"Fortunatus" - Kann das Reisen zur Integration in die Gesellschaft verhelfen?


Seminararbeit, 2011

14 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Fortunatus’ Aufbruch
2.1 Motivation und Ausgangssituation
2.2 Das Misslingen der Integration

3 Fortunatus’ erste Reise
3.1 Die Bedingungen
3.2 Das Reisen als ‘Mittel zum Zweck’?
3.3 Realisierung der Integration

4 Fortunatus’ zweite Reise
4.1 Beweggründe
4.2 Fortunatus’ Heimkehr

5 Die Reisen des Andolosias

6 Abschlussbemerkung

7 Bibliographie

1 Einleitung

1509 wurde in Augsburg der Prosaroman Fortunatus[1], welcher in dieser Hausarbeit untersucht werden soll, herausgegeben. Der Text entstand im Spätmittelalter und nimmt Bezug auf den beginnenden strukturellen sozialen Wandel, auf die „frühkapitalistische Wirtschaftsentwicklung“[2] und den Umgang mit Reichtum und somit vor allem Geld. Die Reisen des Protagonisten stehen im Mittelpunkt des Romans. Der Ursprung des Wortes Reisen liegt in dem althochdeutschen Wort rîsan, das so viel bedeutet wie „aufstehen, sich erheben, aufbrechen zu kriegerischer Unternehmung“[3]. Das Thema baut auf dem Hintergrund auf, dass die Reisetätigkeit zunehmend intensiver wurde und die Zeit der Entdeckungsfahrten begann. Es kamen neue Aufbruchsmotivationen zu Tage, dies waren vor allem das Streben nach Erfahrungen, nach ‘experienz’ und der „verwerflichen menschlichen Wissbegier“[4],u auch bekannt unter dem Begriff der ‘curiositas’, der Neugier. Das Reisen an sich ist zu der Zeit keine neue Tätigkeit, lediglich ihre Motive haben sich verändert. Impliziert wird demnach die Nicht-Freiwilligkeit. Üblich waren Kaufmanns- Boten- und Pilgerreisen, jedoch keine Reisen rein aufgrund des Vergnügens oder der Lust.

Es soll in dieser Arbeit untersucht werden, ob ein Mangel an Integration durch das Reisen kompensiert oder gar ganz behoben werden kann.

In den Beschreibungen von Fortunatus Reisen wird deutlich, dass sich der Reisende und Nichtstandesgemäße in rechtlicher und sozialer Unsicherheit befindet. Dies ist auf die feudal strukturierten Gesellschaftskonventionen und deren Rechtsordnung zurückzuführen, die zu der damaligen Zeit noch nach dem Privilegienrecht organsiert waren. Fortunatus wurde in einer Zeit verfasst, in der die bürgerliche Gesellschaft gerade entstand.[5] Das Zusammenspiel von feudalem System und Bürgertum wird deutlich, in dem der Protagonist damit konfrontiert wird, dass in der Feudalgesellschaft eine fixierte Standeszugehörigkeit herrscht, in der das Individuum von Geburt an in ein soziales System integriert ist und die soziale Identität somit vorgegeben ist.[6] Fortunatus muss sich seine soziale Identität aktiv durch eigene Leistung gestalten, um sich in der Gesellschaft zu integrieren, die zu seinem ursprünglichen Stand passt, welcher wiederum adäquat zu seinem natürlichen Status und auch seinem Besitz ist. Welchem Stand Fortunatus’ Familie zugehörig ist, ist aus dem Text nicht ganz ersichtlich. „Ain edler purger/ altz herkommens “(S.5)(ein edler Bürger alter Abstammung),so wird sein Vater Theodorus beschrieben, während Fortunatus „nit ain geborner edelman was“(S.50)(er war kein geborener Edelmann). In den folgenden Überlegungen soll jedoch davon ausgegangen werden, dass er aus einem adeligen Geschlecht stammt.

