Dialektik in Platons Philebos

Das Problem von 'peras' und 'apeiron'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten
2.1 Klärung und historische Entwicklung des Begriffs der Dialektik

3. Dialektik in Platons Werken
3.1 Dialektik und Dialog
3.2 Dialektik im Philebos - Aufbau und Protagonisten

4. peras und apeiron
4.1 Das Paradoxon
4.2 Die dialektische Methode
4.3 Das Beispiel der Buchstaben und Töne
4.4 Die Resignation des Protarchos

5. Ausblick - Die vier Gattungen des Seienden
5.1 Unbegrenztes
5.2 Begrenztes
5.3 Gemischtes
5.4 Ursache

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Als Sokrates um 400 vor Christus hingerichtet wurde, war Platon circa dreißig Jahre alt. Er war bei Sokrates` Prozess im Gerichtssaal und musste dabei zusehen, wie sein großes Vorbild verurteilt wurde. Auch aus diesem Grund veröffentlichte er daraufhin eine Reihe philosophischer Werke. Zu den bekanntesten zählen wohl die Politeia, welche einen Überblick über Platons Philosophie insgesamt gibt, das Symposion, welches seine Ansichten von Liebe beinhaltet und die drei Werke Apologia, Phaidon und Kriton, in welchen Platon Sokrates porträtiert. Diese Dialoge gehören zu den Frühwerken und den Werken der sogenannten mittleren Zeit.

Zu den Spätwerken Platons gehört unter anderem der Philebos, welcher, wie viele andere Werke, in Dialogform verfasst wurde. Diese Dialogform, die sokratische Dialektik, soll Thema dieser Hausarbeit sein. Dabei soll zunächst der Begriff der Dialektik und seine Entwicklung geklärt werden, bis dieser dann im Kontext des Philebos untersucht werden soll. Anhand von bestimmten Textstellen im Dialog und stets unter dem Aspekt von peras und apeiron soll also versucht werden, die dialektische Methode zu erarbeiten. Schluss dieser Arbeit soll ein kleiner Ausblick auf die folgenden Inhalte sein, welcher zu weiterem Nachdenken anregen und das Thema abrunden soll.

2. Begrifflichkeiten

2.1 Klärung und historische Entwicklung des Begriffs der Dialektik

Der Begriff „Dialektik“, von dem griechischem Wort διαλεκτική (τέχνη), dialektiké (téchne), „sich unterhalten, unterreden“, bezeichnet „die sokratische Gesprächskunst, die im Wechsel von Frage und Antwort Meinungen auf ihre Sachhaltigkeit hin prüft“[1]. Sie unterscheidet sich dabei von der Eristik und der Rhetorik der Sophisten in dem Sinne, als dass sie nicht versucht, zu überreden oder eine Zuhörerschaft zu manipulieren. Für Platon ist die Dialektik „das dem Philosophen eigentümliche Wissen vom Zusammenhang der Begriffe im Medium des Logos“[2]. Dialektik ist somit neben der Gesprächskunst, auch die Voraussetzung für verständliches Unterhalten und das Erlangen von Erkenntnis. Aristoteles versucht die Spannung mit der Dialektik zu lösen und begreift sie als „themenneutrale Erörterungskunst“[3]. Im Mittelalter wird Dialektik als Schullogik bezeichnet. Da Schulphilosophen durch ihre Anwendung nicht in der Lage sind, Streitfälle sinnvoll zu lösen, erhält die Dialektik das Prädikat einer „leeren Spitzfindigkeit, die versucht, den bloßen Anschein von sachlich begründeter Einsicht zu erzeugen“.[4] Diese Auffassung wird auch von Kant geteilt (transzendentale Dialektik), der ihr eine „Logik des Scheins“ attestierte, die sich in Antinomien verwickelt. Hegel sieht in der Dialektik den ständigen Kampf der Gegensätze: „Danach fordern notwendige begriffliche Gegensätze den Ausdruck ihrer Zusammengehörigkeit in der Einheit eines gemeinsamen Begriffs, in welchem zwei zuvor unvereinbar scheinende Bestimmungen als Momente „aufgehoben“ sind“[5]. Der dialektische Prozess Hegels besteht dabei aus These, Antithese und Synthese. Karl Marx übernimmt größtenteils Hegels Verständnis, mit dem Unterschied, dass die Arbeit als „Quelle allen Reichtums im Stoffwechsel mit der Natur verstanden wird“, Dialektik ist also „das Austragen des Widerspruchs von Arbeit und Kapital“[6]. Horkheimer und Adorno führen den Begriff der Dialektik der Aufklärung ein, welcher an Hegel anknüpft und demzufolge „etwas nur durch sein Gegenteil bestimmt sein kann“[7].

