Amalia das einzige „Frauenzimmer“ in Friedrich Schillers „Die Räuber“

Ein zu vernachlässigender Charakter?


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charakterisierung der Amalia von Edelreich

3. „Es findet sich in der ganzen Tragödie nur ein Frauenzimmer“, Amalia von Edelreich
3.1. Amalia die der Gefühlsmensch
3.2. Amalia die Kämpferin.
3.3. Amalia die Passive..

4. Amalia als „Projektionsfläche“
4.1. Amalia als „Projektionsfläche“ für Franz
4.2. Amalia als „Projektionsfläche“ für Karl

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Denken wir an Schillers „Die Räuber“ schießt uns sofort der Gedanke der zwei sich bekriegenden Brüder in den Kopf. Karl und Franz. Es geht um Räuber und Intrigen, um Hass und Habsucht und nicht zuletzt um Gewalt und Mord, wie in einer richtigen Tragödie eben. Nach und nach erinnert man sich an die weibliche Figur, Amalia von Edelreich. Sie ist das einzige „Frauenzimmer“[1] wie sie Schiller nennt, im Drama „Die Räuber“. Wahrscheinlich ist sie diejenige, die vom Leser weniger Aufmerksamkeit geschenkt bekommt als die andern Protagonisten und leicht übergangen wird. Wurde sie doch sogar in manchen Inszenierungen schon ganz weggelassen und von der Bühne verbannt. Daraus resultiert die Frage ob Amalia wirklich nur als Randfigur gesehen werden kann, oder ob ihr nicht eine wichtigere Rolle zugesprochen werden sollte? Ist Amalia von Edelreich eine Unnütze Person in Schillers erstem Drama? Genau diese Aspekte und Fragen will ich in meiner Arbeit detaillierter betrachten. Dem Leser soll aufgezeigt werden, dass Amalia völlig zu Unrecht unbeachtet bleibt und über sie geschmunzelt wird und dass sie, obwohl ihre Persönlichkeit genau in das aufklärerische Frauenbild passt, eine Art Schlüssel ist, die den Lesern und Zuschauern den Zugang zu Karl und Franz Moor ermöglicht.

2. Charakterisierung der Amalia von Edelreich

Amalia von Edelreich ist die Nichte und Pflegetochter des alten Moors. Sie ist 20 bis 30 Jahre alt und ist die Geliebte von Karl von Moor. Sie zeichnet sich durch ihre unerschütterliche Treue und Liebe zu ihrem Geliebten aus. Nur durch ihr Empfinden und ihr Gefühl, nicht etwa durch logische Schlussfolgerungen, entlarvt sie später die Intrigen von Franz. Des Weiteren ist sie eine ehrliche, zuverlässige und eine in sich ruhende Person. Ihr Charakter ist außerdem liebenswert, großherzig und sensibel. Man könnte sie sogar naiv nennen, denn sie lässt sich, genau wie der alte Moor, zunächst von den Intrigen von Franz von Moor täuschen. Amalia gibt sich während des ganzen Stückes kaum aktiv oder kämpferisch. Lediglich Franz‘ Annäherungsversuche weiß sie aktiv abzuschmettern und auch den höfischen Glanz, den ihr Karls jüngerer Bruder Franz verspricht, verweigert sie. In dem alten Moor sieht Amalia eine Vaterfigur und kann ihm deshalb auch den Verstoß seines älteren Sohnes, Karl, verzeihen.

Mit sechs Auftritten ist Amalia nach Karl und Franz von Moor, die Figur mit der häufigsten Bühnenpräsenz.[2]

3. „Es findet sich in der ganzen Tragödie nur ein Frauenzimmer“, Amalia von Edelreich

3.1 Amalia der Gefühlsmensch

Keine Frage, Amalia hat viele Charakterzüge, so ist sie einmal eine Liebende junge Dame, ein anderes Mal die Person die Sensibilität und Intuition an den Tag legt. Schon bei ihrem ersten Auftritt in der 3. Szene des ersten Akts stellt Schiller Amalia als Liebende Person dar. Sie schwärmt in den höchsten Tönen von ihrem Geliebten Karl.

Amalia stellt „die Schmerzen schwärmerischer Liebe, und die Folter herrschender Leidenschaft“ dar. So jedenfalls schreibt Schiller auf dem „Theaterzettel zur Uraufführung“. Amalias bedingungslose Liebe und Treue zu ihrem Karl ist ein kennzeichnendes Beispiel für Amalias Identität. Ihre leidenschaftliche Liebe zu Karl und ihre Treue sind der Gegenpol zu Franz.

