Die Arbeit untersucht Dantes Odysseusdarstellung im Canto 26 des Inferno. Einer Einführung in mittelalterliche Weltbilder und historische Betrachtungen zur Seefahrt folgt die Verortung Dantes zwischen modernen und christlichen Ansichten. Den Hauptteil bildet die Analyse des Odysseus im 26. Gesang. Vf. diskutiert kritisch und sehr ausführlich, unter Auswertung des Primärtexts einerseits, unter Hinzuziehung einer großen Auswahl an Forschungsliteratur andererseits, inwiefern Dante bei seiner Darstelllung von der antiken literarischen Odysseusfigur abweicht und warum er sie in der Hölle verortet. Vf. geht von konkreten zu abstrakteren Erklärungen über. Besonders hervorgehoben wird die Hybris der Figur, die gleichzeitig Odysseus in die Nähe Dantes rückt, ihn zum ermahnenden Spiegel seiner selbst werden lässt und dessen Fahrt überdies als Symbol für Dantes Schreiben zu verstehen ist. Ein abschließendes Kapitel kommt auch durch einen Vergleich Odysseus‘ mit anderen Seefahrern zu dem Ergebnis, dass der Odysseusgesang nicht so visionär wie teils dargestellt ist und liefert damit explizit eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage.
Text
Einleitung
„Auch hat ja der Held und Gott / den Schiffen zum Grenzziel gesetzt / diese erhabenen Zeichen“.1 Worauf der Sänger Pindar hier in seiner dritten nemeischen Ode am Anfang des fünften Jahrhunderts vor Christus anspielt, sind die Säulen des Herkules, die man heute als Meerenge von Gibraltar kennt. Sogar der Halbgott Herkules hat es also nicht gewagt über diese Grenze hinauszusegeln und hat für alle Seefahrer deutlich seine Säulen errichtet.
Was veranlasst deshalb Dante „seinen“ Odysseus über diese Grenze hinaus in die menschenleere Weite segeln zu lassen? Das soll in dieser Arbeit näher beleuchtet werden, wobei zuerst ein Überblick über die mittelalterliche Seefahrt gegeben werden soll, bevor der Versuch einer Interpretation des 26. Gesangs des Infernos vollzogen wird.
Weltbild im frühen Mittelalter
Bevor man sich aber dem Stand der frühmittelalterlichen Seefahrt zuwenden kann, muss man sich ein Bild davon machen, wie Dantes Zeitgenossen die Welt gesehen haben. Hier konkurrieren vor allem das christlich geprägte Weltbild, das die Welt als Scheibe sieht, und das ptolemäisch-aristotelische Weltbild, das sich die Welt als Kugel vorstellt.
Die christliche Vorstellung der Welt geht vor allen auf den alexandrinischen Kaufmann und Mönch Kosmas Indikopleustes zurück. Im Jahre 550 schrieb er sein Werk Topographia Christiana,
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Weltbild im frühen Mittelalter
3. Kurze Geschichte der Seefahrt im Frühmittelalter
4. Dantes Weltbild
5. Inhaltliche Zusammenfassung des 26. Inferno-Gesangs
6. Odysseus im 8. Höllenkreis
7. Columbus, Alexander und Odysseus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung des Odysseus im 26. Gesang von Dantes Inferno und analysiert, warum Dante die mythologische Figur des Odysseus als betrügerischen Ratgeber in der Hölle positioniert. Dabei wird insbesondere das Spannungsfeld zwischen menschlichem Forscherdrang und göttlich gesetzten Grenzen erörtert.
- Mittelalterliches Weltbild und dessen Einflüsse auf die Literatur
- Historische Entwicklung der Seefahrt im Frühmittelalter
- Interpretation des 26. Inferno-Gesangs der Divina Commedia
- Vergleich des dantesken Odysseus mit historischen und literarischen Vorbildern (Columbus, Alexander)
- Die Rolle von Hybris und Wissbegierde im Kontext der theologischen Weltsicht
Auszug aus dem Buch
Odysseus im 8. Höllenkreis
Damit endet der 26. Gesang und es wird klar, dass der homerische Odysseus mit dem aus der Divina Commedia fast keine Ähnlichkeiten mehr hat, dass es ein frei erfundenes Ende der mythologischen Odysseusgestalt ist. Es ist anzunehmen, dass Dante die Werke Homers nicht gelesen hatte und ihm die Figur des Odysseus durch das 12. und 13. Buch von Ovids Metamorphosen und vor allem durch Vergils Aeneis bekannt war.
