Kriminalität, Frühauffälligkeit und Strafmündigkeit


Examensarbeit, 2009

38 Seiten, Note: 9,5


Leseprobe

Gliederung

Literaturverzeichnis

Ausarbeitung.

A. „Immer mehr, immer jünger und immer brutaler“?

B. Senkung des Strafmündigkeitsalters sinnvoll und nötig?
I. Entwicklung der Kinderdelinquenz
1. Informationsquellen
a. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) und damit verbundene Probleme
b. Dunkelfeldstudien und die damit verbundenen Probleme
2. Darstellung der Entwicklung anhand der PKS
a. Allgemein
b. Differenzierung nach Alter
c. Differenzierung nach Deliktsgruppen
3. Analyse des Dunkelfeldes
a. Studie von Pongratz
b. Studie von Fuchs, Lamnek, Luedtke und Baur
c. Ergebnis
4. Resümee
II. Frühauffälligkeit als Einstieg in eine kriminelle Karriere? Entstehungsgründe im Hinblick auf Kriminalitätstheorien
III. Strafmündigkeit im internationalen Vergleich
1. strafrechtliche Altersgrenzen in Deutschland und anderen Ländern
2. Besonderheiten dieser Altersgrenzen
a. Italien und Österreich
b. Spanien
c. Frankreich
d. Griechenland
e. Niederlande
f. England und Wales
g. Schweiz
h. USA
3. deutsche Altersgrenzen im internationalen Vergleich
IV. Internationale Regelungen
1. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen 1989
2. Die UN-Mindestgrundsätze für die Jugendgerichtsbarkeit („Beijing-Rules“) 1985
3. Empfehlungen des Europarates
V. Reaktionsmöglichkeiten auf Kinderdelinquenz
1. Maßnahmen nach dem SGB VIII
2. Maßnahmen nach dem BGB

C. Reformerfordernisse und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. „Immer mehr, immer jünger und immer brutaler“?

In Politik und Medien ist Kriminalität junger Menschen nach wie vor ein hochaktuelles Thema. Gerade nach einem spektakulären Fall wie z.B. dem Amoklauf in Winnenden[1] kommt es zu einer Zuspitzung der Diskussion über die Kriminalitätsentwicklung bei jungen Menschen und einem lauter werdenden Ruf nach Härte. Reißerische Überschriften wie „Die Brutalität der Kids nimmt zu“ oder „Immer mehr, immer jünger und immer brutaler“ stellen auch jüngere Kinder in den Mittelpunkt. Vor diesem Hintergrund wird verschiedentlich gefordert, dass die Grenze der relativen Strafunmündigkeit von derzeit 14 auf 12 Jahre abgesenkt werden soll. Dieser Forderung schließen sich nicht nur Stimmen aus der Rechtswissenschaft[2] an, sondern auch Politiker wie Altkanzler Gerhard Schröder, der zum Zeitpunkt der Äußerung noch niedersächsischer Ministerpräsident war,[3] und Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Koch hatte nach dem Vorfall in einem U-Bahnhof in München, bei dem ein Rentner von zwei Jugendlichen brutal zusammengeschlagen wurde,[4] eine Anwendung von Jugendstrafrecht bei unter 14-Jährigen gefordert.[5]

Kinder sind nach dem hier zugrunde gelegten Verständnis alle unter 14-Jährigen (§ 19 StGB), Jugendliche alle 14- bis unter 18-Jährigen (§ 1 II JGG). Kinder sind gem. § 19 StGB schuldunfähig und können daher keine Straftaten begehen, weil die Schuld neben Tatbestandsmäßigkeit und Rechtswidrigkeit eine Voraussetzung für die Verfolgung ist. Der Begriff „Kinderkriminalität“ ist deshalb ebenso wenig korrekt wie „(Straf-)Täter“ im Zusammenhang mit Strafunmündigen. Bei strafrechtlich relevanten Handlungen Strafunmündiger spricht man daher von Kinderdelinquenz.

