Kommunikative Situationen bei Karl Jaspers


Seminararbeit, 2002
17 Seiten, Note: 2,0

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Dasein und mögliche Existenz

II. Existenzerhellung

III. Kommunikation
1. Daseinskommunikation
2. Existentielle Kommunikation

IV. Kommunikative Situationen
1. Herrschen und Dienen
2. Geselliger Umgang
3. Diskussion
4. Politischer Umgang

Résumé

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt kommunikative Situationen im Werk Karl Jaspers vor. Seiner Auffassung folgend, befindet sich der Mensch im Verlauf seines Lebens in einem andauernden Prozeß auf der Suche nach sich selbst. So gerät der einzelne immer wieder an Grenzen, die ihn nach Veränderungen seiner persönlichen Umstände suchen lassen, um letztlich eine verloren gegangene (Lebens-) Zufriedenheit wieder zu erlangen. Der Mensch existiert jedoch nicht bloß als Individuum, sondern lebt als einzelner in Gemeinschaft mit anderen. Als solcher ist er gleichzeitig Teil verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen. Inwiefern diese Rahmenbedingungen dem Einzelnen Möglichkeiten bieten, sein Selbst zu verwirklichen und sich selbst zu finden, soll im folgenden aufgezeigt werden.

Kapitel I. und II. beziehen sich im wesentlichen auf die grundlegenden Begrifflichkeiten von Dasein, Existenz und Existenzerhellung bei Karl Jaspers. Im folgenden wird die Bedeutung von Kommunikation zur Seinswerdung aufgegriffen (III.); daran anschließend konkret die einzelnen kommunikativen Situationen vorgestellt (IV.). Das abschließende Resumé versucht nochmals die wichtigsten Zusammenhänge der Thematik aufzugreifen.

I. Dasein und mögliche Existenz

Der Mensch lebt in der Welt als ein Sein, „(...) das nicht ist, sondern sein kann und sein soll (...)“1. Dieses Sein ist er selbst als mögliche Existenz. Das menschliche Dasein oder physische Vorhandensein an sich definiert Jaspers noch nicht als Existenz; im Gegensatz dazu wird der Mensch erst durch sein Handeln, sein Leben in der Welt zur möglichen Existenz.2 Existenz kann daher auch als Handlungsbegriff verstanden werden, der an den einzelnen appelliert, sich selbst mit anderen - aber nicht durch andere - zu bestimmen.3

Das Dasein ist nach Jaspers endlich, Existenz dagegen nicht. Wie Jeanne Hersch erläutert, darf Existenz nicht als ein empirisch belegbarer Tatsachenbereich verstanden werden. Auch ist sie nicht als Wissen vermittelbar.4 Sie gehört vielmehr dem Bereich der Freiheit an.5 Freiheit ist wie Existenz weder objektiv im Denken oder Handeln faßbar noch absolut. Ihr Gedachtwerden ist nur in Bewegung und somit steter Prozeß wie die Existenz in ihrem andauernden Bemühen des Sichverstehens selbst.6 Während jede Erkenntnis ihre Ursache hat, wird Existenz bei Jaspers verstanden als ein „Geschenk“. Ebenso wie die Freiheit findet sie ihren Ursprung in der Transzendenz, welche bei Jaspers mit Gott oder Ewigkeit bezeichnet wird.7

II. Existenzerhellung

Obwohl sich weltliches Eigensein und existentielles Selbstsein gegenseitig bedingen, steht der Mensch als mögliche Existenz stets in Spannung mit dem Weltsein.8 Die Welt als das Wißbare, als objektiv faßbarer Lebensraum, der wissenschaftlich erforscht werden kann, läßt den Menschen dennoch nicht eine absolute Zufriedenheit erreichen. So verspürt er ein Ungenügen an seinem In-der-Welt-Sein, das ihn zu dem Bewußtsein führt, daß das bloße Dasein nicht alles Sein ist.9 Um diese Unzufriedenheit zu klären, versucht der Mensch sein bloßes Weltdasein zu durchbrechen und mittels philosophischen Denkens sein wahres Ich zu erkunden. Seine Existenz soll ihrer wahren

