Textsorten in Benutzerdokumentationen von Maschinenbau-Unternehmen und deren Ersetzbarkeit durch sprachneutrale Informationsträger

Texte sprachneutral ersetzen - Ein Experiment


Masterarbeit, 2011

141 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Über diese Arbeit
1.1.1 Ziel der Arbeit
1.1.2 Allgemeiner praktischer Nutzen
1.1.3 Wissenschaftliche Relevanz
1.1.4 Aufbau der Arbeit
1.2 Problemstellung
1.2.1 Benutzerinformationen im Maschinenbau
1.2.2 Beobachtung
1.2.3 Fragen
1.2.4 Forschungsfrage
1.2.5 Hypothesen
1.2.6 Forschungsgegenstand
1.2.7 Methode und Vorgehensweise

2 Grundlagen zu Informationsaufnahme und -verarbeitung
2.1 Benutzerdokumentationen von Maschinenbau-Unternehmen
2.2 Lernen und Verstehen
2.3 Psycholinguistik
2.4 Textlinguistik
2.4.1 Einteilung von Texten
2.4.2 Textsorten
2.4.3 Kriterien für die Textsortenklassifikation
2.4.4 Diskussion der vorgestellten Modelle
2.4.5 Fachsprache
2.4.6 Informationseinheiten
2.5 Sprachneutrale Informationsträger
2.5.1 Das statische Bild
2.5.2 Das bewegte Bild
2.6 Rezeption von Medieninhalten
2.6.1 Verstehen geschriebener Texte
2.6.2 Verstehen statischer Bilder
2.6.3 Verstehen bewegter Bilder
2.6.4 Theorie der kognitiven Belastung
2.6.5 Zusammenfassung

3 Voruntersuchungen zum Experiment
3.1 Zielgruppenanalyse
3.1.1 Wer macht Was
3.1.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
3.2 Analyse von Anleitungen im Maschinenbau
3.2.1 Gestaltung und Struktur von Anleitungen des Maschinenbaus
3.2.2 Verständlichkeit von Texten in Anleitungen des Maschinenbaus
3.2.3 Verständlichkeit von Grafiken in Anleitungen des Maschinenbaus
3.2.4 Beispiel für typische Anleitungen des Maschinenbaus
3.2.5 Kriterien zur Selektion der Themen
3.3 Operationalisierung der Hypothesen
3.3.1 Definition der Variablen
3.3.2 Einfluss von Störvariablen

4 Textersatz in Informationseinheiten
4.1 Erstellung didaktisch gleichwertiger Darstellungen
4.1.1 Belebung statischer Bilder
4.1.2 Erstellung bewegter Bilder
4.1.3 Neuerstellung der Text-Bild Darstellungen

5 Das Experiment
5.1 Argumente für ein Experiment
5.2 Testkriterien
5.2.1 Instruktive Darstellungen
5.2.2 Deskriptive Darstellungen
5.2.3 Erstellung der Testformulare
5.3 Aufbau des Experiments
5.3.1 Experimentalübersicht
5.3.2 Durchführung der Tests
5.4 Auswertung des Experiments
5.4.1 Strukturierung und Eingabe der Daten
5.4.2 Grundauswertung
5.4.3 Differenzierte Auswertung
5.4.4 Interpretation der Ergebnisse

6 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
6.1 Diskussion
6.1.1 Texte
6.1.2 Bilder
6.1.3 Bewegte Bilder
6.2 Nebeneffekte
6.3 Fazit und Ausblick

7 Verzeichnisse
7.1 Quellenverzeichnis
7.2 Abbildungsverzeichnis
7.3 Tabellenverzeichnis
7.4 Abkürzungsverzeichnis
7.5 Index

8 Anhang
Beispiele zu Anleitungen im Maschinenbau
Gliederung der Inhalte in Betriebsanleitungen nach Textsorten
Erworbene Kenntnisse
Beispiele experimentrelevanter Darstellungen
Deskriptive Informationseinheiten
Funktionsbeschreibung Text-Bild-Darstellung (bisherige Ausführung)
Funktionsbeschreibung Text-Bild-Darstellung
Funktionsbeschreibung Bewegtbild-Darstellung
Instruktive Informationseinheiten
Tätigkeitsbeschreibung Text-Bild-Darstellung (bisherige Ausführung)
Tätigkeitsbeschreibung Text-Bild-Darstellung
Tätigkeitsbeschreibung Bewegtbild-Darstellung
Dokumente zum Experiment

1 Einleitung

Gender Hinweis Im Sinne einer besseren und flüssigeren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit
für personenbezogene Hauptwörter, z. B. "der Benutzer", das Maskuli-
num verwendet. Diese Begriffe beziehen sich immer auf beide Geschlechter und stellen keine Diskriminierung dar.

1.1 Über diese Arbeit

Multimediales Lernen gibt es schon länger als den Begriff an sich. Die klassische Schulausbildung und erst recht die Berufsausbildung erfolgten und erfolgen multimedial. So werden bis heute die theoretischen Anteile der zu vermittelnden Kenntnisse und Fähigkeiten im Unterricht sowie durch Studium der entsprechenden Fachliteratur erlernt und die prakti- schen Fertigkeiten durch Vormachen und Nachmachen lassen, vermittelt.

Jedoch hat sich die Art und Weise der Informationsvermittlung im Laufe der Zeit teilweise geändert. Moderne Präsentationstechniken ermöglichen die Darstellung von Prozessen und Abläufen, die früher nur am prakti- schen Beispiel vorgeführt werden konnten. Die Rolle des vorführenden Spezialisten wird dabei von Multimediatechnik übernommen, oftmals in Form des bewegten Bildes. Darüber hinaus sind auch die Möglichkeiten der theoretischen Informationsvermittlung durch multimediale Elemente, vornehmlich Animationen, gestiegen. Der Hauptanteil funktionsbeschrei- bender und handlungsorientierter Informationen wie sie in Betriebsanlei- tungen vorkommen, wird jedoch immer noch in Textform mit Bildbezug produziert.

1.1.1 Ziel der Arbeit

Die Beantwortung der Frage, ob Benutzerdokumentationen von Maschi- nenherstellern bei Ersatz der Texte durch sprachneutrale Elemente einen Verlust oder Gewinn an Verständlichkeit erfahren, ist das Ziel dieser Ar- beit. Die Untersuchung gilt speziell dem bewegten Bild im direkten Ver- gleich zur entsprechenden Text-Bild Information bezüglich des Informationsgehalts und der Verständlichkeit bei komplexeren Betriebs- anleitungen. Gegenstand der Untersuchung sind exemplarisch Betriebs- anleitungen des Maschinenbaus für Investitionsgüter.

1.1.2 Allgemeiner praktischer Nutzen

Technische Redaktionen von Maschinenbauunternehmen können nach einer Textsortenanalyse ihrer Betriebsanleitungen beurteilen, welche Informationen bzw. Inhalte sich gut, weniger gut oder gar nicht mittels sprachneutraler Bewegtbilder darstellen lassen.

Dokumentations-Dienstleistern, die vielleicht in Zukunft damit beauftragt werden könnten, eine bestehende Betriebsanleitung mit dem Ziel der Texteinsparung multimedial umzugestalten, kann ein Kalkulationsaspekt geliefert werden.

Bei einer durch bewegte Bilder textreduzierten Anleitung, kann die Daten- verwaltung eines Content Management Systems wesentlich vereinfacht werden.

Ersteller von Utility-Filmen könnten aus einer bestehenden Betriebsanlei- tung bestimmen, welche Teile als Video oder Utility-Film darstellbar sind.

1.1.3 Wissenschaftliche Relevanz

Sind bewegte Bilder eher als Zusatz, als Ergänzung oder als Ersatz für klassische Darstellungsweisen zu betrachten? In wissenschaftlicher Hin- sicht kann die Beantwortung dieser Frage einen Hinweis auf die zukünfti- ge Gestaltung multimedialer Benutzerinformationen geben, vor allem welche Informationsart mit welchem Medium optimal vermittelt werden kann.

1.1.4 Aufbau der Arbeit

Mit der Schilderung der steigenden Übersetzungskosten, vor denen der Maschinenbau seit der Verbindlichkeit der Maschinenrichtlinie 2006/42/ EG steht, beginnt das Kapitel 1. Es werden kurz verschiedene Lösungs- ansätze zur Kostenreduktion genannt. Der Ansatz der Textvermeidung zugunsten sprachneutraler, bewegter Bilder kristallisiert sich als Untersu- chungsgegenstand heraus.

Das wirft natürlich Fragen bezüglich der Verständlichkeit auf, aus denen die Forschungsfrage formuliert wird.

Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik erzeugt auch Vorstellungen und Annahmen, die es zu überprüfen gilt.

Dazu eignen sich am besten typische Betriebsanleitungen, die auf die Re- levanz zur Forschungsfrage analysiert und zum Forschungsgegenstand bestimmt werden.

Kapitel 2 befasst sich mit den theoretischen Grundlagen zu Informations- produktion, -aufnahme und -verarbeitung. Besonderes Augenmerk gilt da- bei psycholinguistischen Vorgängen bezüglich des Textverstehens und der Textproduktion im Vergleich zum Verstehen und Erzeugen sprach- neutraler Informationsträger.

Das Entwickeln von Vorstellungen bei der Rezeption verschiedener Dar- stellungsformen ist ein weiterer Aspekt dieses Kapitels.

Die gewonnenen Erkenntnisse aus Kapitel 2 fliessen in experimentvorbe- reitende Untersuchungen ein, welche in Kapitel 3 beschrieben sind. Diese Untersuchungen dienen der Bestimmung der Hauptzielgruppe und der Analyse bestehender Anleitungen auf deren Verständlichkeit. Ausserdem wird das Untersuchungsdesign festgelegt.

Das Problem der Messbarkeit der Ergebnisse, vor allem deren Vergleich- barkeit, wird dargelegt und ein Lösungsweg aufgezeichnet. Auch andere Störvariablen werden aufgezeigt und auf Relevanz bezüglich des Experi- ments untersucht, so z. B. Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der Zielgruppe.

Kapitel 4 beschreibt die Erzeugung bzw. Neuerstellung der verschiede- nen Darstellungsformen zu gleichen Themen auf annähernd gleichem di- daktischem Niveau, um eine Messbarkeit zu erreichen. Dies ist einer der Hauptaspekte der Arbeit. Dabei kommen die Erkenntnisse aus Kapitel 2 und 3 zur praktischen Anwendung. Des Weiteren werden Format und Er- scheinungsform der zu vergleichenden Informationseinheiten beschrie- ben und begründet.

Mit der Operationalisierung der für das Experiment relevanten Variablen beginnt das Kapitel 5. Um die Hypotheseninhalte messbar zu machen, werden diese eingegrenzt und präzisiert. Die Vorgehensweise zur Errei- chung einer Messbarkeit, um die Daten in Form von Fragebögen, Beob- achtungsbögen, Auswertungsbögen und anderen testrelevanten Formularen zu erfassen, wird beschrieben.

Der Ablauf des Experiments wird möglichst exakt und objektiv dargestellt. Die Ergebnisse werden ausgewertet und beurteilt. Das Aufzeigen dabei auftretendender Probleme und Unvorhersehbarkeiten sowie die sich dar- aus ergebenden Konsequenzen sind ausserdem Bestandteil dieses Kapi- tels. Mit dem Vergleich der Ergebnisse des Experiments zu den aufgestellten Hypothesen endet dieses Kapitel.

Schlussfolgerungen und die Diskussion zu den theoretischen Grundlagen sind der Hauptaspekt des Kapitels 6. Ein Ausblick zur anfänglich be- schriebenen Problematik wird aufgezeigt. Sonstige Erkenntnisse und Feststellungen, die im Zusammenhang mit der Erstellung dieser Arbeit gemacht wurden, werden ausserdem genannt.

Beispiele des für diese Arbeit zugrunde liegenden Materials sind Inhalt des Anhangs. Nachweise über die Erlangung von Fertigkeiten und Kennt- nissen zur Erstellung der zum Test verwendeten Dateien sind zusätzlich beigefügt.

1.2 Problemstellung

Das bewegte Bild in der Etwa alle zehn Jahre kommt das Thema "Bewegte Bilder für Anleitungen" Anleitung in die Diskussion. Das waren anfangs Videobänder, später CDs und da- nach folgten die DVDs. Das Abspielen dieser Medien ist jedoch nur durch ein Wiedergabegerät möglich. Deren beschränkte Verfügbarkeit und um- ständliche Bedienung gegenüber der klassischen Text-Bildanleitung war bisher ein Problem. Die Videokassette benötigte noch einen Fernsehap- parat. Als später die Laptops aufkamen, stieg zwar deren Verfügbarkeit durch das geringere Gewicht und die Netzunabhängigkeit, jedoch erfor- dert die Bedienung Computer- bzw. Softwarekenntnisse. Auch die Lauf- zeit der Akkus ist begrenzt. Ausserdem sind Videos in guter Qualität sehr speicherintensiv, sodass CDs und selbst DVDs schnell an ihre Kapazitäts- grenzen stossen. Nach wie vor ist das Aufschlagen einer gedruckten An- leitung der einfachste Weg, schnell an eine Information zu gelangen.

Bisher ist sie an Verfügbarkeit, Benutzbarkeit und Unabhängigkeit nicht übertroffen. Als einzige Voraussetzung benötigt sie ausreichendes Licht.

Nun ist die Entwicklung aber nicht stehen geblieben. Sowohl auf dem Hardware- als auch auf dem Softwaresektor drängen inzwischen Neuent- wicklungen auf den Markt, welche die bisherigen Einschränkungen elek- tronischer Medien nach und nach abschwächen bzw. auflösen. Gegenüber den sprichwörtlichen "Schlepptops" ist das Gewicht gesunken und die Speicherkapazitäten (Abb. 1), Akkulaufzeiten und Bildauflösung wurden erheblich gesteigert.

"In den letzten Jahren sind Speicherkapazitäten und Verarbeitungsgeschwindigkeiten im mikroelektronischen und informationstechnologischen Sektor stark gestiegen. Dies hat zur Entwicklung von Computersystemen geführt, denen selbst die Darstellung komplexer Videoaufzeichnungen oder virtueller Realitäten keine Probleme bereiten" (Schwan, 2005, S. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Entwicklung der Speicherkapazitäten, Wikipedia, Gonz Hauser, 2007

Das E-Book und vor allem der Tablet-PC bieten vielfältige Anwendungsmöglichkeiten bei guter Verfügbarkeit.

"Die Chancen für die Dokumentationsbranche sind vielfältig: Keine Papierstapel und dicken Handbücher mehr - ein Gerät genügt: der Tablet-PC Inter- aktive Elemente wie ein Quiz oder multimediale Inhalte, zum Beispiel eingebettete Video-Tutorials, erhöhen die Anwendermotivation und eröffnen zusätzliche didaktische Horizonte" (Ully / Häberle, 2010, S.3).

Zudem stellen Computergrundkenntnisse für junge Menschen keine be- sondere Schlüsselqualifikation mehr dar, sondern gehören inzwischen zur allgemeinen Bildungsausstattung wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Hyundai will 2011 einem seiner Autos ein iPad mit interaktiver Betriebsanleitung beilegen. Ein gedrucktes Handbuch will Hyundai nicht mitliefern (Ully / Häberle, 2003).

1.2.1 Benutzerinformationen im Maschinenbau

Die Erstellung und Gestaltung verständlicher Benutzerinformationen ist nicht jedermanns Sache. Mit dieser Erkenntnis geht man auch in Maschinenbau-Unternehmen der Investitionsgüterindustrie dazu über, Spezialisten (z. B. Technische Redakteure) für die Erstellung verständlicher Benutzerinformationen zu beauftragen.

"Anwender von Maschinen und Anlagen sind durch die gestiegene Komplexi- tät stärker auf eine ausführliche produktbegleitende Dokumentation angewie- sen. Die Kunden sind deshalb häufig nicht mehr bereit, die Abschlusszahlung für die gelieferten Maschinen/Anlagen vor dem Erhalt der tD zu leisten. Die Hersteller sehen sich somit gezwungen, Inhalte und Erstellungsprozesse der tD entsprechend anzupassen" (Hudez / Friedewald, 2001, S.23).

Da sich die Erstellungskosten der Anleitung durch die Anzahl der Produk- te dividieren, ist das Kostenverhältnis gerade im Maschinenbau beson- ders hoch. Das kann bei Sondermaschinen dazu führen, dass eine Anleitung für nur eine Maschine erstellt und übersetzt werden muss.

1.2.2 Beobachtung

Die meisten Hersteller fügen ihren Maschinen / Anlagen bis heute eher textlastige Betriebsanleitungen bei. Durch die hohe Komplexität der Ma- schinen und Anlagen beinhalten diese Konvolute oftmals mehr als tau- send Seiten. Selbst in Online-Hilfen oder anderen digitalen Systemen mit denen man menügeführt schnell die gesuchte Information erhält, ist diese dann häufig in Textform evtl. mit Bildbezug vorhanden. Der Aufwand zur Erstellung und vor allem der Übersetzungsaufwand sind dem entspre- chend hoch. Das Problem mit TMS1 und CMS2 Nun sind jedoch die europäischen Hersteller gezwungen, ihre Benutzer- dokumentation bis 2010 an die neue Maschinenrichtlinie 2006/42/EG an- zupassen.

