Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund 428/427 v. Chr. und dessen Darstellung bei Thukydides


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
33 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Hauptteil
I Der Attische Seebund
1.1 Die Entstehung des Attischen Seebundes
1.2 „Die Athener und ihre Bundesgenossen“
II Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund
2.1 Die Stellung Mytilenes im Attischen Seebund
2.2 Eine Rekonstruktion der Ereignisse nach Thukydides
2.2.1 Von langer Hand geplant
2.2.2 Die List der Athener scheitert
2.2.3 Der Krieg beginnt
2.2.4 Die mytilenische Gesandtschaft in Olympia
2.2.5 Kämpfe auf Lesbos
2.2.6 Der Fall von Mytilene
2.2.7 Die Mytilene-Debatte in Athen
a) Die Rede Kleons
b) Die Rede des Diodotos
c) „So nah war Mytilene der Gefahr... “
2.3 Der Abfall von Mytilene bei Diodor, Aristoteles und Strabon
III Rückschlüsse aus der Revolte von Mytilene
3.1 Zur Topographie Mytilenes
3.2 Verfassung, Bevölkerungsstruktur und politische Gesinnung in Mytilene
3.3 Zur Mytilene-Debatte bei Thukydides
3.4 Rückschlüsse auf Athens Herrschaft im Attischen Seebund
3.4.1 Direkte Herrschaftsmittel
a) Militärische Überlegenheit
b) Beamte
c) Rechtssprechung und Strafmaßnahmen
d) Die innere Struktur des Seebundes als Machtstütze Athens
e) Kolonien und Besatzungen
3.4.2 Indirekte Herrschaftsmittel

C Schluss

D Anhang
1. Abkürzungsverzeichnis
2. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die griechische Polis Mytilene[1] auf der Insel Lesbos war im 6. Jahrhundert v. Chr. Schauplatz leidenschaftlicher Parteikämpfe, die den Kampf gegen die Tyrannis Einzelner (Penthilos, Melanchros, Myrsilos) oder ganzer Familien (Penthiliden, Kleanaktiden) zum Inhalt hatten. Weiterhin sah man sich dem Einfluss der persischen Großmacht gegenüber, die nach dem Scheitern des Ionischen Aufstandes Lesbos zwang auf ihrer Seite in der Seeschlacht von Salamis mitzukämpfen.[2]

Nachdem die Perser endgültig abgewehrt werden konnten, fand sich Lesbos als wichtiges Mitglied innerhalb des Ersten Attischen Seebundes wieder. Im Laufe der Zeit gelang es aber Athen aus der anfänglichen Symmachie eine Alleinherrschaft zu formen, unter die sich alle anderen verbündeten Poleis zu fügen hatten. Die zunehmende Abneigung dem Hegemon gegenüber lies in Mytilene und anderen Poleis auf Lesbos den Wunsch aufkommen sich wieder aus dem Einflussbereich der Großmacht zu lösen. Die Gelegenheit dazu schien in den ersten Jahren des Peloponnesischen Krieges gekommen.

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel diesen Abfall nach den schriftlichen Überlieferungen zu rekonstruieren. Thukydides belässt es im dritten Buch seiner „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ aber nicht bei einer bloßen Ereignisgeschichte, sondern verlagert den Handlungsort auch nach Athen selbst. In der Diskussion um das Schicksal Mytilenes eröffnet sich damit ein Blick auf das athenische Volk und dessen Selbstverständnis. Hier liegt ein Erkenntnisgewinn für das allgemeine Verständnis von Demokratie verborgen, den es aufzuspüren und zu charakterisieren gilt.

Darüber hinaus soll die Frage nach der inneren Struktur Mytilenes aufgeworfen werden, die gerade vor dem Hintergrund des allgemeinen Kriegszustandes und den damit in Zusammenhang stehenden inneren Parteikämpfen der griechischen Welt im 5. Jahrhundert v. Chr. an Bedeutung gewinnt. Dass bei den Ereignissen von 428/427 über den Einzelfall hinaus generelle Phänomene der athenischen Herrschaft im Seebund zu Tage treten, soll abschließend mit einem Blick auf das Konstrukt des Ersten Attischen Seebundes vor dem Hintergrund des Abfalls von Mytilene nachgewiesen werden.