Im folgenden Abschnitt soll nun untersucht werden, in welcher Form sich die Dialektik in den Werken Platons präsentiert. Explizit soll dann am Beispiel des Philebos-Textes seine dialektische Form und die damit zusammenhängenden Merkmale analysiert werden.

3. Dialektik in Platons Werken

3.1 Dialektik und Dialog

Platon spricht in vielen seiner Dialoge über Dialektik. Wesentlich sind dabei drei Gruppen von Äußerungen: „Erstens der Entwurf des Aufstiegsweges in der Diotimarede des Symposion […] verbunden mit dem Hypothesisverfahren im Phaidon, zweitens die Entwürfe des Verfahrens von Synagoge und Dihairesis in den Spätdialogen […] und drittens die Darlegung der Stationen, Mängel und Bedingungen des Erkennens […]“[8]. Dialektik ist also im ersten Fall die Suche nach Gründen und Bestimmungen für die Existenz der Welt in Form von Hypothesenbildung. Im zweiten Punkt versteht sich die Dialektik als Dihairesis, was mit „Teilung“ übersetzt werden kann und so viel bedeutet wie Ideenforschung durch Einteilung von Gattungen.

Die Dialektik in den Werken Platons zeigt sich stets in Form eines platonischen Dialogs[9]. Ein besonderes Charakteristikum ist dabei die Bezugnahme des Lesers auf das Gespräch, denn der eigentliche Dialog soll mit diesem stattfinden. Der Leser soll zum Philosophieren gebracht werden, ergo in das Gespräch integriert werden. Das ständige Wechseln des Gesprächsführers in der konstruierten Unterhaltung zwischen dem Philosoph (Sokrates) und seinem Gesprächspartner lässt dem Leser die Chance, sich auf die einzelnen Meinungen zu fokussieren und diese dann wiederum zu reflektieren. Ziel ist die Wahrheitsfindung, zu welcher der Leser durch das Philosophieren gelangen soll. Sokrates will ihm dabei auf seine Weise helfen. Der Weg zum Ziel ist jedoch nicht vorgegeben, sondern wird meist nur indirekt genannt:

„Aber sei es nun die Ironie des Aporetischen, die Zurücknahme oder ausdrückliche Vorläufigkeit des Gezeigtem, oder der überraschende Ausblick auf das sonst Ausgesparte – im wesentlichen ist die Sprache des platonischen Dialogs immer indirekt, die Sprache der Transparenz und der Verweise. Das ist das Spiel der Dichtung und ihrer Mimesis, wenn es vom Wissenden gespielt wird.“[10]

Gundert versucht in seinem Werk „die einzelnen Strukturelemente des platonische Dialogs zu fassen“[11]. Er nennt zunächst die Konkretisierung der Gesprächssituation, also einerseits „Charakter der Person und die Atmosphäre ihrer Welt, auf der anderen Seite die Vorstellung, in denen sie leben und von denen das Gespräch auszugehen hat“. Hierin zeigt sich der dialektische Charakter des platonischen Dialogs: Das Umfeld des Dialogs wird beschrieben, ein Spannungsbogen aufgebaut.