"Jeder Maschine muss eine Betriebsanleitung in der oder den Amtssprachen der Gemeinschaft des Mitgliedstaats beiliegen, in dem die Maschine in Ver- kehr gebracht und/oder in Betrieb genommen wird" (Richtlinie 2006/42/EG, 17 Mai 2006).

Um die steigenden Kosten in Grenzen zu halten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine radikale Straffung der Texte, bezüglich der Textge- staltung erscheint angebracht. Die Texte werden auf die wesentlichen Aussagen einkondensiert und hinsichtlich Satzbau und Grammatik opti- miert. Ferner können grafische Entsprechungen einen Teil der Texte er- setzen. Das bedeutet jedoch einen erheblichen redaktionellen Aufwand. Unter Berücksichtigung der inhaltlichen Vollständigkeit und Verständlich- keit kommt es quasi einer Neuerstellung gleich. Dieser Aufwand muss der Übersetzungseinsparung entgegengesetzt werden.

Unternehmen, die über ein TMS oder vielleicht sogar ein CMS verfügen, haben indessen ihre Anleitungen schon in den Standardsprachen Eng- lisch, Spanisch, Italienisch und Französisch als vorübersetzte Sprachpaa- re vorrätig. Neuübersetzungen fallen dann nur für die inhaltlich veränderten Textbestandteile an. Das bedeutet, dass nur für neue Spra- chen eine Gesamtübersetzung vorgenommen werden muss. Für diese zusätzlichen Sprachen lohnt sich demnach eine Überarbeitung der deut- schen Quelldateien auf Einsparung von Texten. Das würde allerdings ver- schiedene Quelltexte nach sich ziehen und solche Redundanzen sind auf jeden Fall zu vermeiden. Werden jedoch die Quelltexte generell einkon- densiert, so berührt das auch die Sprachpaare der vorübersetzten Spra- chen, die eigentlich keiner inhaltlichen Veränderung bedürfen. Dann ist der Kostenvorteil der Vorübersetzungen erstmal dahin, denn die gekürz- ten Texte müssten neu übersetzt werden. Ein TMS, dessen Wert erst durch die Benutzung desselben steigt, würde auf diese Art wieder entwer- tet. Im Idealfall sollten Texte also nicht gekürzt sondern vollständig elimi- niert werden. An deren Stelle würden dann textfreie, sprachneutrale Informationsträger stehen.

So gibt es Bestrebungen, in die Betriebsanleitungen nur noch die gesetz- lich notwendigen, sicherheitsrelevanten Inhalte zu schreiben und die ei- gentlichen, für den Betrieb der Maschinen wichtigen Inhalte in sprachneutraler Form als Video, Animation oder einer Abfolge von Bildern zu liefern (mdl. Aussage des Dokumentationsleiters, Sabatier S.A.S. Vitrolle, France). Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass ein Bereichsleiter begeistert mit der rein bildorientierten Montageanleitung eines schwedi- schen Möbelhauses in der Hand, der Technischen Redaktion den Vor- schlag unterbreitete: "Das muss doch bei uns auch möglich sein! Unsere Übersetzungskosten könnten somit enorm gesenkt werden!"

Das wirft die Frage auf: "Welche Textfunktionen oder Textsorten lassen sich überhaupt vollständig durch sprachneutrale Medien ersetzen?"

1.Translation Memory System: Programme, die einmal übersetzte Texte (auf Satzebene) mit veränderten und neuen Texten ver- gleichen und so den neu zu übersetzenden Anteil selektieren. Unberührte Sätze brauchen dadurch nicht neu übersetzt werden.
2.Content Management System: Meistens datenbankgestützte Systeme, mit denen sich die Inhalte modular verwalten und je nach Anwendungsfall selektieren lassen.

PROBLEMSTELLUNG

In einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung aus dem Jahr 2001 kam man zu folgendem Ergeb- nis:

"Multimedia spielt in mittelständische Maschinenbauunternehmen für die technische Produktdokumentation noch keine nennenswerte Rolle.. Darüber hinaus hat Multimedia bei vielen Unternehmen noch den Ruf, in der Herstellung aufwändig und teuer zu sein" (Hudez / Friedewald, 2001, S.16).

Als weiteren Grund benennt diese Studie das fehlende Know-how im multimedialen Bereich, bemerkt jedoch den steigenden Bedarf.

1.2.3 Fragen

- Ist die Erstellung von Videos und Animationen immer noch zu auf- wändig und teuer oder inzwischen eine echte Alternative?
- Sind sprachneutrale Informationen, auch non-digital, also ausge- druckt, (Comicstil) bei komplexen Maschinen didaktisch sinnvoll?
- Welche Funktionen haben Texte in einer Betriebsanleitung?
- Was gilt als "Betriebsanleitung" im Sinne der Maschinenrichtlinie?
- Ist es sinnvoll, nur sicherheitsrelevante Informationen in die BA zu

schreiben und für den Betrieb notwendige Informationen auf einem anderen, digitalen Träger zu halten? Schaut sich der Bediener oder Einrichter die Betriebsanleitung überhaupt noch an, auch wenn der Hinweis ergeht, vorher in der ausgedruckten Anleitung die sicher- heitsrelevanten Kapitel zu lesen?

- Wie ist der Zugang zu den digitalen Informationen an der Maschine?
- Ist die Verfügbarkeit und Benutzung digitaler Informationen immer noch umständlich?
- Ist die Mehrzahl der Ersteller von BA‘s in Maschinenbauunternehmen zurzeit in der Lage, die Technologie der IT-Medien zu beherrschen

und entsprechend qualifiziert, sprachneutrale Informationen didak- tisch sinnvoll zu gestalten?

- Wie werden zukünftige Ersteller von BA‘s in Maschinenbauunterneh- men, die schon multimedial aufwachsen, mit den neuen Technologien

umgehen?

1.2.4 Forschungsfrage

Die Hauptfrage betrifft jedoch den Adressaten der Anleitung. Kann der Be- diener oder Einrichter die neuen Medien nutzen und die sprachneutralen Inhalte verstehen und umsetzen? Wird der Technische Redakteur zukünf- tig auch im Multimediabereich arbeiten müssen und vor der Frage stehen: Welches Medium für welchen Inhalt, für welche Information?

Ist es möglich, Texte in Betriebsanleitungen durch bewegte Bilder zu er- setzen, und wenn ja, welche Textsorten eignen sich besonders dazu? Lassen sich typische Textsorten in Betriebsanleitungen überhaupt durch Videos und Animationen ersetzen und wie hoch ist der Informationsge- winn oder -verlust?

1.2.5 Hypothesen

Da die Komplexität und Weiterentwicklung der Maschinen und somit der Änderungsaufwand in den Betriebsanleitungen steigt und für Länder der EU die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG ab 2010 verbindlich ist, kann man von einem erheblich steigenden Aufwand, trotz Redaktionssystemen in- klusive Translation Memory Systemen, für die Aktualisierung der Betriebs- anleitungen ausgehen. Der kostengenerierende Hauptanteil wird für Anleitungen der EU auf die Übersetzung der Texte fallen.

Betrachtet man die Entwicklung der Leistungsfähigkeit von Hard- und Software für Dokumentationstechnik in Bezug zur Preisentwicklung, könnte es sein, dass die Verwendung multimedialer Elemente in Betriebsanleitungen inzwischen durchaus ökonomisch sinnvoll geworden ist.

"Zudem sind diese Computersysteme vergleichsweise kostengünstig und finden daher weite Verbreitung sowohl an Arbeitsplätzen als auch in Privathaushalten" (Schwan, 2005, S. 1).

Der Preis einer kompletten Arbeitsumgebung, mit der sich Videos und 3D- Animationen in zeitlich vertretbarem Aufwand erstellen lassen, ist mit der einmaligen Übersetzung von ca. 2000 Normtextzeilen zu vergleichen. Auch die Fähigkeit zur Produktion von Animationen und Videos ist nicht mehr nur wenigen Spezialisten vorbehalten. Kurz gesagt, die Kosten zur Übersetzung von Texten werden steigen und die zur Erstellung bewegter Bilder werden fallen. Vor zehn Jahren, siehe Zitat S. 7, war das noch ganz anders und die Leistungssteigerung sowie der Preisverfall von Hard- und Software sind noch nicht am Ende. Nach den ökonomischen Grundprinzi- pien haben sich meistens die effizienteren Prozesse durchgesetzt.