In dieser Hausarbeit möchte ich folgenden Fragen nachgehen: Ist Fortunatus’ Ziel die Integration, wenn er sagt: „es ist noch vil glüks in diser welt“(S.8) (es ist noch viel Glück auf dieser Welt)? Tritt das Reisen oder materieller Besitz als Mittel zur Integration in Kraft?[7] Oder dienen die Reisen nur der Legitimation des Geldes? Anhand des Textes soll chronologisch herausgearbeitet und belegt werden, welche Voraussetzungen Fortunatus gegeben sind, welche Motive seinen Reisen zu Grunde liegen, ob Integration erfolgt oder wie er mit seinem Scheitern umgeht. Komprimiert werden Andolosias Beweggründe zur Reise, und auch sein Scheitern dargestellt.

2 Fortunatus’ Aufbruch

Im Folgenden soll der Auszug Fortunatus’ aus seinem Elternhaus untersucht werden . Obwohl Fortunatus quer durch Europa reist, wird dies nicht explizit als Reisen tituliert.[8] Seine ersten Reisen nach Flandern, London und in die Bretagne werden unter dem Begriff des Auszugs zusammengefasst, da diese sich bedeutend von den nächsten, großen Reisen unterscheiden, was im Verlauf der Arbeit weiter thematisiert wird.

2.1 Motivation und Ausgangssituation

Fortunatus’ Situation zu dem Zeitpunkt seines Auszuges ist durch soziale Unsicherheit und finanzielle Mittellosigkeit gekennzeichnet, welche aus dem verschwenderischen Lebensstil des Vaters resultieren. Die den feudalen Konventionen angepasste Lebensführung des Vaters wird wie folgt beschrieben:

Doch fieng er [Theodorus] an widerumb sein alt wesen zu haben mit stechen turnieren /vil knecht / costliche roß / rait dem künig zu hoff / ließ weib und kind und fragt nit wie es gieng / hewt verkaufft er ainen zinß /den andren tag versatzt er ain gelegen gutt. das traib er so lang und vil biß das er nicht mer zu verkauffen noch zu versetzen hett/und kam also zu armut/ (S.6f.)

(Doch fing er wieder an alten Gewohnheiten zu verfallen, wie Turniere bestreiten, hatte viele Knecht, teure Pferde, reitet mit dem König zu Hofe. Lässt Frau und Kind allein und fragt nicht wie es ihnen geht. Heut verkauft er einen Zins, morgen ein Gut. Das treibt er so lange bis er nichts mehr zu verkaufen hat und kam so zu Armut.)

Er verliert nicht nur sein materielles Gut, sondern auch sein Ansehen und seinen sozialen Halt und klagt „auch das mich alle die verlassen haben/ mit den ich mein gut so miltigklich getailt hab/ den selben byn ich yetz ain unwerder gast.“(S.7f.) (auch das mich all die verlassen haben, mit denen ich mein Hab und Gut so gpütig geteilt habe, den selben bin ich jetzt ein ungerne gesehener Gast) Die Familie lebt isoliert, der Verlust an Integration scheint für Fortunatus in Famagusta nicht revidierbar zu sein, so dass der Auszug eine notwendige Konsequenz und auch zugleich, eine Möglichkeit zur aktiven, selbständigen Gestaltung seines Lebens und seiner sozialen Identität darstellt. „Beides wird gestaltet, die Freiheit von Bindungen und damit die Fähigkeit zu Selbstgestaltung des eigenen Lebens steht neben der verlorenen Sicherheit und der schmerzhaften Erfahrung, auf sich allein gestellt zu sein“[9]. Nicht nur die finanzielle Notlage bewegt Fortunatus zu dem Schritt, sondern der Auszug macht es möglich dem Bedauern des Vaters über das eigene Fehlverhalten zu entfliehen: aller liebster vater laß von deinem trauren und sorg gantz nichts für mich / Ich byn jung / starck unnd gesund / ich will gan in frembde land und dienen. (S.8) (liebster Vater, hör auf zu trauern und sorge dich nicht um mich. Ich bin jung, stark und gesund. Ich will in fremde Länder gehen und dienen) Was er an Fähigkeiten von zu Hause, aus seiner Erziehung mitnehmen kann, ist minimal. Fortunatus „kund nichts dann ploß ainen namen schreiben und lesen“(S.7).(Er konnte nichts außer einen Namen schreiben und lesen) Von seinem Vater bekam er adelige Tätigkeiten vermittelt, die nur in eben dieser Gesellschaft zur praktischen Anwendung kommen können.[10] „Die vorher traditionellen, ständischen Eigenschaften werden nun, nach der Freisetzung des Fortunatus (…), seine eigenen, individuellen, von denen aus er sein Ziel formulieren kann“[11]. Als sein Ziel konstituiert er das „glüks in diser welt“(S.8) (das Glück in dieser Welt) zu finden, zur Umsetzung und Erreichung dessen, überlegt Fortunatus: „o mocht ich ain knecht werden des herren [Graf von Flandern] /mitt ym farenn so verr das ich nit mer gen Cipern moht kommen“.(S.9) (Ich möchte ein Knecht des Grafen von Flandern werden, mit ihm fahren so weit, dass ich nicht mehr nach Cypern zurück komme) Zum Ausdruck kommt diesbezüglich auch sein Wille zur Tätigkeit des Dienens. Der Hinweis auf die Freilassung seines Falken (S.10) akzentuiert den Wunsch nach Veränderung und wird durch die plötzliche Abreise, die ohne Abschiednahme statt findet (S.10), verdichtet. Das erklärte Reisemotiv, die Notwendigkeit seiner Ausreise, knüpft stark an die im Mittelalter gängigen Reisemodelle an, die sich im Allgemeinen durch Zwang und Pflicht auszeichneten.

