Der Begriff des „höchsten Guts“ im Kanonkapitel der reinen Vernunft und dessen Problematik


Seminararbeit, 2011

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das „höchste Gut“ in der Kritik der reinen Vernunft
2.1 Die Unschärfe des „höchsten Guts“ in der ersten Kritik
2.2 Das „höchste Gut“ als moralische Welt
2.3 Wollen und Sollen
2.4 Die doppelte Konzeption des höchsten Guts

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Sowohl in der antiken als auch in der neuen Ethik wirft der Begriff „höchstes Gut“ die Frage nach menschlichem Glück auf und gibt darauf Antwort. Auf den ersten Blick scheint es, als ob Kants kritische Ethik keinerlei Bezug zum höchsten Gut besitzt, weil sie für formal gehalten wurde und Glückseligkeit, die einen notwenigen Bestandteil des höchsten Guts darstellt, ignoriert wurde.[1] Dennoch sind Moralischer Vernunftglaube, Hoffnung und Gott eng mit dem Begriff des höchsten Guts verbunden.[2] Der Begriff nahm im Altertum sowie im Mittelalter einen hohen Stellenwert ein. Augustinus verstand Gott beispielsweise ontologisch als höchstes Glück und Gut des Menschen. Anselm von Canterbury setzte das höchste Gut mit dem höchsten Wesen gleich und Thomas von Aquin sah das höchste Gut als Seinsgrund aller Dinge an.[3] Das Kanonkapitel[4] in der Kritik der reinen Vernunft, das sich mit dem höchsten Gut beschäftigt, erfuhr seitens der Forschung lange Zeit kaum Beachtung oder wurde als weniger wichtig deklariert, obwohl hier wichtige Bestandteile kant‘scher Philosophie in ihren Grundzügen auftauchen.[5]

Erst seit den 70er Jahren finden sich vermehrt Publikationen zu diesem Thema. In Düsings[6] Untersuchung erfolgt eine epochale Trennung des höchsten Guts: Die frühere Lehre des höchsten Guts hält er für das Prinzip zur Ausführung der Ethik, die er zum Zeitpunkt der Kritik der reinen Vernunft sieht, welche ihren praktischen Charakter in der zweiten Kritik entfaltet und später keinen Bestandteil kant‘scher Ethik bildet. Trotzdem muss sie als Konsequenz seiner reifen Ethik angesehen werden, die sich durch die Anwendung von Prinzipien der Sittlichkeit entfaltet. Habichler[7] untersucht, inwieweit der Begriff des höchsten Guts kompatibel oder deckungsgleich mit dem Begriff „Reich Gottes“ ist und kommt zu dem Schluss, dass sich durchaus erste Andeutungen finden lassen, wobei er eine Anspielung auf den christlichen Begriff für wahrscheinlich hält. Heidemann[8] beschränkt sich bei ihrer Gesamtinterpretation des Kanonkapitels auf dessen Aufbau sowie dessen Struktur und versucht hieraus das höchste Gut zu rekonstruieren. Wimmer[9] zieht zur Analyse des höchsten Guts schwerpunktmäßig die Religionsschrift zu Rate, wohingegen Krämling[10] der Auffassung ist, dass eine ethische sowie vernunftarchitektonische Untersuchung bzgl. Kants Begriff des höchsten Guts erfolgen müsse.

Im Nachfolgenden soll an ausgewählten Beispielen aus dem Kanonkapitels in der Kritik der reinen Vernunft untersucht werden, welche Problematik das „höchste Gut“ als Begriff mit sich bringt und was das höchste Gut bei Kant ausmacht, bevor die Rolle der Glückseligkeit sowie Sittlichkeit im Zusammenhang mit diesem Begriff erläutert werden sollen.