Ein grosser Teil der Texte von Betriebsanleitungen kann durch das be- wegte Bild ersetzt werden. Das Abspielen bewegter Bilder direkt auf der Bedienoberfläche der Maschinensteuerung ist heute kein Problem mehr. Die Control Panels3 haben bei führenden Herstellern eine Grösse von

21 Zoll. Da Betriebsanleitungen im Maschinenbau hauptsächlich Abläufe und Vorgänge mit zu bewegenden oder bewegten Objekten beschreiben, sind Videos und Animationen wahrscheinlich verständlicher, da sie den Inferenzgrad geringer halten. Die Interpretation bewegter Bilder erfolgt nicht, wie bei Texten, über Decodieren der Zeichen und Inferenz der Lücken geschriebenen Inhalte. Gegenüber statischen Bildern verfügen bewegte Bilder zusätzlich über eine dynamische Komponente, die eine bessere Räumlichkeit und/oder Bewegungen von Objekten direkt darstel- len kann.

Der Realitätsgrad kann z. B. bei Videos so hoch sein, dass er dem instruk- tiven Vormachen sehr nahe kommt. Der Nutzer muss das Dargestellte nur noch nachmachen. Die kognitive Belastung ist geringer. Es ist anzuneh- men, dass die Mehrheit der Einrichter und Bediener der Anlagen, vor dem Erfahrungshintergrund des Beobachtungs- und Nachahmungslernens, der ursprünglichen und natürlichen Art des Lernens, bewegte Bilder leich- ter verstehen und deren Inhalte besser umsetzen können. Diese Vermu- tungen sind unter Konkretisierung der Hypothesen auf S. 69 als Basis zum Experiment präzisiert und eingegrenzt.

1.2.6 Forschungsgegenstand

Für die Beantwortung der Forschungsfrage stehen exemplarisch Be- triebsanleitungen der Soudronic AG (Schweiz) mit weltweitem Exporthin- tergrund. Auszüge verschiedener Themen aus verschiedenen Betriebsanleitungen unterschiedlicher Komplexität, beschrieben als Text-Bild-Darstellung, werden Videos und Animationen gegenübergestellt, die genau die gleiche Thematik beinhalten.

1.2.7 Methode und Vorgehensweise

Eine wissenschaftliche Befragung kommt aus folgenden Gründen nicht in Betracht:

- Die zu befragende Zielgruppe ist bezüglich der Erfahrung mit beweg- ten Bildern in Anleitungen zu heterogen.
- Die daraus gewonnene Stichprobe muss über einschlägige Erfahrung mit beiden medialen Darstellungsweisen verfügen und ist daher wahr- scheinlich sehr klein.
- Die didaktische Gestaltung der Text-Bild-Darstellungen und der

Bewegtbild-Darstellungen, die den Erfahrungshintergrund der Stichprobe darstellen, ist womöglich so unterschiedlich, dass eine Beurteilung nur durch Auswerten von Antworten eher vom Zufall als durch Objektivität geprägt sein dürfte.

Für die Beantwortung der Forschungsfrage muss ein und dasselbe The- ma in beiden Darstellungsformen beschrieben sein. Der Autor konnte je- doch keine Betriebsanleitung finden, die so etwas bietet. So ist davon auszugehen, dass Betriebsanleitungen des Maschinenbaus in den selten- sten Fällen ein und dasselbe Thema in verschiedenen Darstellungsfor- men präsentieren.

Als geeignete Methode wird das Experiment, genauer das Feldexperi- ment, gewählt. Die betrieblichen Voraussetzungen sind dafür in beschei- denem Mass gegeben. Für ein Laborexperiment, bei dem sich die Störgrössen besser kontrollieren lassen, fehlen dem Autor die nötigen Voraussetzungen.

Geeignete, bereits als Text-Bild-Darstellung beschriebene Themen in- struktiver und deskriptiver Art werden ausgewählt. Anschliessend wird eine Bewegtbild-Darstellung gleichen Inhalts erstellt. Verschiedene Test- personen werden mit beiden Darstellungsformen konfrontiert. Das Rezep- tionsverhalten und die Ausführung bzw. Beantwortung der beschriebenen Inhalte werden gemessen und ausgewertet.

2 Grundlagen zu Informationsaufnahme und -verarbeitung

2.1 Benutzerdokumentationen von

Maschinenbau-Unternehmen

Betriebsanleitungen des Das Thema dieser Arbeit befasst sich mit Betriebsanleitungen aus dem Maschinenbaus Maschinen- und Anlagenbau. Diese werden im Gegensatz zu Konsumer- produkten, speziell für einen verhältnismässig kleinen Kundenkreis er- stellt. Die "Auflage" solcher Anleitungen ist demzufolge bei Weitem nicht so hoch wie beispielsweise für Heimwerkermaschinen. Der Umfang, die Komplexität und der technische Anspruch sind hingegen wesentlich höher und somit auch die Erklärungsintensität. Wenn sich ein Heimwerkergerät dem Benutzer in grossen Teilen noch logisch erschliesst, so ist das bei Anlagen der Investitionsgüterindustrie anders. In vielen Fällen sind diese Benutzerinformationen sehr textlastig und entsprechend umfangreich. Zu- dem werden diese Anleitungen häufig von spezialisierten Technikern er- stellt, welche die zu vermittelnden Informationen aus der Sichtweise des Experten aufbereiten und darbieten. Dagegen ist der Kreis der Benutzer eher heterogen. Die Bediener, die Einrichter, das Servicepersonal der Kunden und selbst der Kundendienst, Servicemechaniker und Schulungspersonal des Herstellers sind auf die Informationen solcher Betriebsanleitungen angewiesen. Gerade deshalb müssen die Benutzerinformationen des Maschinenbaus verständlich gestaltet sein.

Aber was heisst "verständlich gestaltet"? Wie werden Betriebsanleitungen des Maschinenbaus benutzt? Welche Prozesse laufen bei dem Benutzer einer Betriebsanleitung ab? Der Benutzer muss Text- und Bildmaterial gleichermassen rezipieren und den bestehenden Kontext richtig interpretieren. Wie werden eigentlich die Inhalte und Informationen aufgenommen, verarbeitet und verstanden?

2.2 Lernen und Verstehen

Auf welchen Prinzipien basiert "Lernen"? Ähnliche Prozesse laufen ja auch bei der Benutzung einer Betriebsanleitung ab.

Nach Albert Banduras Theorie des sozial-kognitiven Lernens wird menschliches Verhalten durch Erfahrung, Instruktion und Beobachtung erlernt. Das Lernen durch Beobachtung ist dabei hervorragend. Nach Banduras Ansicht erfolgt der grösste Teil des sozialen Lernens durch Be- obachtung und Imitation (Winkel / Petermann, F./Petermann, S., 2006).

Ähnlich verhält es sich auch bezüglich der Erlangung von Fertigkeiten. Bei der praktischen Unterweisung Auszubildender ist die sogenannte Vier-Stufen-Methode4 die klassische Unterweisungsform. In Stufe 2 steht das Lernen durch Instruktion des Vormachenden und Beobachtung des Auszubildenden im Vordergrund und in Stufe 3 das Nachmachen durch den Auszubildenden (Leischner, 2000).

Bei der Rezeption benutzt der Auszubildende den auditiv-verbalen und den visuell-bildlichen Kanal gleichzeitig. Die instruktiv-vormachende Funktion (Stufe 2) kann auch teilweise von Videos übernommen werden.

(Riempp, 2000)

Die Rezeption gelesener Texte erfolgt von der visuellen Wahrnehmung bis zum Erfassen der Information als Denkprozess oder Erkenntnis auf mehreren Ebenen. Dabei erfolgt die Verarbeitung von der Decodierung der Zeichen über die Worterkennung, Begriffsbildung aus Benennungen und logische Sinnerkennung von Sätzen (Syntaktische Kohärenzstiftung) bis hin zur Erkenntnis des Gesamtinhalts (Semantische Kohärenzstiftung) und der Verknüpfung mit dem Vorwissen auf mehreren Ebenen. Diese Prozesse laufen eher gleichzeitig als nacheinander ab. Erst danach ist die Bildung eines mentalen Modells des Gelesenen möglich (Ballstaedt, 1997).

Mentale Modelle

Wissen und Informationen, Vorstellungskraft und Fantasie werden zur Entwicklung mentaler Modelle benötigt.