2.2 Das Misslingen der Integration

Fortunatus versucht sich, als Knecht des Grafen von Flandern, im Londoner ‘Vergnügungsviertel’ und als ‘Angestellter’ des Kaufmanns Jeronimus Roberti, in die jeweils existierenden Milieus zu integrieren. Anfangs scheint seine Absicht, sich in den gesellschaftlichen Bereichen zurechtzufinden und einen Stand zu beziehen, zu glücken. Beim Grafen gewinnt er schnell, durch Einsatz seiner höfischen Fähigkeiten, an Ansehen und setzt sich somit unwissentlich dem Neid der anderen aus. Als er bei einem Turnier den wertvollen Preis, der „bey hundert Cronen werdt was“ (S.12), (der hundert Kronen wert war) gewann „do hub sich erst groß neid und haß / unnd allermeist under des graffen vonn Flandern diener“(S.13).(Da schuf er sich großen Neid und Hass, am allermeisten unter den Dinern des Grafen von Flandern) Denn „Knecht an einem feudalen Hof zu sein, das bedeutet Integration in eine festgelegte Hierarchie mit genau definierten Rechten und Pflichten, und aus diesem unveränderlichen Status folgt auch soziale Sicherheit“[12]. Aus dieser Struktur löst er sich, indem er durch seinen individuellen Leistungen und Fähigkeiten, die anderen übertrumpft und sie somit herabsetzt. Veranlasst durch deren Intrige, die der blauäugige Fortunatus nicht durchschaut, bleibt für ihn als einzige Perspektive die Flucht unter Preisgabe der errungenen sozialen Existenz. Die standesgemäße Erziehung des Vaters und die somit erworbenen Fähigkeiten, haben ihm somit mehr geschadet, als geholfen. Von seinem gesuchten Glück ist er immer noch weit entfernt, wieder isoliert, und bereichert um die zusätzlichen Erfahrung des Scheiterns, gerät Fortunatus nach London. Dort begibt er sich mit zwei Kaufmannssöhnen in die Kreise Prostituierter, von deren Zuhältern er, nachdem er „alles verthon mit schonen frawen“(S.23) (er hat alles mit schönen Frauen vertan/ ausgegeben) als Narr bezeichnet wird. „Die Folge von Unerfahrenheit, geringem Weltwissen, Ungehorsam und mangelnder Selbstzucht“[13] zwingt Fortunatus seinen Versuch, sich im städtischen Milieu zu integrieren, zu verwerfen. Seine wieder eingesetzte Isolation und Armut wird im Text gleich doppelt artikuliert: „Als Fortunatus allain was on gelt [...]“(S.24) (als Fortunatus alleine war, ohne Geld), „Do Fortunatus also verlassen was [...]“(S.25) ( Da Fortunatus also verlassen war). Auch der Aufenthalt und Dienst bei seinem letzten ‘Arbeitgeber’ Jeronimus Roberti weist sich vorerst als erfolgreich aus. Seine verantwortungsvollen Tätigkeiten „vollendet er gar wol“ (S.25) (bewältigt er gut). Aber wieder muss Fortunatus sich externer Zwänge beugen. Nicht durch seine eigene List sondern durch Zufall entrinnt er nur knapp dem Galgen(S.37). Er entkommt zwar der sozialen Bedrohung, aber nach erfolgloser Arbeitsuche irrt er einsam durch einen Wald „mit grossem hunger unnd sorgen so er het vonn den wilden thieren / [...] /ward er gar mud und kraftloß/ wann er het zwaien tagen nicht geessen het“(S.43).(mit großem Hunger und Sorgen die er wegen den wilden Tieren hatte, war er gar müde und kraftlos, da er zwei Tage lang nichts gegessen hatte) Sinnbildlich werden seine Isolation, und seine Hilflosigkeit, die er auf seiner Reise in der bürgerlichen sowie feudalen Gesellschaft erfahren musste, in dieser Waldszene dargestellt. Dreimal versucht er sich eine ihm adäquate Existenz in der Gesellschaft zu konstituieren und scheitert jeweils an seinen Voraussetzungen, seiner unangemessenen Erziehung, mangelnder Erfahrung und materiellem Besitz. Einerseits ist er „unfähig zur reflektierten Einsicht in die Notwendigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse“[14] und bleibt ihnen deshalb ausgeliefert, anderseits erfährt er, dass in einer vorwiegend feudal strukturierten Gesellschaft allein eigenen Leistungen nicht zum Gelingen einer Integration reichen.[15] Vorerst stellt das Reisen noch keine Möglichkeit zur Verwirklichung einer Integration in die Gesellschaft dar.