1. Der Attische Seebund

1.1 Die Entstehung des Attischen Seebundes

Die Auseinandersetzung mit den Persern zu Beginn des 5. Jahrhunderts[3] veranlassten 31 griechische Poleis im Jahr 481 eine Symmachie gegen die äußere Bedrohung ins Leben zu rufen. Dieses in moderner Zeit als „Hellenenbund“ bezeichnete Militärbündnis schloss auch Athen mit ein und stand formal unter der Führung Spartas. Nachdem die Abwehr der Perser durch die Siege von Salamis (480), Plataiai (479) und Mykale (479) geglückt war, verblieb der Schutz der kleinasiatischen Griechen als zentrale Herausforderung. Der Vorschlag Spartas, die bedrohten Ionier nach Westen zu evakuieren und ihnen das Land ehemals perserfreundlicher Poleis zuzuweisen, zeigt den Unwillen der Lakedaimonier den Krieg in Kleinasien fortzusetzen.[4] Es war daher an Athen mit einer neuen Symmachie deren Platz als führende Polis einzunehmen. Dies geschah als Folge der Anschlusskämpfe gegen Persien durch Herauslösung des Attischen Seebundes aus dem Hellenenbund im Jahr 478/477.[5]

1.2 „Die Athener und ihre Bundesgenossen“

Wie jede Symmachie war also auch der Attische Seebund ein Bündnis mit primär militärischer Funktion.[6] Die Verbündeten hatten Landtruppen[7] und Kriegsschiffe oder Geldzahlungen beizusteuern, um das Ziel einer weiteren Bekämpfung des äußeren Feindes[8] erreichen zu können. Der Bund war auf unbegrenzte Zeit geschlossen worden und basierte auf Einzelverträgen aller beteiligten Poleis mit Athen. Die Hegemonie nach außen und innerhalb des Bündnisses war Athen anvertraut, was dadurch deutlich wird, dass die athenischen Strategen kraft ihres innerathenischen Amtes gleichzeitig auch Feldherren des Bundes waren. Darüber hinaus spricht Thukydides von der Durchführung der Bundesangelegenheiten durch Athen und erwähnt, dass es ausschließlich Athen ist, welches von Anfang an gegen säumige Bündnispartner vorging.[9]

Die konkreten Einzelleistungen und deren quantitativer Umfang, welche die einzelne Polis für ihre freiwillige Mitgliedschaft zu erbringen hatten, wurden jedoch nicht von Athen festgelegt, sondern beruhten anfangs auf individuellen Wünschen. Zwar wurde als Finanzverwaltung des Bundes die Instanz der zehn athenischen Hellenotamiai geschaffen, da diese Schatzmeister aber über keinerlei exekutive Befugnisse verfügten, kann in ihnen kein Instrument athenischer Herrschaftsausübung gesehen werden.[10]

Dass zu Beginn des Attischen Seebundes Athen trotz seiner anerkannten hegemonialen Position nicht freie Hand gelassen wurde, zeigt sich in der Schaffung einer Gegeninstanz - des Synhedrions. Diese Bundesversammlung begrenzte die athenischen Befugnisse, da die Grundlinien der Politik und wesentliche Einzelfragen (Tributveranschlagung, Reaktion auf abtrünnige Poleis) durch die Gesamtheit der Bündner entschieden wurden, welche zu diesem Zweck auf Delos zusammenkamen. Welche Bedeutung dem Synhedrion gerade in der Anfangszeit des Bundes zugekommen sein muss beweist die Tatsache, dass dessen Zurückdrängung durch das politische und militärische Wirken Athens von Thukydides als entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Seebundes angesehen wird.[11] Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die 478 getroffenen Vereinbarungen einen Kampfbund auf unbegrenzte Zeit, in dem Athen aufgrund seiner militärischen und politischen Führungsrolle das Exekutivrecht zufiel, zum Inhalt hatten. Diese Hegemonialstellung wird auch aus der Originalbezeichnung des Bundes „Die Athener und ihre Bundesgenossen“[12] deutlich. Trotz seiner allgemein akzeptierten Kompetenzen war Athen aber anfangs noch abhängig von der Bundesversammlung, die daher ständig und erfolgreich beeinflusst und schließlich zurückgedrängt wurde.[13]

2. Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund

2.1 Die Stellung Mytilenes im Attischen Seebund

Innerhalb des Attischen Seebundes gab es einen kleinen privilegierten Kreis von Poleis bzw. Inseln, die ihre Kriegsflotte behalten durften und als „Stützen“ der athenischen Herrschaft fungierten.[14]

Zu diesen Bündnern erster Ordnung zählte auch die Insel Lesbos mit der wichtigsten Polis Mytilene. Trotz dieser Sonderstellung, die die Gesandtschaft von Mytilene in Olympia als „selbständig undfrei“[15] bezeichnete, wagte diese Stadt 428 den Abfall von Athen.

2.2 Rekonstruktion der Ereignisse nach Thukydides

2.2.1 Von langer Hand geplant

Thukydides berichtet im dritten Buch, dass die Absicht, von Athen abzufallen, schon vor dem Peloponnesischen Krieg existierte. Die Weigerung Spartas, die abtrünnigen lesbischen Poleis (außer Methymna) in den Peloponnesischen Bund aufzunehmen, verhinderte aber einen früheren Abfallversuch. Erst im Sommer des vierten Kriegsjahres wurde dieser dann umgesetzt. Dazu wurden eigens die Hafenmolen und Verteidigungsmauern errichtet und die Flotte sollte aufgestockt werden. Darüber hinaus hatte man geplant, Bogenschützen und Getreide vom Schwarzen Meer kommen zu lassen, um für die Revolte gut gerüstet zu sein.

Für Athen sollte sich die Durchdringung der verbündeten Poleis mit den Proxenoi jedoch bezahlt machen, da es diese waren, die die Großmacht von dem geplanten Abfallversuch unterrichteten. Hier zeigt sich, dass die Loyalität zu Athen so weit gehen konnte, dass sie noch vor der zur eigenen Polis rangierte. Die Verräter kamen nicht nur aus dem athenfreundlichen und am Abfall nicht beteiligten Methymna sondern auch aus Mytilene selbst. So wurde in Athen berichtet, dass die Lesbier mit Gewalt gezwungen würden nach Mytilene zu ziehen und dass sich fast die ganze Insel mit Hilfe der Spartaner zum Abfall rüste. Durch diesen Verrat sah sich Mytilene früher als geplant der Intervention Athens gegenüber.[16]

2.2.2 Die List der Athener scheitert

Die Proxenoi gaben Athen den Rat schnell einzugreifen und Mytilene zu besetzen, da sonst Lesbos verloren gehen würde. Nach einigem Zögern konnte sich das durch Seuche und Kriegslast geschwächte Athen schließlich dazu durchringen vierzig Schiffe auszusenden. Man hatte die Hoffnung, ein religiöses Fest ausnutzen zu können, bei dem sich die Bevölkerung Mytilenes außerhalb der Stadt aufhielt.[17]

Die List scheiterte aber da die Nachricht von der herannahenden Flotte der Insel Lesbos durch einen namenlos bleibenden Mann noch vor dem Eintreffen der Streitmacht überbracht wurde. Als die Athener bemerkten, dass ihre List gescheitert war, weil die unfertigen Befestigungsanlagen hektisch zur Verteidigung hergerichtet wurden, übersandten sie ein Ultimatum an Mytilene. Dieses beinhaltete, dass die Stadt Krieg verhindern könne, wenn sie ihre Flotte ausliefern und ihre Mauern einreißen würde.[18]

2.2.3 Der Krieg beginnt

Da die Lesbier nicht bereit waren sich kampflos zu ergeben, begann die Großmacht den Krieg, den sich Mytilene entgegen seiner Planungen weitgehend ungerüstet stellen musste. Nach einem kurzen Scharmützel der beiden Flottenverbände gelang es den Mytilenern jedoch durch einen Waffenstillstand Zeit zu gewinnen, da sich die athenischen Feldherren nicht sicher waren den Krieg gegen nahezu ganz Lesbos siegreich führen zu können.

