Der Futurismus: Umberto Boccioni


Seminararbeit, 2001

14 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhalt

1. Die Manifeste der futuristischen Maler
1.1. Das erste und zweite Manifest futuristischer Malerei
1.2. Die Bedeutung der futuristischen Manifeste
1.3. Die Futuristen und die Tradition

2. Umberto Boccioni
2.1. Biographie
2.2. Das Werk Boccionis
2.3. „Wir setzen den Betrachter mitten ins Bild“:
Der Lärm der Straße dringt ins Haus
2.4. „Alles bewegt sich, alles fließt“:
Die Stadt erhebt sich

3. Literaturnachweis

Der Futurismus: Umberto Boccioni

1. Die Manifeste der futuristischen Maler

1.1. Das erste und zweite Manifest futuristischer Malerei

Das erste Manifest des Futurismus von Filipo Tomaso Marinetti stößt u.a. bei den Malern Giacomo Balla, Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Gino Severini auf ein positives Echo; kurze Zeit später folgen die für die Entwicklung der bildenden Kunst grundlegenden Manifest der futuristischen Maler und Die futuristische Malerei – Technisches Manifest. Die Futuristen, die sich zunächst um Marinetti sammelten, deklarierten sich zur Avantgarde der modernen Kunst. Sie proklamierten die Idee einer künstlerischen Moderne, die sich mit der industriellen Lebenswelt zu verbinden suchte. Das erste Manifest, verkündet von der Bühne des Turiner Chiarella Theaters, formulierte insbesondere die Rebellion der Künstler gegen die Vulgarität und Nachahmung in der bildenden Kunst, gegen das Antike und gegen die Kunstkritik. Im Mittelpunkt stand hier das Verhältnis der Künstler zu der sie umgebenden Gesellschaft. Thematisch erklären die Künstler in dieser Schrift, dass ihre Kunst – die einzig lebensfähige – ihre Elemente in der sie umgebenden Umwelt finde. Das zweite Manifest diente der Darlegung der technischen Umsetzung dieser Rebellion. In diesem und den folgenden wurde insbesondere die Entstehung eines futuristischen Menschen proklamiert, der aus der Verschmelzung mit der Maschine, der für die Futuristen hervorragensten aller menschlicher Erfindungen, hervorgehen sollte. Die Maschine wird als neuer, lebendiger, menschlicher Körper beschrieben, der den organischen quasi multipliziert.[1]

Eines der späteren Manifeste Marinettis aus dem Jahre 1914 trägt den Titel Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine. Proklamiert wurde als Spitze dieses Gedankens eine Art Maschinenmensch mit austauschbaren, technischen Körperteilen. Als Inbegriff der Moderne galt bei den Futuristen das Automobil. Geschwindigkeit und Schnelligkeit stellten eine neue, rauschhafte Erfahrung dar. Im Stadium der Bewegung in der Maschine war die beste Möglichkeit gegeben, eins zu werden mit ihr.

Die bestehenden ästhetischen Ordnungen sollten von einem Lebensgefühl der technisierten Welt abgelöst werden, wie die folgende Forderung aus dem zweiten Manifest belegt: „Mit dieser (...) Zustimmung zum Futurismus wollen wir: (...) das heutige Leben, das die siegreiche Naturwissenschaft unaufhörlich und stürmisch verwandelt, wiedergeben und verherrlichen.“[2]

Der Futurimus reagierte damit auf die Veränderungen nicht nur der aktuellen Lebensbedingungen. Die Beschleunigung der Bewegung, die Schnelligkeit, der neue Dynamismus, die revolutionären Veränderungen im Nachrichten- und Transportsystem, all diese Elemente, wurden durch die Publikation der Manifeste zum Ausgangspunkt und zur Basis der avantgardistischen Programme, die letzten Endes in Rebellion münden mussten.

In formaler Hinsicht inspiriert sich die futuristische Malerei sowohl am Neoimpressionismus, wie es die frühen Werke von Severini und Balla verdeutlichen, als auch am Kubismus, den Boccioni und Carrà anlässlich eines Parisaufenthaltes 1911 entdecken. Vom Divisionismus übernehmen die italienischen Maler den gesteigerten Farbensinn, vom Kubismus die Zerlegung der Formen. Ihr wichtigster Beitrag sind jedoch ihre Studien zur Bewegung.

Die Anschauung der Dinge in den Werken der Futuristen sah den Menschen nicht mehr als Mittelpunkt des Lebens: „Der Schmerz eines Menschen ist für uns genauso interessant wie der einer elektrischen Birne, die leidet (...)“[3].

Um die „neuen Schönheiten eines modernen Bildes“ verstehen zu können, verlangten die Futuristen im technischen Manifest vom Betrachter eine „reine Seele“, deren Auge von dem Schleier des Vergangenen und der kulturellen Normen befreit werden mussten.[4]

1.2. Die Bedeutung der futuristischen Manifeste

Die Entwicklung des italienischen Futurismus ist gebunden an die Zeitschrift Poesia, die Marinetti 1905 als sein Sprachrohr gegründet hatte. Zunächst waren die futuristischen Manifeste hauptsächlich poetischer und politischer Natur. Später wurden außer der Literatur jedoch auch andere Kunstrichtungen erfasst. Es entstanden diverse Manifeste der Malerei, der Musik, der Architektur, des Tanzes, des Filmes, der Bühnenbildnerei, der Dekorationskunst und der angewandten Künste.

Der Entstehung einer derartigen hohen Anzahl von Manifesten lag außer der Proklamation des neuen Lebensgefühls und der Auseinandersetzung mit der veränderten Umwelt hauptsächlich ein tiefgehendes Kommunikationsbedürfnis der Künstler zugrunde – obwohl das Publikum häufig nur mit Unverständnis, bisweilen gar mit Spott reagierte. Entgegen der häufigen Sichtweise von Außenstehenden, die Manifeste stünden in keinerlei Zusammenhang mit den eigentlichen Werken, stellten sie für die Futuristen ein wichtiges Bindeglied zwischen Gedankenkonstrukt Futurismus, dem tatsächlichen Werk und dem Betrachter dar: Im ersten Manifest der futuristischen Maler werden die Manifeste als eine notwendige Pause bezeichnet, die der Künstler am Ende eines Reifungsprozesses benötigt. Zuerst jedoch haben die Künstler immer ihre formalen, geistigen und technischen Leistungen hervorgebracht, und erst daraufhin ihre Manifeste veröffentlicht. Die Manifeste sollten den Zweck erfüllen, dem Publikum den Zugang zum Kunstwerk zu erleichtern oder gar erst zu ermöglichen.

1.3. Die Futuristen und die Tradition

Ähnlich wie die Expressionisten sind die futuristischen Maler darauf aus, das abendländische Kunst- und Kulturerbe zu verwerfen, um möglichst ungebunden und ohne den Ballast des Überkommenen nach neuen gestalterischen Möglichkeiten zu suchen. Ihre schwierige Ausgangssituation formuliert Boccioni so: "Die futuristische Malerei befindet sich in einer besonders schwierigen Lage. Sie ist in Italien entstanden und hat sich hier entwickelt, in einem Land also, das keinerlei Tradition auf dem Gebiet der modernen Kunst hat und für sie blind ist"[5].

Erst von hier aus ist das programmatische Abstandnehmen von der Vergangenheit im Manifest der futuristischen Maler zu verstehen: "Wir wollen unerbittlich gegen den fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit kämpfen, der sich aus der unheilvollen Existenz der Museen nährt. Wir lehnen uns gegen die blinde Bewunderung alter Bilder, alter Statuen und aller alten Gegenstände auf und gegen die Begeisterung für alles, was wurmstichig, schmutzig und von der Zeit zerfressen ist (...) Da auch wir zur notwendigen Erneuerung aller künstlerischen Ausdrucksmittel beitragen wollen, erklären wir hiermit entschlossen allen Künstlern und allen Institutionen den Krieg, die sich zwar hinter einer falschen Modernität verstecken, aber an der Tradition, dem Akademismus und vor allem an einer widerwärtigen geistigen Trägheit festkleben“[6].

Hatten der Realismus des 19.Jahrhunderts und in seinem Gefolge die Fotografie das unmittelbare Sehen des tatsächlich Gegebenen zur Darstellungsnorm erhoben, war es das Ziel des Futurismus, diese Norm zu durchbrechen. Die futuristischen Maler wollten eine andere Einstellung zu den Gegenständen der sichtbaren Welt malerisch vorführen: Sie pflegten keine Darstellung mehr, die den Menschen in seiner Alltagswelt unmittelbar anzusprechen versuchte, insofern ihm Gelegenheit gegeben wurde, sich z.B. mit der Abbildung einer Straßenszene oder einer Situation – aufgrund des auf alltägliche Verrichtung abzielenden Zusammenhangs – zu identifizieren, weil er die Situation als selbst erlebte wiedererkannte. Futuristische Bilder sind meist nicht-szenisch und stellen selten situative Zusammenhänge dar. Es geht vielmehr um sinnliches Darstellen von Merkmalen, Eigenschaften und Zuständen der verschiedenen Gegenstände. So gesehen, treten in futuristischen Bildern Gegenstände selten so auf, dass Einfühlung und unmittelbare Identifizierung möglich sind, sondern sie lassen sich – im Unterschied zu den praktischen Gebrauchsgegenständen – nur noch als auf die theoretische Wahrnehmung bezogene Gegenstände verstehen.[7]

"Wenn unsere Bilder futuristisch sind'', heißt es in Boccionis Vorwort zum Katalog futuristischer Ausstellungen von 1912, "dann deshalb, weil sie das Ergebnis von ethischen, ästhetischen, politischen und sozialen Ideen darstellen, die völlig futuristisch sind"[8].

[...]


[1] vgl. Schmidt-Bergmann, Hansgeorg. Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. 1993, Reinbeck: Rowohlt, S. 231f

[2] Schmidt-Bergmann, Hansgeorg. Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. 1993, S. 96

[3] Schmidt-Bergmann, Hansgeorg. Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. 1993, S. 308

[4] vgl. Schmidt-Bergmann, Hansgeorg. Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. 1993, S. 308

[5] Gerhardus, Dietfried, Gerhardus, Maly. Kubismus und Futurismus. 1977, Freiburg (Brsg.): Herder, S. 21

[6] Schmidt-Bergmann, Hansgeorg. Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente. 1993, S. 95

[7] vgl. Gerhardus, Dietfried, Gerhardus, Maly. Kubismus und Futurismus. 1977, S. 25f

[8] vgl. Gerhardus, Dietfried, Gerhardus, Maly. Kubismus und Futurismus. 1977, S. 20f

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Futurismus: Umberto Boccioni
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Das Bild der Stadt
Note
1-
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V18141
ISBN (eBook)
9783638225441
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Futurismus, Umberto, Boccioni, Bild, Stadt
Arbeit zitieren
Michael Kaiser (Autor), 2001, Der Futurismus: Umberto Boccioni, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18141

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