[...]


[1] Fortunatus. Studienausgabe nach der Editioprinceps von 1509. Hg. von Hans-Gert Roloff, Stuttgart 1981 u.ö. (RUB 7721).Wenn im Folgendem aus diesem Text zitiert wird, erscheint die Seitenangabe eingeklammert unmittelbar nach dem Zitat.

[2] Raitz,Walter: „Fortunatus“, München 1984(UTB), S.93.

[3] Ohler,Norbert: Reisen im Mittelalter, München 1986, S.12.

[4] Kästner, Hannes: Peregrinatormundi.,S.67

[5] vgl. Raitz( 1984), S.71.

[6] vgl. Bachorski, Hans-Jürgen: Geld und soziale Identität im „Fortunatus“, S.113ff. Die Detaillierung dieses Gesellschaftsbildes ist meines Erachtens zu umfangreich für diese Arbeit. Ich gehe hier davon aus, dass feudale Strukturen vorwiegend noch vorhanden waren, aber sich schon bürgerlicher Handlungsspielraum etablierte.

[7] vgl. Bachorski (1983), der in seiner Dissertation ausführlich, Geld als das Gestaltungsmittel zur Herstellung sozialer Identität und gesellschaftlicher Integration, untersucht und belegt.

[8] vgl. Raitz, Walter: Zur Soziogenese des bürgerlichen Romans. Eine literatursoziologische Analyse des „Fortunatus“, Düsseldorf 1973(Literatur und Gesellschaft 19),S.53.

[9] Bachorksi(1983),S.121.

[10] Raitz(1973),S.56 Bezeichnet werden sie hier , als körperliche Fähigkeiten, die eine Kategorie des feudalem Individualitätsmerkmal, das er als die Körperlichkeit definiert, dargestellt. Fortunatus betreffend, zeigt er auf ,dass„ Körperlichkeit einziges Konstituens seiner Individualität und singulär“ ist.

[11] Bachorski(1983),S.41.

[12] Bachorski(1983),S. 48.

[13] Kästner(1990),S.38.

[14] Raitz(1973),S.57.

[15] vgl. Bachorski(1983),S.50

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
"Fortunatus" - Kann das Reisen zur Integration in die Gesellschaft verhelfen?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V181084
ISBN (eBook)
9783656042112
ISBN (Buch)
9783656041870
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fortunatus, kann, reisen, integration, gesellschaft
Arbeit zitieren
Sabrina Neuhof (Autor), 2011, "Fortunatus" - Kann das Reisen zur Integration in die Gesellschaft verhelfen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181084

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