"Unter einem mentalen Modell versteht man die geistige Repräsentation eines Realitätsbereiches in einer Form, die mentale Simulationen und Problemlö- sungen erlaubt Ein mentales Modell besteht aus bildlichen und räumlichen Vorstellungen, mit denen man Vorgänge sozusagen geistig laufen lassen kann" (Ballstaedt, 2005)".

Bezogen auf die technische Kommunikation und das Thema dieser Arbeit erstreckt sich der Begriff "Mentales Modell" vor allem auf das Entwickeln einer Vorstellung von Funktionsabläufen und Handlungsprozeduren bei technischen Systemen. Mentale Modelle sind demnach für das Verstehen von Sachzusammenhängen sehr hilfreich.

2.3 Psycholinguistik

Wie werden in Sprache gefasste Gedanken (geschriebene und gespro- chene Texte) produziert, verarbeitet und umgesetzt? Antworten auf diese Frage sind Voraussetzung zur Beantwortung der Forschungsfrage.

Definition "Psycholinguistik oder auch Sprachpsychologie befasst sich damit, wie Men- schen ihre Gedanken sprachlich ausdrücken, wie Menschen sprachliche Aus- drücke in Gedanken umsetzen und wie Menschen lernen, Sprache zum Gedankenaustausch zu verwenden. Im Mittelpunkt des psycholinguistischen Forschungsinteresses steht also der Sprachbenutzer, sein Wahrnehmen, Wissen, Denken und Verhalten" (Rickheit, Sichelschmidt, Strohner, 2002, S. 382). Nach Klaus Rehkämper befasst sich Psycholinguistik mit der Sprachpro- duktion, dem Sprachverstehen und dem Spracherwerb (Rehkämper, 2003).

Denken und Sprechen

Nach Lew Semionowitsch Wygotskij ist das sinnvolle Wort der Mikrokos- mos des Bewusstseins. Das uralte Problem des Zusammenhangs zwi- schen Gedanke und Wort ist bis heute nicht zweifelsfrei gelöst. Davon ausgehend, dass geschriebener Text im einfachen Sinne materialisierte Sprache5 ist, stellte sich schon vor mehr als hundert Jahren die Frage, ob Sprache wiedergegebenes Denken ist und demzufolge Denkprozesse in Schriftform materialisiert werden können. Wygotskij untersuchte bereits in den Dreissiger Jahren die zu der Zeit vorherrschenden aber gegensätzli- chen Meinungen, nach denen einerseits Sprechen lautloses Denken und andererseits Denken ein vom Sprechen abgekoppelter Prozess ist. In sei- nen Forschungen zur Sprachentwicklung bei Kindern begründete er als einer der Ersten die These, nach der Denken und Sprechen verschiedene entwicklungsgeschichtliche Wurzeln haben. Ab einem gewissen Alter wird das Denken sprachlich und die Sprache intellektuell. Es entsteht ein direk- ter Zusammenhang und ist doch nicht dasselbe (Wygotskij, 1934).

Texte setzen für Begriffe immer sprachliche Benennungen voraus. Denk- prozesse können jedoch sprachlich abgekoppelt sein. Eine optische Erin- nerung an ein Objekt kann schon ein Begriff sein, ohne dass eine Benennung nötig ist. Bei der Wiedergabe dieser Information muss eine Benennung (sprachlich) oder Bezeichnung (bildlich) gefunden werden. Erst bei Kenntnis von Begriff und Benennung bildet sich eine mentale Vor- stellung, die an sprachlichen Denkprozessen beteiligt ist. Der Betrachter eines sprachneutralen Films sieht diesen in seinem eigenen Sprachbild. Texte hingegen, obwohl in Muttersprache gesprochen bzw. geschrieben, müssen mehr oder weniger in das eigene Sprachbild übersetzt werden (Wygotskij, 1934).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Denk-Sprach-Modell nach Wygotskij, S. 95

"Das Verhältnis von Denken und Sprache könnte schematisch durch zwei sich überschneidende Kreise dargestellt werden, wodurch gezeigt würde, dass zu einem gewissen Teil beide Prozesse zusammenfallen, nämlich im Gebiet des sogenannten "sprachlichen" Denkens. Aber darin erschöpfen sich weder alle Formen des Denkens noch des Sprechens" (Wygotskij, 1934, S.95).

Ein grosses Gebiet des Denkens hat keine direkte Beziehung zur Sprache. Die sogenannte praktische Intelligenz, wie technisches Verständnis und Werkzeugdenken, gehört z. B. dazu (Wygotskij, 1934).

Die sprachliche Mitteilung des Wortes transportiert nicht die Bedeutung an sich, sondern aktiviert nur bereits vorhandene Bedeutungselemente (Wy- gotskij, 1934). Sind diese nicht vorhanden, so sind die Worte und auch de- ren Bedeutung fremd, eben Fremdworte oder eine fremde Sprache. Bei emotionsbetonenden Elementen der menschlichen Sprache (Lauten) ist es anders. Sie werden mehr oder weniger international verstanden. Die Sprache der Tiere innerhalb einer Art ist dafür ein gutes Beispiel. Diese international verständlichen Elemente transportieren geschriebene Texte nicht.

Dass höher entwickelte Tiere zum Informationsaustausch eine "Sprache" benutzen war auch zu Wygotskijs Zeiten nicht mehr umstritten. Deren Ge- bärden- und Lautsprache dient quasi als Ersatz verbaler Informationsver- mittlung oder sogar Instruierung. Auch menschliche Sprache kann von Tieren in begrenzter Weise verstanden werden. Hunde verstehen bei ent- sprechender Konditionierung sehr wohl den Sinn einzelner Worte (Be- griff-Benennung), können diese aber verbal nicht wiedergeben. Beim Papagei kann es auch umgekehrt sein.

Der Mensch mit seinem wesentlich komplexeren Vorstellungsvermögen, dem Zeichen höherer Intelligenz, bildete als soziales Wesen eine Art des Sprechens aus, die den gestiegenen Ansprüchen seiner geistigen Fähig- keiten Rechnung trug. Demzufolge ist das Denken primär und das Spre- chen sekundär (Wygotskij, 1934).

2.4 Textlinguistik

Bevor es die Textlinguistik als Wissenschaft gab, wurden bereits Texte nach Klassen (z. B. bei Gesetzestexten) und Gattungen (z. B. der Literatur) eingeteilt (Heinemann, M. / Heinemann, W., 2002).

Die Textlinguistik ist eine noch junge Teildisziplin der Linguistik und be- fasst sich mit den Strukturen und Eigenschaften von Texten zur Abgren- zung und Klassifizierung oberhalb der Satzebene (http://de.wikipedia.org/ wiki/Textlinguistik).

"Unter Text wird eine zusammenhängende, mündliche oder schriftliche, mo- nologische oder dialogische Äusserung verstanden, die gewöhnlich mehr als einen Satz umfasst. Zusammenhängend heisst dabei, dass ein Text keine An- einanderreihung beliebiger Einzelsätze ist, sondern eine Struktur besitzt, die den Text zu einem sinnvollen Ganzen macht" (http//wiki.infowiss.net/ Text_und_Bild., 2009, S. 1).

2.4.1 Einteilung von Texten

Diese Arbeit befasst sich mit dem Ersatz von Texten in Betriebsanleitun- gen des Maschinenbaus durch nonverbale Informationsträger. Die Hete- rogenität einer Betriebsanleitung bezüglich der Informationen und der Ziele, die mit diesen Informationen verfolgt werden, erfordert im Vorfeld eine Unterscheidung der Texte bezüglich ihres Anliegens (Textfunktion). Da es im Rahmen dieser Arbeit um Textsorten geht, wird die Thematik der Textklassen und Texttypen zum besseren Verständnis nur kurz erwähnt. Die Sprachwissenschaft ist sich heute weitgehend darüber einig, Texte in Textklassen, Texttypen und Textsorten aufzuteilen. Uneinigkeit herrscht jedoch nach wie vor darüber, wie die Hierarchisierung, Definition und Ab- grenzung vorgenommen wird.

Dabei stehen die Textklassen hierarchisch über den Texttypen und Texts- orten. Textsorten bilden demzufolge nur eine Teilmenge von Textklassen (Heinemann, M. / Heinemann, W., 2002).

Nach Heinemann / Heinemann gilt folgende Hierarchie für die Abstufung: Die unspezifische Gesamtmenge von Texten einer Gattung kann als Text- klasse bezeichnet werden.

Generelle, grob umrissene und demzufolge mit wenig Gemeinsamkeiten ausgestattete Texte innerhalb eines grossen Geltungsbereichs und einer hohen Abstraktionsstufe gelten für Texttypen.