Der Dialog beginnt meist durch eine Definition des Gesprächsführers A. Darauf aufbauend stellt B Fragen an den Proponenten. Die Rollenverteilung ist also charakteristisch verteilt: Proponent A beantwortet die Frage des Opponenten B, welcher darauffolgend eine weitere Frage stellt, welche wiederrum von A beantwortet wird. Die Dialoge des Sokrates enden in so gut wie allen Fällen aporetisch, was bedeutet, dass die theoretische Problemstellung nicht lösbar ist.

Ein weiteres Charakteristikum ist der Gesprächsführer. Egal welche Personen an den Gesprächen teilnehmen, fast immer ist es Sokrates, der den Dialog bestimmt. Gundert weist in diesem Zusammenhang jedoch daraufhin, dass dieser [Dialog] alles andere als ein „freier“ Dialog ebenbürtiger Meinungen und Überzeugungen ist“[12]. Frei ist er nur in dem Sinne, als dass das „fertige Wissen wie in ein Gefäß hineingesetzt wird“[13]. Der Mensch findet also, was schon in ihm liegt. Bei Unstimmigkeiten streiten im platonischen Sinne Irrtum und Wahrheit. Diesen Irrtum zu beseitigen ist die Aufgabe des Dialogs, der Mensch soll Klarheit erlangen.

Der Dialektiker selbst nimmt wohl den interessantesten Teil des Dialoges ein. Er ist es, der das Spiel des Fragens und Antwortens verinnerlicht und das Grundprinzip der Kommunikation beherrscht. Seine Aufgabe ist es, aus Täuschung zur Wahrheit zu führen, dem Leser also die Augen zu öffnen auf dem Weg zu Erkenntnis. Gundert nach hat der Dialektiker stets zwei Gesichter: Mit dem einen geht er ganz auf den Gesprächspartner ein, versucht zu sprechen und zu denken wie er und begleitet ihn auf seinem Weg, „den ihn der Logos […] weist“[14]. In dieser Gemeinsamkeit jedoch, kommt sein anderes Gesicht zum Vorschein, denn „je aufgeschlossener der Partner ist, um so offener kommen unter dem „Silensgesicht“ des „Nichtwissenden“ die verborgenen „Götterbilder“ zum Vorschein“[15]. Umso mehr Wissen der Gesprächspartner freigibt, desto provokanter erscheint die Sprache des Sokrates. Er versteht es, das Mittel der Ironie stets mitschwingen zu lassen.

Wie auf der Seite zuvor bereits erwähnt, ist das oberste Ziel das der Erkenntnisgewinnung. Der Dialektiker führt den Erkenntnissuchenden dabei an der Hand und versucht diesen durch „Abbilder“ an die Wahrheit heranzuführen. Da dabei stets die Gefahr der Täuschung besteht, ist es also Aufgabe der platonischen Dialektik, „ die Verwechslung von Ähnlichem zu überwinden, der das Denken ständig ausgesetzt ist“[16].

Nach diesem kurzen allgemeinen Überblick über die Dialektik in den Werken Platons, soll nun anhand des Werkes Philebos näher auf die bisher beschriebene Thematik eingegangen und im Folgenden dann analysiert werden.