Natur und ihrem Sinn nach verstanden werden, um zu verhindern, daß sie sich in der Allgemeinheit verliert oder der Willkür anderer ausgesetzt ist.10 Karl Jaspers spricht hier von Existenzerhellung.11

„ Das Weltsein wird von der Existenzerhellung durchdrungen, nicht so, da ß nun gewu ß t würde, worauf es ankommt, sondern so, da ß M ö glichkeiten fühlbar werden, durch die Wahrheit ergriffen werden kann, welche dadurch ist, da ß ich sie werde. “ 12

Existenzerhellung nach Jaspers ist nicht mit Wissenserwerb zu verwechseln. Im Gegensatz dazu strebt sie nach Förderung von Freiheit, Erweiterung ihrer Chancen und Verwirklichung. Sie bezieht sich eher auf eine Haltung oder Entscheidung, einem Gegenwärtigwerden von Freiheit.13

Jeder Mensch lebt stets in verschiedenen räumlichen und geschichtlichen Zusammenhängen - wie z. B. Milieu, Eltern, Geburt, Leiden, Tod oder die jeweilige Epoche. Diesen Bedingungen kann sich der einzelne nicht entziehen. Der Mensch ist diesen so genannten Grenzsituationen ausgesetzt. Ausgehend von diesen Umständen beginnt der Mensch, sich seiner selbst in der Welt bewußt zu werden. D. h. er benötigt diese Grenzerfahrungen, um zur Existenzerhellung und Freiheit zu gelangen.14

„ Erst in der Situation - und damit begrenzt durch all die Bestimmungen des Konkreten und Geschichtlichen - ist Existenz m ö glich. Nur indem sie sich ganz deutlich dessen bewu ß t wird, was sie nicht zu ä ndern vermag, nur gegen den Widerstand der Grenzsituationen und dank ihrer, nur indem sie in ihnen ihre Voraussetzungen erkennt, kann Freiheit sich vollziehen “ .15

III. Kommunikation

Nach Jaspers erfährt der Mensch sein wahres Ich jedoch nicht aus sich selbst heraus als Einzelwesen. Zur ganzheitlichen Verwirklichung des Seins benötigt er den anderen. So entsteht Existenz nur in und durch Kommunikation. Die Bereitschaft dazu gilt als der Geburtsmoment des „Ich selbst“.16

„ (...) die wahre Kommunikatikon, in der ich eigentlich erst mein Sein wei ß , indem ich es mit dem Anderen hervorbringe, ist empirisch nicht vorhanden; ihre Erhellung ist philosophische Aufgabe. “ 17

Karl Jaspers unterscheidet zwei Ebenen der Kommunikation. Er spricht von Daseinskommunikation und existentieller Kommunikation, wovon nur letztere zur Verwirklichung des Seins und Existenzerhellung führt.

1. Daseinskommunikation

Daseinskommunikation ist definiert als „Kommunikation, d. i. das Leben mit den Anderen, wie es im Dasein auf mannigfache Weise vollzogen wird, ist in Gemeinschaftsbeziehungen da, die zu beobachten, in ihren Besonderheiten zu unterscheiden, in ihren Motiven und Wirkungen durchsichtig zu machen sind.“18 Sie bezieht sich auf den alltäglichen und praktischen Austausch über objektive Gegebenheiten aus der allgemein wahrgenommenen Wirklichkeit. Die Rede ist hier von so genannten Daseinssituationen, die zufällig, konkret, einzeln, ökonomisch, soziologisch oder politisch sein können.19

Es lassen sich drei Ebenen von Daseinskommunikation unterscheiden:

- Primitive Gemeinschaftlichkeit

D.h. es gibt ein gemeinsames Verstehen einer objektiven Sache

- Sachliche Zweckhaftigkeit und Rationalit ä t

D.h.: Der Andere wird Mittel zum Zweck, um eigene Ziele zu erreichen; Ich selbst und der andere werden nur verstandesmäßig erfaßt

