Liebesdiskurs in der Erzählprosa von Muschg

Rezension über den Erzählband „Wenn es ein Glück ist. Liebesgeschichten aus vier Jahrzehnten“ von Adolf Muschg. Frankfurt am Main 2008.


Essay, 2008

6 Seiten


Leseprobe

Rezension über den Erzählband „Wenn es ein Glück ist. Liebesgeschichten aus vier Jahrzehnten“ von Adolf Muschg. Frankfurt am Main 2008.

Muschg hat die Geschichten für diesen Erzählband selbst ausgewählt. Dreiundzwanzig Erzählungen aus den Jahren 1968 bis 2003 sind chronologisch aneinander gefügt. Dabei ist die erste Schaffensphase des Autors - bis Anfang der achtziger Jahre - zahlenmäßig überlegen, was auch dem Verhältnis der Erzählprosa im Gesamtwerk entspricht.

Adolf Muschg erzählt von der Liebe. Überwiegend geht es um Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau, aber es sind auch andere Liebesformen thematisiert: die hasserfüllte Liebe zwischen zwei siamesischen Zwillingen, die voneinander wissen, dass nur einer von ihnen überleben kann (Schluss mit der Tierquälerei), die Liebe eines einsamen Vaters, der mit seinen Töchtern Inzucht begeht (Der Zusenn oder das Heimat), oder auch die Eltern-Kind- Liebe (Playmate; Nicht mal Fernsehen).

Erzählprosa aus vier Jahrzehnten, ein Zeitraum, in dem ein Autor vielfältigen Eindrücken unterliegt, die seine Einstellungen wandeln und sein Werk formen1. Muschgs Geschichten sind Zumutungen, die älteren ebenso wie die neueren Werke. Sie verletzen normative Erwartungen, brechen auch mit den Erwartungen an eine Ästhetik institutionalisierter Literatur. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung Der Zusenn oder das Heimat (1968), die Geschichte eines Inzests, begangen von einem Vater an seinen beiden Töchtern - mimetisch dargestellt als Verteidigungsrede des beschuldigten Bergbauern an das Gericht. Befremdlich, wie ein nicht passendes Kleid ist der Text über seinen Verfasser gestülpt, Satzgefüge mit unklaren Referenzen, die Syntax zerrissen - Sätze, denen die Funktion der Verständigung fehlt. So wird über die Sprache die Isolation dieses Bauern und seiner Familie vermittelt, der nach schweren Schicksalsschlägen vereinsamt und von der Gesellschaft ausgeschieden wird.

Auch in der Erzählung Ein ungetreuer Prokurist, die ebenfalls aus dieser ersten Schaffensperiode des Autors stammt, ist die Verwendung der Alltagssprache, zugeschnitten auf den engen Fokus eines Büroangestellten, ein Merkmal, das ins Auge springt. Auch hier korrespondieren Inhalt und Form. Der Protagonist dieser Erzählung, Prokurist einer Firma für Saftpressen, nimmt sich eine Geliebte, „nicht, weil andere im Geschäft auch eine hatten, das Geschäft hatte damit nichts zu tun, sondern, weil er auch gern einmal ein Mensch gewesen wäre mit allem, was dazugehört“ (S. 70). Mit minimalem Aufwand an Energie und Zeit widmet er sich diesem Verhältnis, in das er keine Gefühle investieren, für das er keine Ver- antwortung übernehmen will. Die Bedürftigkeit seiner Geliebten, ihr Hunger nach Liebe überfordert ihn. Abgespalten von seinem Leben konsumiert er ihre Liebe, die durch ihn hindurch fließt, ohne etwas in ihm zu verändern. Eingeordnet in eine Reihe von anderen Statussymbolen, wird diese Frau zu seinem persönlichen Besitz degradiert, ist sie für ihn weniger als ein Liebesobjekt. Als ihre Liebe für ihn zur Gewohnheit wird, lässt er sie fallen.

Die Liebesbeziehungen von Muschgs Figuren laufen ins Leere. Dies trifft vor allem für die frühe Phase seines Schaffens zu. Sie sind Fremdkörper in der Umgebung, in der sie leben, und scheitern an der inneren Unfähigkeit, sich selbst und dem Anderen ihre Bedürfnisse mitzuteilen. In der Erzählung Der blaue Mann, die als weiterer herausragender Text der achtundsechziger Jahre zu nennen ist, liegt diesem Scheitern eine psychische Verwundung in der Kindheit zugrunde. Der namenlose Protagonist dieser Ich-Erzählung hat in seiner Kindheit Geldmangel als traumatische Erfahrung internalisiert. Not und Armut bestimmen das Leben in seinem Elternhaus. Der existenzielle Zusammenbruch steht als permanente Be- drohung hinter einer mit wenig Frohsinn ausgestatteten Kindheit, so dass der Junge bereits bei der geringsten Unregelmäßigkeit ein Unglück erwartet, das „das bisschen Kinderhelle“ (S. 98) seines Lebens endgültig auslöschen würde. Angst und Ungewissheit dominieren die Realität seiner Kinderzeit, werden leiblich als Schmerz und Druck in der Brust erfahren und manifestieren sich in seinen Träumen von einstürzenden Wänden. Die so immer schon gedachte Katastrophe lässt ihn zu einem Menschen heranwachsen, der sich duckt, anpasst an seine Umgebung, damit das Unglück ihn nicht findet. Dennoch vermag er seinem Schicksal nicht zu entrinnen, als es ihm gegenüber tritt in Gestalt eines ärmlichen Straßenmusikanten. Die erneute Begegnung mit Armut und Elend triggert die alten Wunden und führt zum Verlust der Realitätsebene. Der Buchhalter steigert sich in paranoide Phantasien. Der Musikant, eine devote und schwache Gestalt, verwandelt sich für das erlebende Ich der Erzählung in einen Racheengel, dem die Macht zugestanden wird, das als unverdient empfundene Glück, Liebe und Ehe, die gesamte bürgerliche Existenz als Opfer zu fordern.

Muschg enttäuscht seine Leser, indem er täuscht, sich Eindeutigem entzieht, unterschiedliche Lesarten für seine Geschichten anbietet.

[...]


1 Siehe hierzu ausführlich meine Monografie über den Liebesdiskurs im Erzählwerk von Muschg. Meinberg, Anne: Von der Liebe will ich erzählen. Liebe und Sexualität im Erzählwerk von Adolf Muschg. Bonn: Bouvier 2007.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Liebesdiskurs in der Erzählprosa von Muschg
Untertitel
Rezension über den Erzählband „Wenn es ein Glück ist. Liebesgeschichten aus vier Jahrzehnten“ von Adolf Muschg. Frankfurt am Main 2008.
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V181200
ISBN (eBook)
9783656045557
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Psychoanalyse und Literatur", Freiburg 2008.
Schlagworte
Liebesdiskurs, Adolf Muschg, Erzählungen, Fremdheit in der Liebe, Fremdkörper, Moderne Erzählprosa
Arbeit zitieren
Doktor der Philosophie Anne Dr. Meinberg (Autor), 2008, Liebesdiskurs in der Erzählprosa von Muschg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181200

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