3.2 Dialektik im Philebos - Aufbau und Protagonisten

In Platons Philebos sind es insgesamt drei Personen, die an diesem Disput teilnehmen: Philebos, Protarchos und Sokrates. Interessanterweise hat die Person, nach der dieser Dialog benannt ist, den geringsten Redeanteil. Dies liegt vor allem daran, dass sich Philebos bereits in 11c, als es um die Frage geht, ob die Lust oder ob die Einsicht und Vernunft die höchste Gabe des Menschen sei, aus der Diskussion zurückzieht. Die Gründe dafür werden nicht genannt. Auch ist Philebos bis zu diesem Zeitpunkt noch davon überzeugt, dass er mit seiner Annahme recht behält, egal wie die Diskussion zwischen Protarchos und Sokrates endet (12a). Man könnte also annehmen, dass das Gespräch zwischen Sokrates und Philebos festgefahren war, da Philebos so sehr von der Richtigkeit seiner These überzeugt war. Ist Philebos somit nicht diskussionsfähig? Diese Frage soll nicht Thema dieser Arbeit sein, fest steht jedoch: von allen drei Personen bleibt er am blassesten und hält sich stets im Hintergrund des Gesprächs auf. Außerdem zieht sich seine mangelnde Diskussionsbereitschaft in Form von kurzen Kommentaren und Äußerungen durch den gesamten Dialog hindurch. Philebos wirkt träge und lustlos. In 15 c heißt es: „Den Philebos aber wäre wohl am besten, für jetzt nicht durch Fragen aufzustören, da er ruhig liegt“. Sowohl seine psychische, als auch seine physische Konstitution weisen auf ein ausgeprägtes Desinteresse bezüglich des Dialogs hin. So verwundert es kaum, dass Philebos durch Protarchos vertreten wird.

Der Stellvertreter Protarchos ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger sehr an der Diskussion interessiert. Er beteiligt sich rege an ihr durch Fragen, Antworten und Zustimmungen der Thesen des Sokrates. Er will den Dialog in angemessener Form fortführen, die Thesen des Sokrates anhören, sie jedoch auch kritisch hinterfragen. Anders als Philebos erkennt er auch die lehrende Rolle des Sokrates an. Er scheint auch der einzige aus der Schar der Zuhörer zu sein, der es sich traut, die Thesen des Philebos, den Thesen des Sokrates zumindest entgegenzustellen. Interessant ist auch seine Vorgehensweise: Er will sich weder auf die Lust, noch auf die Erkenntnis festlegen, sondern nach einem Dritten suchen und dann prüfen welches diesem ähnlicher ist.

Die dritte Person im Bunde ist Sokrates. Er lenkt das Gespräch und führt die Thesen an. Er sieht sich nicht als Lehrer sondern als Dialektiker, der den Zuhörer auf den Weg der Erkenntnis bringen möchte. Aufgrund dessen hat er die Rolle des Fragenden, Protarchos die des Antwortenden, auch wenn dieser ab und an selbst eine Frage stellt. Durch das Stellen der Fragen soll der Dialogpartner selbst auf die Lösung des Problems kommen (s. Kapitel 3.1).

Der Dialog selbst beginnt inmitten eines Gesprächs der drei Protagonisten. Er fängt also unvermittelt an und endet auch ebenso abrupt. Der Philebos gibt somit nur einen Ausschnitt des Gesprächs wieder, in dessen Thema Sokrates gleich zu Beginn mit einer Wiederholung der bisherigen Annahmen einführt(s. 11c).

Der dialektische Teil des Philebos beginnt in 14c mit der Nennung des Problems durch Sokrates: Wie kann es sein, dass Eines zugleich Vieles und Vieles zugleich Eines ist?

[...]


[1] Bei der Klärung des Begriffs der Dialektik beziehe ich mich auf: Martin Gessmann: Philosophisches Wörterbuch. 23., vollständig neu bearb. Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 2009. S. 166/167.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Vgl.:Hermann Gundert: Dialog und Dialektik - zur Struktur des platonischen Dialogs. Amsterdam: Gruener. 1971. S. 4-6.

[9] Vgl. Ebd. S. 6-12.

[10] Ebd. S.6.

[11] Ebd. S.7.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd. S. 8.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Dialektik in Platons Philebos
Untertitel
Das Problem von 'peras' und 'apeiron'
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophie)
Veranstaltung
Interpretationskurs
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V181508
ISBN (eBook)
9783656047193
ISBN (Buch)
9783656046004
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialektik, Philebos, Platon, antike Philosophie
Arbeit zitieren
Marcel Dietze (Autor), 2009, Dialektik in Platons Philebos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181508

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Dialektik in Platons Philebos



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden