Hagen von Tronje ist eine der bedeutendsten, aber auch undurchsichtigsten Figuren des Nibelungenliedes. Er ist einerseits der Verräter und Mörder Siegfrieds, der sich durch untriuwe und übermuot auszeichnet. Andererseits ist er das Sinnbild für Vasallentreue, der vorbildliche und furchtlose Anführer, der Inbegriff von êre.
Wie diese gegensätzlichen Eigenschaften zusammenpassen, ob sie „der Vereinigung zweier uralter Erzähltraditionen, die zusammengehörten und doch nicht zusammenpassten“ geschuldet sind und Hagen somit „keine Gestalt aus einem Guß“ , sondern eine „merkwürdige Zwittergestalt“ ist, oder doch „von der Annahme, daß die Überlieferung auf e i n Buchwerk individueller Prägung zurückgeht […]“ ausgegangen werden kann und die „Doppelrolle“ keinen „[…] Bruch oder inneren Widerspruch in der Hagenrolle […]“ bedeutet, wird in der folgenden Arbeit zu erörtern sein.
Zunächst sollen Hagens Aussehen und die wesentlichen Charakterzüge herausgear-beitet werden, um anschließend seine Herkunft und seinen Status am Wormser Hof zu klären. Danach wird die Funktion Hagens im 1. Teil (Siegfrieds Tod; Aventiure 1-19) und im 2. Teil (der Untergang der Burgunden; Aventiure 20-39) unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet.
Im 1. Teil wird zunächst seine Funktion als Ratgeber dargestellt, von der ausgehend dann seine Motivation zur Ermordung Siegfrieds analysiert wird, um zum Schluss die Hintergründe zu betrachten, die dazu führen, dass er ein „eigenmächtig Handeln-der“ wird. Im 2. Teil wird wieder die Funktion des Beraters geklärt, die durch Vorahnungen eine neue Qualität erreicht. Daraufhin wird seine Evolution zum Anführer nachvollzogen und geprüft, ob es bis zu seinem Tod weitere Entwicklungen in seiner Persönlichkeit gibt. Zum Schluss werden die gewonnenen Erkenntnisse in einem Fazit zusammengetragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aussehen und Charakter
3. Herkunft und Status
4. Die Funktion Hagens im 1. Teil des Nibelungenlieds
4.1. Hagen als Ratgeber
4.2. Die Ermordung Siegfrieds durch Hagen: Motiviert durch Konkurrenz oder Kalkül?
4.3. Hagen als eigenmächtig Handelnder
5. Die Funktion Hagens im 2. Teil des Nibelungenlieds
5.1. Hagen als Ratgeber und Warnender
5.2. Hagen als Anführer und Beschützer
5.3. Hagen als Provokateur und Kämpfer
5.4. Freundschaft zu Rüdiger und Hagens Tod
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Rolle der Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied, um zu klären, wie sich seine gegensätzlichen Eigenschaften – vom Verräter Siegfrieds bis hin zum loyalen Beschützer der Burgunden – innerhalb der Erzählung vereinen lassen und ob seine Entwicklung von einem strategischen Machtkalkül oder einer tiefgreifenden Wandlung geprägt ist.
- Analyse von Hagens Aussehen, Charakter und sozialem Status am Wormser Hof.
- Untersuchung der Beweggründe für die Ermordung Siegfrieds.
- Nachzeichnung von Hagens funktionalem Wandel im ersten und zweiten Teil des Epos.
- Betrachtung seiner Rolle als Anführer, Stratege und Kämpfer in der Krise.
- Reflektion über die Ambivalenz seiner Treuepflichten und zwischenmenschlichen Loyalitäten.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Ermordung Siegfrieds durch Hagen: Motiviert durch Konkurrenz oder Kalkül?
Hagens Funktion als Berater ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings gibt es durch Siegfried einen ‚beratenden’ Konkurrenten. Auch Siegfried hat ein großes Wissen und weiß auf Gunthers Frage: sagt mir, friwent Sivrit, ist iu daz bekant,/ wes sint dies bürge und ouch daz hêlrîche lant? (Strophe 383) nicht nur die Antwort: „ez ist mir wol bekant“ (Strophe 384), sondern er rät ihm auch zu umsichtigen Verhalten mit der Königin. Liegt hier die Motivation für die Ermordung Siegfrieds? Tötet Hagen aus einem persönlichen Motiv heraus, weil er durch Siegfried seine Einflussnahme auf den König gefährdet sieht? Oder ist er wirklich „ein so kalter wie brutaler, von aller Not des Gewissens befreiter Machtpolitiker“8, der nur den Machtzuwachs der Burgunden vor Augen hat? Dies soll in diesem Abschnitt herausgearbeitet werden.
