Seit den Anfängen der politischen Philosophie wurde die inhaltliche Bestimmung pol. Werte u. Normen wie Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit im Kontext pol. Ethik kontrovers diskutiert. Doch seit Mitte des 19.Jahrh. war diese Tradition abgebrochen, da sich im Zeitverlauf zahlreiche Erkenntnis- und Weltverständnisse etablierten, welche die pol. Phil. als unwissenschaftlich disqualifizierten. Erst durch John Rawls´ Aufsatz „Justice as Fairness“ u. der detaillierten Ausarbeitung dieser Idee in „A Theory of Justice“, erlangte die bereits Tod gesagte Disziplin der pol. Phil. ihre Renaissance. Diese äußerte sich nicht zuletzt im Aufkommen einer neuen politikphil.Gerechtigkeitsdiskussion, indem sich eine Vielzahl von Autoren mit Rawls´ Theorie kritisch auseinandersetzten, u. das Thema der pol. Gerechtigkeit weiterentwickelten. Einige dieser Autoren, allen voran C.Beitz, T.Pogge, D.Skubik u. B.Barry, beschäftigten sich mit Frage nach der Anwendbarkeit der Rawlsschen Theorie der Gerechtigkeit auf die internationalen Beziehungen. Dabei entwickelten sie auf der Grundlage ihrer jeweiligen Kritik verschiedene Ansätze und Modelle, die im Kontext dieser Arbeit ansatzweise dargestellt werden sollen.Der erste Teil umfasst eine Darstellung der wichtigsten Grundzüge der Rawlsschen Theorie der Gerechtigkeit. Hierbei wird hinsichtlich der kontraktualistischen Argumentationweise dieser Theorie zunächst auf die „Anwendungsverhältnisse der Gerechtigkeit“, sowie auf die jeweilige Konzeption der „Vertragsparteien“, des „Urzustands“ und des „Schleier des Nichtwissens“ eingegangen. Anschließend werden die Ergebnisse der vorher beschrieben Entscheidungssituation dargelegt u. begründet. Darüber hinaus, wird im Zusammenhang der Deutungsproblematik des zweiten Gerechtigkeitsgrundsatzes das Differenzprinzip erläutert.Im Teil der Arbeit soll ansatzweise auf die Debatte über die Anwendbarkeit der Theorie der Gerechtigkeit auf den Bereich der internationalen Beziehungen eingegangen werden. Dazu erfolgt zunächst eine kurze Einleitung, in der unter anderem die beiden wesentlichen Grundkonzeptionen der pol. Phil. der internationalen Beziehungen dargestellt werden, innerhalb derer sich die nachfolgenden Ansätze und Konzeptionen theoretisch verorten lassen. Daran anknüpfend werden Rawls´ eigene Ausführungen zum Völkerrecht in der Theorie der Gerechtigkeit, sowie die als Kritik an seinen völkerrechtlichen Ausführungen entwickelten alternativen Ansätze u. Konzeptionen thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit
2.1. Einleitung
2.2. Die Anwendungsverhältnisse der Gerechtigkeit und die Vernünftigkeit der Vertragspartner
2.3. Der Urzustand und der Schleier des Nichtwissens
2.4. Die Gerechtigkeitsgrundsätze
3. Die Debatte über Anwendung der Theorie der Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen
3.1. Einleitung
3.2. Rawls und das Völkerrecht in der Theorie der Gerechtigkeit
3.3. Nationalstaatliche Modelle
3.3.1. Eine Präzisierung des Urzustands und der Gerechtigkeitsgrundsätze
3.3.2. Das nationalstaatliche Modell und distributive Gerechtigkeit
3.4. Das kosmopolitische Modell
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls auf die internationalen Beziehungen. Dabei wird analysiert, wie Kritiker Rawls' Konzepte des Urzustands und des Völkerrechts bewerten und welche alternativen Ansätze zur globalen Verteilungsgerechtigkeit daraus abgeleitet werden können.
- Grundzüge der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie (Urzustand, Schleier des Nichtwissens).
- Rawls' eigene Position zum Völkerrecht und die Kritik am "völkerrechtlichen Konservatismus".
- Nationalstaatliche Modelle der internationalen Gerechtigkeit.
