Die Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied


Seminararbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aussehen und Charakter

3. Herkunft und Status

4. Die Funktion Hagens im 1. Teil des Nibelungenlieds
4.1. Hagen als Ratgeber
4.2. Die Ermordung Siegfrieds durch Hagen: Motiviert durch Konkurrenz oder Kalkül?
4.3. Hagen als eigenmächtig Handelnder

5. Die Funktion Hagens im 2. Teil des Nibelungenlieds
5.1. Hagen als Ratgeber und Warnender
5.2. Hagen als Anführer und Beschützer
5.3. Hagen als Provokateur und Kämpfer
5.4. Freundschaft zu Rüdiger und Hagens Tod

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hagen von Tronje ist eine der bedeutendsten, aber auch undurchsichtigsten Figuren des Nibelungenliedes. Er ist einerseits der Verräter und Mörder Siegfrieds, der sich durch untriuwe und übermuot auszeichnet. Andererseits ist er das Sinnbild für Vasallentreue, der vorbildliche und furchtlose Anführer, der Inbegriff von êre.

Wie diese gegensätzlichen Eigenschaften zusammenpassen, ob sie „der Vereinigung zweier uralter Erzähltraditionen, die zusammengehörten und doch nicht zusammenpassten“[1] geschuldet sind und Hagen somit „keine Gestalt aus einem Guß“[2], sondern eine „merkwürdige Zwittergestalt“[3] ist, oder doch „von der Annahme, daß die Überlieferung auf e i n Buchwerk individueller Prägung zurückgeht […]“[4] ausgegangen werden kann und die „Doppelrolle“[5] keinen „[…] Bruch oder inneren Widerspruch in der Hagenrolle […]“ bedeutet, wird in der folgenden Arbeit zu erörtern sein.

Zunächst sollen Hagens Aussehen und die wesentlichen Charakterzüge herausgearbeitet werden, um anschließend seine Herkunft und seinen Status am Wormser Hof zu klären. Danach wird die Funktion Hagens im 1. Teil (Siegfrieds Tod; Aventiure 1-19) und im 2. Teil (der Untergang der Burgunden; Aventiure 20-39) unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet.

Im 1. Teil wird zunächst seine Funktion als Ratgeber dargestellt, von der ausgehend dann seine Motivation zur Ermordung Siegfrieds analysiert wird, um zum Schluss die Hintergründe zu betrachten, die dazu führen, dass er ein „eigenmächtig Handelnder“ wird. Im 2. Teil wird wieder die Funktion des Beraters geklärt, die durch Vorahnungen eine neue Qualität erreicht. Daraufhin wird seine Evolution zum Anführer nachvollzogen und geprüft, ob es bis zu seinem Tod weitere Entwicklungen in seiner Persönlichkeit gibt. Zum Schluss werden die gewonnenen Erkenntnisse in einem Fazit zusammengetragen.

2. Aussehen und Charakter

Hagens Aussehen wird zunächst kaum erwähnt, anscheinend ist es für seine Persönlichkeit nicht weiter wichtig. An den wenigen Stellen, an denen seine Erscheinung beschrieben wird, sticht vor allem hervor, dass er Furcht erregend aussieht: […] der ist sô gremelîch (Strophe 413) und er dûhte si sô vorhtlîch (Strophe 1665). Es ist nicht eindeutig festzustellen, ob mit er ist ein grimmer man (Strophe 1753) und der grimme Hagene (Strophe 993) sein Äußeres gemeint ist, oder ob dies auch seinen Charakter beschreibt. Es vermittelt dem Rezipienten jedenfalls den Eindruck, dass Hagen eine finstere Gestalt ist und somit im Kontrast zum strahlenden Siegfried steht. Nur an einer Stelle wird ein positives äußeres Merkmal genannt: unt doch mit schœnem lîbe (Strophe 413).

Erst im zweiten Teil des Nibelungenlieds wird der Erzähler etwas ausführlicher und beschreibt:

Der helt was wol gewahsen […]

grôz was er zen brusten, gemischet was sîn hâr

mit einer grîsen varwe. diu bein wâren im lanc

und eîslich sîn gesihene. er hete hêrlîchen ganc. (Strophe 1734)

Diese Beschreibung vermittelt einen besseren Eindruck von Hagens Äußerem: Er ist offensichtlich ein imposanter Mann mit ansehnlichem Körper, der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz jung ist, da seine Haare bereits mit grauen Strähnen durchzogen sind. Doch auch hier wird hervorgehoben, dass er einen furchterregenden Blick hat.