Zeitweise fragt Gunther Siegfried, nicht Hagen, um Rat: Nu sag’ mir, degen Sîvrit (Strophe 339) und: daz sult ir Gunthere sagen (Strophe 343), weshalb Hagen oberflächlich gesehen an Bedeutung verlieren mag. Tiefer betrachtet ist dies aber fraglich: Dass es sich dabei um Berechnung handelt, um aus dem Verborgenen agieren zu können und Siegfried in Sicherheit zu wiegen, vielleicht sogar schon um seine Pläne um das Schicksal Siegfrieds vorantreiben zu können, ist wahrscheinlicher.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Zwittergestalt Hagens ein und stellt die Forschungsfrage, wie seine widersprüchlichen Charakterzüge innerhalb der Erzähltradition zu deuten sind.
2. Aussehen und Charakter: Dieses Kapitel arbeitet Hagens Erscheinung als furchterregende Gestalt heraus und analysiert seine ritterlichen Tugenden sowie sein Streben nach Macht.
3. Herkunft und Status: Hier wird Hagens soziale Einordnung als Sohn Aldrians und seine enge, wenn auch komplexe Bindung an den Wormser Hof beleuchtet.
4. Die Funktion Hagens im 1. Teil des Nibelungenlieds: Das Kapitel analysiert Hagens Rolle als Ratgeber, seine zweifelhafte Motivation bei der Ermordung Siegfrieds und sein zunehmend eigenmächtiges Handeln.
5. Die Funktion Hagens im 2. Teil des Nibelungenlieds: Hier wird der Wandel Hagens zum Anführer und Beschützer im Kontext des Untergangs der Burgunden sowie seine wechselvolle Beziehung zu Rüdiger und Kriemhild untersucht.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Hagens Entwicklung von einem Untergebenen zu einer triumphierenden Figur auf keine eindeutige Antwort reduziert werden kann, sondern seine Ambivalenz den zentralen Reiz der Figur ausmacht.
Schlüsselwörter
Hagen von Tronje, Nibelungenlied, Siegfried, Kriemhild, Gunther, Treue, Verrat, Machtkalkül, mittelalterliche Epik, Heldenrolle, Vasallentreue, Charakteranalyse, Burgunden, Nibelungenschatz, Aventiure
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied und untersucht die scheinbaren Widersprüche in seinem Charakter und Handeln.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Treue und Verrat, Machtstreben, die Rolle des Beraters am Königshof sowie die Entwicklung eines Helden von der Gunst bis zum Untergang.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ergründen, ob Hagens widersprüchliche Rolle auf verschiedene Erzähltraditionen zurückzuführen ist oder ob er als eine in sich ambivalente, bewusst gezeichnete psychologische Figur zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Nibelungenlieds anhand der Strophen auswertet und durch den Einbezug fachspezifischer Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Hagens Funktion in beiden Teilen des Nibelungenlieds, wobei sein Wandel vom Ratgeber im ersten Teil zum Anführer und Kämpfer im zweiten Teil im Fokus steht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Vasallentreue, Machtpolitiker, Ambivalenz, Siegfrieds Ermordung und die Einordnung als Zwittergestalt sind prägend für die Argumentation.
Wie bewertet der Autor Hagens Handeln im ersten Teil des Epos?
Der Autor hinterfragt, ob Hagens Handeln primär durch ein Machtkalkül zum Schutze seines Königs oder durch persönliche Konkurrenz gegenüber Siegfried motiviert ist.
Welche Bedeutung hat der Schildtausch mit Rüdiger für die Interpretation?
Der Schildtausch markiert einen Wendepunkt, an dem Hagen erstmals seine Treue zum König zugunsten einer persönlichen Freundschaft zurückstellt, was als Ausdruck einer menschlichen Seite gedeutet wird.
Wie geht die Arbeit mit Hagens Weigerung um, das Versteck des Schatzes zu verraten?
Die Arbeit diskutiert dies als eine Mischung aus Überlebensstrategie, Sturheit und der Inszenierung eines triumphalen Abgangs angesichts seines nahenden Todes.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2007, Die Figur Hagen von Tronje im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180964