- Kosmopolitische Ansätze und die Idee eines globalen Differenzprinzips.
Auszug aus dem Buch
3.4. Das kosmopolitische Modell
Die Verfechter des kosmopolitischen Modells kritisieren Rawls´ Ausführungen zum Völkerrecht in mehrfacher Hinsicht.
So sehen sie es hinsichtlich der Anwendungsverhältnisse der Gerechtigkeit als nicht sinnvoll an, Grenzen zu ziehen und unterschiedliche Vertragsgemeinschaften anzunehmen, welche sich dann gemäß des zweistufigen Kontraktualismus in einem erweiterten Urzustand zur Grundsatzwahl versammeln. Schließlich sei es unmoralisch und willkürlich, wenn Gerechtigkeit an staatlichen Grenzen endet.
Stattdessen argumentieren sie für eine Ausweitung des liberalen Gerechtigkeitsverständnisses und globalisieren den Rawlsschen Urzustand im Sinne eines einstufigen Kontraktualismus.
Darüber hinaus, wird Rawls´ aufgrund seines völkerrechtlichen Konservatismus eine Abkehr vom normativen Individualismus vorgeworfen, wonach nur Individuen im Sinne moralisch gleichwertiger Subjekte als „Adressaten gerechtigkeitsethischer Aufmerksamkeit“ betrachtet werden dürfen. Hierin zeigt sich auch deutlich die theoretische Nähe zur menschenrechtlich individualistischen Konzeption der politischen Philosophie internationaler Beziehungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Renaissance der politischen Philosophie durch John Rawls ein und skizziert das Ziel der Arbeit, die Anwendbarkeit seiner Theorie auf internationale Beziehungen zu diskutieren.
2. John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Konzepte wie den Urzustand, den Schleier des Nichtwissens sowie die zwei Gerechtigkeitsgrundsätze und das Differenzprinzip.
3. Die Debatte über Anwendung der Theorie der Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen: Hier werden die völkerrechtlichen Ausführungen von Rawls sowie die daraus resultierenden nationalstaatlichen und kosmopolitischen Kritikmodelle dargestellt.
4. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die verschiedenen Ansätze zusammen und reflektiert über die Schwierigkeit einer abschließenden Bewertung der theoretischen Ansätze hinsichtlich ihrer empirischen Realisierbarkeit.
Schlüsselwörter
John Rawls, Gerechtigkeitstheorie, Fairness, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Völkerrecht, internationale Beziehungen, Differenzprinzip, distributive Gerechtigkeit, Kosmopolitismus, Kontraktualismus, politische Philosophie, distributive Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Übertragbarkeit der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls von einer rein innerstaatlichen Perspektive auf die globale Ebene der internationalen Beziehungen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Interpretation des Urzustands, die Kritik an Rawls' Völkerrecht und die Debatte über eine globale distributive Gerechtigkeit.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie verschiedene Autoren Rawls' ursprüngliche Theorie kritisch erweitern, um globale Ungerechtigkeiten theoretisch zu erfassen.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Arbeit nutzt eine theorieimmanente Analyse und vergleicht verschiedene politikphilosophische Modelle anhand ihrer argumentativen Konsistenz und empirischen Anwendbarkeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung der Grundzüge der Theorie nach Rawls und eine darauffolgende kritische Debatte über deren internationale Anwendbarkeit durch verschiedene Modellansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Justice as Fairness", "Schleier des Nichtwissens", "globales Differenzprinzip" und "kontraktualistische Begründung" definiert.
Was versteht Rawls unter der "Grundstruktur" der Gesellschaft?
Rawls definiert die Grundstruktur als die Art und Weise, wie die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen Grundrechte, Pflichten und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit verteilen.
Warum kritisieren kosmopolitische Theoretiker Rawls' Ansatz zum Völkerrecht?
Sie kritisieren den "völkerrechtlichen Konservatismus" und argumentieren, dass es unmoralisch sei, Gerechtigkeit an nationalen Grenzen enden zu lassen, anstatt Individuen als globale Akteure zu betrachten.
- Arbeit zitieren
- Daniel Rupprecht (Autor:in), 2006, John Rawls' Theorie der Gerechtigkeit und die Debatte über ihre Anwendbarkeit in den internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181251