Erziehung in der Türkei und ihre Folgen für die Migration


Referat (Ausarbeitung), 2003

10 Seiten, Note: ohne


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aktuelle Situation türkischer Menschen in Deutschland

3. Das Leben der Menschen in Subay
3.1. Der Lebensunterhalt
3.2. Die familiäre Hierarchie
3.3. Der Umgang mit der Ehre

4. Veränderungen durch die Migration
4.1. Veränderungen in der Erziehung
4.2. Folgen der Migration für die Familien

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anlagen – Landkarten und Statistiken

1. Einleitung

In der folgenden Ausarbeitung zeige ich die traditionellen Lebensformen der türkischen Gesellschaft und die Folgen für die Erziehung der Kinder in türkischen Familien und die Stellung der Frau auf, um zu verdeutlichen, in welchem Kontext die türkischen Migranten in Deutschland leben.[1]

Meine Aussagen beziehen sich dabei auf die Feldstudien von Professor Schiffauer, der die soziale Welt eines Dorfes vom Standpunkt der Beteiligten erforschte[2] und in seinen Büchern „die Bauern von Subay“[3] und „die Migranten aus Subay“ darstellte. Damit wurde die dörfliche türkische Gesellschaft nicht aus der Vogelperspektive beschrieben, sondern von unten als Handlungsfeld. (Schiffauer 1987, S.9)

2. Aktuelle Situation türkischer Menschen in Deutschland

Seit der über 30 Jahre andauernden Einwanderung von Menschen aus der Türkei leben in Deutschland derzeit knapp 2 Millionen Türken. Davon sind ca. 1.080.000 männliche und 915.000 weibliche Ausländer, die aus der Türkei stammen. An den deutschen Schulen befinden sich ca. 500.000 schulpflichtige Kinder und Jugendliche türkischer Abstammung. Hinzu kommen bis Ende 2000 ca. 400.000 Menschen, die in Deutschland eingebürgert wurden und früher die türkische Staatsangehörigkeit hatten[4]

(Statistisches Bundesamt, 1999/2000).

In der Literatur finden wir folgende Beschreibungen über die Lebenssituation der türkischen Familien und ihre Herkunft:

„Alle Untersuchungen betonen die an Autorität ausgerichtete patriarchalischen Strukturen der … Arbeiterfamilien, die für die vorindustrielle, agrarisch geprägte Lebensordnung typisch, für die Industriestaaten jedoch dysfunktional sind. Die ausländischen Eltern, vor allem die Väter, fordern, in manchen Fragen geschlechtsspezifisch differenziert, ein … erhöhtes Maß an Gehorsam und Autorität“.

(Boos-Nünning 1994, S.6)

Der größte Teil der in Deutschland lebenden Familien stammt aus ländlichen Gegenden in der Türkei.

(Özkara 1988, S.49)

In der Anlage habe ich eine Landkarte von der Türkei beigefügt. Die Migranten stammen meistens aus Zentralanatolien, eine gebirgige ländliche Gegend. In diesen Regionen gibt es grundsätzlich nur Landwirtschaft. Größere Städte und Industrie fehlen, so dass es keine Arbeitsplätze gibt, die für die finanzielle und soziale Absicherung sorgen.

Schiffauer beschreibt, dass die Bauern von Subay ihre Gegend selbst als vernachlässigt und zurückgeblieben beschreiben. Diese Einstellung entsteht durch fehlende Elektrizität, fehlender zentraler Wasserversorgung und schlechter Verkehrsanbindung.

(Schiffauer 1987, S.11)

3. Das Leben der Menschen in Subay

Damit wir die Migranten aus der Türkei verstehen können, werde ich im Folgenden, in Anlehnung an die Feldstudie von Prof. Schiffauer, die Lebenssituation bezogen auf das wirtschaftliche und familiäre Leben der Menschen in Subay beschreiben.

