Soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen

Thesenpapier zum Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit


Hausarbeit, 2010
8 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

(1) Je höher die soziale Schicht der Eltern, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder Übergewicht oder Adipositas aufweisen.

Der Zusammenhang dieser These ist probabilistisch, da die Beziehung zwischen Schichtzugehörigkeit und Übergewicht bzw. Adipositas mit einer bestimmten Tendenz behauptet wird. Zudem stellt sie eine kausale Aussage dar, da die soziale Schicht, als unabhängige Variable, mit den abhängigen Variablen Übergewicht bzw. Adipositas in einem monotonen Zusammenhang steht.

Bevor dieser Zusammenhang mit Hilfe recherchierter Daten betrachtet wird, werden nachfolgend enthaltene Begriffe definiert und anschließend ein Ansatz, der zugrunde liegt, benannt. Bezüglich des Schichtbegriffs lassen sich drei Vorstellungen festhalten. Zum einen die Untergliederung verschiedener Bevölkerungsgruppen in ähnliche Soziallagen, die anhand von Merkmalen, wie ähnlichen Qualifikationen oder Berufen, erfolgen kann. Zum anderen „schichtspezifische Einstellungs- und Verhaltensmuster“, die diese aufweisen, sowie einen schichttypischen Zusammenhang von Soziallagen und Risiken bzw. Chancen. Demzufolge fassen Schichten „Menschen in ähnlicher sozioökologischer Lage […] mit der aufgrund ähnlicher Lebenserfahrenen ähnliche Persönlichkeitsmerkmale sowie ähnlichen Lebenschancen und Risiken verbunden sind“ zusammen (Geiger zitiert nach Geißler 2008: 93 f.). „Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse pathologisch erhöht ist.“ Aus Gründen der Handhabbarkeit hat sich zur Beurteilung die Body-Mass-Index-Methode (BMI) durchgesetzt. Bei der BMI-Erfassung von Kindern wird von der European Childhood Obesity Group zur Definition von Übergewicht bzw. Adipostias der Grenzwert des 90. bzw. des 97. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentils eines Referenzsystems empfohlen (vgl. DGE 2001).

Als Ansatz, der dieser These zugrunde liegt, kann die funktionale Schichtungstheorie von Davis und Moore benannt werden. Nach dieser ist es unausweichlich, dass eine Gesellschaft, um zu funktionieren, die Individuen für die Erfüllung ihrer „Positionspflichten“ belohnt und „Belohnungsarten nach Positionen unterschiedlich verteilt“. Belohnungen, wie beispielsweise hohes Einkommen und deren Verteilung, können als Rechte und Vorrechte angesehen werden, die eine Schichtung verursachen, da sie nach Positionen unterschiedlich verteilt werden (vgl. Davis/Moore 1945: 242 f.). „Soziale Ungleichheit ist somit ein unbewußt entwickeltes Werkzeug, mit dessen Hilfe die Gesellschaft sicherstellt, daß die wichtigsten Positionen von den fähigsten Personen gewissenhaft ausgefüllt werden“ (Davis/Moore 1945: 243).

Übergewicht und Adipositias stellen Gesundheitsrisiken dar. Ungleiche Gesundheitsrisiken sind mögliche Auswirkungen sozialer Ungleichheit (vgl. Solga et al. 2009: 20 f.). Sie können zudem als gesundheitliche Ungleichheit angesehen werden, da diese als „relativer Abstand zwischen der Gesundheit in den benachteiligten und privilegierten Gruppen“ definiert wird (Hilary 2008: 466). Dieser Zusammenhang, der in der aufgestellten These enthalten ist, soll nun durch recherchierte Daten belegt werden.

Abbildung 1 zeigt den prozentualen Anteil der Einschüler/innen im Alter von rund fünf Jahren, die aufgrund ihres Körpergewichts als übergewichtig bzw. adipös erfasst wurden. Die Operationalisierung erfolgte nach dem bereits genannten Referenzsystem. Desweiteren ist eine Differenzierung anhand der Schichtzugehörigkeit in untere, obere und mittlere soziale Schicht dargestellt. Diese beruht auf einem sozialen Schichtindex, der Bildung und Erwerbstätigkeit der Eltern bepunktet (Meinlschmidt 2008: 11).

Abbildung 1: Körpergewicht der Einschüler/innen nach sozialer Lage in Berlin 2006

(Angaben in % n = 24838)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: in Anlehnung an Meinlschmidt 2008: 39

Besonders auffällig ist die große Differenz (6,5%) zwischen dem Anteil der Kinder mit Adipositas der Oberschicht im Vergleich mit der Unterschicht. Ebenso bemerkenswert ist, dass sich die Häufigkeit des Übergewichts bei der Gegenüberstellung von unterer zu oberer sozialer Schicht beinahe zur Hälfte zu Gunsten letzterer halbiert. Bereits die Tatsache, dass die Unterschicht mit 9% bzw. 8,3% jeweils den höchsten Prozentsatz aufweist, deutet darauf hin, dass die Gesundheitsrisiken ungleich verteilt sind. Da die Häufigkeit von Übergewicht bzw. Adipositas mit steigender sozialer Lage abnimmt, kann die These als bestätigt angesehen werden. Wobei nicht außer Acht gelassen werden soll, dass bei dieser Darstellung weitere Determinanten, wie das Geschlecht und die ethnische Herkunft, unbeachtet blieben. Bezüglich des Genderaspektes zeigten sich, laut der genutzten Datenquelle, keine gravierenden Unterschiede.