- Ideenbestimmte Geistigkeit

D.h.: Die Idee eines übergreifenden Ganzen - z. B. von Familie, Universität, Beruf oder Gesellschaft - bringt das Individuum in Kommunikation mit anderen; der einzelne ist sinnvoller Teil eines gehaltvollen Ganzen

Daseinskommunikation ermöglicht dem Menschen daher die Koordination seines Handelns in der Welt. Dennoch läßt sie die persönlich-geschichtliche und existentielle Ebene unberührt und bringt dem Menschen keine absolute Zufriedenheit.20 Analog zur Unbefriedigung des Menschen als mögliche Existenz im Weltdasein, stößt auch Daseinskommunikation an Grenzen.

„ Das Ungenügen an Kommunikation ist daher ein Ursprung für den Durchbruch zur Existenz und für ein Philosophieren, das ihn zu erhellen sucht. Wie alles Philosophieren mit dem Staunen beginnt, das Weltwissen mit dem Zweifel, so die Existenzerhellung mit der Erfahrung des Ungenügens der Kommunikation. “ 21

Dieses Ungenügen, das ich am Bewußtsein und Dasein überhaupt, an mir selbst oder am anderen in Kommunikation verspüren kann, drängt zur Aufnahme von persönlich gehaltvollem Austausch - zu existentieller Kommunikation.

2. Existentielle Kommunikation

Sie charakterisiert sich dadurch, daß zwei authentische Selbst über ihre eigene Existenz, ihre Möglichkeiten, Wahrheit, Situation etc. miteinander in Austausch geraten und sich dadurch verbinden.22 Die Situation ist einzigartig und einmalig. Existentielle Kommunikation ist nie einfach gegeben; sie muß vielmehr aktiv gewagt werden.23 Sie hat ihren Sinn und ihre Wahrheit nicht für allgemeine Wirklichkeiten, sondern besitzt eine rein subjektive Bedeutung für die Beteiligten selbst. Wie Jeanne Hersch anführt, lebt Existenz für ihre Überzeugungen, die nur im Austausch kommunizierbar sind.24

Erhellung existentieller Kommunikation benötigt zu ihrer Verwirklichung folgende

Voraussetzungen:

- Erfahrung von Einsamkeit

D.h.: Im Sinne eines Bei-Sich-Seins liegt hier das Bereitschaftsbewußtsein für eine Kommunikationsaufnahme und das Werden möglicher Existenz

- Offenbarwerden

D.h.: Gleichzeitige Anerkennung des „Ich bin“ verbunden mit dem Willen zur Veränderung; Verwirklichung geschieht durch ein sich Einlassen auf den anderen als authentische Person

- Liebender Kampf

D.h.: Auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen kämpfen beide Partner auf gleichem Niveau in Kommunikation um sich selbst und den anderen; beide ringen um Offenbarkeit und Wahrheit

Existentielle Kommunikation ist wie Existenz selbst nicht endlich, sondern prozeßhaft. Das wahre Sein oder Wahrheit läßt sich nicht in einem einzigen Augenblick erhellen; es ergibt sich vielmehr aus mehreren Situationen. Kommunikation hat kein Endziel und existentieller Erfolg ist nicht objektiv meßbar.

IV. Kommunikative Situationen

Der nach Existenzerhellung strebende Mensch begegnet sich selbst und anderen nicht nur als einzelstehendes Individuum. Vielmehr befindet er sich als Individuum in vielfältigen Beziehungen und Verhältnissen. Innerhalb dieser sozialen und psychologischen Wirklichkeiten nimmt er gewisse Rollen ein. Diese Rollen bilden zunächst die Basis dafür, daß kommunikative Situationen überhaupt entstehen können. Karl Jaspers spricht hier von objektiven Kommunikationen. Ausgehend von diesen Begebenheiten, wird die Möglichkeit für ein Sich-Treffen der Existenzen und somit für das Zustandekommen existentieller Kommunikation geschaffen.25 Dennoch überlagern sich beide Kommunikationsebenen. Karl Jaspers unterscheidet folgende kommunikative Situationen:

1. Herrschen und Dienen
2. Geselliger Umgang
3. Diskussion
4. Politischer Umgang

1. Herrschen und Dienen

Das Verhältnis von Herrschen und Dienen birgt Macht „in jeder ihrer physischen, vitalen, geistigen, autoritativen Gestalten“26. Macht steht immer in Verbindung mit hierarchischen Ordnungen und Beziehungen von ungleichem Niveau. Jasper bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Verhältnis von „Herr und Knecht“.27 Vorstellbar sind dennoch alltägliche Situationen, in denen sich Menschen, bedingt durch ihre gegebenen Rollen, auf ungleicher Ebene begegnen - z.B. Chef-Angestellte, Lehrer- Schüler, Eltern-Kind, Politiker-Volk etc. Das Charakteristische dieser Situationen besteht darin, daß sich beide Seiten jeweils wechselseitig zueinander verhalten und sich dadurch gegenseitig binden. Dem Beispiel Karl Jaspers folgend übernimmt der Herr Verantwortung für seine Dienenden, welche ihm gegenüber umgekehrt Erfurcht erweisen. Oder: Ein Lehrer übernimmt gegenüber dem Schüler die Verantwortung dafür, daß er ihn auf die bevorstehende Klausur vorbereitet; der Schüler andererseits zeigt seine Lernbereitschaft durch die Mitarbeit am Unterricht.

Prinzipiell schließt ein vorhandenes Machtgefälle das Zustandekommen existentieller Kommunikation nicht aus.

„ Die Situation macht als solche die gehaltvolle Kommunikation in Distanz m ö glich; existentielle Kommunikation verwirklicht auch in den Gestalten realer Abh ä ngigkeiten das gleiche Niveau. “ 28

Indem sich jedoch beide Seiten in ihrer eigenen Rolle verlieren - der Herrscher in seinem Machtstreben und der Untergebene in seiner Abhängigkeit - wird ein gegenseitiges Offenbarwerden, die Voraussetzung für existentielle Kommunikation, unmöglich. Beide Seiten geraten dann vielmehr in einen Zustand der

Kommunikationslosigkeit. Jedes Zusammentreffen hat dann ausschließlich zweckdienlichen Charakter.

Aus diesen Überlegungen heraus folgert Jaspers, daß es eine „Idee der ewigen Hierarchie“, eine Rangordnung der Existenzen nicht geben kann.

Denn „ in der Erscheinung der Existenz aber besteht weder ein Gleichmachen (...) noch ein Absch ä tzen, sondern eine stets in Kommunikation vollzogene Niveaugleichheit, auf der alles Partikulare der Erscheinung, aber nicht die Existenz verglichen werden kann “ .29

So wenig wie existentielle Kommunikation immer gleich verläuft, da sie abhängig ist von den beteiligten Personen, so wenig greifbar wäre eine solche gedachte Rangordnung der Existenzen. Jaspers spricht hier von einem beweglichen Fühlen, das nie gleich bleibt, sondern sich stets im Wandel befindet.30

Reine Gewaltverhältnisse wie Karl Jaspers sie in der Sklavenarbeit gegeben sah, schließen existentielle Kommunikation ihrem Grunde nach aus. Denn sie beruhen ausschließlich auf einer inneren Beziehungslosigkeit.

2. Geselliger Umgang

Geselligkeit ist überall dort, wo Menschen miteinander leben. Gesellige Beziehungen sind Daseinsbedingung und schaffen gleichzeitig den Rahmen für das Entstehen existentieller Kommunikation. Für Jaspers finden in dem Medium Geselligkeit „(...) die unzähligen unverbindlichen Berührungen statt, unter denen dann einmal und ein andermal der Augenblick kommt, wo Situation und Gespräch die bis dahin unwesentliche Beziehung wesentlich entscheiden“31.