Ein ungewöhnlicher Charakterzug offenbart sich auf der Festung Isenstein, als Gunther um Brünhild kämpft. In Strophe 438 wendet sich Hagen, der Ratgeber, selbst an den König: wâ nû, künic Gunther?. Und fürchtet: wie vliesen wir den l îp! In Strophe 424 hatte er noch überheblich geprahlt, dass es schon hart zugehen müsse, bevor Gunther Brünhild den Sieg zugestehen würde. Auch als Brünhild besiegt ist, fürchtet er die Konsequenzen und gibt bekannt: so ist uns diu maget edele ze grôzen sorgen geborn (Strophe 478). Ob hier wirklich Hagens ängstliche, menschliche Seite dargestellt wird oder ob die Angst nur vorgespielt ist und als Mittel für seine Pläne dient, bleibt dahingestellt.

Häufiger zeichnet sich Hagen durch die ritterlichen Tugenden Treue: wir suln in langer dienen, den wir alher gevolget hân (Strophe 699), Stärke: der starke Hagene (Strophe 121 und 438), Schnelle: snelle Hagene (Strophe 1180) Tapferkeit: der küene recke (Strophe 151) und Mut: der degen küene unde balt (Strophe 468) aus. Aber auch Hilfsbereitschaft zählt mit zu seinen Stärken: von in wart michel dienest […] getân (Strophe 796).

Vor allem sein Streben nach Macht spielt für seine Persönlichkeit eine große Rolle. Ob er diese nur zum Wohle seiner Könige mit politischem Kalkül oder doch auch aus persönlichen Beweggründen anstrebt, wird im weiteren Verlauf der Hausarbeit noch geprüft. Jedenfalls freut er sich, als Brünhild Gunther erloubte […], daz er solde haben dâ gewalt (Strophe 468) und somit noch mehr Länder in den Besitz der Burgunden übergehen.

3. Herkunft und Status

Hagen ist der Sohn Aldrians, der zum Gefolge Etzels gehörte und von ihm zum Ritter geschlagen wurde. Hagen wurde als Kind neben Walther aus Spanien Etzels Geisel, wuchs an dessen Hof auf und wurde als Mann zurück nach Hause geschickt (Vgl. Str. 1755f). Sein Bruder Dankwart und sein Neffe Ortwin von Metz sind seine nächsten Verwandten am Wormser Hof.

Er wird bereits in der 1. Aventiure zusammen mit den wichtigsten Personen des Burgundenhofs (Gunther, Gernot, Giselher, Kriemhild und Ute) vorgestellt und als erster der besten recken (Strophe 8) des Hofes erwähnt. Dankwart wird als zweiter genannt. Es folgen Ortwin von Metz und weitere Vasallen. In der 15. und 19. Aventiure wird sogar eine Verwandtschaft zu der Königsfamilie offenbart: Si [Kriemhilt] sprach: „du bist mîn mâc, sô bin ich der dîn. […]“ (Strophe 898) und: Dô sprach der herre Gîselher: „[…] wær’ er niht mîn mâc, ez gienge im an den lîp.“ (Strophe 1133). Allerdings ist diese, wie durch die genaue Übersetzung des Wortes mâc (= blutsverwandte Person in der Seitenlinie[6] ) deutlich wird, eher weitläufig.