Basisklassen von Texten mit vielen konkreten Merkmalen, geringem Gel- tungsbereich und niedrigerer Abstraktionsstufe werden als Textsorten be- zeichnet.

2.4.2 Textsorten

Betriebsanleitungen im Maschinenbau bestehen entsprechend EN 62079 aus Kapiteln, die sehr unterschiedliche Themen behandeln. Demzufolge lässt sich vermuten, dass verschiedene Textsorten zum Einsatz kommen. Nach Heinemann / Viehweger (1991) befinden sich Textsorten auf der un- teren Ebene der Textbausteinhierarchie. Was jedoch die Definitions- und Klassifizierungsproblematik betrifft, so ist die bisherige Forschung bei der Vielfalt der Definitionsansätze von einer einheitlichen Definition noch im- mer weit entfernt.

"Der Begriff der Textsorte gehört zu den zentralen und zugleich am heftigsten umstrittenen Beschreibungskategorien der Textlinguistik. Sowohl theoretisch (in den Textsortenkonzepten) als auch empirisch (in den Textsortenklassifika- tionen) ist der Diskussionsstand vor allem durch konkurrierende Vorschläge und offene Fragen gekennzeichnet. Trotz vielfältigster Modelle scheint die Textsortenforschung heute eher auf der Stelle zu treten." (Schröder, 2001, S. 253).

Durch unterschiedliche Typologisierungskriterien und deren teilweise Ver- mischung in sprachliche, situative und funktionale Elemente ist bisher kei- ne klare Klassifizierung erfolgt. Texttypologien sollten demnach als Klassifikationssysteme gestaltet werden, in die mehrere Einzeltypologien integriert sind (Heinemann, M. / Heinemann, W., 2002).

- Nach Ermert (1979) wird eine Textsorte aus einer Menge von virtuel- len Texten nach bestimmten Kriterien gemeinsamer Eigenschaften bestimmt. Die Festlegung der Eigenschaften und die Zuweisung kon- kreter Textbeispiele liegen einer Textsorte zugrunde (Ermert in: Vater, Einführung in die Textlinguistik, 2001).
- Beaugrande/Dressler (1981) sehen in einer Textsorte eine effiziente Methode für Produktion, Vorhersage und Verarbeitung einer textuel- len Entscheidung (Beaugrande / Dressler in: Heinemann, M. / Heinemann, W., 2002).
- Gläser (1990) versteht unter Textsorte ein historisch entstandenes, gesellschaftlich akzeptiertes und allgemein beherrschtes Textbil-
dungsmuster zur sprachlich-kognitiven Verarbeitung eines Sachver- halts (Gläser in: Heinemann, M. / Heinemann, W., 2002).
- Heinemann / Viehweger (1991) gehen von einem gemeinsamen Wis- sen und Durchschnittserfahrungen um Textstrukturen innerhalb einer

Gemeinschaft aus, die in einer Kombination von elementaren Merk- malen die spezifischen Aspekte einer Textsorte darstellen. Diese all- gemein akzeptierten Benutzungskriterien der Textstrukturen nennen die Autoren "Textsortenwissen" (Heinemann / Viehweger, 1991).

- Rolf (1993) sieht in Textsorten Problemlösungsmuster, mit denen bestimmte, mit sprachlichen Mitteln verfolgte Ziele angestrebt werden können (Rolf, 1993).
- Virtuelle Phänomene, die wegen der "Vagheit und Variabilität kogniti- ver Operationen und Prozeduren" nicht exakt festlegbar sind, aber von Individuen durch Vergleich konkreter (und virtueller) Textexem- plare auf der Grundlage bestimmter stereotyp auftretender Merkmale als Abstraktionsklassen konstituiert werden, verstehen Heinemann / Heinemann als Textsorte (Heinemann, M. / Heinemann, W., 2002).

Dies sind bei Weitem nicht alle Definitionen für Textsorten und so lässt sich schon erahnen, wie vielseitig und vielschichtig erst die Klassifizierungskriterien sind.

2.4.3 Kriterien für die Textsortenklassifikation

Um diese Arbeit in Grenzen zu halten, werden nur Kriterien zur Klassifika- tion der in Betriebsanleitungen vorkommenden Textsorten herausgear- beitet.

Je nach sprachwissenschaftlichem Ansatz gibt es die verschiedensten Klassifizierungsmethoden. Die Kriterien sollten dabei auf das Ziel der Klassifikation ausgewählt werden.

In der Sprachwissenschaft trifft man dabei hauptsächlich auf einen text- grammatischen Ansatz, einen merkmalsorientierten Ansatz oder einen funktonal-kommunikativen Ansatz.

Die Klassifizierungen erfolgen z. B.nach:

- Gegenstand und Zielsetzung
- Typen von Teiltexten innerhalb von Texten oder
- den Kriterien der Kommunikationsform (Vater, 2001) Vater hält dabei den funktonal-kommunikativen Ansatz für vielverspre- chender als z. B. den textgrammatischen Ansatz. Auch für den Bereich der Betriebsanleitungen scheinen die textgrammatischen Modelle nicht geeignet, da die grammatikalische Form ein und desselben Themas durchaus unterschiedlich sein kann bzw. völlig verschiedene Textsorten in gleicher grammatikalischer Form dargelegt werden können. Die folgen- den, sehr grob umrissenen Beispiele sind nur einige der infrage kommen- den Klassifizierungsmodelle für eine Textsortenbestimmung in Betriebsanleitungen.

Nach Helbig beziehen sich die Kriterien auf Prozesse der Textbildung in einer jeweiligen Situation, z. B. "Spontan / Nichtspontan" oder "Monolo- gisch / Dialogisch". Aber auch die "Modalität der Themenbehandlung" (z. B. deskriptiv, argumentativ) oder "Gesprochen / Geschrieben" werden als Kriterien der Textsortenbildung angesehen. Obwohl diesem Modell viele Kriterien zugrunde liegen, unterscheidet Helbig nur vier Textsorten,

nämlich: Buch, Vortrag, Alltagsdialog und Diskussion (Helbig in: Vater, Einführung in die Textlinguistik, 2001).

Textsortenkriterien nach Helbig

Gebrauchstexte

Gebrauchstextsorten

1. monologisch - dialogisch (abwechselnd)
2. spontan - nicht spontan
3. Partner präsent - Partner nicht präsent
4. Anzahl der Sprechpartner
5. Zugehörigkeit der Sprechpartner zu bestimmten Gruppen
6. gesprochen - geschrieben
7. Modalität der Themenbehandlung
8. Grad des kommunikativen Aufwandes

Klassifizierung nach Gebrauchstextsorten (Rolf)

Auch Eckard Rolf (1993) sieht in der Textsorte ein musterhaft, allgemein akzeptiertes und benutztes Problemlösungsmittel um ein "Anliegen mit Hilfe sprachlicher Handlungen zu bewältigen"(Rolf, 1993, S. 1).

Gebrauchstexte sollen bei ihren Adressaten bezüglich ihres Wissens, ih- res Glaubens, ihrer Handlungen, ihrer Orientierungen oder ihrer Gefühle eine Veränderung bewirken oder Prozesse auslösen.

Die Frage, welches Ziel der Textproduzent bei der Herstellung und Ver- wendung von Gebrauchstexten verfolgt, veranlasst ihn die dafür geeigne- ten Textsorten zu benutzen. Rolf unterteilt diese in fünf Hauptklassen.

- Assertive Textsorten (informierend bezüglich des Adressatenwis-
sens)
- Direktive Textsorten (instruierend bezüglich des Verhaltens und der Handlungen des Adressaten)
- Kommissive Textsorten (orientierend bezüglich Verhaltens des Adressaten für ein zukünftig eintretendes Ereignis)
- Expressive Textsorten (einwirkend auf den emotionalen Zustand des Adressaten)
- Deklarative Textsorten (sach- und personendimensionierend bezüg- lich Status und Geltung)

Danach würden für Betriebsanleitungen hauptsächlich assertive und direktive Textsorten zum Einsatz kommen.

Diese Hauptklassen werden in Unterebenen weiter aufgelöst. Dies führt letztlich zu einer sehr hohen Anzahl unterschiedlicher Textsorten.

"Mag die Anzahl der Texte auch ungeheuer gross sein; die Menge der Texts- orten, denen die einzelnen Texte zuzuordnen sind, weist eine deutlich gerin- gere Mächtigkeit auf. Dennoch ist sie recht umfangreich. Im Bereich der deutschen Sprachgemeinschaft übersteigt die Zahl der lexikalisierten Be- zeichnungen für Textsorten die Zahl 2000 deutlich" Rolf, 1993, S. 165).

Beispiel Aufteilung in Untersorten

Aufgrund der hohen Zahl verschiedener Textsorten, wird hier nur ein Auf- lösungsstrang bis zur vorletzten Stufe dargestellt.

Emittierende Admittierende Registrierende Judizierende Disputierende Orientierende Inzitierende ASS 1 ASS 2 ASS 3 ASS 4 (12 Textsorten) (10 Textsorten) (14 Textsorten) (56 Textsorten) z. B.

Schreckensbotschaft Schreckensmeldung Schreckensnachricht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Übersicht Gebrauchstextsorten (Rolf, 1993)

Klassifizierung nach Gebrauchstextsorten (Sandig)

Die Gebrauchstextsortenklassifikation nach Sandig orientiert sich dage- gen an sozial genormten Merkmalen in einer schriftlichen oder mündli- chen Gesprächssituation. Neben Kriterien wie Spontan / Nichtsponta n oder Monologisch / Dialogisch ist aber auch die sprachliche Form des Textanfangs und des Textendes, der Status des Kommunikationspartners oder die Festlegung der Thematik ein Kriterium ( Heinemann / Viehweger, 1991, zit. nach: Sandig, 1972).

Tab. 1 Textsortendifferenzierung nach Barbara Sandig

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einen Neuansatz auf dem Gebiet der Klassifikation von Texten wagten Heinemann / Vieweger (1991) mit einem Modell, bei dem eine multidimen- sionale Zuordnung von Textformen nach ihrer typischen Einsatzart erfolgt. Dieses multidimensionale Modell unterscheidet fünf Typologisierungs- ebenen: Funktionstypen, Situationstypen, Verfahrenstypen, Strukturie- rungstypen und Formulierungsmuster (Abb. 4). Die Textsorten ergeben sich als Kombination dieser Einzeltypen und stehen in Beziehung zuein- ander. Zudem wird eine Gewichtung der Ebenen bezüglich unterschiedli- cher Textsorten vorgenommen (Heinemann / Viehweger, 1991).

Typologisierungsebenen

1 Funktionstypen
2 Situationstypen
3 Verfahrensstypen
4 Text-Strukturierungstypen
5 prototypische Formulierungsmuster

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Text-Typologisierungsebenen (Heinemann / Viehweger, 1991)

Für Betriebsanleitungen kommen hauptsächlich Funktionstypen und Verfahrenstypen infrage.

Die elementare Funktion von Texten, nämlich der, sich ausdrücken zu wollen, wird hier als oberste Funktion gesehen. Unterhalb davon gliedern sich hierarchisch die Funktionen des Kontaktierens von Personen, des In- formierens von Personen und schliesslich des Steuerns, also Personen zu veranlassen, etwas zu tun. Als fiktive Zusatzfunktion wird in diesem Modell der Wunsch des Textproduzenten gesehen, ästhetisch zu wirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 Elementare Textfunktionen (Heinemann / Viehweger, 1991)

Auf Betriebsanleitungen treffen vor allem die Funktionen Informieren und Steuern zu.

Informierende Texte Texte, die der Informationsvermittlung dienen, werden als Informations- texte bezeichnet.

"Dieser grundlegenden Funktionsklasse ist die weitaus grösste Zahl aller Textvorkommen zuzuordnen, sodass diese Grundfunktion lange Zeit mit dem Kommunizieren schlechthin -bei Vernachlässigung der anderen elementaren Funktionen- identifiziert wurde" (Heinemann / Viehweger, 1991, S. 151).

Heinemann / Viehweger unterteilen die informationsvermittelnden Texte je nach ihrer Spezifik in drei grosse Gruppen. Für Betriebsanleitungen ist nur die dritte Gruppe zutreffend:

- Für den Adressaten werden neue oder relevante Sachverhalte der Wirklichkeit vermittelt. Der Rezipient soll die vermittelten Informatio- nen für sein zukünftiges Verhalten oder Handeln nutzen.

Steuernde Texte Die Intention, auf das Handeln des Adressaten einzuwirken, veranlasst den Textproduzenten, steuernde Texte zu produzieren.

Dabei wird zwischen Texten, die den Adressat zu Handlungen verpflichten (z.B Gesetzestexte, Anweisungen usw.) und Texten, die dem Adressat die Wahl zur Ausführung (z. B. Anleitungen, Instruktionen usw.) lassen, unterschieden.

Die Intention des Textproduzenten, den Adressaten mit einem bestimm- ten Anliegen zu erreichen, setzt strategische Entscheidungsprozesse be- züglich des "Textherstellungsverfahrens" in Gang.

Heinemann / Viehweger unterscheiden dabei in:

- Textentfaltungsprozesse, die sich auf das "Was" bezüglich des Infor- mationsumfangs beziehen
- Strategische Verfahrensschritte, die sich auf das "Wie" der Informati- onsvermittlung beziehen
- Taktisch-spezifizierende Einzelverfahren, die der Verstärkung einer Verfahrensentscheidung dienen

Die kommunikative Funktion technischer Texte stellt Göpferich in den Vor- dergrund. Dazu werden die Funktionen der vier Fachtexttypen in drei Hier- archiestufen klassifiziert. Der kommunikative Zweck der Vermittlung technischer Informationen steht dabei im Vordergrund und bestimmt de- ren Gestaltung. Demnach orientieren sich die Differenzierungskriterien auch an den kommunikativen Funktionen. In weiterer Auflösung und Dif- ferenzierung wird in Primär- und Sekundärtextsorten unterschieden. Da- bei bezieht sich Göpferich auch auf Textsorten, mit denen Technische Redakteure befasst sind.

"Das sind die instruktiven Textsorten ’Anleitung’ und ’Tutorial’ sowie die de- skriptive Textsorte ’technische Beschreibung’ "(Göpferich, 1998, S. 89).

Als Primärtextsorte werden komplette Werke oder Literatur nach ihrer Hauptfunktion betrachtet, unter anderem auch die Primärtextsorte "Anlei- tung". Dafür wird die "Anleitung" in eine Makrostruktur gegliedert und in "Textteile" (Kapitel) unterschieden.

"Sobald der Leser erkennt, welche Textsorte ihm vorliegt, aktiviert diese Textsorte in seinem Gedächtnis das entsprechende Makrostrukturschema, sofern er mit der Textsorte vertraut ist." (Göpferich, 1998, S. 101).

Diese Textteile werden jedoch nicht als Sekundärtextsorten betrachtet, sondern sind weiterhin Bestandteil der instruktiven Primärtextsorte ’Anlei- tung’. Lediglich zusätzliches Referenzmaterial, Übersichten und Anderes, das nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Anleitung steht, gelten als Sekundärtextsorten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6 Textsortenspektrum der Technik (Göpferich, 1998)

Keines der bisher studierten Modelle zur Textsortenklassifikation lässt sich klar und eindeutig auf Betriebsanleitungen anwenden. Aus ihnen lässt sich nicht schliessen, welche Textsorten hauptsächlich in Betriebsanleitungen Verwendung finden.

Die Textsortendefinition im Studiengang "Technische Redaktion" der Karlsruher Universität verfolgt einen zweckorientiert-funktionalen Ansatz ähnlich dem multidimensionalen Ansatz von Heinemann / Viehweger. Je- doch liegt die Priorität auf dem Zweck und der Funktion, also dem was der Text bewirken soll. Für Betriebsanleitungen scheint diese Definition sehr geeignet zu sein.

Lerninhalte zum Fach "Textproduktion" Die Lernkarteikarten zur Vorbereitung auf die Klausur "Textproduktion" im Studiengang "Bachelor of Arts" in Technischer Redaktion an sehen u. a. folgende Fragen und Antworten zum Thema "Textsorten" vor. Die Klausur des Wintersemesters 08 / 09 der Hochschule Karlsruhe Technik und Wirt- schaft war Grundlage zu deren Erstellung.

Tab. 2 Klausurfragen und richtige Antworten, Textproduktion TRB 3, HsKA, Wintersemester 08/09

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a.Quelle: www.karteikarte.com, 2009

2.4.4 Diskussion der vorgestellten Modelle

Bei der Vielfalt der Modelle wurden bewusst solche mit textgrammati-

schem Ansatz ausgeklammert, da diese für eine Klassifizierung der Textsorten in Betriebsanleitungen ungeeignet erscheinen. Trotzdem ist eine klare Klassifikation der Textsorten in Betriebsanleitungen mit keinem der vorgestellten Modelle eindeutig zu bewerkstelligen. Jedes dieser Modelle ist nur teilweise auf die Thematik dieser Arbeit anwendbar.