Trotz dieser eindeutigen Regelung erhebt sich die Frage, ob die 1923 bei Entstehung des JGG festgelegte Altersgrenze aufgrund von Veränderungen in der Gesellschaft allgemein und der (Reife-)Entwicklung von Kindern und Jugendlichen noch tragbar ist. Fest steht, dass Kindern heute früher selbstständig werden und sich in vielen Lebensbereichen besser orientieren können als das früher der Fall war. Kinder sind vor allem mit zunehmendem Alter, sehr wohl in der Lage, den Unterschied zwischen „Mein“ und „Dein“ zu erkennen und auch zu bemerken, dass sie dem anderen bei körperlichen Konflikten Schmerzen zufügen. Ist es insoweit sachgerecht, dass ein 12-Jähriger, der häufig wegen Ladendiebstahls aufgefallen ist, seine Mitschüler erpresst und zusammenschlägt, mit seiner „Gang“ ganze Stadtteile kontrolliert oder mit einem Baseballschläger oder einem Messer auf andere losgeht, nicht für sein Tun verantwortlich gemacht werden kann weil ihm angeblich die Unrechtseinsicht und Steuerungsfähigkeit fehlt?

Die folgenden Ausführungen setzen sich kritisch mit der Forderung nach der Absenkung des Strafmündigkeitsalters auseinander. Hierbei wird zunächst auf Entwicklung, Umfang und Struktur der Kinderdelinquenz in den letzten 15 Jahren eingegangen. Ein weiteres Augenmerk richtet sich auf strafrechtliche Altersgrenzen anderer Länder sowie internationale Regelwerke, die sich mit dem Umgang mit delinquenten Kindern beschäftigen. Ferner geht es um die derzeit in Deutschland verfügbaren Reaktionsmöglichkeiten auf Kinderdelinquenz. Zum Schluss soll vor diesem Hintergrund die Frage beantwortet werden, ob eine Absenkung der Strafmündigkeitsgrenze tatsächlich sinnvoll und nötig ist, oder ob Reformen im außerstrafrechtlichen Bereich ausreichen, um einen adäquaten Umgang mit Kinderdelinquenz zu gewährleisten.

B. Senkung des Strafmündigkeitsalters sinnvoll und nötig?

I. Entwicklung der Kinderdelinquenz

In diesem Zusammenhang muss zunächst geklärt werden, ob die Behauptung, Kinder würden immer häufiger delinquent, wirklich zutreffend ist. Nachstehend wird die Entwicklung der Kinderdelinquenz innerhalb der letzten 15 Jahre dargestellt.

1. Informationsquellen

Eine Informationsquelle hierfür bilden Statistiken. Dabei ist aber zu beachten, dass es aufgrund fehlender Schuldfähigkeit gem. § 170 II StPO nie zu einem förmlichen Verfahren gegen Kinder kommt. Somit tauchen unter 14-Jährige weder in der Strafverfolgungs- noch in der Strafvollzugs-, Bewährungs- oder Rückfallstatistik auf.

a. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) und damit verbundene Probleme

Die einzige verwendbare Statistik ist demnach die PKS. Sie erfasst alle rechtswidrigen Taten aus Kern- und Nebenstrafrecht inkl. Rauschgiftdelikte. Staatsschutz- und Verkehrsdelikte sind allerdings nicht enthalten.[6] Außerdem gibt sie Auskunft über die Aufklärung der Fälle sowie die Tatverdächtigen.[7] Sie umfasst die tatsächlich bekannt gewordenen und registrierten Fälle, trifft aber keine Aussagen über das Dunkelfeld,[8] und kann daher kein realistisches Bild der Kriminalitätslage geben.

