Das Heilige im Theater und das derbe Theater in Peter Brooks "Der leere Raum"


Seminararbeit, 2011
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
2.
Das Heilige im Theater
3.
Sicht des Unsichtbaren
3.1.
Der Weg zum Happening
4.
Die heiligen drei Theaterleute
5.
Das derbe Theater
5.1.
Was ist das derbe Theater?
5.2.
Gender - Rolle der Frau als Schauspielerin im derben Theater
5.3.
Schauspieltechnik/Schauspieltheorie?
6.
Vom unmittelbaren Theater als Notwendigkeit der Gesellschaft
7.
Vom vollendetet Entwurf zum beweglichen Bühnenbild
8.
Von der Rolle des Regisseur
1

8.1.
Von den Methoden der Regie
9.
Vom Schauspieler als Kapital
9.1.
Vom Schauspieler als Material
10.
Bibliographie
2

1. Einleitung
In den folgenden Seiten will ich ausgewählte Kapitel des Werkes ,,der leere Raum" von
Peter Brook genauer betrachten, analysieren und Schlüsse daraus ziehen, in welcher
Form man diese theoretischen Ansätze praktisch anwenden kann und wo sie
beobachtbar werden.
Sind Brooks Anschauungen 40 Jahre später im selben Maße wie damals präsent? Kann
man aus den aufgestellten Kategorien Bezüge zu Körperkonzepte und
Schauspielpraktika heraus lesen und welche sind seine Favoriten?
Des Weiteren werden wir auch einen Kapitel Brooks in Verbindung mit der Commedia
dell'Arte betrachten. Hier wird sich dann die Frage nach dem Gender stellen.
Diese und noch weitere Fragen werden hier behandelt und diskutiert mit Bezugnahme
auf sekundär Literatur wie Graham Ley, Hecker, Hulfeld oder Knowles um der
Thematik eine gewisse Bandbreite zu verschaffen und objektive Einblicke in Brooks
Werk zu erlangen.
3

2. Das Heilige im Theater
Die Theaterform, mit der sich Peter Brook im zweiten Kapitel des Buches befasst, nennt
er ,,der Kürze halber das >heilige Theater<"
1
, fügt jedoch im selben Atemzug eine
weitere Definition hinzu, ,,das sichtbar gemachte unsichtbare Theater"
2
, welche
zunächst verwirrend klingen mag, doch zum Verständnis seiner folgenden Erklärung
erheblich beiträgt.
Er stellt diese Kategorie gleich zu Beginn seiner Argumentation dem tödlichen Theater
gegenüber, welches er zuvor behandelt. Es stellt im Groben gesagt all jene theatralen
Ereignisse dar, die zu einer Routine, einer fließbandartigen Reproduktion alter Stücke
mutierten, die unter dem Aspekt des finanziellen Erfolges mit geringstem Risiko und
größtem Zuschauer Andrang produziert wurden und dadurch ihren gehaltvollen
Hintergrund verloren.
Brook fasst das Heilige am Theater als den wahren Traum, begraben unter den
abgewerteten Idealen des tödlichen Theaters zusammen
3
und steckt somit klar die
Grenzen seiner versuchten Kategorisierung ab. Doch was möchte er im Detail mit
diesen metaphorischen Deutungen aussagen? Welchen Kontext schafft er zu praktischen
Arbeiten seiner Kollegen und wie kann man selbst diese Definition anwenden?
Zunächst erkennt man bei der Lektüre seinen starken praktischen Bezug zu seinen
aufgestellten Thesen. Da er selbst Theaterregisseur ist, kann er auf einen großen Fundus
von Inszenierungen zurückgreifen, welche er behandelt hat oder mit denen er sich
beschäftigte. Im Theater der vierziger Jahre erkennt er eine Analogie: es ist gespickt mit
Farben, feinen Stoffen und Bewegung
4
. Es stellt quasi den Versuch dar, die Schrecken
des Krieges mit der Besinnung auf verlorenen Glanz zu cachieren. Doch vielmehr als
das fungiert es vor allem als Theater, welches die Antwort auf einen Hunger befriedigen
soll. Hier meint Brook jedoch nicht nur den Hunger nach Abwechslung oder
Ablenkung, sondern den Hunger nach Dingen und Werten.
Die orphischen Riten wurden zur Gala Vorstellung, die heilige Kunst zur tödlichen oder
in seinen Worten:" der Wein wurde Tropfen um Tropfen gepanscht".
5
Man erkennt hier
1
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 53.
2
Ebd.
3
Ebd.
4
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 54.
5
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 56.
4