Das beginnt schon bei der Erwähnung von Texttypen, Textklassen,Textschemata und sogenannten traditionellen Textsorten, deren Kriterien dann zur Textsortenklassifikation herangezogen werden. Jedoch ist die Definition von Texttypen, Textklassen und traditionellen Textsorten genau so unscharf und je nach Ansatz verschieden wie der Begriff der Textsorte selbst. Um dieses Dilemma in den Griff zu bekommen, werden in den meisten Fällen noch weitere sprachwissenschaftliche Zutaten hinzugezogen, die letztlich aber nicht für mehr Klarheit sorgen.

Erstaunlicherweise ist das bedeutende Kriterium Gesprochen oder Geschrieben in nur wenigen der bisher studierten Modelle relevant.

"Bevor Neuansätze auf dem Gebiet der Textklassifikation diskutiert werden, soll ein recht gelungener Ansatz zur Klassifizierung geschriebener und gesprochener Textsorten vorgestellt werden." (Vater, 2001, S. 165).

Einige Modelle sehen in der Art der Literatur bereits die Textsorte selbst. Das mag auf homogene Literatur (z. B. narrative Texte) zutreffen, jedoch hat die Textsorte Gebrauchsanleitung mehr Funktionen, als nur den Ge- brauch eines Produkts zu beschreiben und kann somit in ihrer Heteroge- nität nicht nur eine Textsorte vertreten. Eine weitere Auflösung in Subtextsorten oder Texttypen scheint in dem Fall sinnvoll, oder besteht die Textsorte Gebrauchsanleitung vielleicht aus verschiedenen Texttypen oder Textfunktionen? Das würde die Hierarchie Textklassen→ Textty- pen→ Textsorten infrage stellen. Die Kombination von Textsorten und de- ren Zuordnung auf Typologisierungsebenen stellt hier eine Alternative dar.

Textbildungsprozesse (Helbig)

Die vielseitige Klassifizierungsbasis nach Helbig trifft teilweise auch den Bereich der Betriebsanleitungen. In diesem Modell stellt u. a. die Unter- scheidung in Gesprochen / Geschrieben und die Modalität der Themen- behandlung ein Kriterium dar. Da jedoch letztlich in nur vier echte Textsorten unterschieden wird, lässt die Vielzahl der Kriterien pro Texts- orte diese dann sehr unscharf erscheinen. Somit eignet sich dieses Mo- dell nicht, da als Grundlage zur Textsortenklassifikation für Betriebsanleitungen gerade mal die Textsorte Buch infrage käme.

Die Gebrauchstextsortenklassifikation nach Rolf, siehe S. 17, scheint auf Betriebsanleitungen besser anwendbar zu sein. Die Unterscheidung in fünf Hauptklassen, die in vier Unterebenen jeweils weiter aufgelöst wer- den, trifft vielleicht auch Textsorten, die in Betriebsanleitungen vorkom- men. Es fand sich jedoch keine, die auf Betriebsanleitungen explizit anwendbar wäre. Ausserdem sind die Unterscheidungskriterien und Ab- grenzungen zueinander in der letzten Auflösungsstufe nicht mehr nach- vollziehbar. In der Untergruppe ASS 4 bei den Assertiven Textsorten sind unter 56 verschiedenen Textsorten u. a. eine "Schreckensbotschaft", "Schreckensmeldung" und "Schreckensnachricht" aufgeführt. Was diese drei Textsorten noch unterscheidet, wird nicht erklärt. Eine Auflösung bis zur Benennungsebene ist einfach zu hoch.

Im Gegensatz zu Rolf, geht die Gebrauchstextsortenklassifikation nach Sandig nur unzureichend auf interne, themenbezogene Textstrukturen ein. Obwohl in diesem Modell die Thematik ein Kriterium darstellt, eignet es sich im Rahmen dieser Arbeit nicht zur Klassifikation der in Betriebsan- leitungen vorkommenden Textsorten, da sie zu grob ausfällt. So werden verschiedene Kriterien z. B. auf die Textsorte Brief, Arztrezept oder Ge- brauchsanleitung bezogen, siehe S. 19. Eine weitere Auflösung innerhalb dieser Textsorten sieht dieses Modell nicht vor.

Der multidimensionale Ansatz der Mehrebenenklassifikation, siehe S. 20, welcher sich auf Typologisierungsebenen bezieht, scheint für die vielfälti- gen Funktionen einer Betriebsanleitung am ehesten zuzutreffen.

Eine Klassifikation nach Funktionen der Texte oder Textteile, Funktionsty- pen genannt, ist sinnvoll. Texte in Betriebsanleitungen haben vorwiegend die Funktion informierend und steuernd.

Die Textentfaltung ist bei Betriebsanleitungen zielgruppenabhängig. Be- triebsanleitungen des Maschinenbaus werden für eine relativ homogene und durch spezifisches Grundwissen vorgebildete Zielgruppe erstellt. So- mit erstreckt sich die Textentfaltung auf spezielle Informationen und Ab- läufe. Vom Gesetzgeber vorgeschriebene, der Sicherheit dienliche Informationen müssen unabhängig vom vorausgesetzten Vorwissen in Textform erfolgen. Wie weit die Textentfaltung bei Sicherheitshinweisen zu erfolgen hat, ist in Normen, u.a. nach ANSI und ISO, festgehalten. Si- cherheitshinweise sind jedoch nicht Gegenstand der Untersuchung.

Die Textherstellung für Betriebsanleitungen ist vor allem auf strategischen Verfahrensschritten aufgebaut, um eine zielgerichtete Reaktion beim Adressaten zu bewirken. Die Entscheidung, für ein bestimmtes Anliegen die Information deskriptiv, expositorisch, instruktiv oder argumentativ zu beschreiben, dient der Erreichung dieses Ziels.

Dieser multidimensionale Ansatz zeigt eine sinnvolle Vorgehensweise zur Klassifikation von Textsorten auf. Wie die vorwiegend in Betriebsanleitun- gen enthaltenen Textsorten bezeichnet werden, geht allerdings auch aus diesem Modell nicht hervor.

[...]


[1] Translation Memory System: Programme, die einmal übersetzte Texte (auf Satzebene) mit veränderten und neuen Texten vergleichen und so den neu zu übersetzenden Anteil selektieren. Unberührte Sätze brauchen dadurch nicht neu übersetzt werden.

[2] Content Management System: Meistens datenbankgestützte Systeme, mit denen sich die Inhalte modular verwalten und je nach Anwendungsfall selektieren lassen.

[3] Allgemeine Bezeichnung für berührungssensitive Bildschirme zur Steuerung von Maschinen.

[4] Die Vier-Stufen-Methode ist eine allgemein anerkannte und angewandte Methode zur Unterweisung Auszubildender zwecks Ver- mittlung praktischer, berufsnotwendiger Fertigkeiten. Stufe 1: Vorbereiten des Auszubildenden. Der Ausbilder nennt Thema und Lernziel. Stufe 2: Vormachen und Erklären durch den Ausbilder. Stufe 3: Nachmachen und Erklären lassen durch den Auszubil- denden. Stufe 4: Selbständiges, wiederholtes Ausführen des Erlernten durch den Auszubildenden zur Übung und Festigung.

[5] Natürlich beinhaltet Sprache wesentlich mehr als geschriebener Text. Mimik, Gesten und Stimme tragen vor allem emotionale Informationen. Für Texte komplexer, technischer Art sind solche Metainformationen jedoch wenig relevant. In Sicherheitshinweisen stecken solche Metainformationen z. B. in Piktogrammen.

141 von 141 Seiten

Details

Titel
Textsorten in Benutzerdokumentationen von Maschinenbau-Unternehmen und deren Ersetzbarkeit durch sprachneutrale Informationsträger
Untertitel
Texte sprachneutral ersetzen - Ein Experiment
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
141
Katalognummer
V181068
ISBN (Buch)
9783656041344
Dateigröße
18517 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschreibt den sinnvollen und schlüssigen Aufbau eines Experiments, bei dem augenscheinlich "Äpfel" mit "Birnen" verglichen werden.
Schlagworte
instruktiv, deskriptiv, Bewegtes Bild, Experiment, Variablen, Anleitung, sprachneutral, Operationalisierung, Rezeption, Hypothese, Sprache, Bewegtbild, Film, Test, Testperson, Informationseinheiten, Rezeptionsverhalten, Darstellungen, Informationsträger, Übersetzung, Verständlichkeit
Arbeit zitieren
Oliver-Douglas Beier (Autor), 2011, Textsorten in Benutzerdokumentationen von Maschinenbau-Unternehmen und deren Ersetzbarkeit durch sprachneutrale Informationsträger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181068

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