Außerdem birgt die PKS einige systematische Probleme. Ihre Daten gehen zu über 90 % auf Anzeigen aus der Bevölkerung zurück[9] und sind stark abhängig vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung. Die Anzeigebereitschaft gegenüber Kindern ist aber eher niedrig.[10] Das liegt u.a. daran, dass eher schwere Rechtsbrüche angezeigt werden[11], wohingegen Kinderdelinquenz meist bagatellhaft ist[12] und Kinder ohnehin nicht verfolgt werden können.

Ferner ist das Bekanntwerden von Kinderdelinquenz stark von Polizeiarbeit und deren Kontrolldichte abhängig.[13] Zum einen „wird man davon ausgehen können, dass sie [die Polizei] Anzeigen, die sich gegen Strafunmündige richten mit geringerer Intensität bearbeitet als die gegen Täter, bei denen ein Jugendgerichts- oder Strafverfahren zu erwarten ist.“[14] Zum anderen steigt die Registrierung delinquenter Kinder naturgemäß an, wenn vermehrt Polizeikontrollen aufgrund größerer personeller Kapazitäten durchgeführt werden.[15]

Weiterhin muss beim Vergleich von Daten unterschiedlicher Jahre die evtl. veränderte Gesetzeslage und der demographische Wandel berücksichtigt werden.

Diese Faktoren können bewirken, dass die registrierte Kinderdelinquenz drastisch ansteigt, obwohl in Wirklichkeit nur eine Verschiebung vom Dunkel- ins Hellfeld stattgefunden hat.

b. Dunkelfeldstudien und die damit verbundenen Probleme

Um das durch die PKS verzerrte Bild der Kriminalitätslage zu korrigieren, ist eine Dunkelfeldanalyse nötig. „Dunkelfeld“ meint die Summe aller tatsächlich begangenen, aber nicht offiziell registrierten Straftaten.[16] Dunkelfeldstudien werden meist durch Täter-, Opfer- oder Informantenbefragungen erhoben.[17]

Die Ergebnisse sind vor allem hinsichtlich der Verlässlichkeit der Angaben vorsichtig zu interpretieren. Bei manchen Tätern gibt es Beschönigungstendenzen oder die Gefahr von Übertreibungen und einige Opfer verschweigen bestimmte Delikte, weil sie sich schämen. Auch ist die Erinnerungsleistung der Befragten von großer Bedeutung. Außerdem werden schon im Vorfeld einer Studie zwangsweise die Delikte und damit zusammenhängend die zu befragenden Personengruppen selektiert. Ferner kann nicht sichergestellt werden, dass alle Mitglieder der gewünschten Zielgruppe erreicht werden und die Fragen von ihnen richtig verstehen.

Dennoch sind Dunkelfeldstudien zur Ergänzung statistischer Daten unabdingbar. Allerdings liegen kaum Dunkelfeldstudien zur Kinderdelinquenz in Deutschland vor.[18] Die wenigen vorhandenen beziehen sich auf Delinquenz an Schulen. Daher sind „keine mehrfach abgesicherten und insofern belastbaren Feststellungen zu Trends von Umfang und Qualität der Kinderdelinquenz“[19] möglich.

2. Darstellung der Entwicklung anhand der PKS

a. Allgemein

Nun soll anhand der PKS-Daten die oben aufgeworfene Frage beantwortet werden. Dazu werden zunächst die aktuelle Situation hinsichtlich der Kinderdelinquenz und Veränderungen im Vergleich zu den Vorjahren dargestellt.

Im Jahr 2008 lebten 82.369.548 Menschen in Deutschland, davon 11.350.534 Kinder (entspricht 13,8 % der Gesamtbevölkerung).[20] Insgesamt wurden 2008 2.255.693 Tatverdächtige (TV) ermittelt, 101.389 davon waren strafunmündig und stellen damit 4,5 % aller registrierten TV.[21] Im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil ist der Anteil strafunmündiger TV sehr gering; er beträgt gerade einmal 0,12 % der Gesamtbevölkerung.