(2) Die sozio-ökonomische Lage, insbesondere das Ausmaß an sozialem und kulturellem Kapital, beeinflusst gesundheitsbezogenes Risikoverhalten von Kindern und Jugendlichen.

Da die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder und Jugendliche gesundheitsbezogenes Risikoverhalten zeigen, insbesondere vom Ausmaß an sozialem und kulturellem Kapital beeinflusst wird, handelt es sich hier um einen probabilistischen Zusammenhang.

Im Folgenden werden die zentralen Begriffe der These definiert. Relevante Merkmale der sozio-ökologischen Lage sind nach Bourdieu „Umfang und Struktur des Kapitals jeweils in synchronischer wie diachronischer Dimension“ (Bourdieu 1982: 278). „Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, „inkorporierter” Form“ (Bourdieu 1983: 183). Soziales Kapital lässt sich als „Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ definieren. Sein individuelles Ausmaß hängt auch vom Umfang des ökonomischen und kulturellen Kapitals der Gruppenmitglieder ab (vgl. Bourdieu 1983: 190 f.). Kulturelles Kapital existiert in drei Formen. Inkorporiertes bezieht sich auf dauerhafte Dispositionen, objektiviertes meint den Besitz von kulturellen Gütern und institutionalisiertes ist beispielsweise als schulischer Titel objektivierbar (Bourdieu 1983: 185). Zwischen den Kapitalarten bestehen Interdependenzen. Zudem können sie geerbt und/oder erworben sein. „Als gesundheitsbezogenes Risikoverhalten wird ein Verhalten bezeichnet, das sich unmittelbar oder langfristig schädigend auf die Gesundheit auswirkt“ (Perrez/Gebert zitiert nach Ullrich 2000: 159).

Eine ungleiche Verteilung des Kapitals stellt soziale Ungleichheit dar. Somit kann Bourdieus Habitustheorie als zugrunde liegender Ansatz benannt werden. Zudem sind soziale Gefälle weniger auf Einkommensunterschiede zurückzuführen sondern können mit sozialer Mobilität in Beziehung gebracht werden (Pickett/Wilkinson 2009: 28). Da soziale Mobilität von Ressourcen, wie dem Ausmaß an sozialem und kulturellem Kapital abhängt, rückt das ökonomische Kapital in den Hintergrund der Betrachtung. Antonovsky „brachte das SOC explizit mit der sozialen Klasse und gesellschaftlichen und historischen Bedingungen in Zusammenhang, die dadurch, daß sie die den Menschen zur Verfügung stehenden generalisierten Widerstandsressourcen determinieren, prototypische Erfahrungsmuster schaffen, die die Lokalsierung auf dem SOC-Kontinuum determinieren“ (Antonovsky 1997: 92). Daher lässt sich durch den salutogenetischen Ansatz Bourdieus Habituskonzept untermauern.

Obwohl nach Bourdieu Klassen auch durch Nebenmerkmale wie „ethische Zugehörigkeit und Geschlecht“ definiert sind (Bourdieu 1983: 176 f.), wird der Genderaspekt bei der folgenden Darstellung nicht berücksichtigt, da geschlechtsspezifische Unterschiede in der Quelle nur exemplarisch genannt wurden. Jedoch wird darauf hingewiesen, dass bei Mädchen mit defizitären familiären Ressourcen gesundheitliches Risikoverhalten tendenziell stärker ausgeprägt sei (vgl. Erhart et al. 2007 806 f.). Anhand der abgebildeten Tabelle lässt sich die prozentuale Verteilung des gesundheitlichen Risikoverhaltens, das in Form von Tabak- Alkohol- und Drogenkonsum erfasst wurde, in Assoziation zu personalen, sozialen und familiären Ressourcen interpretieren. Diese werden nach ihrer Ausprägung in unauffällige und defizitäre unterschieden und sind zwei Altersgruppen zugeordnet. Die Gruppe der 11-13 Jährigen wird nachfolgend als Kinder bezeichnet, während die Jungen und Mädchen im Alter von 14-17 Jahren als Jugendliche zusammengefasst werden.

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen
Untertitel
Thesenpapier zum Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit
Hochschule
Hochschule Fulda
Veranstaltung
Soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
8
Katalognummer
V181319
ISBN (eBook)
9783656045380
ISBN (Buch)
9783656482901
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, ungleichheit, gesundheitschancen, thesenpapier, zusammenhang
Arbeit zitieren
Sophia Schulz (Autor), 2010, Soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181319

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