2. Das „höchste Gut“ in der Kritik der reinen Vernunft

2.1 Die Unschärfe des „höchsten Guts“ in der ersten Kritik

Das höchste Gut ist prima facie ein Gegenstand der kritischen Reflexion reiner Vernunft und wird innerhalb des zweiten Abschnittes der Methodenlehre behandelt. Diese setzt bei empirischen phänomenalen Erfahrungen an und entwirft zunächst eine negative Seinslehre bzw. Ontologie, bevor sie auf die Leistungsfähigkeit der reinen praktischen Vernunft zu sprechen kommt. Der negative Teil, der beispielsweise Mathematik als falsches Fundament kritischer Philosophie beiseite räumt und Recht als positives Fundament deklariert, stellt ein positives Gegenstück zum hier behandelten Kanonkapitel über das höchste Gut dar.[11] Kants Interesse an der theoretischen Vernunft ist verhältnismäßig gering. Er begründet dies damit, dass, würde es einen Beweis geben, der Willensfreiheit, Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gotte nachweise, dies keinerlei Auswirkungen auf die Erforschung der Naturphänomene hätte. Somit sind die Kardinalsätze „zum Wissen gar nicht nötig [zumal diese] gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen werden: so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische angehen müssen.“[12] Der zweite Abschnitt des Kanonartikels ist, was Gedankenführung angeht, wenig strukturiert. Es finden sich Sprünge zwischen den vielschichtigen Begriffen ,höchstes Guts als moralische Welt‘, dem ,Hoffhungsbegriff und Kants Moralphilosophie im Allgemeinen.[13] Kant führt auf wenigen Seiten, im Abschnitt „Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft“, den Begriff des höchsten Guts als moralische Welt ein. Hier führt er skizzenhaft die wesentlichen Elemente seiner späteren, weitaus differenzierteren formalen Vernunftethik auf.[14] Sollen, Hoffen, praktische Gesetze, Maximen, Imperative, Triebfelder, Glückseligkeit, pragmatische Klugheitsregel, Freiheit, moralische Welt, Unsterblichkeit, Gott - moralische Begriffe, die erst in der Kritik der praktischen Vernunft an Klarheit und Schärfe gewinnen.[15] Jedoch ist bereits in diesem frühen Entwicklungsstadium das höchste Gut als fester Bestandteil kant‘scher Moralphilosophie auffindbar. Kants moralische Welt wird als Forderung einer praktischen Vernunft sichtbar. Er ist sich sicher, obwohl eine argumentative Legitimation des Sittengesetzes ausbleibt bzw. erst in der Kritik der praktischen Vernunft genauer thematisiert wird, dass die menschlichen Gesetze einen realen Einfluss auf die sittliche Welt besitzen und denkt sie naturgesetzmäßig bzw. erfahrungsanalog.[16]

2.2 Das „höchste Gut“ als moralische Welt

Qualitativ überwiegt im Kanonabschnitt eine Charakterisierung als moralische Welt. Doch wird auch das höchste Gut als corpus mysticum[17] bzw. regnum gratiae[18] bezeichnet. Neben einer gemeinschaftlich-universellen Beschreibung erfährt der Begriff auch eine persönlich-individuelle Bestimmung, die auf eine durch Tugend bewirkte Glückseligkeit andeutet und sich in der Kritik der praktischen Vernunft erst vollends entfaltet.[19] Der Glückseligkeitsbegriff, als Begriff innerhalb des höchsten Guts, lässt sich in Kants Moralphilosophie verorten. Es scheint, als ob dieser Begriff zum einen empirisch und zum anderen sittlich verwendet wird. Empirische Glückseligkeit dient dem psychisch-physischen Selbsterhalt, gewährleistet persönliches Wohlergehen und Zufriedenheit in der sinnlichen Welt. Sittliche Glückseligkeit ist die Zufriedenheit mit dem eigenen Zustand, die daraus resultiert, dass jeder einzelne aus der eigenen moralischen Pflicht heraus handelt.[20] Kant selbst definiert die Glückseligkeit als „die Befriedigung unserer Neigungen.“[21] Um Glückseligkeit zu erreichen, müssen prima facie, also ohne Widerspruch zu einer anderen Pflicht, alle Neigungen maximal befriedigt werden.[22]

2.3 Wollen und Sollen

Die praktische Vernunft „gebietet, dass [wenn Dinge] geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können.“[23] Kant schließt hier aus dem Sollen - als unbedingte Verpflichtung - auf die Möglichkeit des Könnens, also einer „praktischen Umsetzung des moralisch „Gesollten“ in der sinnlichen Welt.“[24] Eine persönliche moralische Verpflichtung ist erst dann geboten, wenn der Mensch ausreichend Kraft besitzt diesen Verpflichtungen nachzukommen. Doch diese Handlungsweisung ist keineswegs ein hinreichender Grund, damit sich der Mensch einer rein moralischen Welt annimmt. Kant spricht dem Menschen lediglich zu, vernunftbegabt zu sein.

In einer moralischen Welt als Idee, geschehen Handlungen nicht aus empirischen Motiven bzw. Motivation heraus. Dennoch hat der Mensch als sittliches Vernunftwesen Anteil an diesen Handlungen. So versucht er innerhalb der sinnlichen Welt, aufgrund seiner Vernunftbegabung, die Forderung der Sittlichkeit zu realisieren und sich der gedachten moralischen Welt anzunähern. Kant selbst sieht jedoch die Problematik dieser konstruierten, utopisch anmutenden moralischen Welt. Zum einen handelt der Mensch nicht immer als reines Vernunftwesen mit dem Anspruch, seine Handlungen stets und ausnahmslos moralisch korrekt, sondern oft auch als triebgesteuertes und neigungsbedürftiges Sinnenwesen, gleichwohl er sich moralischer Verpflichtungen bewusst ist. Gute Taten und moralische Beurteilungen werden nicht immer mit den Handlungsmaximen - insbesondere dem moralischen Gesetz - abgeglichen.

[...]


[1] Vgl. Phil-Bae Park: Das höchste Gut in Kants kritischer Philosophie. Eine Untersuchung über den Zusammenhang von kritischer Ethik und Metaphysik, Köln 1999, S. 1f.

[2] Vgl. Daniel Keller: Der Begriff des höchsten Guts bei Immanuel Kant, Paderborn 2008, S. 18.

[3] Vgl. Brian Hebblethwaite: Art. Höchstes Gut, 435-441.

[4] Vgl. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Philosophische Bibliothek Bd. 505, Hamburg 1998, A 797 / B 825 - A 819 / B 847; im Folgenden KrV

[5] Vgl. Keller, S. 66.

[6] Vgl. Klaus DÜSING: Das Problem des höchsten Gutes in Kants Praktischer Philosophie, S. 5-42.

[7] Vgl. Alfred Habichler: Reich Gottes als Thema des Denkens bei Kant. Entwicklungsgeschichte und systematische Studie zur kantischen Reich-Gottes-Idee, Mainz 1991, S. 96-109.

[8] Vgl. Ingeborg Heidemann: Das Ideal des höchsten Gutes. Eine Interpretation des zweiten Abschnittes im ,Kanon der reinen Vernunft, S. 233-305.

[9] Vgl. Reiner Wimmer: Kants kritische Religionsphilosophie, Berlin 1990, S. 57-62.

[10] Vgl. Kramling, Gerhard: Das höchste Gut als mögliche Welt, S. 273-288.

[11] Vgl. Keller, S. 64.

[12] KrV A 799 / B 827 - A 800 / B 828.

[13] Vgl. Heidemann, S. 241-255; Keller, S. 65.

[14] Zur Erläuterung der Doppeldeutigkeit des Titels s. Heidemann, S. 233f.

[15] Vgl. Hoffe, S. 292-291; Keller, S. 65f.

[16] Vgl. Heidemann, S. 245.

[17] Vgl. KrV A 812 / B 840.

[18] Vgl. KrV A 815 / B 843.

[19] Vgl. Keller, S. 66-61.

[20] Vgl. Ebd, S. 62. Somit setzt Kant eine nicht nur gedachte, sondern auch realisierbare Machbarkeit voraus.

[21] KrV A 806 / B 834.

[22] Vgl. Keller, S. 45.

[23] KrV A 807 / B 835.

[24] Keller, S. 68.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Begriff des „höchsten Guts“ im Kanonkapitel der reinen Vernunft und dessen Problematik
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Kants Theorie der Freiheit
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V181401
ISBN (eBook)
9783656043614
ISBN (Buch)
9783656043478
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Höchstes Gut, Aufklärung, arbitrum liberum, arbitrum brutum, Kritik, Wollen, sollen, doppelte, Konzeption, Vernunft, Willensfreiheit, Maximen, Sittengesetz, corpus mysticum, Glückseligkeit, Pflicht, Moral, Welt, Soll-Welt, Gott, systematische, Freiheit
Arbeit zitieren
Martin Rybarski (Autor:in), 2011, Der Begriff des „höchsten Guts“ im Kanonkapitel der reinen Vernunft und dessen Problematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181401

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