Das Selbstgespräch

Von der Freiheit, seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf zu lassen


Essay, 2011

54 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Freiheit des homo sapiens
Von Brabblern, Grantlern und Kindern
Wir sind alle Experten
Die Freiheit und die ungeahnten Möglichkeiten

2. Große Vorbilder: Die alten Griechen
Die antike Philosophie als Lebensform
Die Kyniker
Diogenes von Sinope
Epikur lebt
Epikurs Philosophie
Veränderung der Sicht aller Dinge
Die „geistigen Übungen“
Nur noch sich selbst gehören
Langeweile

3. Literarische Muster: Monologe
Shakespeare Hamlet: Sein oder Nichtsein
Goethes Faust I: Studierstube
Kleists Abschiedsbrief
Tagebuchschreiber
Ulysses: Molly
Schnitzlers Leutnant Gustl
Beckett: Das letzte Band
Thomas Bernhard: Das Leben in Monologen

4. Die Dogmen
Der Mensch ist gut
Authentisch sein: Offen, ehrlich, echt
Authentisch kommunizieren
Besser kommunizieren mit Schulz von Thun
Entscheidungsfindung: Das innere Team

5. Muße

Ein zeitgemäßes Thema

Vom Recht auf Faulheit

Muße: Nichts tun und mit sich selbst reden

Ist Müßiggang aller Laster Anfang?

Im Club der Müßiggänger

6. Literatur

Einleitung

„Woran denkst du gerade?“ Jeder kennt diese Frage. Oft lautet die Antwort: An nichts. Sind wir wirklich in der Lage, an nichts zu denken oder meinen wir nur, dass es nichts Erwähnenswertes gewesen ist, was uns gerade durch den Kopf ging. Vielleicht haben wir es auch schon wieder vergessen, weil es nichts Wichtiges war. Wir sprechen eigentlich immer mit uns selbst, ohne dass es uns bewusst ist. Das erinnert mich an den Satz des Psychologen Paul Watzlawik, den er über Kommunikation geschrieben hat: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Das gilt auch und besonderem Maß für das Selbstgespräch.

So zu reden, dass die Worte mit den Gedanken Hand in Hand gehen, gelingt, wenn überhaupt, nur im Selbstgespräch. Doch authentisch ist die Kommunikation deshalb nicht. Bekanntlich kann man sich selbst auch etwas vormachen. Doch authentisch wollen heute alle sein, nicht nur bei Kommunikation: Therapeuten, Manager, Lehrer, Politiker, Hausmänner und Hausfrauen. Eine Mode, vergänglich.

Das Thema dieses Buches ist das bewusste Selbstgespräch. Hier ist die Rede von Gedanken und Gefühlen im Selbstgespräch, vom inneren Monolog und anderen Formen: Vortrag, Bücherlesen: Tagebücher, Biografien, Romane, Gedichte, Theaterstücke. Monologe.

Die alten Griechen verstanden Philosophie als eine Lebensweise, einen Lebensstil und als Methode, mit der man Unabhängigkeit und innere Freiheit gewinnen könne.

Sie waren davon überzeugt, dass man durch geistige Übungen zu einer totalen Umwandlung des inneren Lebens kommen könne, zu einer radikalen Veränderung der Sicht aller Dinge, zur Metamorphose der Persönlichkeit.

Wie war das zu erreichen? Man muss seinen Standpunkt, sein Weltbild ändern und mit sich selbst einen Dialog führen, also mit sich selber ringen und kämpfen, im Selbstgespräch.

Die Philosophenschulen haben die Ziele postuliert: Die innere Ruhe, die Verwirklichung des Ichs und das Streben nach Vollkommenheit.

Der griechische Philosoph Antisthenes antwortete auf die Frage, welchen Gewinn ihm die Philosophie eingebracht habe: „Die Fähigkeit, mit mir selbst zu verkehren.“

In Selbstgesprächen können wir uns die Realität vom Halse halten, wie Woody Allen meint: „Die Wirklichkeit verletzt dich pausenlos, sie ist ein extrem unerfreulicher Ort. Selbstgespräche sind meine Therapie.“

Das therapeutische Selbstgespräch gibt es tatsächlich, wie etwa bei der rational-emotiven Psychotherapie des Amerikaners Albert Ellis. Viele Gedanken der griechischen und römischen Stoiker (Epiktet, Aurel) sind in diese Theorie eingeflossen.