Häufiger finden sich Bezeichnungen wie sînem man (Strophe 876) oder Hagen Guntheres man (Strophe 407), was den Status eines Dienstmannes unterstreicht. Dies wird auch durch die folgende Anrede der Königsfamilie deutlich: Gunther mîn herre (Strophe 424) sowie: Kriemhilt, liebiu vrouwe (Strophe 895). Dazu ist aber anzumerken, dass sein Einfluss und seine Macht vor allem im zweiten Teil des Nibelungenlieds nicht zu unterschätzen sind: daz si gewaldec wæren (Strophe 796) und: gewalt des grimmen Hagenen (Strophe 1281). Jürgen Wapnewski beschreibt das treffend: „Seinen Herren unverbrüchlich ergeben, aber nicht untergeben. […] die Bindung ist vollzogen durch eigenen Willen.“[7]

Es besteht also ein Abhängigkeitsverhältnis Hagens sowohl zu den drei Königen als auch zu deren Schwester Kriemhild. Die folgende Szene unterstreicht dabei, dass die Lehenstreue zu Gunther und dem Wormser Hof stärker ist, als die Verwandtschaft zu Kriemhild:

Kriemhilt dô senden began

Nach Hagene von Tronege und ouch nâch Ortwîn,

ob die unt ouch ir mâge Kriemhilde wolden sîn.

do gewân dar umbe Hagene ein zornlîchez leben;

er sprach: „jane mac uns Gunther ze werlde niemen gegeben.

[…] want ir doch wol bekennet der Tronegære site:

wir müezen bî den künigen hie en hove bestân.

wir suln in langer dienen, den wir alher gevolget hân. (Strophe 697ff.)

Bis zur Ermordung Siegfrieds ist die Beziehung zu der Königsfamilie von freundschaftlicher Art. Sowohl Gunther als auch Kriemhild sprechen ihn als friunt her Hagene. (Strophe 530) und […] lieber vriunt Hagene (Strophe 893) an.

Hagen ist ein wichtiger Staatsmann und Heerführer. Durch Verwandtschaft und Leibeigenschaft ist er ein enger Vertrauter der Könige, die rechte Hand Gunthers. Als Ratgeber ist ihm eine wichtige Position inne. Besonders auf die Funktion des Ratgebers und Hagens Macht wird im Folgenden noch eingegangen.

4. Die Funktion Hagens im 1. Teil des Nibelungenlieds

4.1. Hagen als Ratgeber

Schon zu Beginn des Nibelungenlieds wird deutlich, dass Hagen der erste Berater der Könige ist. Über ihn wird gesagt: Dem sint kunt diu rîche und ouch diu vremden lant./ sint im die herren künde, daz tout er uns bekant (Strophe 82). Tatsächlich kann Hagen als Einziger Auskunft über Siegfried geben, gleichwohl er ihn noch nie gesehen hat. So sticht bereits an dieser Stelle hervor, dass Hagens Wissen sehr groß ist. Im weiteren Verlauf ist er es, der eine Übersicht über Siegfrieds Heldentaten gibt (Strophe 87-100) und zur Vorsicht rät : man sol in holden hân (Strophe 101), worauf in Punkt 4.2. noch näher eingegangen wird.

Als Ratgeber ist es auch seine Aufgabe, Bedrohungen für den Hof abzuwenden und für den Machtzuwachs der Königsfamilie zu sorgen. Dabei muss er Siegfried einschätzen und angemessen auf eine mögliche Gefahr durch ihn reagieren, worauf im nächsten Abschnitt eingegangen wird.

[...]


[1] Heinzle, Joachim: Zweimal Hagen oder: Rezeption als Sinnunterstellung. In: Joachim Heinzle; Anneliese Waldschmidt (Hgg.): Die Nibelungen. Frankfurt am Main 1991, S. 26.

[2] Wapnewski, Peter: Hagen: ein Gegenspieler? In: Thomas Cramer; Werner Dahlheim (Hgg.): Gegenspieler. München u. a. 1993, S. 64.

[3] Heinzle, Zweimal Hagen oder: Rezeption als Sinnunterstellung, S. 26.

[4] Heinzle, Joachim: Gnade für Hagen? In: Fritz Peter Knapp (Hg.): Nibelungenlied und Klage. Sage und Geschichte, Struktur und Gattung. Heidelberg 1987, S. 267.

[5] Backenköhler, Gerd: Untersuchungen zur Gestalt Hagens von Tronje in den mittelalterlichen Nibelungendichtungen. Bonn 1961, S. 87.

[6] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38., unveränderte Auflage. Stuttgart 1992, S. 132.

[7] Wapnewski, Hagen, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V180964
ISBN (eBook)
9783656037507
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figur, hagen, tronje, nibelungenlied
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Die Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180964

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