Für einen Vergleich mit den Daten der letzten 15 Jahre ist zu beachten, dass die PKS 2008 derzeit noch nicht veröffentlicht ist. Für das Jahr 2008 stehen nur eingeschränkt Daten aus dem Kurzbericht zur PKS 2008 sowie den PKS Zeitreihen zur Verfügung.

Betrachtet man nun die letzten 15 Jahre, so fällt auf, dass die Zahl der tatverdächtigen Kinder zwischen 1993 und 1998 rapide angestiegen ist. 1993 waren bei 2.051.775 TV insgesamt noch 88.276 (4,3 %) strafunmündig, gab es 1998 insgesamt 2.319.895 TV, wovon 152.774 (6,6 %) strafunmündig waren. Danach gehen die Zahlen allerdings zurück. 2004 wird mit 115.770 kindlichen TV in etwa wieder der Wert von 1995 erreicht, der bis 2006 auf 110.487 absinkt. So waren 2000 6,4 % aller TV strafunmündig, 2004 nur noch 4,9 % und 2006 sogar nur noch 4,4 %. 2007 ist ein leichter Anstieg der tatverdächtigen Kinder erkennbar, der Anteil von 4,4 % an den insgesamt registrierten TV bleibt jedoch gleich. 2008 geht die Zahl der kindlichen TV wieder auf 101.389 zurück, diese stellen jedoch 4,5 % aller registrierten TV,[22] was drauf schließen lässt, dass insgesamt weniger TV registriert wurden.

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BT- Drs. 16/13142

Verbindet man dies mit der Gesamtbevölkerungszahl, beträgt der Anteil kindlicher TV 1993 0,10 % und 1998 0,18 %. Für die Jahre 2000, 2004 und 2008 ergeben sich folgende Anteile: 0,17 %, 0,14 % und 0,12 %. Auch hier zeigt sich das Gleiche wie bei Betrachtung der TV-Zahlen: zwischen 1993 und 1998 nimmt die Anzahl der tatverdächtigen Kinder stark zu, verhält sich danach aber rückläufig.

Die Aussage, die Kinderdelinquenz nehme immer stärker zu, ist demnach so pauschal jedenfalls für die letzten zehn Jahre empirisch widerlegt.

b. Differenzierung nach Alter

Um zu überprüfen, ob es zu einer „Verjüngung“ der TV gekommen ist, ist eine altersmäßige Differenzierung nötig (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: TV-Anteil bei Kindern differenziert nach Alter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Datenbasis: PKS-Zeitreihen 1987-2008, TV insgesamt)

Daraus ergibt sich, dass der TV-Anteil der 12- bis 14-Jährigen zwischen 1993 und 2004 angestiegen ist, sich für 2008 aber ein leichter Rückgang abzeichnet. Genau gegenteilig verhält es sich für die unter 12-Jährigen: Deren Anteil nimmt bis 2004 konstant ab, steigt aber 2008 leicht an. Der verzeichnete Anstieg ist jedoch sehr gering.

Wichtig sind auch die Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ). Sie errechnen sich aus der Zahl der Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner der jeweiligen Altersgruppe, allerdings erst für Kinder ab 8 Jahren.[23] Erfasst werden nur deutsche TV, da die Bevölkerungsstatistik einige Ausländergruppen nicht enthält, die in der PKS als nichtdeutsche TV erfasst werden.[24]

Tabelle 2: TVBZ für deutsche Kinder ab 8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Datenquelle: PKS-Zeitreihen, TVBZ insgesamt)

Aus Tabelle 2 geht hervor, dass die TVBZ für 8- bis 12-Jährige zwischen 1993 und 1998 stark zugenommen hat, seitdem aber rückläufig ist. Eine kleine Abweichung ergibt sich für die 12- bis 14-Jährigen, deren TVBZ nach einem rasanten Anstieg zwischen 1993 und 1998 zwar bis 2004 rückläufig ist, im Jahr 2008 aber wieder minimal zunimmt. Dieser Anstieg kann jedoch nicht belegen, dass eine Verschiebung hin zu jüngeren „Tätern“ stattgefunden hat.