Im Selbstgespräch können wir die Welt neu erfinden: Wie sollte sie sein, diese Welt, in der ich leben will? Was müsste man tun, um diese Welt so zu verändern, dass man darin gut leben kann? Was würdest du tun, wenn du Macht hättest, das alles zu verändern? Jeder soll genug zu essen haben, ein Dach über dem Kopf und glückliche Beziehungen.

In Selbstgesprächen können wir uns die Welt auch schön reden, wie es etwa die „positiven Denker“ tun, denn erfolgreiche Menschen denken positiv. Es wird schon gut gehen, heißt die Devise. Die Kölner sagen: Et is noch emmer joot jejange (Es ist noch immer gut gegangen). Man muss seine negativen Gedanken verscheuchen. Und immer lächeln, auch auf dem Klo, rät die Trainerin Vera Birkenbiehl. Der

Amerikaner Dale Carnegie rät, einen Zettel an die Windschutzscheibe seines Autos zu heften, auf dem steht: Heute fängt ein neues Leben an!

Gewinner machen ihre Arbeit mit Begeisterung. Egal, ob sie Toiletten sauber machen, Brot backen oder ein internationales Unternehmen leiten. Sieger beginnen jeden Tag positiv. Sie sagen jeden Morgen: Ein schöner Tag erwartet mich, auch wenn es regnet. Es sind die schlichten Botschaften eines Dale Carnegie, die auch hierzulande Begeisterungsstürme auslösen : Don`t worry, be happy!

Der Amerikaner Dale Carnegie gilt wohl als der bekannteste „positive Denker“ Er hat den amerikanischen Traum populär gemacht: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Alles ist möglich, man muss es nur wollen. Er erzählt in seinen Büchern von „erfolgreichen Tellerwäschern“. Dabei sind die Amerikaner nicht einmal die Erfinder des positiven Denkens. Die positive Programmierung des Selbst ist keine moderne Erfindung, sondern eine antike Technik, die aus der stoischen und epikureischen Philosophie kommt. Ob man die Dinge „positiv“ oder „“negativ“ bewertet, ist eine Frage der Vorstellung, die man sich von ihnen macht. Der Gebrauch der Vorstellungen, so Carnegie und die alten Griechen, steht in unserer Macht und erlaubt uns, auch missliche Dinge so zu interpretieren, dass sie in einem positiven Licht erscheinen. Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellung, die wir uns von ihnen machen.

Doch die antiken griechischen Denker waren nicht so naiv, die Wirklichkeit auszublenden und das Negative beiseite zu schieben. Die alten Griechen waren immer auf das Schlimmste gefasst, was man von den modernen Verfechtern Carnegie, Murphy, Hill und Freytag nicht sagen kann. Sie glauben auch an die Kräfte, die angeblich aus dem Unterbewussten mobilisierbar sind.

Seit der Finanzkrise 2008 ist es aus mit dem amerikanischen Traum.

Der Grieche Diogenes von Sinope (Der Mann in der Tonne) war nicht nett zu seinen Mitmenschen in Athen. Er lebte nach der Überzeugung: Wem an der Achtung und Anerkennung durch die anderen gelegen ist, der macht sich von ihrer Meinung abhängig. Und abhängig wollte er nicht sein. Er war stark genug, um die Verachtung anderer auszuhalten. Aber er auch besonders stark darin, anderen Verachtung zu zeigen (Diogenes Laertius VI 24).

Manche gehen im Selbstgespräch hart mit sich ins Gericht. Ich bin ein Idiot, ein Dummkopf, ein Versager. Selbstgespräche können auch Ängste und Depressionen auslösen. Das sagen Therapeuten. Für selbstbewusste Menschen gilt: Sie halten sich nicht mit Selbstvorwürfen auf.