Die kurzzeitige Ruhe nutzte Mytilene dazu zwei Gesandtschaften auszusenden. Die erste sollte in Athen beruhigend einwirken und einen Abzug der Flotte erreichen. Diesen Boten gehörte auch ein Mann an, der noch kurz vorher die Abfallversuche Mytilenes verraten hatte und den jetzt das schlechte Gewissen plagte. Ein schönes Beispiel, wie schnell sich Positionen und Ansichten im Verlauf des Krieges ändern konnten. Da die Lesbier nicht wirklich an einen Erfolg der Gesandten in Athen glaubten, schickten sie gleichzeitig und unbemerkt von der attischen Flotte eine Triere mit Boten nach Sparta.

Die Vorahnung der Mytilener sollte sich bestätigen. Als die attische Gesandtschaft kurze Zeit darauf unverrichteter Dinge zurückkehrte begann der Krieg zu Lande. Die Lesbier (außer Methymna) wagten geschlossen einen Angriff auf das athenische Lager und konnten diesen auch erfolgreich gestalten. Aus Angst vor der eigenen Courage zogen sie sich aber danach wieder hinter die unfertigen Mauern Mytilenes zurück, um die in Auftrag gegebene spartanische Unterstützung abzuwarten. Thukydides erkennt darin einen taktischen Fehler, wenn er bemerkt, dass „die Athener aber an Stärke gewannen durch die Untätigkeit der Mytilener‘. Athen und seine Verbündeten schlossen die Stadt durch zwei Lager ein, die es ihnen erlaubten, die beiden Häfen Mytilenes zu blockieren, wodurch der „Gebrauch des Meeres versperrt‘ blieb. Das übrige Land beherrschten die Lesbier jedoch weiterhin, da aus den übrigen Poleis der Insel Verstärkung für Mytilene eingetroffen war.[19]

2.2.4 Die mytilenische Gesandtschaft in Olympia

Die zweite mytilenische Gesandtschaft traf indes auf Wunsch der Lakedaimonier in Olympia ein, wo sie nicht nur von Sparta sondern auch von den Verbündeten des Peloponnesischen Bundes angehört werden sollte.

Die Boten Mytilenes eröffneten ihren Vortrag mit der Bemerkung, dass sie Verständnis dafür hätten, wenn die Peloponnesier sie nun als Verräter betrachten würden, da sie ja vom ursprünglichen Bündnis abgefallen seien:

„[Das Urteil uns Mytilener als Verräter zu verachten] ist auch ganz berechtigt - sofern die Abtrünnigen und die, die sie im Stiche lassen, zueinander in gleicher Gesinnung und Freundschaft standen, an Heeresstärke und Macht sich gewachsen sind und auch kein triftiger Grund für den Abfall vorliegt. Aber so war es nicht zwischen uns und Athen, und keiner soll uns gering achten [...], wenn wir [...] nun abfallen."[20]

Sie begründen also ihre Revolte damit, dass sie kein gleichgestellter Verbündeter für Athen mehr waren und ihnen „die Führung Athens verdächtig [erschien], [denn] wenn [sie] auf die bisherigen Beispiele sahen [so] war nicht zu erwarten, dass sie mit [Mytilene], hätten sie nur gekonnt, nicht ebenso verfahren [wären]." Die Mytilener erachteten ihren Abfall somit nicht als Verrat sondern als präventive Maßnahme, bevor es ihnen wie den anderen Poleis ergehen würde, die Athen vor ihnen unterworfen hatte. Außerdem hatte sich, wie noch gezeigt werden wird, das Wesen des Seebundes in einer solchen Art verändert, dass sie sich nicht mehr an ihren Schwur gebunden sahen. Schließlich „schlossen wir dies Bündnis nicht zur Unterwerfung der Hellenen unter Athen, sondern zur Befreiung von den Persern für Hellas." Nachdem sie den versammelten Vertretern des Peloponnesischen Bundes ihre Abtrünnigkeit begründet hatten, versuchten die Boten Sparta und seine Verbündeten zu rascher Hilfe zu bewegen:

„Umso mehr müsst ihr uns als neuen Bundesgenossen in Eile Beistand schicken, um zu zeigen, dass ihr helft, wo es nötig ist, und um gleichzeitig euren Feinden zu schaden. Der Augenblick ist günstig wie noch nie: von der Seuche ist Athen mitgenommen und von den aufgewendeten Kosten [.] ."[21]

Gleichzeitig erkannten die Boten auch die Bedeutung der Tatsache, dass sich die Kraft Athens zum Großteil auf die Zahlungen der Bundesmitglieder stützte, wenn sie zu bedenken gaben:

„Der Krieg entscheidet sich ja nicht in Attika,[. ] sondern wo Athens Macht liegt; es geht um das Geld, das von den Verbündeten eingeht und noch viel mehr eingehen wird nach unserer Unterwerfung. Dann wird nämlich keiner mehr abtrünnig werden [...].“

Diese Argumentation verfehlte ihr Ziel nicht und die Mytilener wurden in den Bund aufgenommen.[22]

2.2.5 Kämpfe auf Lesbos

Nachdem eine geplante Landoffensive der Spartaner gegen Athen gescheitert war, rüsteten die Lakedaimonier vierzig Schiffe aus, die unter dem Kommando des Alkidas nach Lesbos segeln sollten. Zeitgleich zogen die Mytilener unter Zuhilfenahme von Söldnern gegen Methymna, das als einzige Polis auf Lesbos nicht von Athen abgefallen war. Die Stadt überstand den Angriff jedoch und so musste sich Mytilene damit begnügen, die übrigen Städte im Inneren der Insel zu sichern und sich dann wieder hinter die eigenen Mauern zurückzuziehen.

Eine kurz darauf erfolgte Gegenoffensive Methymnas auf das südwestlich gelegene Antissa endete in einem Fiasko für die Verbündeten Athens. Als sich die Großmacht darüber klar wurde, dass der Großteil von Lesbos unter der Kontrolle Mytilenes stand und die eigenen Fußtruppen vor Ort nicht stark genug waren um das zu ändern, schickte Athen 1000 Hopliten unter dem Kommando des Paches nach Lesbos. Diese Truppen ummauerten Mytilene vollständig mit einer einfachen Mauer und festen Bollwerken. Zu Beginn des Winters 428 war die Polis damit „von beiden Seiten, zu Wasser und zu Lande, nach Kräften eingeschlossen“. Um die hohen Kosten der Belagerung zu decken erhob Athen extra eine Sondersteuer und sandte zu den Verbündeten zwölf „Geldsammelschiffe“.[23]

2.2.6 Der Fall von Mytilene

Die Belagerung der Stadt wurde den Winter über aufrechterhalten, allerdings konnte auf keiner Seite eine Veränderung der Situation hervorgerufen werden.