Da der Mensch nicht jederzeit und nicht mit jeder Person in existentielle Kommunikation treten kann, steht er immer auch in geformten Beziehungen. Jaspers unterscheidet drei Funktionen geselligen Umgangs:

- Zweckorientierung und gegenseitige Hilfe

z.B.: Geselligkeit durch Zugehörigkeit in Vereinen oder Organisationen

- Zweckfrei, spielend und unverbindlich

z.B.: Gemeinsame Treffen von Freunden, Bekannten etc.

- Auffangen des Einzelnen bei Unm ö glichkeit substantieller Verwirklichung

z.B.: Staatliche Subventionen für Kranke, Arbeitslose und sozial schwache Mitglieder

Nach Jaspers sind gesellige Formen historisch bestimmt und nur schwer erlernbar. Insofern diese Formen größere Gruppen / Völker betreffen, spricht Japsers von aristokratischen Verhältnissen. Eine bestimmte Form des Umgangs grenzt gleichzeitig von anderen ab und bestimmt über Zugehörigkeit und Ausschluß. Diese Art der Beziehungen sind jedoch als objektiv und äußerlich anzusehen. Sie bestehen nur innerhalb der Gesellschaft und so lange sie dort Bedeutung haben.32 Das wird z. B. am Vergleich unterschiedlicher Kultursysteme deutlich - betrachtet man bestehende Gesetze, Werte oder gesellschaftliche Umgangsformen.

Weder die Formalisierung von Beziehungen, noch der gesellige Umgang an sich bedingen existentielle Kommunikation. Sie erleichtern dem einzelnen lediglich den Zugang dazu. Dennoch ergibt sich aus dem Verhältnis des Individuums in seinem Selbstsein zur sozialen Welt eine Spannung - der so genannte Kampf des Einzelnen um wahrhafte Kommunikation.33 Er beinhaltet zwei Gefahren:

a) Ausschlu ß aus der Gesellschaft

Insofern sich der Mensch den vorhandenen Umgangsformen und „Spielregeln“ der Gesellschaft widersetzt, stößt er auf Unverständnis, woraufhin die Gesellschaft dazu tendiert, ihn auszuschließen. Dieser Konflikt besteht so lange fort, bis „(...) eine ursprüngliche Sicherheit oder die Klugheit des Erfahrenhabens versteht, (...) Gesellschaftlichkeit zu üben mit dem Wissen, welche Bedeutung ihr zukomme und mit der Bereitschaft, sie im Konfliktfall (und nur dann) zu durchbrechen (...)“34.

b) Selbstisolation

Durch Gleichgültigkeit und passives Verhalten gegenüber der Gesellschaft gerät der Mensch in Existenzlosigkeit und Ich-Leere. Jaspers bewertet sozialen Rückzug als Schwäche der Existenz, die sich bewährenden Situationen entzieht und somit den Kampf um existentielle Kommunikation nicht überwindet.

Auch die gegensätzliche Haltung, eine übersteigerte Individuation, in welcher der Mensch sich selbst verlierend der Welt in einer Überlegenheit gegenübertritt, führt nicht zur Existenzerhellung, sondern in die Vereinzelung. Denn jedes Bemühen um den anderen, jede Kommunikation dient lediglich dem Ziel, den anderen zu erkennen bzw. zu erobern. Anschließend verliert der andere wieder an Bedeutung und wird fallengelassen.35

3. Diskussion

Das Miteinandersprechen bezeichnet Karl Jaspers als Situation für eine sachliche Verständigung, die durch Abwägen von Gründen und Gegengründen auf Verständnis oder Finden eines gültigen Inhalts gerichtet ist.36 Von Diskussion kann nur dann gesprochen werden, wenn die Beteiligten in Wechselrede stehen. Weder soll der eine nur auf den anderen einreden, noch soll der andere ausschließlich schweigen. Erst wenn alle Beteiligten versuchen, sich um Wesentlichkeit des Mitteilens zu bemühen, kann die Diskussion zur Klärung beitragen und für beide Seiten einen befriedigenden kommunikativen Austausch bieten.37

