Der Skandal um Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen


Hausarbeit, 2002

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen
2.1. Motive und Themen im Reigen

3. Rezeptionsgeschichte
3.1. Erste Veröffentlichungen
3.2. Die ersten Bühnenaufführungen
3.3. Nach der Wiener Premiere des Reigen
3.4. Das Wiener Theaterpogrom

4. Politische und historische Hintergründe
4.1. Antisemitismus im Österreich der Jahrhundertwende
4.2. Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit
4.3. Moral und Zensur

5. Schluss

6. Literatur

Der Skandal um Arthur Schnitzlers

Dialogzyklus Reigen

1. Einleitung

Als Arthur Schnitzler den Dialogzyklus Reigen 1897/98 verfasste, war er sich durchaus der Brisanz seines Dramas bewusst, welches tatsächlich vom ersten Erscheinen an für Aufsehen sorgte:

„Etwas Unaufführbareres hat es noch nie gegeben“[1] schrieb er 1897.

Und bis zu den ersten offiziellen Aufführungen in Berlin und Wien vergingen in der Tat achtzehn Jahre. Diese Inszenierungen waren stets begleitet von Tumulten, Aufführungsverboten und Prozessen – der Reigen schrieb Zensurgeschichte. Am Ende verbot Schnitzler selbst weitere Aufführungen, und sein Sohn Heinrich Schnitzler hielt bis 1982 an diesem Verbot fest.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschichte eines Dramas, in dem zehnfach intime Zusammenkünfte untersucht werden, ohne dass der Geschlechtsakt selbst im Text dargestellt werden würde: Er wird nicht gezeigt, die Dialoge führen nahe heran, die Gedankenstriche – ebenso das black oder ein Zwischenvorhang auf der Bühne – verhüllen jedoch stets die eigentlich anstößige Handlung. Um die dennoch existierende Brisanz des Reigen sichtbar machen zu können, ist es neben der Aufarbeitung der Prozessgeschichte auch notwendig, die politischen, gesellschaftlichen und moralischen Hintergründe zur Zeit seines Erscheinens zu analysieren, da ein Skandal wie jener um den Reigen monokausal nicht zu erklären ist.

Im folgenden wird die vorliegende Arbeit Schnitzlers Drama vorstellen und die darin enthaltene skandalösen Elemente erläutern. Zudem ist es unabdingbar, die Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende zu betrachten, um die Rezeptions- und Prozessgeschichte des Reigen darstellen und auslegen zu können.

2. Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen

Das Wort Reigen beschreibt ursprünglich einen höfischen Rundtanz. Nach dem 18. Jahrhundert verwendete man das Wort vorwiegend für einen Kindertanz im Kreise. In den zehn Szenen von Schnitzlers Drama Reigen treffen jeweils Frau und Mann aufeinander. Diese Begegnungen werden in Form von Dialogen vor und nach dem Geschlechtsverkehr dargestellt. In der jeweils folgenden trifft eine Person aus der vorherigen Szene auf eine/n neue/n Partner/in. In der zehnten Szene wird die Begegnung des Grafen aus der neunten mit der Dirne aus der ersten Szene beschrieben, so dass sich der Kreis der Begegnungen schließt. Damit bildet sich auch symbolisch die äußere Form eines Rundtanzes: Der Soldat und die Dirne beginnen den Reigen, die Dirne und der Graf stellen die letzte Zusammenkunft dar.

Skizze: Die zehn Personenkonstellationen des Reigen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus den einzelnen Gesprächen lassen sich allgemeine wiederkehrende Muster erkennen, obwohl sich die Art und der Umfang der Dialoge den jeweiligen Personen und ihrer Herkunft entsprechend ändert.

Die Figuren werden im Personenverzeichnis von Schnitzler ohne Namen nur nach ihrer Schicht oder Stellung aufgeführt. Sie vermeiden in der Regel auch im weiteren Verlauf des Dramas ihre tatsächlichen Namen zu nennen. Die Figuren sind eine Mischung aus Personen und Typen der Wiener Gesellschaft um 1880. Sie besitzen typische Verhaltenszüge der Schicht oder der Position, die sie vertreten: Nicht jedes Stubenmädchen verhält sich wie das im Reigen geschilderte, aber ein Stubenmädchen könnte sich im Vergleich mit der Realität so verhalten.

Zusammen bilden die verschiedenen Figuren einen Querschnitt der damaligen Wiener Gesellschaft mit Ausnahme der Arbeiter, die von Schnitzler ausgeklammert bleiben. Die Figuren nehmen im Reigen stets Rücksicht auf ihren schicht- beziehungsweise stellungsbezogenen Verhaltenskodex. Entsprechend wird beispielsweise das Kokettieren der Frauen von der Dirne bis zur bürgerlichen Frau vor dem Koitus immer komplexer, da die moralischen Erwartungen im Bürgertum in dieser Beziehung am stärksten ausgeprägt sind.

Die Schauplätze des Dramas sind von Schnitzler entsprechend der jeweiligen Personenkonstellation gewählt worden: Das unterstützt zusammen mit der typgerechten Verwendung der jeweiligen Wiener Dialekte die Wirklichkeitsnähe des Stückes, die in der Frage der Anstößigkeit eine entscheidende Rolle spielt.