Der Schriftsteller Martin Walser: (Über das Selbstgespräch, 2002) hat sich Gedanken über das Selbstgespräch gemacht. Im Selbstgespräch müsse man nichts beweisen und auch nicht unbedingt Recht behalten. ER schreibt:

Mein Selbstgespräch läuft anders: Es durchläuft alles Erdenkliche, läuft tief ins Unmoralische, Amoralische und auch nicht Haltbare hinein.

Das Selbstgespräch, so Walser „ist das Gegenteil eines abgesicherten Sprachgebrauchs. “Walser unterscheidet zwischen den Gedanken, die einem von selbst durch den Kopf gehen und anderen, die man herbeiführen kann. Man müsse auch nicht darum bemüht sein, unmissverständlich zu sein. Im Selbstgespräch, so Walser, kann man ruhig gegen sich sein, weil man ja wisse, dass man für sich ist. Eine elegante Formulierung.

Die wichtigsten Entscheidungen im Leben fallen im Selbstgespräch. Was soll ich werden? Soll ich die Blonde oder die Brünette heiraten? Wie werde ich schnell reich? Wie überlebe ich diesen Tag? Was soll ich nur gegen diese entsetzliche Langeweile tun?

Jeder Krieg, jeder Frieden, jede Revolution und jede Tragödie beginnt im Kopf und wird im Selbstgespräch entschieden. Aber auch jeder Sieg und jede Komödie. Erfolge werden im Selbstgespräch gemacht. Und Misserfolge sind nichts anderes als missglückte Selbstkommunikation.

Der französische Philosoph Blaise Pascal hat geschrieben, dass alles Unglück dieser Welt daher rühre, dass die Menschen nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben könnten. Ein solcher Gedanke und ein derart tiefes Gefühl kann nur einem Selbstgespräch entspringen, das in aller Ruhe in einem Zimmer geführt wurde.

Es gibt andere Beispiele. Demosthenes war im alten Griechenland ein großer Redner („Philippika“). In seiner Jugend soll er gestottert haben. Mit großer Ausdauer hat er in unzähligen Selbstgesprächen mit einem Kieselstein im Mund das Lispeln überwunden und immer wieder gerufen: Ich will ein großer Redner werden! Wir wissen, dass es ihm gelang.

Im Selbstgespräch muss man nicht - wie bei der Zwei-Weg-Kommunikation - auf die Körpersignale achten, muss keinem Gesprächspartner Empathie und Wertschätzung entgegenbringen, Gefühle verbalisieren, Ich-Botschaften senden und Rückmeldungen geben. Auch auf das ewige Lächeln kann man bei der Selbstkommunikation verzichten. Alles in allem: Das Selbstgespräch ist einfacher als die Kommunikation mit anderen. Es gibt viel weniger Fallstricke. Man muss auch nicht auf korrektes Deutsch achten und nicht geschliffen formulieren.

Bei solch guten Argumenten für das Selbstgespräch, könnte man auf den Gedanken kommen, ob man auf die Zwei-Weg-Kommunikation nicht ganz verzichten sollte.

1. Die Freiheit des homo sapiens

Von Brabblern, Grantlern und Kindern

Wir alle reden immer mit uns selbst. Bei jeder Gelegenheit, bewusst oder unbewusst. Schon als Kinder. Ihnen macht es Spaß, Worte und Sätze zu wiederholen. Laute Monologe hört man auf der Straße selten. Manchmal brabbeln alte Leute laut vor sich hin, oder Betrunkene lallen laut, aber unverständlich. Neuerdings findet man in Einkaufszentren Dauerredner. Sie beschwören den Untergang der Menschheit oder predigen das Rettende: Gott. Manche schimpfen auch nur: Auf Gott und die Welt, auf die Regierung und die Politiker im Allgemeinen. Sie tun das ungestört, aber auch ungehört. Niemand kümmert sich darum. Sie tun etwas, was alle anderen auch tun. Sie reden mit sich selbst. Nur mit dem Unterschied, dass sie es laut tun. Es gibt Naturtalente, geborene Brabbler und Grantler, die ständig schimpfen. Sie brauchen Zuhörer, deshalb lamentieren sie laut. Sie machen alle einen munteren und gesunden Eindruck. Offenbar ist das ihre Katharsis.