Karl von Moor beschreibt seine Geliebte sei eine Heilige, gar ein Engel. Seine Aussagen „ich hab euch einen Engel geschlachtet“[3] und „Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelmen, es ist ein ungleicher Tausch?“[4] sind nicht nur Bekundungen Karls großer Liebe an seine Amalia, die ihn so sehr liebte und vergötterte, dass sie, obwohl er als Räuberhauptmann ein Leben ohne Ehre führte, ihm vergab, zu ihm stand und sogar für ihn starb, sondern repräsentieren auch die idealisierte Amalia die dargestellt werden soll. Bei den „Räubern“ handelt es sich bei der weiblichen Hauptfigur eher um ein ideales Frauenbild. Sie vertritt das Idealbild der absoluten hingebungsvollen, reinen Liebe. Deshalb gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass Schiller in der Gestaltung der Amalia eine Extreme berührt hat. Dass Amalia zum großen Teil ein Traumbild der Jugendphantasie Schillers ist.[5]

Amalias Liebe ist auch dann nicht zu brechen als ihr Karl als Graf von Brand begegnet. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen da er viele Gemeinsamkeiten mit ihrem Geliebten Karl aufweist. Im 4. Akt kommt es in Amalia zum Konflikt. Einerseits fühlt sie sich zu dem Maskierten, den sie nicht als Karl erkennt, hingezogen fürchtet aber andererseits ihre Liebe zu Karl zu verraten. „Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevelbild – ich hab meinen Eid nicht gebrochen, du Einziger! […] im Herzen, wo Karl herrscht, darf kein Erdsohn nisten.“[6] Weiterhin verkörpert Amalia das Prinzip der absoluten, hingebungsvollen und reinen Liebe. Die tiefen Gefühle, die sie für den unbekannten Besucher empfindet, unterdrückt sie und gesteht dem Fremden ihre unverwüstliche Liebe zu Karl und beschwört die Erfüllung dieser Liebe nach ihrem Tod. Allerdings ist es doch eher undenkbar, dass Amalia, so wie sie in ihrem Wesen von Schiller geplant war und sich doch sonst immer von ihrem Gefühl und ihrer Intuition leiten lässt, im Graf von Brand nicht oder erst als er sich selbst zu erkennen gibt, ihren vergötterten Karl erkennt.

Daraus lässt sich schließen, dass eben diese hingebungsvolle Liebe der Amalia zu Karl uns seinem Vater, sie naiv und leichtgläubig scheinen lässt. So glaubt sie ohne jegliche Zweifel Franz‘ inszenierten Liebesverrat von Karl durch das verschenken seines Verlobungsrings.[7]

Noch einmal zeigen sich ihre tiefe Verbundenheit und ihre bedingungslose Liebe in ihrem letzten Auftritt. Im Wald muss sie erkennen, dass ihr Geliebter wahrhaftig ein Räuberhauptmann ist. „Es ist wahr! – Was hab‘ ich getan, ich unschuldiges Lamm? Ich hab‘ diesen geliebt!“[8] Doch wirft sie sich im gleich darauf in die Arme und bekennt ihre Liebe und Treue. Für einen kurzen Moment scheint die Liebe der beiden gesiegt zu haben und sie fallen sich in die Arme. Als aber die Räuber von Karl die Einhaltung seines Eids fordern zeigt sich Amalias große Liebe noch einmal. Sie bevorzugt ihren eigenen Tod, an Stelle sich erneut von ihrem Geliebten zu trennen. „ Halt, halt! Einen Todesstoß! Neu verlassen! Zeuch dein Schwert und erbarme dich!“[9]. Auf die Frage, ob „kein minder schrecklicher Ausweg mehr übrig [blieb]?“ etwa das sie umkehrt und sich mit ihrer Situation, Karl für immer an die Räuber zu verlieren, abgibt, bemerkt Schiller in seiner Selbstrezession „Nein! […] Dann hätte sie nie geliebt.“[10]