Demnach kann die oben aufgeworfene Frage, ob die Täter strafbarer Handlungen immer jünger würden, nach Auswertung der PKS eindeutig verneint werden.[25]

c. Differenzierung nach Deliktsgruppen

Weiterhin wird überprüft, ob Kinder tatsächlich immer brutaler werden. Dabei muss nach einzelnen Deliktsgruppen differenziert werden, um feststellen zu können, ob der Anteil Strafunmündiger bei Gewaltdelikten eventuell zugenommen hat.

Der Großteil der Kinderdelinquenz bewegt sich im Bereich leichter Delikte wie Ladendiebstahl, leichte Körperverletzung, Erschleichen von Leistungen, Beleidigung und Sachbeschädigung.[26]

Diebstahlsdelikte (§§ 242-248c StGB) machen nach wie vor mehr als die Hälfte aller von Strafunmündigen begangenen Delikte aus (54,7 %), wovon 40,6 % auf Ladendiebstahl entfallen.[27] Allerdings sind die TVBZ hier seit 1998 stark rückläufig (vgl. Tabelle 3): Waren es 1998 noch 1.733, sind es 2008 nur noch 1.048,2 (-39,5 %).

Tabelle 3: TVBZ (Diebstahlsdelikte)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Datenquelle: PKS-Zeitreihen, TVBZ insgesamt)

Etwas anderes ergibt sich für Sachbeschädigung (§§ 303-305a StGB): Hier steigt die TVBZ zwischen 1993 und 2000 um 89,7 % an, sinkt bis 2004 wieder ab, um bis 2008 wieder zuzunehmen (vgl. Tabelle 4).

Tabelle 4: TVBZ (Sachbeschädigung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Datenquelle: PKS-Zeitreihen: TVBZ)

Das Erschleichen von Leistungen („Schwarzfahren“) gem. § 265a StGB hat sich zwischen 1993 und 2004 verfünffacht, geht allerdings 2008 wieder leicht zurück (vgl. Tabelle 5).

Tabelle 5: TVBZ (Leistungserschleichung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Datenquelle: PKS-Zeitreihen, TVBZ)

Nun wird beleuchtet, ob Gewalthandlungen über die letzten 15 Jahre zugenommen haben.

Einfache Körperverletzung hat sich zwischen 1993 und 2008 fast vervierfacht. Etwas weniger stark angestiegen ist der Bereich der Gewaltdelikte, welcher Mord, Totschlag, Vergewaltigung und besonders schwere Fälle der sexuellen Nötigung, Raubdelikte, Körperverletzung mit tödlichem Ausgang, gefährliche und schwere Körperverletzung, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luftverkehr umfasst.[28] Innerhalb dieser Kategorie ist eine weitere Differenzierung zwischen den Kerntatbeständen (schwere/gefährliche Körperverletzung, Raub- und Tötungsdelikte) nötig.

Für die schwere/gefährliche Körperverletzung ist ein Anstieg um fast das Vierfache zu verzeichnen, hingegen haben die Raub- und Tötungsdelikte ihren Zenit 1998 bzw. 2000 überschritten und nehmen seitdem ab (Raubdelikte: -41,9 %).

Tabelle 6: TVBZ (einfache Körperverletzung+Gewaltdelikte)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Datenquelle: PKS-Zeitreihen, TVBZ)

Demnach nimmt die Gewaltbereitschaft von Kindern bei Körperverletzungsdelikten zu, für Raub- und Tötungsdelikte geht sie aber deutlich zurück. Dennoch darf man nicht aus den Augen verlieren, dass Körperverletzung 2008 lediglich 19,9 % bei allen tatverdächtigen Kinder ausmacht (1993: 3,8 %) und Gewaltdelikte sogar nur 11,1 % (1993: 4,6 %).[29] Hier geht es v. a. um „Rangeleien“ unter Gleichaltrigen.

Besonders die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung auf Kinderdelinquenz und die damit einhergehenden Veränderungen hinsichtlich Anzeigeverhalten, Polizeiarbeit und der Aufmerksamkeit anderer Kontrollinstanzen (z.B. Schule) tragen dazu bei, dass kaum ein reales Abbild der Kriminalitätslage erstellt wird. Hinzu kommt, dass Kinder typischerweise in Gruppen handeln, was bei Körperverletzung eine Qualifizierung und damit eine Zuordnung zur Kategorie der Gewaltdelikte zur Folge hat.[30] Außerdem werden Kinder häufig mitregistriert, ohne selbst überhaupt vorwerfbar gehandelt zu haben.[31]

Insofern kann man aus den Daten einen Anstieg der Gewaltdelinquenz bei Kindern ablesen, der auch keinesfalls bagatellisiert werden soll. Dennoch ist dieser in der Realität weniger gravierend, wie es aufgrund der PKS erscheint.[32]

3. Analyse des Dunkelfeldes

Die Verfügbarkeit von Dunkelfelddaten zu Kinderdelinquenz ist „als defizitär zu bezeichnen“.[33] Die 2007/2008 vom BMI und dem KFN bundesweit durchgeführte Dunkelfeldstudie ist wenig hilfreich, weil bisher nur der erste Forschungsbericht dazu vorliegt, der Schüler der 9. Klassen und damit Strafmündige erfasst.[34]

Bei den wenigen durchgeführten Dunkelfeldanalysen handelt es sich vorwiegend um Studien zur Situation an Schulen, die nur einen kleinen Ausschnitt aller möglichen Delikte abdeckt. Weiterhin wurden sie meist an weiterführenden Schulen durchgeführt und erfassen somit strafmündige Jugendliche.

Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich zum einen auf eine 1996/1997 durchgeführte Studie von Pongratz, die sich mit dem Ausmaß der von Lehrern an Grundschulen wahrgenommenen Delinquenz befasst.[35] Zum anderen geht es um eine von Fuchs u.a. wiederholt durchgeführte Studie zur Gewalt an allgemein- und berufsbildenden Schulen in Bayern (z.T. wurden Schüler und Lehrer befragt, teils nur Schüler).[36] Die daraus erlangten wesentlichen Erkenntnisse werden nun kurz dargestellt.

a. Studie von Pongratz

Pongratz stellt fest, dass das am häufigsten beobachtete Delikt die „Beleidigung gegen Mitschüler“ darstellt, 92,9 % aller Lehrer beobachten dies mindestens einmal pro Schuljahr. Weiterhin kommt es häufig zu „körperlicher Gewalt gegen Mitschüler“, was auch „Schubsen“ und „Rempeln“ erfasst. Dies wird von der Hälfte der Lehrer nur weniger als 15 mal pro Schuljahr beobachtet. „Drogenhandel“ ist an Grundschulen irrelevant; es gab nur einen Lehrer, der derartiges beobachtet hat. Das „Wegnehmen von Eigentum der Mitschüler“ wird durchschnittlich 12,38 mal pro Schuljahr registriert, tritt jedoch zwischen den Klassen stark differenziert auf und hängt von der Klassenstruktur ab.[37]

b. Studie von Fuchs, Lamnek, Luedtke und Baur

In der Studie von Fuchs u.a. werden sowohl Strafunmündige als auch Strafmündige berücksichtigt. Für 10- bis 13-Jährige wurde bemerkt, dass verbale Gewalt, wenn auch seit 1990 rückläufig, einen größeren Bestandteil von Gewalthandlungen an Schulen ausmacht als körperliche Gewalt. Zudem gibt es wenig Gewalt in der breiten Masse, dafür massive Gewalt durch einige wenige. Dieser Kern der massiv Auffälligen hat während der Erhebungen zugenommen. Ebenfalls zugenommen hat in dieser Altersgruppe der Umgang mit Drogen, wobei legale Drogen rückläufig waren und illegale Drogen, besonders Cannabis, zugenommen haben. Ferner wurde ein Anstieg des Waffenbesitzes von 10- bis 13-Jährigen Schülern festgestellt, wobei die häufigste Waffe das Messer ist.[38]

c. Ergebnis

Im Dunkelfeld hat die Gewaltbereitschaft unter Kindern nicht zugenommen. Gewalt an Schulen ist rückläufig ebenso wie die Schwere der begangenen Delikte.[39] Die meisten Auseinandersetzungen sind verbaler Natur, und die körperliche Gewalt wird zum Großteil von einer kleinen Gruppe mehrfach massiv Auffälliger begangen.

4. Resümee

Nach dem bisher Gesagten kann die These von „immer mehr, immer jünger[en], immer brutaler[en]“ delinquenten Kindern nicht aufrechterhalten werden. Vielmehr ist solches Empfinden der Bevölkerung auf eine durch die Medien hervorgerufene „Hysterie“ zurückzuführen, die die wenigen wirklich gravierenden Fälle kindlicher Auffälligkeit regelrecht aufbläht und die Kriminalitätslage total verzerrt. Dennoch muss man das Problem kindlicher Delinquenten ernst nehmen und in diesem Zusammenhang über mögliche Ursachen und Gegenmaßnahmen nachdenken.

II. Frühauffälligkeit als Einstieg in eine kriminelle Karriere? Entstehungsgründe im Hinblick auf Kriminalitätstheorien

Interessant ist auch die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Frühauffälligkeit und der Entstehung einer kriminellen Karriere. So haben internationale Längsschnittstudien gezeigt,[40] dass vor allem jugendliche Intensivtäter schon im Kindesalter auffällig wurden.[41] Auch die Untersuchung von Remschmidt und Walter (2009) hat ergeben, dass chronische Straftäter schon als Kinder doppelt so häufig delinquent werden wie später nicht mehr registrierte Probanden.[42] Ein Vergleich mehrerer Längsschnittstudien zur Entwicklung krimineller Karrieren zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit lang anhaltender schwerer Kriminalität steigt, je jünger ein Kind ist, das zum ersten Mal kriminell auffällig wird.[43]

Allerdings kann nur aufgrund delinquenten Verhaltens als Kind nicht davon ausgegangen werden, dass auch später Straftaten begangen werden.[44] Die Studie von Pongratz und Jürgensen (1990) zeigt, dass Kinderdelinquenz nicht zwangsläufig der Einstieg in eine kriminelle Karriere ist. Selbst wenn Kinder mehrfach auffällig werden bedeutet das nicht notwendigerweise den Beginn chronischer Kriminalität, d.h. die Häufigkeit der Auffälligkeiten im Kindesalter beeinflusst die Verfestigung von Delinquenz nicht im Sinne einer kriminellen Karriere.[45] Nur ca. 3-5 % einer Geburtskohorte bleiben auch als Erwachsene kriminell, sie stellen aber den größten Teil der innerhalb einer Kohorte auftretenden Delinquenz. Auch internationale Studien belegen, dass sich delinquente Kinder später zum Großteil konform verhalten.[46] Diese Erkenntnis widerspricht dem Etikettierungsansatz, der die Entstehung kriminellen Verhaltens damit erklärt, dass sich der Prozess der Kriminalisierung durch Strafverfolgungsorgane und Gesellschaft auf das Selbstbild des Delinquenten auswirkt. Dieser identifiziert sich dann mit diesem Bild und verhält sich weiterhin kriminell, was erneute Etikettierung zur Folge hat, die sich auf das Selbstbild auswirkt.[47] Zwar kann Frühauffälligkeit eine Art „Markerfunktion“ für die Zukunft der betreffenden Person haben, allerdings reicht das allein nicht aus um eine kriminelle Karriere vorauszusagen.[48]