Gegen Ende des Jahres 428 gelang es dem spartanischen Gesandten Salaithos sich nach Mytilene hinein zu schleichen und zu berichten, dass ein Einfall nach Attika bevorstand und gleichzeitig das Hilfsgeschwader von vierzig Schiffen bei den Belagerten eintreffen würde. Die neu entfachte Hoffnung Mytilenes sollte sich jedoch nicht bestätigen. Zwar war der Einfall der Lakedaimonier in Attika erfolgreich, die Hilfsflotte erreichte Lesbos jedoch nicht mehr rechtzeitig. In der belagerten Stadt hatte sich nämlich die Stimmung als Folge der Belagerung deutlich verändert. Der Demos, der von Salaithos in seiner Verzweiflung mit schweren Waffen ausgestattet worden war, um die Athener anzugreifen, rottete sich stattdessen zusammen und verlangte „die Mächtigen sollten das Korn zum Vorschein bringen und unter allen verteilen, andernfalls würden sie sich mit den Athenern einigen und die Stadt ausliefern."[24] Angesichts der Übermacht vor und in den Mauern bemerkten die Machthaber von Mytilene die Aussichtslosigkeit ihrer Situation und schlossen mit Paches einen Vertrag mit dem Inhalt, dass Mytilene eine Gesandtschaft für seine Sache nach Athen schicken könne und die Belagerer bis zu deren Rückkehr keinen Bewohner der Polis fesseln, töten oder versklaven dürften. Im Gegenzug durften die Athener über Mytilene beschließen was sie wollten und das Heer wurde in die Stadt eingelassen. Diejenigen, die das Bündnis mit Sparta am dringlichsten durchgesetzt hatten, trauten dem Frieden jedoch nicht und flüchteten sich aus Angst vor den Athenern in die Heiligtümer. Paches hielt aber Wort. Er brachte die führenden Köpfe des Abfalls von den Altären unbeschadet nach Tenedos bis eine Antwort aus Athen kam und gewann ohne Blutvergießen die übrigen Poleis auf Lesbos.

Die herannahende spartanische Flotte machte wieder kehrt, als sie sich selbst vom Fall Mytilenes überzeugt hatte. Paches verfolgte sie zwar noch ein Stück, konnte sie aber nicht mehr einholen. Zurück auf Lesbos ordnete er die Dinge im Sinne Athens, entließ große Teile des Heeres in die Heimat und schickte dann Salaithos mit den übrigen Hauptschuldigen, die in Tenedos verwahrt waren, nach Athen.[25]

2.2.7 Die Mytilene-Debatte in Athen

Dort angekommen ließen die Athener Salaithos augenblicklich hinrichten. Über das Schicksal Mytilenes und der übrigen etwa 1000 von Paches mitgeschickten Hauptschuldigen wurde danach Gericht gehalten.[26]

Das Urteil lautete, dass nicht nur die Hauptverantwortlichen sondern die gesamte männliche Bevölkerung umgebracht werden sollte. Die Kinder und Frauen der Stadt sollten in die Sklaverei verkauft werden. Begründet wurde diese harte Entscheidung damit, dass sich Mytilene erkühnt habe von Athen abzufallen „statt die Herrschaft hinzunehmen wie andere“. Die zu spät gekommene spartanische Flotte war von Seiten Athens als Indiz dafür gewertete worden, dass der Abfall „von langer Hand vorbereitet gewesen“ sei. Eine Triere wurde mit dem Beschluss an Paches abgeschickt, der auf Befehl Athens die Mytilener sofort umzubringen bzw. zu versklaven hatte.

Am nächsten Tag zeigten die Athener Reue aufgrund ihres Beschlusses „eine ganze Stadt zu vernichten, statt nur der Schuldigen.“ Auf Druck „der Mehrzahl der Bürger“ wurde daher die Volksversammlung erneut eröffnet, um über Mytilene zu beraten. Als erster Redner trat Kleon auf „der schon am Vortage durchgedrungen war mit der Tötung und auch sonst der gewalttätigste Mann der Stadt war, damals aber weit vor allen anderen das Vertrauen des Volkes genoss“[27]

a) Die Rede Kleons

Den Einstieg in seine Rede gestaltet Kleon so, dass er die Volksversammlung für ihre Reue Mytilene gegenüber tadelt und sogar als „unfähig zur Herrschaft über andere Völker“ bezeichnet. Er gibt zu bedenken, dass die Herrschaft Athens eine „Tyrannis über hinterhältige und widerwillige Untertanen“ sei, „deren Gehorsam nicht eine Folge der Wohltaten [...] sondern eurer Kraft‘ ist.

