Die Ehe – Zwang oder doch Freude der mittelalterlichen Frau?


Essay, 2008

5 Seiten


Leseprobe

Frauen wurden im Mittelalter unterdrückt, hatten keine Rechte und sind von ihren Vätern verheiratet worden – Das ist eines der klassischen stereotypischen Bilder, das heutzutage noch existiert. Insbesondere das Beispiel der sogenannten Muntehe trägt maßgeblich dazu bei. Sie war die gebräuchlichste Eheform im Mittelalter und diente lediglich als ein reines Rechtsgeschäft zwischen zwei adligen Familien. Da die Frau als Geschäftspartnerin zur damaligen Zeit noch ausgeschlossen war, spielte ihr Wille entsprechend keine Rolle. Die Übergabe der Braut erfolgte gegen bare Zahlung des zwischen beiden Parteien ausgehandelten Kaufpreises.

Dass die mittelalterliche Frau aber durchaus nicht nur unter der Unterdrückung ihrer männlichen Pendants zu leiden hatte, sondern teilweise sogar mehr Einfluss als ein Mann hatte, soll in dieser Arbeit gezeigt werden. Als Beispiel dient hier die Ehe generell und im Besonderen die sogenannte Friedelehe. Zunächst ist aber wichtig zu erwähnen, dass der Begriff der Familie (lat. „familia“) zur damaligen Zeit anders formuliert wurde, als es heute der Fall ist und dass dabei der Platz des Mannes in der Gesellschaft und der Familie keineswegs immer gleich war. Der Begriff der „familia“ umfasste im Mittelalter nicht nur die Kernfamilie, sondern alle Individuen, die sich der Autorität des Haushaltsvorstandes beugen mussten. Dazu zählten entsprechend auch Diener und Sklaven. „Familia“ bezog sich zudem nicht nur auf Personen, sondern auf den Besitz generell und konnte auch auf die Autorität des Familienoberhauptes, der patria potestas, bezogen sein.

Über die Rolle der Frau im Mittelalter wird noch heute viel gestritten und es ist offensichtlich nicht eindeutig geklärt, ob sie aktiv oder passiv agierte. Dennoch scheint die Rolle der Frau gegen Ende des frühen Mittelalters aktiver zu werden, als sich das Christentum in der Gesellschaft verbreitet. So ist beispielsweise bestätigt, dass Frauen Erbansprüche stellen konnten. Ebenfalls bestätigt ist die Tatsache, dass schon im 9. beziehungsweise 10. Jahrhundert eine sorgfältige Wahl des Ehepartners stattfand und es weniger informelle Ehen mit sozial niedriger gestellten Frauen gab. Stattdessen suchten sich Männer aktiv Partnerinnen, mit deren Prestige sie ihren Anspruch auf wichtige Ämter rechtfertigen konnten. Die Titel dieser Ämter gingen zudem auch auf die Frau über. Außerdem war der Aufstieg in einen höheren Adelsstand allein durch eine entsprechende Heirat möglich.

Es wird deutlich, dass die mittelalterliche Frau schon damals eine höhere Achtung genoss, als es oft vielleicht den Anschein macht. Man kann demnach schon hier festhalten, dass es neben dennoch existierendem frauenfeindlichen Verhaltens auch Pro-Weibliche Einstellungen gegeben hat.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts scheint es dann einen Durchbruch im Eherecht zu geben, als die Kirche nach römischem Modell als einzige Form der Eheschließung die Zustimmung beider beteiligter Parteien anerkennt. Somit beruhte die Ehe, eine soziale und religiöse Institution, zumindest theoretisch auf der Übereinkunft zweier Individuen. Es ist also keine Rede mehr vom Verheiraten einer Frau durch den eigenen Vater. In anderen Gesellschaften (Bsp.: Germanen) wurde die Eheschließung in mehreren Schritten vollzogen:

1) „traditio“ oder Übergabe einer jungen Frau durch ihre Familie an den Ehemann
2) Besiegelung der Vereinbarung durch den Beischlaf („copula carnalis“)

Teilweise kamen auch noch andere Elemente hinzu: Die Frau musste demnach über eine Aussteuer verfügen, die Hochzeit musste öffentlich stattfinden, etc. In jedem Fall musste sich der Geschlechtsverkehr dem anschließen, denn als Symbol für die Einheit zwischen Christus und der Kirche war dies enorm wichtig. Das alles besiegelte den Beginn einer Ehe „inititatum“ anstelle eines fertigen Produkts „ratum“. Doch wessen Einverständnis war konkret nötig? Im klassischen römischen Recht waren es tatsächlich die für die Brautleute Verantwortlichen, gewöhnlich der Vater. Trotzdem kann von einem Wandel weg von der „Zweckehe“ hin zur „Liebe“ ausgegangen werden. Historiker sind sogar der Ansicht, dass die sogenannte Friedelehe, die Zustimmung der Frau voraussetzte. Der Rechtshistoriker Herbert Meyer definiert die Friedelehe unter anderem so:

1) Sie war nur zwischen zwei Ledigen möglich
2) Beide Partner müssen freien Standes sein
3) Sie setzt das beiderseitige Einverständnis voraus
4) Diese Form der Ehe ist undotiert und muntfrei
5) Frau und Kinder stehen nicht unter der Munt des Mannes
6) Die Friedelehe war nicht geringer geachtet als die Vertragsehe

Zwar gibt es noch bis heute Zweifel an der Existenz eines solch liberalen Ehetypus, dennoch ist bewiesen, dass es die Ehe, basierend auf einem freien Willen, durchaus gegeben hat. Auch in der frühen deutschen Literatur ist von Frauen die Rede, die in ihre eigene Eheschließung einwilligen. So beispielsweise im „Ruodlieb“ oder in „König Rother“. Die Sympathie für das Zustimmungsrecht der Frau zur Ehe fand sich auch in einem populären literarischen Genre wieder, dem des „mal mariée“. Dieses Genre thematisierte meist die Beziehung eines jungen Mädchens, das unglücklich mit einem Mann verheiratet ist, der nicht zu ihm passt. Die „mal mariée“ wurde im Hoch- und Spätmittelalter zu einer vertrauten Gestalt der „höfischen“ Literatur.

Aus all dem lässt sich also schließen, dass der Stereotyp einer verheirateten und unterdrückten Frau im Mittelalter so nicht einfach stehen gelassen werden kann. Sicherlich gab es auch noch die Verheiratung durch die Eltern, beispielsweise bei der Muntehe. Trotzdem bestand für einige mittelalterliche Frauen durchaus die Möglichkeit, sich ihren Ehemann selbst auszusuchen und damit keine reine Zweckehe mehr führen zu müssen. Die Begriffe „Liebe“ und „Ehe“ sind demnach, anders als vermutet, alles andere als inkompatibel.

Literaturnachweise

Ebel, Else: Der Konkubinat nach altwestnordischen Quellen. Philologische Studien zur sogenannten „Friedelehe“. Berlin/New York. 1993

Otis-Cour, Leah: Lust und Liebe. Geschichte der Paarbeziehungen im Mittelalter. Frankfurt am Main. 2000

Simon, Dieter: Eherecht und Familiengut in Antike und Mittelalter. München. 1992

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Die Ehe – Zwang oder doch Freude der mittelalterlichen Frau?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Autor
Jahr
2008
Seiten
5
Katalognummer
V181483
ISBN (eBook)
9783656047247
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehe, Friedelehe
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Lisa Nohl (Autor:in), 2008, Die Ehe – Zwang oder doch Freude der mittelalterlichen Frau?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181483

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