Bei spielenden Kindern kann man beobachten, dass sie mit den Gegenständen reden, mit ihrem Spielzeug, den Puppen und Bären. Manchmal reden Kinder nur so, sie führen einen Monolog und haben offenbar ihr Vergnügen daran. Kleine Kinder und manche Greise denken laut ohne die Absicht zu haben, irgendjemand etwas mitzuteilen.

Wir sind alle Experten

Wir müssen es als Erwachsene nicht erst lernen, mit uns selbst zu sprechen. Wir sind bereits geübt darin. Wir sind alle Experten. Wir wissen, wie es geht, aber setzen dieses Mittel nicht bewusst und selten zu unserem Nutzen ein. Wir sprechen immer mit uns selbst. Wenn wir uns das bewusst machen, kann das sehr angenehm und vergnüglich sein. Im Selbstgespräch dürfen wir geschwätzig sein, ohne anderen auf die Nerven zu gehen oder sie zu langweilen. Wir können unseren Gedanken freien Lauf lassen. Im Selbstgespräch können wir schroff werden, auch gegenüber Verwandten und Vorgesetzten. Wir können harte Urteile abgeben, uns über andere lustig machen oder sie beschimpfen. Wenn es Erleichterung bringt, war das Selbstgespräch ein Erfolg. Und wer will in dieser Leistungsgesellschaft nicht erfolgreich sein? Im Selbstgespräch kann ich jedem ungeschminkt meine Meinung sagen, wenn ich will: Den Großkopferten, den Chefs und den Hausmeistern mit den lauten Rasenmähern und der großen Klappe. Oder den Knöllchenverteilern. Wie kann man sich nur für eine solche Tätigkeit hergeben? Haben diese Leute vielleicht die Hoffnung, eines Tages doch noch abheben zu dürfen und über den Dingen zu schweben? Es sind aber nicht nur böse Gedanken, die man beim Selbstgespräch hat. Was ist mit den schönen Frauen und den attraktiven Männern, denen man Dinge sagen kann, die man nicht einmal seinen Intimpartner anvertrauen würde.

Wir müssen ständig mit uns selbst kommunizieren, ob wir wollen oder nicht. Es ist wie atmen. Meistens geschieht es unbewusst. Wir können es aber sehr bewusst tun, wenn wir wollen. Das ist unsere angeborene Freiheit. Wir können uns an den eigenen Worten berauschen. Beim Reden faszinieren wir uns selbst.

Wiederholung und Übertreibung sind Stilmittel der Literatur, Ausdruck unserer Fernsehkultur, aber auch Mittel des Selbstgesprächs. Bei dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard, dessen Bücher und Theaterstücke Meisterwerke der Selbstkommunikation sind, wird ständig wiederholt, wie in den Kindersendungen („Teletubbies“) des Fernsehens. Kinder im Vorschulschulalter beherrschen mühelos die Kommunikationsform „Selbstgespräch“ und rufen immer dann, wenn es ihnen gefallen hat: „Nochmall, nochmall!“

Beim Selbstgespräch ist alles einfacher: Man weiß, wer es sagt, mit welcher Häme und Verachtung es gesagt wird und ob es gut gemeint ist. Man darf immer ein wenig übertreiben, die Dinge überspitzt darstellen, muss nicht objektiv und gerecht sein. Der Redefluss wird durch nichts gehemmt. Im Selbstgespräch wird die Lust an den Worten verstärkt. Wir können im Selbstgespräch die Wahrheit, die Wirklichkeit selbst erfinden ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Im Selbstgespräch können wir nicht nur unseren Gedanken freien Lauf lassen, sondern auch unseren Gefühlen. Wir können mit Worten erhöhen und Positionen vertreten, die wir niemals laut sagen würden („Ich bin im Grunde meines Herzens ein Müßiggänger“). Wir können uns zum Herrscher der Welt aufschwingen ohne den geringsten Schaden anzurichten. Man muss dabei auch nicht angestrengt sein. Selbstgespräche zu führen ist keine schweißtreibende Arbeit.

