Entsicherte Welt - Der Tod im Fokus

Eine Detailanalyse der Fotografie Marcus Bleasdales zum Artikel 'Entsicherte Welt' Ingo Moceks


Essay, 2009

3 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Entsicherte Welt - Der Tod im Fokus

Eine Detailanalyse der Fotografie Marcus Bleasdales zum Artikel Entsicherte Welt Ingo Moceks Eine Kalaschnikow nimmt das Bild ein. Die Waffe ist nicht scharf zu sehen, ebenso die Hand am Abzug. Das Gewehr befindet sich im Vordergrund und benötigt fast die gesamte rechte Bildhälfte. Der Träger hält seine Kalaschnikow fest, doch der Lauf zeigt auf den Boden, die Waffe ist auf niemanden gerichtet, sie hängt senkrecht herab.

In grafischer Hinsicht lässt die Schwarzweißfotografie nicht viel Deutungsspielraum zu. Die Konturen sind klar zu erkennen, die Figuren im Vordergrund lassen sich mit Leichtigkeit von der hellen Landschaftsszenerie im Hintergrund unterscheiden.

Das Bild zeigt drei Personen: im Bildvordergrund links den Unterkörper des Kalaschnikowträgers; weiterhin erstreckt sich dessen Hand über die Bildmitte. Hinter dieser Hand befindet sich eine weitere bewaffnete Person. Leicht versteckt steht sie etwas entfernt im Hintergrund. Ein Stück weiter hinten, im rechten Bilddrittel, ist eine dritte Person zu erkennen. Sie wird fast gänzlich von der Kalaschnikow im Vordergrund verdeckt. Von ihr ist fast nichts mehr zu sehen bis auf den Kopf, eine Schulter und ein Hosenbein. Der fokussierte Kopf mit all seinen Details allerdings ist genau zu identifizieren, da er exakt im Abzug der Kalaschnikow positioniert ist.

Hier werden zwei Bilddetails miteinander verbunden: einerseits der nicht fokussierte Abzug im Vordergrund, andererseits der fokussierte Kopf im Hintergrund. Der Kopf, der übrigens der einzig vollkommen erkennbare Menschenkopf im Bild ist, wird also vom Abzug umgeben, sodass der unscharfe Abzug ihn wie einen Rahmen umschließt. Der Mensch wirkt somit wie geköpft, da der Abzug den Kopf vom Körper trennt und beide für sich nicht überlebensfähig sind. Die Kalaschnikow zerlegt den menschlichen Körper in drei Teile, was wiederum in der Fotografie von Bleasdale anhand der drei Personen deutlich illustriert wird. Erst wenn man den Unterkörper der linken Person mit dem Oberkörper der mittleren und dem Kopf der rechten Person zusammensetzt, ist der Mensch komplett. Die Waffe spaltet den Menschen in drei Teile auf, die leblosen Hüllen gleichen. Sie wirken wie Zielscheiben, die in eine Kriegskulisse gestellt und zum Abschuss freigegeben wurden.

Der Kopf, der hier aber auch für den Menschen in seiner Gesamtheit steht, erscheint demnach wie im Fadenkreuz befindlich und ist in seiner Darstellung wiederum bedroht. Das sogar auf dreierlei Arten: nicht nur dass der Kopf durch den Abzug guillotiniert zu werden scheint, der Abzug legt sich auch noch zusätzlich wie eine Schlinge um den Hals des Menschen. Aber auch die Kamera wirkt in dieser Fotografie wie ein Instrument der Bedrohung. Sie scheint auf den Kopf zu zielen und ist in ihrer Funktion die Verlängerung einer Schusswaffe (die höchstwahrscheinlich zielt, trifft und ihre tödliche Wirkung nicht verfehlt).

Der Kopf fungiert hier nun als Pars pro toto und steht somit stellvertretend für den Menschen an sich. Demzufolge ergibt sich: steht der Kopf im Fadenkreuz, tut dies auch der gesamte Mensch.

Es entsteht ein interessanter Kreislauf. Der Abzug ist Teil der Waffe und steht als Teil des Ganzen somit für selbige; die Waffe ist ein Instrument der Gewaltausübung, Symbol des Krieges, Krieg ist ein Index für Tod, im Speziellen auch für die Vernichtung des Menschen, sodass sich an dieser Stelle der Kreis schließt, da der Mensch - repräsentiert durch den Kopf - im Abzug wiederkehrt.

Unübersehbar steht in der unteren rechten Hälfte am Bildende in großen weißen Lettern (auf dunklem Hintergrund) Entsicherte Welt. Der Schriftzug verläuft in seiner gesamten Länge quer über die Waffe. Demnach führt die Entsicherte Waffe zu einer Entsicherten Welt.

Die Waffe verbirgt Gesichter und schafft Anonymität: jeder kann hier zum Opfer werden oder auch Täter sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Entsicherte Welt - Der Tod im Fokus
Untertitel
Eine Detailanalyse der Fotografie Marcus Bleasdales zum Artikel 'Entsicherte Welt' Ingo Moceks
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kulturwissenschaftliches Seminar)
Veranstaltung
Die photographische Entdeckung des Details. Photographie und das Denken der Ähnlichkeit.
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
3
Katalognummer
V181374
ISBN (eBook)
9783656055846
ISBN (Buch)
9783656055914
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bildquelle: Entsicherte Welt. Fotografiert von Marcus Bleasdale. Erschienen in: Neon, Ausgabe Januar 2009, Seite 20/21. Liegt hier nicht bei!
Schlagworte
entsicherte, welt, fokus, eine, detailanalyse, fotografie, marcus, bleasdales, artikel, ingo, moceks
Arbeit zitieren
Irina Kirova (Autor:in), 2009, Entsicherte Welt - Der Tod im Fokus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181374

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