3.1. Der Lebensunterhalt

Die in einem Haus zusammenlebenden Familien verstehen sich als Produktionsgruppe und im Mittelpunkt steht das wirtschaftliche Überleben der Gruppe. Nur wenn alle Mitglieder der Familie versorgt sind, kann der Kern der Produktion, Lebensmittelherstellung für den Eigenbedarf, verlassen werden und riskantere, aber auch lohnendere Tätigkeiten werden angenommen.

Das folgende Verteilungsschema aus Subay wird uns verdeutlichen, inwieweit die Haushaltsaufteilung bezogen auf die Produktionsstruktur Einfluss nimmt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese meisten Haushalte haben nur die Möglichkeiten auf ihrem Feld und in ihrem Waldgebiet zu arbeiten und ihre Versorgung zu sichern. Nur acht Haushalte verfügen über höheres Einkommen durch Viehzucht und das Verleihen vom Traktor bzw. den Besitz eines Ladens oder Lokals. Durch diese Verteilung der Produktionsgüter haben die meisten Menschen in Subay gerade genug zum Leben, können aber kaum planen und sich finanziell für die Zukunft absichern.

(Schiffauer 1987, S. 103 ff)

Somit ist es auf der einen Seite notwendig, dass die jüngere Generation die ältere durch das Arbeiten auf dem Familienbesitz versorgen kann, aber macht auf der anderen Seite auch deutlich, aus welcher Motivation die Männer nach Deutschland ausgewandert sind. Sie haben versucht die Familie durch Migration zu versorgen.

Daher ist es verständlich, dass die Migranten z.B. jeweils in den Sommerferien in ihr Heimatland fahren. Sie versorgen durch Gebrauchsgüter und finanzielle Mittel die Familie in ihrer Heimat.

Die soziale Ordnung wird somit eingehalten:

Eltern > versorgen die Kinder > diese ihre Kinder (Enkel)

damit später

die Enkel > ihre Eltern versorgen > und diese die Großeltern

3.2. Die familiäre Hierarchie

Zur Illustration der Hierarchie in den Familien in Subay verwende ich folgende Grafik aus der Feldstudie von Schiffauer:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Vater steht als Haushaltsvorstand an oberster Stelle und die Söhne stehen mit der Mutter auf der nächsten Hierarchiestufe. Auf der untersten Stufe stehen die Töchter.

Wenn der Vater als Haushaltsvorstand nicht anwesend ist, übernimmt seine Position der älteste Sohn. Zum Zeitpunkt der Hochzeit eines Sohnes ist es von der Tradition in Subay üblich, dass die Schwiegertochter in den Haushalt des Mannes zieht und sich mit den anderen Töchtern den hierarchischen Rang teilt, bis diese durch Hochzeit den Herkunftshaushalt verlassen.

Die Arbeitsaufteilung ist ebenso festgelegt und schematisch wie die Hierarchiestufen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Vater verkörpert die Außenvertretung und die Mutter ist verantwortlich für die innere Versorgung der Familie. Die Söhne bewältigen die Arbeiten die draußen und körperlich Anstrengend sind. Jede andere schwere Arbeit, die allerdings nicht für die Öffentlichkeit sichtbar sein darf, wird von den Töchtern bzw. Schwiegertöchtern durchgeführt.

(Schiffauer 1987, S. 108/f)

3.3. Der Umgang mit der Ehre

Das politische Kapital einer Familie und besonders des Haushaltsvorstandes besteht nach Schiffauer in der Familienehre. Alle Entscheidungen in der Erziehung und im täglichen Leben werden unter diesem Gesichtspunkt bewertet und gestaltet. Dabei gilt es, dass die anderen einer Familie und dem Familienoberhaupt diese Ehre zuschreiben. Diese Zuschreibung ist notwendig, um sich zum Beispiel im Dorf Subay behaupten zu können. Das macht deutlich, dass es nicht reicht, ehrbar zu sein, sondern die anderen müssen es auch glauben.

Im Folgenden nenne ich einzelne Beispiele, die für den Erhalt und Aufbau der Ehre eine wesentliche Rolle spielen:

- Nichts zerstört die Ehre einer Familie so vollkommen, wie ein Angriff auf die sexuelle Unversehrtheit der Frauen im Haushalt.[5]
- Erhält jemand Geschenke von Außenstehenden verpflichtet diese Handlung zur Gegenleistung. Nach Möglichkeit sollte die Gegenleistung umfangreicher sein, als das ursprüngliche Geschenk.[6]
- Geschlossenheit in der Familie zeigt sich in der Achtung, die dem Familienoberhaupt entgegen gebracht wird. Diese Geschlossenheit ist ebenfalls ein Zeichen für Ehre, da nur der Ehre erhalten kann, dem die eigenen Familienmitglieder Achtung und Anerkennung zeigen.[7]
- Die Verteidigung der Ehre obliegt grundsätzlich den jüngeren Männern eines Haushaltes. Die Ehre muss im Notfall auch mit dem Leben verteidigt werden.[8]
- Die Umsetzung und Einhaltung des Islams obliegt dem Familienoberhaupt.[9]

(Schiffauer 1987, S. 25ff)

4. Veränderungen durch die Migration

Nachdem die Menschen in Subay durch persönliche[10] Umstände ihre wirtschaftliche, soziale und politische Einheit verlassen haben, um z.B. nach Deutschland als Arbeitsmigranten auszuwandern, veränderten sich die Lebensweisen in den Familien und die traditionelle Lebensart konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Schiffauer hat bei seiner zweiten Feldstudie 1982/1983 die Folgen dieser Migration besonders untersucht und in seinem Buch „die Migranten aus Subay“ veröffentlicht. Dabei wird deutlich, wie sich die Einstellungen und Erziehungsstile verändern.

4.1. Veränderungen in der Erziehung

Schiffauer vergleicht Aussagen von Migranten und von Bauern aus Subay und kommt zu folgendem Ergebnis: Während bei den Bauern die Frage im Vordergrund steht, was die Kinder für die Familie leisten können, steht bei den Migranten zunächst die Frage im Vordergrund, was die Familie für die Kinder leisten kann.

Aus dieser Veränderung ergibt sich, dass die Vorbereitung auf die Gesellschaft durch Ausbildung an Bedeutung gewinnt und die Partizipation an den familiären Rollen nicht mehr im Mittelpunkt der Erziehung steht.

Damit ist es auch möglich, dass jungen Menschen Individualität ermöglicht wird und sie gefördert werden, Selbstkonzepte zu entwickeln. Dabei ist es möglich, eigenes Denken, Fühlen und Wollen auszudrücken und in die Lebensplanung einzubeziehen.

(Schiffauer 1991, S. 237ff)

4.2. Folgen der Migration für die Familien

Zum Abschluss möchte ich die Dilemmata aufzeigen, die in den türkischen Familien entstehen, wenn der Mann sich für eine Arbeitsmigration nach Deutschland entscheidet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Schiffauer 1991, S.176)

Wie aus diesem Schema deutlich wird, ist es für die Migrantenfamilien insgesamt immer schwieriger dem gesamten Kontext ihrer Familie gerecht zu werden und dafür Sorge zu tragen, dass jedes Familienmitglied mit seinen Bedürfnissen individuell gefördert und begleitet wird.

Zieht die Familie nach Deutschland nach, ist es besonders für die Frau schwierig zu entscheiden, ob sie arbeiten geht und somit die Eingliederung ihrer Kinder nicht im vollen Umgang begleiten kann, oder entscheidet sie sich, in ihrem neuen zu Hause zu bleiben, entstehen Eingliederungs- und Sprachschwierigkeiten, die sie unzufrieden machen oder Langeweile fördern.

Bleibt die Familie in der Türkei, ist die Entfremdung zum Vater und Haushaltsvorstand vorprogrammiert.

Für die Kinder ist die Einschulungsphase eine wesentliche Hürde. Werden die Kinder in Deutschland eingeschult, entsteht ein kultureller Wechsel mit Folgen für die Zukunft, da es kaum noch denkbar ist, dass Kinder, die in Deutschland ausgebildet werden, zurück in die Türkei gehen. Wird die Beschulung in die Türkei verlegt, ist der Vater wieder von seiner Familie getrennt und es entsteht erneut die Entfremdungsproblematik.

5. Fazit

Grundsätzlich ist ein Kulturwechsel ein wesentlicher Einschnitt in die persönliche und familiäre Entwicklung. Wirtschaftliche Situationen, die einen zu so einem Schritt, wie die Arbeitsmigration ins Ausland, zwingen, bringen auf der einen Seite zwar finanzielle Veränderungen, gefährden aber auf der anderen Seite die soziale Einheit der Familie und setzten die kulturellen Werte „aufs Spiel“. Umso verständlicher ist es, dass besonders die älteren Türken, die noch in der türkischen Heimat aufgewachsen sind, an alten Normen festhalten und besonders die Ehre der Familie im Focus bei ihren Entscheidungen und Handlungen haben. Die zweite oder dritte Generation hingegen, muss sich der Individualität anpassen und Selbstkonzepte ihres Lebens entwickeln, um ein gesellschaftlich anerkanntes Leben in Deutschland führen zu können, welches von Eigenverantwortung und Selbstständigkeit geprägt ist. Am Beispiel der finanziellen Absicherung im Alter durch die Sozialversicherungen[11] wird deutlich, dass in Deutschland eine familiäre Absicherung nicht nötig zu sein scheint.

Diese Ausarbeitung gibt einen Überblick und Hintergründe, die ein Zusammenleben zwischen Deutschen und Menschen mit türkischer Abstammung erleichtert und Verständnis für die Positionen und Traditionen des „Anderen“ weckt.

6. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Wobei wir natürlich davon ausgehen, dass es nicht „die türkischen Migranten“ gibt, so wie es auch nicht „die Deutschen“ gibt. Jeder Mensch ist individuell, aber aufgrund der Feldstudie von Schiffauer lassen sich Rituale und gesellschaftliche Werte und Normen aufzeigen.

[2] Schiffauer hat im Sommer 1977 und im Winter 1982/83 insgesamt acht Monate Feldforschung betrieben.

[3] Alle Orts- und Eigennamen wurden verändert.

[4] Nachdem die rechtliche Situation in Deutschland verändert wurde, haben insbesondere 1999 und 2000 185.000 Menschen von der Einbürgerung gebrauch gemacht.

[5] Daher sind die Frauen zur Erfüllung ihren Aufgaben hauptsächlich im Haus oder Stall angesiedelt. Sie werden geschützt und die Familienehre ebenfalls.

[6] Unter diesem Aspekt ist auch die Gastfreundschaft zu betrachten.

[7] Beispiele für Achtung des Familienoberhauptes sind, dass keiner raucht, wenn der Vater anwesend ist, keiner setzt sich entspannt hin, keiner widerspricht, alle schweigen, wenn er den Raum betritt etc.

[8] Hierbei empfangen die jüngeren Männer ebenfalls Ehre. Dies ist schon die Vorbereitung auf die Zeit, in der sie die Rolle des Haushaltsvorstandes übernehmen werden. Die Söhne erhalten auch dann Ehre, wenn sie dem Älteren die Arbeit erleichtern und ihn ausruhen lassen.

[9] Damit übernimmt das Familienoberhaupt eine Art Mittlerrolle zwischen Gott und der Familie bzw. den anderen Familienmitgliedern.

[10] Zu den persönlichen Gründen können besonders Situationen aufgezeigt werden, in denen Familienmitglieder Ehre in Subay verloren haben, dass diese ein Ausweg in der Migrationen gesehen haben.

[11] Obwohl wir in den letzten Jahren auch in Deutschland merken, dass die Rente für jeden nicht mehr gesichert ist und wir uns diese Absicherungssysteme kaum noch leisten können.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Erziehung in der Türkei und ihre Folgen für die Migration
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Seminar
Note
ohne
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V18148
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Türkei, Folgen, Migration, Seminar
Arbeit zitieren
Frank Mattioli-Danker (Autor), 2003, Erziehung in der Türkei und ihre Folgen für die Migration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18148

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