Die Freiheit und die ungeahnten Möglichkeiten

Das Selbstgespräch ist die Freiheit des Primaten, die nur wir Menschen besitzen. Im Selbstgespräch können wir so sein, wie wir gerne wären: Große Redner, feurige Liebhaber, scharfe Denker oder einfach Menschen mit einem großen Herzen. Wir können neue, originelle Gedanken hervorbringen, die niemanden erschüttern.

Wer sich selbst als Gesprächspartner schätzt, hat ungeahnte Möglichkeiten, die Welt zu erklären, zu zergliedern und neu zusammenzusetzen. Er kann sich Denk-, Sprach- oder Gefühlsspiele ausdenken, um sich selbst in bessere Stimmung zu bringen oder um an einem trüben Novembertag die Welt zu ertragen.

Ob Sehnsüchte, Phantasien, Tagträume, Wunschträume, Utopien: Es sind Selbstgespräche. Manche träumen von einer besseren Welt, ohne Krieg und Hunger, andere träumen davon, reich und mächtig zu sein. Viele träumen von einer großen Karriere als Schriftsteller, Manager, Sänger, Dirigent, Schauspieler oder Entertainer. Nur wenige träumen von einer Karriere als Buchhalter oder Toilettenfrau am Bahnhof.

Das Selbstgespräch gehört zur Natur des Menschen: Es hilft uns, die Dinge klarer zu sehen, Pläne zu machen und wichtige Entscheidungen zu treffen. Das Selbstgespräch kann auch ein nützliches Mittel sein, die Langeweile zu vertreiben oder das Lebensgefühl zu steigern. Wir können im Selbstgespräch aber auch in eine Traumwelt flüchten, wo wir eine fabelhafte Person sind oder gar ein Held. Das kann vorrübergehend helfen, aber auf Dauer taugt es nichts.

Das Selbstgespräch ist kein Selbstzweck, es gehört zur Kultur des Menschen. Wir Menschen sind in der Lage, Selbstgespräche bewusst und konstruktiv zu führen, um herauszufinden, wer wir sind, um Probleme besser zu lösen, um Erfolgsstrategien zu entwerfen oder das Leben angenehmer und kurzweiliger zu gestalten.

Nur im Selbstgespräch sind wir freie Menschen. Niemand drängt uns, einzigartig zu sein, witzig, originell, empathisch, authentisch, erfolgreich. Unsere Gedanken sind frei, und unseren Gefühlen können wir im Selbstgespräch auch freien Lauf lassen.

Der spanische Filmemacher Pedro Almodovor („Sprich´ mit ihr“) gibt Journalisten keine Interviews. Er interviewt sich selbst zu seinen Filmen und gibt dazu Presseberichte heraus. Seine Begründung: Jetzt sind endlich die Fragen auf dem gleichen Niveau wie die Antworten.

Das Zwiegespräch mit sich selbst war bei den alten Griechen in hohem Schwange. Diogenes Laertius schreibt über den Skeptiker Pyrrhon: „Als man ihn einmal dabei überraschte, wie er sich mit sich selbst unterhielt und man ihn nach der Ursache fragte, erwiderte er, er befleißige sich, ein umgänglicher Mensch zu werden.“

Sokrates („Erkenne dich selbst!“) hörte auf seine innere Stimme, sein Daimonion. Sie hielt ihn davon ab, aus dem Kerker zu fliehen, um der Wahrheit willen, wie er selbst sagte. Er trank den Schierlingsbecher ruhig und gelassen.

Hand auf ´s Herz: Am Liebsten sprechen wir doch mit uns selbst, so anregend und erbauend Gespräche mit anderen auch sein mögen. Man ist vor Überraschungen sicher und kann sich darauf verlassen, was gesagt worden ist. Wir können im Selbstgespräch so tun, als wären wir geklont, als gäbe es uns noch einmal.

2. Große Vorbilder: Die alten Griechen

Die antike Philosophie als Lebensform

Die alten Griechen verstanden Philosophie als eine Lebensweise, einen Lebensstil und als Methode, mit der man Unabhängigkeit und innere Freiheit gewinnen konnte.

Sie waren davon überzeugt, dass man durch „geistige Übungen“ zu einer totalen Umwandlung des inneren Lebens kommen könne, zu einer radikalen Veränderung der Sicht aller Dinge, zur Metamorphose der Persönlichkeit.

Wie war das zu erreichen? Man muss seinen Standpunkt, sein Weltbild ändern und mit sich selbst einen Dialog führen, also mit sich selber ringen und kämpfen, im Selbstgespräch. Die Philosophenschulen haben die Ziele postuliert: Die innere Ruhe, die Verwirklichung des Ich und das Streben nach Vollkommenheit.

Alle Schulen im alten Griechenland glaubten an die Willensfreiheit. Der Mensch kann sich verändern, wenn er nur will, kann sich bessern, kann sich selbst verwirklichen. Das glauben wir heute noch. Die Griechen hatten sich die Welt nicht als Jammertal vorgestellt, obwohl sie keine Hoffnung auf eine bessere Welt hatten. Auch der Glaube an den Fortschritt war nicht ihre Sache. Sie waren Individualisten, verehrten die olympischen Götter und liebten das Leben.

„Die westliche Zivilisation beginnt mit den heiteren Griechen“, schreibt der Philosoph Ludwig Marcuse (Philosophie des Unglücks, 1981).

Die Kernfrage der Philosophie der alten Griechen lautete: „Wie soll der Mensch leben? Die antike Philosophie war eine Lebensform, eine bestimmte Art zu leben, bewusste Lebensführung. Die Philosophen, allen voran die Kyniker, lebten ihre Philosophie.

Der allgemeine Charakter der philosophischen Lebensform ist die Muße, die nicht als müßige Untätigkeit, sondern als Ungebundenheit und Selbstbestimmung verstanden wird. Damals wie heute geht es um Bedürfnisbefriedigung und wie man dieses Ziel erreicht. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ist das Ziel, möglichst viel Befriedigung zu erlangen oder wenig Bedürfnisse zu haben, das heißt ein bedürfnisloses Leben in Askese zu führen wie die Kyniker oder ein selbstgenügsames Leben: Je weniger Bedürfnisse, desto glücklicher das Leben, wie es Epikur lehrte.

Die Kyniker

Kyniker waren Griechen, die nach einem tugendhaften, glücklichen Leben strebten. Sie wollten es dadurch erreichen, dass sie der Natur gemäß leben wollten und nicht nach den Erwartungen der anderen. Die wahren Kyniker (Antisthenes, Diogenes, Krates und seine Jünger) entsagten jedem Besitz, allen Bequemlichkeiten und Genüssen. Sie begnügten sich damit, schreibt der Philosoph Arthur Schopenhauer, was in Athen und Korinth „so ziemlich umsonst zu haben war, wie Lupinen, Wasser, ein Tribonion (Mantel aus grobem Stoff), bettelten gelegentlich, soweit es hierzu nötig war, arbeiteten aber nicht. Ihre Zeit brachten sie mit Ruhen, Umhergehen, Reden mit allen Menschen, viel Spotten, Lachen und Scherzen zu: Ihr Charakter war Sorglosigkeit und große Heiterkeit.“

Nach der Lehre der Kyniker wird das Leben erst dann erträglich, wenn es uns von der Sorge um die Zukunft befreit und keiner Angst vor dem Morgen hat.

Kyniker argumentieren nicht und erteilen keinen Unterricht, sie kümmerten sich nicht um gesellschaftliche Konventionen; sie verachteten Geld und bettelten für ihren Lebensunterhalt. Sie suchten keinen Job und wollten kein Heim oder Haus.

Sie verzichten auf Luxus und allen Komfort und ertragen Hunger, Kälte und Beleidigungen Ihr Ideal: Nur von sich selbst abhängig zu sein, sich selbst genügen und die Bedürfnisse maximal reduzieren.

Ein asketisches Leben zu führen hatte bei den alten Griechen einen Wert an sich, weil es auch gesund wäre, ein solches Leben zu führen. Es befähigt auch dazu, auf sich selbst zu achten, bewusster zu leben, los zu lassen, weniger Stress und mehr Kontemplation.