2.1. Motive und Themen im Reigen

Der Reigen ist ein detailliert konstruiertes Drama, in welchem sich ein „äußerst dicht gewobenes Verweisungsnetz“[2] von Motiven, stereotypen Wendungen und deren Funktionen verfolgen lässt. An dieser Stelle sollen daher einige für den skandalösen Charakter des Reigen wesentliche Motive erläutert werden. Die Gesamtheit der Elemente, die auf die Betrachtern anstößig gewirkt haben mögen, lässt sich freilich nicht erfassen: In den Prozessen um die Aufführungen des Dialogzyklus fühlten sich Zeugen angeblich von Vorgängen oder gar von nicht stattgefundenen Handlungen auf der Bühne moralisch angegriffen, die im allgemeinen kaum als verwerflich gelten würden. So wurde es bereits als unsittlich angesehen, dass in den Szenen des Reigen alleine die „Anhäufung von Bettstellen [...] auf das allgemeine Volksempfinden unangenehm“[3] wirken würde.

Arthur Schnitzler hielt 1922 fest, wodurch sich der Reigen von den anderen Stücken jener Zeit unterscheide:

„1. Dass im Reigen der Geschlechtsverkehr auf die Bühne gestellt wird, 2. dass dies zehnmal hintereinander der Fall sei, 3. auch, dass dies ohne sichtliche Entrüstung von Seiten des Autors geschieht, 4. dass es sich nicht um die wahre Liebe handelt, d. h. offenbar um diejenige, die die eheliche Erzeugung von Kindern zum Zweck hat, endlich, dass die miteinander in Verkehr tretenden Personen sich nur flüchtig, gar nicht [...] kennen [...]

Wie steht es mit der Behauptung, dass der Geschlechtsverkehr im Reigen auf die Bühne gebracht werde? Diese Behauptung ist einfach unwahr, da in den betreffenden Momenten entweder die Bühne verdunkelt wird oder der Vorhang fällt, was aber bekanntlich schon in unzähligen Stücken vorher gleichermaßen der Fall war. Meistens allerdings fällt der Vorhang auf längere Zeit und erhebt sich nicht sofort wieder wie im Reigen, sobald der Akt vollzogen ist, und das ist es ja wohl, was den meisten Anstoß erregt haben wird.“[4]

Die Darstellung des Koitus auf der Bühne war natürlich äußerst provokant; ebenso sprachliche und mimische Ersatzhandlung. Sogar das Herabsenken des Vorhangs und die dahinter vermutete Darstellung des Geschlechtsverkehrs auf der Bühne wurde somit nach Schnitzlers Einschätzung bereits als anstößig wahrgenommen.

Eine sexuelle Atmosphäre ist im Reigen durchaus vorhanden, wird jedoch nicht explizit ausgesprochen oder gezeigt. Ein Beispiel hierfür findet sich in der sechsten Szene mit dem süßen Mädel und dem Gatten:

,,DER GATTE

raucht eine Havannazigarre, er lehnt in der Ecke des Diwans.

DAS SÜSSE MÄDEL

sitzt neben ihm auf dem Sessel und löffelt aus einem Baiser den Oberschaum heraus, den sie mit Behagen schlürft.“[5]

Ein weiteres skandalöses Element war die unzweifelhafte Promiskuität der Figuren. Diese Personendarstellung sprach gänzlich gegen die allgemeine Auffassung von Monogamie, Ehe und Moral. Jene Moralverschiebung wird von Schnitzler gar in den Mittelpunkt des Reigens gerückt: Die Eheleute in der fünften Szene bilden das Zentrum des Dramas. Das eheliche Schlafzimmer als der moralisch sanktionierte Ort für Sexualität ist die Schaltstelle der Ausflüge in beide Richtungen – sie hat zuvor bei einem Stelldichein mit dem jungen Herrn gepflegt, er wird sich in der Folgeszene mit dem süßen Madel in einem chambre separée treffen.

Der Gatte stellt in der Unterhaltung mit seiner Ehefrau eine ,,Trennung von himmlischer und irdischer Liebe"[6] her. Die Ehefrau wird zu einer unantastbaren Idealfigur stilisiert: ,,Man liebt nur, wo Reinheit und Wahrheit ist."[7]

Die Gattin wird quasi zu einer asexuellen Person gemacht, der man lustfrei zu begegnen hat. Das führt gezwungenermaßen zum Auslagern der irdischen Lüste in ein chambre separée, zu einer Entfernung der Sexualität aus der Ehe. Der Gatte erwartet, dass ihm seine Frau treu bleibt, während er die Lust aus der Ehe heraustrennen kann, um sie an anderer Stelle suchen zu können.[8]

[...]


[1] zitiert nach: Pfoser, Alfred, Pfoser-Schewig, Kristina, Renner, Gerhard. Schnitzlers >Reigen<. Band 1: Der Skandal. 1993, Frankfurt a. M.: Fischer, S. 49

[2] Pfoser, Alfred, Pfoser-Schewig, Kristina, Renner, Gerhard. Schnitzlers >Reigen<. Band 1: Der Skandal. 1993, S. 29

[3] Zeugenaussage Ernst Lüttke, zitiert nach: Koebner, Thomas (Hrsg.). Erläuterungen und Dokumente. Arthur Schnitzler: Reigen. 1997, Stuttgart: Philipp Reclam, S. 63

[4] Janz, Ralf-Peter. Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle. 1977, Stuttgart, S. 55

[5] Schnitzler, Arthur. Reigen. Liebelei. 1960, Frankfurt a. M.: S. Fischer, S. 59

[6] Janz, Ralf-Peter. Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle. 1977, S. 59

[7] Schnitzler, Arthur. Reigen. Liebelei. 1960, S. 57

[8] vgl. Janz, Ralf-Peter. Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle. 1977, S. 59

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Skandal um Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur vor Gericht
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V18132
ISBN (eBook)
9783638225397
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Skandal, Arthur, Schnitzlers, Dialogzyklus, Reigen, Literatur, Gericht
Arbeit zitieren
Michael Kaiser (Autor), 2002, Der Skandal um Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18132

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