Gleichzeitig warnt er davor sich von schön formulierten Reden zu einer falschen Entscheidung verleiten zu lassen, was seiner Meinung nach in Athen öfter vorkommt, da man allzu oft „der Hörlust preisgegeben“ glaube, man säße im Theater „um Redekünstler zu genießen“ und nicht um „das Heil des Staates zu bedenken“

Anschließend versucht Kleon für die Beibehaltung des Urteiles einzutreten, da seiner Meinung nach „noch nie eine einzelne Stadt euch [gemeint ist Athen], so schwer beleidigt hat wie Mytilene“ Er zeigt zwar Verständnis dafür, dass eine unterdrückte Polis die Herrschaft nicht mehr ertragen kann oder von einem äußeren Feind zum Abfall gezwungen wird, solche Gründe liegen aber im Falle von Mytilene seiner Auffassung nach nicht vor.[28] 21 Thuk. 3,36 (218-219).

[...]


[1] Vgl. zu Mytilene generell: Herbst, R., Art. Mytilene, in: RE, Bd. 16 (1988), Sp. 1411-1427, Meyer, Ernst, Art. Mytilene, in: Andresen, Carl [Hrsg.], Lexikon der Alten Welt, Bd. 2, Augsburg 1994, Sp. 2050 und Ders., Art. Mytilene, in: Ziegler, Konrat [Hrsg.], Der kleine Pauly, Bd. 3, München 1979, Sp. 1544-1546.

[2] Bodenstedt, Friedrich, Die Elektronmünzen von Phokaia und Mytilene, Tübingen 1981, S. 8.

[3] Alle Zeitangaben der vorliegenden Hausarbeit verstehen sich als v.Chr.

[4] Welwei, K.-W., Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999, S. 51-82.

[5] Schuller, W., Die Stadt als Tyrann - Athens Herrschaft über seine Bundesgenossen (Konstanzer Universitätsreden Bd. 101), Konstanz 1978, S. 5ff.

[6] Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 142 mit Anmerkung 13.

[7] Bei der Gründung des Bundes nicht explizit erwähnt weil wohl als selbstverständlich vorausgesetzt vgl. Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 142 mit Anmerkung 14.

[8] Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von Landmann, G. P., München 1991, S. 201 - im Folgenden angegeben als: Thuk. Buch, Kapitel (Seite der Landmannübersetzung) - Hier: Thuk. 3,10 (201).

[9] Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 142-144.

[10] Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 144-146 sowie 36-37.

[11] Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 146ff. sowie Thuk. 1,96 (81) und 1,97 (82).

[12] 12 Schuller, W., Die Stadt als Tyrann - Athens Herrschaft über seine Bundesgenossen (Konstanzer Universitätsreden Bd. 101), Konstanz 1978, S. 10.

[13] Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 147-148.

[14] Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 54ff.

[15] Thuk. 3,10 (202).

[16] Thuk. 3,2 (197).

[17] Thuk. 3,2 - 3,3 (197-198).

[18] Thuk. 3,3 (198).

[19] Thuk. 3,4-3,6 (198-200).

[20] Thuk. 3, 9 (201).

[21] Thuk. 3,8-3,13 (200-204); wörtliches Zitat Thuk. 3,13 (204).

[22] Thuk. 3,13-3,15 (204-205); wörtliches Zitat Thuk. 3,13 (204).

[23] Thuk. 3,16-3,19 (205-207).

[24] Thuk. 3,27 (214).

[25] Thuk. 3,25-3,35 (211-218).

[26] Thuk. 3,36 (218).

[27] Thuk. 3,36 (218-219).

[28] Thuk. 3,31-3,39 (219-221).

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund 428/427 v. Chr. und dessen Darstellung bei Thukydides
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Altertumswissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Innerer Streit, Bürgerkrieg und Befriedungsbemühungen in den griechischen Poleis des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr.
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
33
Katalognummer
V181351
ISBN (eBook)
9783656045298
ISBN (Buch)
9783656044772
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antike, Mytilene, Attischer Seebund, Thukydides, Griechenland, Athen, Sparta, Polis, Parteikämpfe, Demokratie, Oligarchie, Geschichte, Demos
Arbeit zitieren
Martin Mehlhorn (Autor), 2011, Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund 428/427 v. Chr. und dessen Darstellung bei Thukydides, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181351

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