechanistische Denken und Handeln die Natur aus den Städten verdrängt und durch „unorganische Eingriffe“ (ebd.: 28) geschändet. Resultierend aus der geschlossenen Stadt im Mittelalter ist unser stadtplanerisches Denken immer noch um geschlossene Plätze oder kompakte Wohnblockgestaltung bemüht; heute führt diese Maxime aber nicht mehr zur Einheit der Stadt, sondern zerstört diese und verdrängt die Natur aus den Städten (ebd.: 26ff.). Auch die allgegenwärtige Vermassung in der Großstadt trägt zur Segregation und Spaltlung der Gesellschaft bei: „Villen- und Landhausviertel sind sozial und volksbiologisch ... ebenso gefährlich wie die Vermassung im Mietskasernenviertel“ (ebd.: 30).

3.2 Grundzüge der organischen Stadtbaukunst nach Hans Bernhard Reichow

Die Gedanken aus dem vorhergehenden Kapitel regten Reichow zu dem Konzept der organischen Stadt an. Reichow möchte die „durch enge, Unordnung und Chaos gekennzeichnete Stadt“ (Jonas 2006: 148) durch eine weiträumige Stadtlandschaft1 ordnen, entschleunigen und die Natur wieder zu einem Teil der Stadt machen. Der bisherigen Ordnung der Vermassung und Verklassung soll die Ordnung der Großstad t als ein naturähnlich wirkender Organismus folgen (Reichow 1948: 66).

[...]


1 „Mit dem Modell der Stadtlandschaft verbindet sich eine neue Wahrnehmungsweise von Stadtregionen, nach der Stadt und Landschaft nicht mehr als komplementäre Gegenüber, sondern in ihrer wechselseitigen Durchdringung und Synthese gesehen werden. Aus der Perspektive der Stadtlandschaft erfolgt eine grundlegende Umwertung der verstädterten Landschaft. Suburbane Siedlungselemente wie Wohn- und Gewerbegebiete, Einkaufszentren oder Flughäfen werden aus dieser Perspektive nicht als «Störung», sondern vielmehr selbst als Landschaft wahrgenommen“ (Kühn 2000: 21).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Zu Hans Bernhard Reichow: Organische Stadtbaukunst (1948) und die Sennestadt bei Bielefeld
Untertitel
Theorie und Praxis des Städtebaus im 20. Jahrhundert
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Theorie und Praxis des Städtebaus im 19. und 20. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
28
Katalognummer
V180824
ISBN (eBook)
9783656039945
ISBN (Buch)
9783656040545
Dateigröße
4943 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtlandschaft, Reichow, Sennestadt, Bielefeld, Surrogat, Referat
Arbeit zitieren
Michael Sypien (Autor), 2009, Zu Hans Bernhard Reichow: Organische Stadtbaukunst (1948) und die Sennestadt bei Bielefeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180824

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