Sie ist auch die einzige Figur des Dramas die die nackte Wahrheit Franz‘ Lügen erkennt oder besser gesagt intuitiv erfühlt. Sie denkt nicht über sein Handeln nach und die Geschehnisse die er berichtet, ob es sich so zugetragen haben könnte, sie hat es einfach im Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, dass ihr Geliebter Karl niemals so handeln würde. Auch entlarvt sie zunächst den maskierten Hermann. Mit diesem Charakterzug deutet sie die folgenden Ereignisse der Handlung an. Sie fungiert als „Prophet“, als sie dem alten Moor aus der Bibel die Geschichte des Jakobs und Josephs vorliest. Diese Geschichte ist Vorahnung für Moors Tod. Auch Andromaches und Hektors Lied hat einen antizipierenden Charakter. Wie bereits erwähnt dient das, oft von den Liebenden Karl und Amalia zusammen musizierte Lied, als Erkennungszeichen in der 4. Szene des 4. Akts. Dieses Lied agiert „als Verbindung, Fortsetzung und Steigerung“.[11] „Angefangen von der Rollenverteilung im Lied, von der Partnerschaft in der Situation bis zu der Stellvertretung des wirklichen Vorgangs durch das Lied.“[12] Hätte Amalia kombiniert und reflektiert hätte sie spätestens am Verhalten des „fremden“ Graf von Brand entdecken müssen, dass es sich eigentlich um ihren Karl handelt. Doch nicht das Zusammenfügen von Indizien lässt Amalia erkennen, dass es sich um den Geliebten handelt, sondern nur ihre starken Gefühle für ihn und das gemeinsame Lied lassen sie die Wahrheit erfühlen.[13] Schiller schreibt in seiner Selbstrezension „[…] nur die Liebe, die sich niemals verleugnet, verweilt über dem sonderbaren Fremdling. […] Amalia fängt an ihren Karl in dem Unbekannten zu lieben – und zu vergessen, und liebt ihn doppelt, […]“.[14] Amalias Liebe zu Karl ist ihr Leben und ihre Existenz. „Amalia ist gegenüber allen anderen Gestalten dadurch ausgezeichnet, dass sie das Ganze der menschlichen Natur in seinem spannungsreichen Antagonismus von Beginn an sichtbar werden lässt.“[15]

[...]


[1] Schiller, Friedrich: Selbstrezension. Reader zum Proseminar: Schillers Dramen. Oliver Hepp. Bayreuth WS 09/10 S. 304

[2] Schiller, Friedrich: Selbstrezension. Reader zum Proseminar: Schillers Dramen. Oliver Hepp. Bayreuth WS 09/10 S. 304

[3] Schiller, Friedrich: Die Räuber. 2001. Stuttgart. V. 2. S.147 Z.17

[4] Schiller, Friedrich: Die Räuber. 2001. Stuttgart. V. 2. S.147 Z.23

[5] aus „Schillers Räuber – Die Figur der Amalia“

[6] Schiller, Friedrich: Die Räuber. 2001. Stuttgart IV 4. S.109 Z.26ff

[7] Schiller, Friedrich: Die Räuber. Stuttgart. 2001. I 3. S.37

[8] Schiller, Friedrich: Die Räuber. Stuttgart. 2001. V. 2. S.144 Z.23ff.

[9] Schiller, Friedrich: Die Räuber. Stuttgart. 2001. V. 2. S.146 Z.17ff

[10] Schiller, Friedrich: Selbstrezension. Reader zum Proseminar: Schillers Dramen. Oliver Hepp. Bayreuth WS 09/10

[11] Storz, Gerhard: Der Dichter Friedrich Schiller. Stuttgart. 1963. S.19-60.

[12] Storz, Gerhard: Der Dichter Friedrich Schiller. Stuttgart. 1963. S.19-60.

[13] Für Schiller sind die weiblichen Entwicklungsmöglichkeiten bestimmt durch eine hohe Fähigkeit zur Empfindung und ebenso ihre Unfähigkeit zur intellektuellen Abstraktion.

[14] Schiller, Friedrich: Selbstrezension. Reader zum Proseminar: Schillers Dramen. Oliver Hepp. Bayreuth WS 09/10 S. 304

[15] Kluge, Gerhard: Zwischen Seelenmechanik und Gefühlspathos. Umrisse zum Verständnis der Gestalt Amalias in Die Räuber – Analyse der Szene I, 3. In: Fritz Martini, Walter Müller-Seidel u. Bernhard Zeller (Hg.): Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Stuttgart: 1976, S. 184-207.

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Details

Titel
Amalia das einzige „Frauenzimmer“ in Friedrich Schillers „Die Räuber“
Untertitel
Ein zu vernachlässigender Charakter?
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
PS: Schillers Dramen
Note
3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V181468
ISBN (eBook)
9783656045182
ISBN (Buch)
9783656044703
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amalia, Frauen bei Schiller, Die Räuber
Arbeit zitieren
Babsi Li (Autor), 2010, Amalia das einzige „Frauenzimmer“ in Friedrich Schillers „Die Räuber“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181468

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