klar das von Graham Ley behandelte Thema der metaphorischen Sinndeutung Brooks.
Sein Werk sticht nicht durch klare Worte hervor, das Erfolgsrezept des leeren Raumes
ist die Favorisierung einer rätselhaften Sprache
6
. Sein Buch kann mit vielen
Konnotationen aufgeladen werden, seine Kategorien vermischt und variabel
angewendet werden. Eine Inszenierung kann von Person A als tödlich angesehen
werden, bei der Person B jedoch eindeutig einen heiligen Aspekt dingfest machen kann
und trotzdem würden beide Inszenierungsanalysen im Sinne Brooks statt gefunden
haben. Eben diese Bandbreite kann er nur mit Hilfe zweier Mechanismen in diesem
Maße erreichen, die Ley ,,metaphor and dismissal"
7
nennt. Exakt dieses
metaphorisierend herabsetzende Schreiben kann man als roten Faden in jedem Kapitel
lokalisieren.
3. Sicht des Unsichtbaren
Sehr interessant ist sein Beispiel welches den Versuch von ernsten Künstlern beschreibt,
eine neue Kathedrale in Coventry zu bauen. Sie wurde mit modernsten Materialien
konzipiert und wunderschön ausgeführt, doch blieb eines auf der Strecke: die
Authentizität. Dieses neue Gebäude verlangte neue Zeremonien, die der alten Kirche
erschienen einfach unangebracht, herabgesetzt. Brook meint hier treffend: "die äußere
Form kann nur dann echte Autorität beanspruchen, wenn das Zeremoniell gleiche
Autorität besitzt".
8
Eben dieser unsichtbare Konflikt stellt das Problem des heutigen
Theaters dar; Eine neue Bühnenästhetik verlangt neues Spielen. Alte Stücke müssen neu
gedeutet werden, neue Rituale entdeckt werden um das sichtbar gemachte unsichtbare
Theater vollends zu entfalten. Dem Theaterregisseur muss es ein Anliegen sein, weit
weg von Routine seine Arbeit anzusetzen, den Hang zur Nachahmung abzustreifen und
vor dem Heiligen nicht zurückzuschrecken nur weil es unbekannt ist. Hier gewinnt
seine Analyse durchaus etwas von einer Diagnose eines Krankheitsbildes, Ley schreibt
6
Graham Ley, ,,The Rhetoric of Theory. The Role of Metaphor in Peter Brook's The Empty Space", New
Theatre Quarterly, 9/35, Aug 1993, S. 247.
7
Ebd.
8
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 57.
5

sogar Brook sei der metaphorische Doktor, der Leben und Sterben des Theaters
determiniert.
9
Sein erstes konkretes Beispiel als Versuch ein heiliges Theater zu definieren ist ein
Essay von Antonin Artauds, in dem er ein neues Theater konträr zu der Sterilität des
französischen vor dem Krieg konstruiert. Es lebt von der unsichtbaren Ansteckung wie
durch eine Pest, in der das Stück als Ereignis an Stelle des Textes steht.
10
Brook nimmt
diesen Gedanken auf und untersucht im ,,Theater der Grausamkeit", ein Projekt
gemeinsam mit Marowitz, die Mechanismen die eine Aufführung zu einer heiligen
macht. Das Konzept beruht auf Abstraktion der Darstellung. Wie kann man eine
dramatische Situation darstellen, wenn man nur einen Finger zur Verfügung hat? Wie
vermittelt jemand ohne Sprache seinem Gegenüber, der ihn nicht sieht, den Befehl zum
Gehorsam? Wie entsteht durch Schweigen eine theatrale Situation?
11
Erst beim reflektierten Umgang mit diesen Praktiken erkennt man die Genialität seiner
Übungen. Der Schauspieler nimmt sich nicht als Instrument wahr, sondern als
produktiver Künstler, der die unsichtbaren Sinngehalte seiner Mitteilungen durch
Konzentration und Willenskraft bewerkstelligen muss.
12
Diese immaterielle Kraft zeigt
die Anekdote über die Imitation eines Kindes auf. Die Darsteller mussten mit höchster
Authentizität das Wesen eines Kindes zeigen. Diejenigen, die durch Babysprache oder
zappeliger Gestik dies zu bewerkstelligen versuchten, scheiterten. Nur eine Person, der
größte von allen, spielte ohne Artikulation, ohne große Mimik so überzeugend, dass
jeder in dem Raum die unsichtbare Kraft des Kindes fühlte.
13
Eben diese Überzeugung
muss das Theater wieder auf die Bühne bringen um als Heiliges fungieren zu können.
3.1. Der Weg zum Happening
Brooks Intentionen belaufen sich hier auf die Findung einer global verständlichen
Sprache des Theaters. Es können nicht nur die Autoren zur Verantwortung gezogen
werden, die aktiv Beteiligten Menschen müssen durch neu beschrittene Wege eine neue
9
Graham Ley, ,,The Rhetoric of Theory. The Role of Metaphor in Peter Brook's The
Empty Space", New Theatre Quarterly, 9/35, Aug 1993, S. 250.
10
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 62.
11
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 63.
12
Peter Brook, Der leere Raum, Berlin: Alexander Verlag
10
2009, S. 65.
13
Ebd.
6
Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Heilige im Theater und das derbe Theater in Peter Brooks "Der leere Raum"
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film-, Medienwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V181302
ISBN (eBook)
9783668743342
ISBN (Buch)
9783668743359
Dateigröße
1157 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Brook
Arbeit zitieren
Ily Butz (Autor), 2011, Das Heilige im Theater und das derbe Theater in Peter Brooks "Der leere Raum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181302

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