Die kynische Haltung: individualistisch, keine Verpflichtung, kein Wehrdienst, keine Vaterschaft, keine Kindererziehung, kein Ehepartner, kein Arbeitgeber, keine Obrigkeit, kein Gehorsam. Als Kyniker leben heißt, sein Leben als ein Kunstwerk gestalten. Diesen Gedanken hat später Friedrich Nietzsche aufgegriffen.

Armut ist in der kynischen Ökonomie eine Tugend. Der wahre Reichtum ist die Selbstgenügsamkeit. Das Notwendige reicht völlig aus. Verschenkt, was ihr nicht braucht, wie es schon Krates, Antisthenes und später der Philosoph Ludwig Wittgenstein getan haben.

Die Askese ist nicht auf das Absterben des Leibes abgestellt und soll der Gesundheit keinen Abbruch tun. Sie ist kein religiöses Motiv, sondern ein Mittel zur Unabhängigkeit und insofern ein notwendiges Produkt des griechischen Pessimismus. Dazu gehörte eine feste Entschlusskraft und eine tüchtige Figur, also einen starken Willen und eine robuste Gesundheit.

Diogenes von Sinope

Die Leitfigur des autonomen Menschen ist der Grieche Diogenes von Sinope, den sie auch den Hund nannten. Er gehörte zu den „Kynikern“, den „Humoristen des Altertums“ (Nietzsche). Schopenhauer schreibt über sie: „Ihre Zeit brachten sie mit Ruhen, Umhergehen, Reden mit allen Menschen, viel Spotten, Lachen und Scherzen zu: ihr Charakter war Sorglosigkeit und große Heiterkeit“ (Schopenhauer).

Diogenes war in Athen ein stadtbekanntes Original. Er war Aktionskünstler, Selbstdarsteller, Bürgerschreck und ein kompromissloser Moralist.

Warum ist Diogenes zu einer Leitfigur geworden? Es ist wohl weniger die Selbstgenügsamkeit und das Leben nach der Natur, als vielmehr seine Autonomie und Individualität. Der große Alexander soll Diogenes gefragt haben: „Sag´, was du begehrst, und der Wunsch sei dir erfüllt.“ Und Diogenes antwortete: „Geh´ mir aus der Sonne!“

Für diese Antwort bewundern sie ihn, die Seminarleiter, Coaches und Therapeuten. Diogenes sagte, was er dachte und ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Endlich ein authentischer Mensch! Selbst die heutigen Erfolgsmenschen sind fasziniert von der Selbstbeherrschung dieses Mannes, der die Macht über sich selbst den einzigen Erfolg nannte. Sie bewundern heute noch die Kraft und Energie, die von ihm ausging, um das Leben zu gestalten. Nicht zufällig war Herkules sein Vorbild.

Doch Diogenes hatte noch eine andere Seite. Er war kein Menschenfreund.

Diogenes war besonders stark darin, anderen seine Verachtung kundzutun. Aber der Kyniker musste auch darin stark sein, die Verachtung anderer auszuhalten. Wem an der Achtung und Anerkennung durch die anderen gelegen ist, der macht sich von ihrer Meinung abhängig. Völlige Unabhängigkeit davon gehört wesentlich zur kynischen Konzeption von Autarkie. Und so übt sich der Kyniker regelrecht darin, die Verachtung zu ertragen, die er eigens dazu durch sein Verhalten provoziert. Die passive Verachtung ist ein Hauptbestandteil der kynischen Askese.

Der Kyniker ist ein Einzelgänger ohne Bindung. Er ist ein Individualist, Skeptiker und hasst die Gemeinschaft.

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Das Selbstgespräch
Untertitel
Von der Freiheit, seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf zu lassen
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V181350
ISBN (eBook)
9783656049326
ISBN (Buch)
9783656048886
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gespräche, Diogenes, Geistige Übungen, Ein-Weg-Kommunikation, Muße, Müßiggang
Arbeit zitieren
Karl-Heinz List (Autor), 2011, Das Selbstgespräch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181350

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