Er wusste somit nichts von Odysseus Rückkehr nach Itahka und dessen Tod durch den eigenen Sohn Telegonos, den er mit Circe gezeugt hatte. Es ist aber falsch anzunehmen, dass Dante aufgrund seiner Unkenntnis des griechischen Vorbilds Odysseus dieses Ende angedeihen ließ. Vielmehr muss die Odysseusfigur aus dem literarisch-historischen Kontext herausgelöst interpretiert werden. Es handelt sich bei Dante nicht mehr um den historischen Odysseus, sondern um eine Figur, die eine Idee vertritt. Natürlich ist die Auswahl des Namen Odysseus nicht arbiträr. Der Name Odysseus ist mit Eigenschaften, wie zum Beispiel Heldenmut und Wissbegierde konnotiert, die von Dante gewollt waren. Aber es ist wohl ein wenig zu eng gedacht , dass Odysseus deshalb so tief in der Hölle anzufinden sei, weil er in Vergils Aeneis die Trojaner, die Stammväter der Römer, durch List geschlagen hat, wie manch andere Interpretationen nahelegen („pellax Ulixes“ oder auch „scelerum inventor“).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Motivation Dantes, den antiken Helden Odysseus als Grenzüberschreiter in der Hölle zu zeichnen, und skizziert das methodische Vorgehen.
2. Weltbild im frühen Mittelalter: Dieses Kapitel vergleicht das christlich geprägte Weltbild (Kosmas Indikopleustes) mit dem ptolemäisch-aristotelischen Kugelmodell, das auch Dante maßgeblich beeinflusste.
3. Kurze Geschichte der Seefahrt im Frühmittelalter: Die wirtschaftliche Bedeutung der italienischen Hafenstädte und die technologischen Fortschritte im Schiffbau und der Navigation werden analysiert.
4. Dantes Weltbild: Es wird untersucht, wie Dante christliche Dogmen mit der antiken Geographie verschmilzt, um den Läuterungsberg und die Hölle räumlich zu verorten.
5. Inhaltliche Zusammenfassung des 26. Inferno-Gesangs: Das Kapitel bietet eine Nacherzählung des 26. Gesangs, inklusive der Begegnung Dantes mit der flammenden Gestalt des Odysseus im achten Höllenkreis.
6. Odysseus im 8. Höllenkreis: Diese Analyse setzt sich mit der Hybris-Thematik auseinander und diskutiert, inwiefern Dantes Odysseus als Sündenbock und Spiegelbild menschlichen Forscherethos fungiert.
7. Columbus, Alexander und Odysseus: Der abschließende Teil vergleicht Odysseus mit historischen Entdeckern wie Columbus, um die unterschiedlichen moralischen Bewertungen von Grenzüberschreitung und Wissensdrang herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter
Dante Alighieri, Divina Commedia, Odysseus, Inferno, Mittelalterliches Weltbild, Hybris, Forscherdrang, Seefahrt, Wissbegierde, Christoph Columbus, Alexander der Große, Canoscenza, Kontrapasso, Scholastik, Geographie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung des Odysseus in Dantes Divina Commedia und dessen Verbleib im Inferno.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Untersuchung deckt die mittelalterliche Kosmographie, die Geschichte der Seefahrt, theologische Konzepte von Sünde und Strafe sowie literarische Vorbilder ab.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die spezifische Funktion der Odysseus-Figur bei Dante zu bestimmen und zu klären, warum er als betrügerischer Ratgeber verdammt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die den Text im Kontext zeitgenössischer Quellen und philosophischer Strömungen des Mittelalters interpretiert.
Was steht im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil analysiert den 26. Inferno-Gesang, die Rolle der göttlichen Grenzen und den Kontrast zwischen christlicher Demut und der Hybris des antiken Helden.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Hybris, Grenzüberschreitung, Wissensdrang und theologische Moralität definieren.
Warum wird Odysseus bei Dante so tief in der Hölle angesiedelt?
Nach der Argumentation der Arbeit liegt der Grund nicht nur in seinen Taten (wie dem trojanischen Pferd), sondern in der bewussten Missachtung göttlicher Ordnung durch seine unkontrollierte Wissbegierde.
Inwieweit lässt sich ein Vergleich zu Christoph Columbus ziehen?
Der Vergleich dient dazu, aufzuzeigen, wie Dante Odysseus als warnendes Beispiel für Hybris konstruiert, während Columbus sein Handeln im Einklang mit einem göttlichen Auftrag sah.
- Citar trabajo
- Dottore Florian Schmidt (Autor), 2009, Dantes Odysseus als visionärer Seefahrer? - Die Odysseusdarstellung im Canto 26 des Inferno, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181416