Auch die Diskussion sieht Jaspers als Mittel eigentlicher Kommunikation, jedoch noch nicht als deren Verwirklichung. Sie baut sich auf aus dem gegenseitigen Vertrauen der Beteiligten, der Gemeinschaft von Ideen und den daraus entwickelten Sinn und Wert für die zu lösenden Probleme. Während existentielle Kommunikation Klärung im Hinblick des eigenen Glaubens und Wollens untersucht, sind die Diskutierenden noch unwissend. Sie versuchen vielmehr erst ihre Ursprünge herauszufinden. Voraussetzung für das Gelingen ist immer das authentische Dabeisein i. S. von aufrichtiger Teilnahme der Diskutierenden. Verbleibt die Situation lediglich auf einer rationalen Ebene, so gewinnt sie nicht an Gehalt und Bindung; im Gegensatz dazu neigt sie zur Ausuferung ins

Endlose. Besteht unabhängig von dem Anlaß des zu erörternden Problems eine gute Vertrauensbasis zwischen den Beteiligten, so bietet die Diskussion darüber hinaus den Weg zu gegenseitiger philosophischer Erhellung. Unterschiedliche Auffassungen verursachen keine existentielle Trennung der Gesprächspartner, sondern binden beide über das Problem aneinander.38

4. Politischer Umgang

„In Situationen politischen Umgangs wollen beide etwas erreichen, etwas Einzelnes jetzt, unbestimmt Vieles im Laufe der Zeit“.39 Das politische Medium an sich ist nicht unwahrhaftig. Dennoch wird es dann unwahrhaftig, wenn beide Seiten nicht mehr für den Zweck oder das gemeinsame Ziel eintreten, sondern nur um die Verwirklichung von Machtinteressen kämpfen. Gleiches gilt bei einseitigen Verhältnissen, wenn der Ohnmächtige dem Mächtigen gegenübersteht. Dennoch hat der Mensch nicht die Wahl, sich diesen Verhältnissen zu entziehen. Jaspers sieht ihn zur Durchsetzung von Daseinsinteressen gezwungen, sich dem Zwiespalt zu stellen und auf die Ebene des politischen Umgangs einzulassen. Dies sei Aufgabe möglicher Existenz.40 Indem sich der einzelne des politischen Umgangs zur Seinsverwirklichung bedient, versucht er seine eigene Existenz mit der Politik zu verbinden. Wie Jaspers erläutert, begibt er sich in eine „(...) äußerste Spannung der Erscheinung möglicher Existenz im Dasein“41.

Im Gegensatz zu existentieller Kommunikation erfordert der politische Umgang besondere Mittel des Kämpfens und Täuschens. Zur Durchsetzung ihrer Interessen bedient sie sich verschiedener Formen. Karl Jaspers benennt zwei Strategien:

a) Intellektuelle Argumentation

b) Verhandeln

Während intellektuelles Argumentieren mittels verschiedener (auch vorgetäuschter) Argumente die Gegenseite von seinen eigenen Interessen zu überzeugen versucht, strebt das Verhandeln durch eine entgegenkommende Haltung eine Nachgiebigkeit des anderen an. Das Entgegenkommen verbirgt stets den unausgesprochenen Gedanken des eigenen Ziels im Hinterkopf.42

Politisches Handeln verschleiert häufig ursprüngliche Ziele oder Interessen; denn das jeweilige Agieren ist nicht unwesentlich auf die öffentliche Meinung ausgerichtet. Argumentieren läßt sich daher besser mit allgemein gültigen Sachverhalten als mit speziellen Themen. Politischer Umgang zielt daher erst gar nicht auf das Sichtreffen von möglichen Existenzen.

Jaspers sieht immer die Gefahr gegeben, daß politischer Umgang die Verwirklichung möglicher Existenzen zu beeinträchtigen droht. Existentielle Kommunikation könnte nicht stattfinden, bestünde das Leben ausschließlich aus Formen politischen Umgangs. „Es gibt keine Verehrung und Liebe, sondern nur die Form der geordneten, objektiven Macht- und Rangverhältnisse. (...). Respekt besteht nur vor Macht, Geltung in öffentlicher Meinung, vor Geld und Erfolg.“43 Eine solche Verabsolutierung sieht Jaspers im einzelnen als Ausdruck seiner existentiellen Haltlosigkeit gegeben. Der einzelne verbündet sich mit Gleichgesinnten; dennoch prägen Mißtrauen und die Angst vor Verrat das Miteinander. Die Betroffenen sind vor sich selbst nicht ehrlich. Wird diese Haltung dennoch durchbrochen, so nicht der existentiellen Kommunikation willen, sondern zur Selbstpreisgabe oder aus bloßer Unverschämtheit des Eigendaseins.44

Résumé

Zur Bedeutung von Kommunikation im allgemeinen und kommunikativen Situationen im spezielleren läßt sich für das Seinswerden des Menschen nach Karl Jaspers Philosophie abschließend folgendes festhalten:

Sprache und Kommunikation als solche betrachtet Jaspers als Medien, derer der Mensch bedarf, um sein ganzheitliches Sein zu verwirklichen. Dieses Sein ist der Mensch in seiner physischen Gestalt und seinem existentiellen Selbstsein. Das existentielle Selbstsein versucht der Mensch mittels existentieller Kommunikation zu erhellen.

Kommunikative Situationen ergeben sich innerhalb Gesellschaften aufgrund der dort vorhandenen Strukturen in unterschiedlichen Bereichen. Formal betrachtet existieren sie nur aus dem Daseinsbereich heraus und sind mit Ausnahme des zweckfreien geselligen Umgangs mehr oder weniger stark zweckorientiert und sachbezogen ausgerichtet. Dennoch sind sie für die Seinsverwirklichung unentbehrlich, da sie die Rahmenbedingungen für das Zustandekommen von existentieller Kommunikation bieten. Mit Ausnahme des politischen Umgangs, sieht Jaspers selbst in Situationen ungleichen Niveaus oder vordergründiger Zweckorientiertheit die Möglichkeit existentieller Kommunikation gegeben, insofern die Beteiligten dazu bereit sind und eine Vertrauensbasis besteht.

Der Mensch kann sich kommunikativen Situationen nicht entziehen. Er ist gezwungen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich im täglichen Daseinskampf zu behaupten. Während sich existentielle Kommunikation auf der Suche nach Wahrheit bewußt auf eine ehrliche Art und Weise mit sich selbst und dem anderen auseinandersetzt, bedient sich Daseinskommunikation nicht selten unwahrer Methoden wie Täuschung, List oder Gewalt, um eigene Interessen durchzusetzen. Das hat Karl Jaspers am Beispiel des politischen Umgang deutlich aufgezeigt.

Das Sichtreffen von Menschen, die miteinander auf formaler und persönlicher Ebene in kommunikativen Austausch treten, ist für Jaspers ein wichtiges Element der Selbstfindung des Menschen. Das einzelne Individuum kann diesen Prozeß aus sich heraus allein nicht vollziehen. Mit dieser Auffassung setzt Karl Jaspers deutlich andere

Akzente als beispielsweise Jean-Paul Sartre oder Martin Buber in ihren Anschauungen über das menschliche Sein in der Welt.

So vertrat Jean-Paul Sartre vielmehr ein egozentrisches Weltbild, dessen Mittelpunkt das menschliche Ich bildet. Ausgehend davon besitzt dieses Ich oder Subjekt bereits einen eigenen Weltentwurf, innerhalb dessen es den „anderen“ - seinen Mitmenschen - einen bestimmten Platz zugesteht. Nach Sartres Auffassung wirkt der „andere“ in letzter Konsequenz eher beschränkend auf die Entfaltung des Subjekts ein, als daß er die Selbst- oder Identitätsfindung fördert.

Martin Buber steht Karl Jaspers Ausführungen insofern näher, als er zugleich von einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschen ausgeht. Wahrheit und Selbstfindung erlangt der Einzelne nach ihm nur in Beziehung und Begegnung mit der Welt. Analog zu Jaspers erkennt er diese Vorgänge als prozeßhaft an; Sprache ist auch für ihn ein Medium der Kommunikation, um mit der Welt in Beziehung zu treten. Anders als Jaspers unterscheidet Buber jedoch zwischen (gegenständlicher) Dingwelt und zwischenmenschlichen Beziehungen sowie zwischen gegenwärtigen Ich-Du- und vergangenen Ich-Es-Bindungen. Karl Jaspers bezieht seine Ausführungen - soweit bekannt - jedoch ausschließlich auf zwischenmenschliche und gesellschaftliche Begebenheiten.

Literaturverzeichnis

Büttner, E. (1992): Kommunikation im Werk von Karl Jaspers. Impulse für pädagogische Kommunikation. Dissertation. München.

Hersch, J. (1990): Karl Jaspers. Eine Einführung in sein Werk. Piper-Verlag. München / Zürich.

Jaspers, K. (1973): Philosophie. II. Existenzerhellung. 4. Auflage. Springer-Verlag. Berlin / Heidelberg / New York.

Schultheiss, J. (1981): Philosophieren als Kommunikation. Versuch zu Karl Jaspers Apologie des kritischen Philosophierens. Monografien zur philosophischen Forschung. Band 207. Forum Academicum in der Verlagsgruppe Athenäum, Hain, Scriptor. Hanstein.

[...]


1 Jaspers 1973, S. 1

2 vgl. Jaspers 1973, S. 2

3 vgl. Büttner 1992, S. 86 f.

4 vgl. Büttner 1992, S. 101

5 vgl. Hersch 1990, S. 25

6 vgl. Jaspers 1973, S. 12; Hersch 1990, S. 95

7 vgl. ebd.

8 vgl. Jaspers, 1973, S. 5; Büttner 1992, S. 102

9 vgl. Jaspers 1973, S. 6 f.

10 vgl. Hersch 1990, S. 25

11 vgl. Jaspers 1973, S. 8

12 Jaspers 1973, S. 9

13 vgl. Hersch 1990, S. 25 f.

14 vgl. Hersch 1990, S. 28 f.

15 Hersch 1990, S. 29

16 vgl. Jaspers 1973, S. 13

17 Jaspers 1973, S. 51

18 Jaspers 1973, S. 51

19 vgl. Schultheiss 1981, S. 85

20 vgl. Hersch 1990, S. 31 ff.

21 Jaspers 1973, S. 55

22 vgl. Hersch 1990, S. 32; Jaspers 1973, S. 54 ff..

23 vgl. Jaspers 1973, S. 55

24 vgl. Hersch 1990, S. 32

25 Jaspers 1973, S. 91 f.

26 Jaspers 1973, S. 92

27 vgl. ebd.

28 Jaspers 1973, S. 92

29 Jaspers 1973, S. 95

30 vgl. ebd., S. 94

31 Jaspers 1973, S. 95

32 vgl. Jaspers 1973, S. 96

33 vgl. ebd., S. 97

34 Jaspers 1973, S. 98

35 vgl. Jaspers 1973, S. 99

36 vgl. ebd., S. 100

37 vgl. ebd., S. 101

38 vgl. ebd., S. 100

39 Jaspers 1973, S. 102

40 vgl. Jaspers 1973, S. 102

41 Jaspers 1973, S. 102

42 vgl. ebd., S. 102

43 Jaspers 1973, S. 105

44 vgl. ebd.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Kommunikative Situationen bei Karl Jaspers
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar I)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V180953
ISBN (Buch)
9783656036623
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kommunikative, situationen, karl, jaspers, dasein, politik, gesellschaft, individuum, sprache, beziehung, existenz
Arbeit zitieren
Christiane Lhotta (Autor), 2002, Kommunikative Situationen bei Karl Jaspers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180953

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