Vielmehr müssen weitere Risikofaktoren hinzutreten, die sich zum Teil in Kriminalitätstheorien wiederfinden. Die Faktoren, die für Kinder am bedeutsamsten sind, sind Störungen ihres Sozialverhaltens sowie Probleme innerhalb der Familie.[49] Gemeint sind damit beispielsweise gesundheitliche Probleme der Eltern, keine oder mangelnde Erziehung und Fürsorge, Kriminalität sowie häufige Streits der Eltern. Besonders das Element der Bindung an die Familie wird in den Kontrolltheorien thematisiert. Reiss geht davon aus, dass kriminelles Verhalten darauf zurückzuführen ist, dass einem Kind nicht ausreichend soziale Normen und Werte vermittelt und mithilfe sozialer Kontrolle diese Normen auch eingehalten wurden.[50] Ähnliches besagt die Theorie der sozialen Kontrolle von Hirschi.[51]

In struktureller Hinsicht ist Größe, Wohnsituation und soziale Stellung der Familie bedeutsam.[52] Dies spiegelt sich auch in soziologischen Kriminalitätstheorien wieder. Beispielsweise besagen Wilson und Kelling mit ihrer „broken windows“-Theorie, dass Kriminalität durch städtebaulichen Verfall und die damit zusammenhängende mangelnde Sozialkontrolle ausgelöst wird.

Außerdem beeinflussen mangelnde Schul- und Ausbildung und die damit zusammenhängende schlechte Zukunftsperspektive sowie Unbeliebtheit bei Klassenkameraden die Entstehung krimineller Karrieren. Ein weiterer wichtiger Prädikator für kindliche Delinquenz ist der Einfluss der „peer group“ (Gleichaltrige). Sind die Freunde delinquent, ist die Wahrscheinlichkeit eigenen delinquenten Verhaltens sehr hoch.[53] Das ist ein Beleg für die Theorie der differentiellen Assoziation von Sutherland. Diese besagt, dass ein Mensch sowohl Kontakt zu Menschen hat, die sich konform verhalten, als auch zu solchen, die delinquent sind. Kriminalität tritt dann auf, wenn ein Mensch mehr Kontakt zu Delinquenten als zu Nichtdelinquenten hat.[54]

Alle genannten Risikofaktoren finden sich in den entwicklungskriminologischen Theorien von Thornberry und Sampson/Laub wieder. Thornberry erklärt kriminelles Verhalten mit seiner Wechselwirkungstheorie durch ein Zusammenspiel von geschwächter Bindung an die Gesellschaft und 6 Variablen (Bindung an die Eltern, Schule, konventionelle Werte, Kontakt zu delinquenten „peers“, Übernahme delinquenter Werte, eigene Delinquenz).[55] Sampson/Laub sehen in ihrer Lebenslauftheorie die Ursachen für Delinquenz in den sich verändernden Bezugspersonen und der von ihnen ausgehenden informellen Sozialkontrolle. So können im Lebenslauf bestimmte Wendepunkte (z.B. Geschwister/Freunde, Schulabschluss, Arbeit, Eheschließung) auftreten, die sich positiv oder negativ auf bisherige und künftige Delinquenz auswirken.[56]

Delinquentes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen ist episodenhaft, ubiquitär (in allen sozialen Schichten vorkommend) und im statistisch gesehen „normal“. Es ist „ein notwendiges Begleitphänomen im Prozess der Entwicklung einer individuellen und sozialen Identität“[57], durch das erst durch Zusammentreffen mit anderen negativen Einflüssen auf den Sozialisationsprozess eine kriminelle Karriere entsteht. Es gilt, je mehr Risikofaktoren ein Kind ausgesetzt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Entstehung einer kriminellen Karriere.[58]

III. Strafmündigkeit im internationalen Vergleich

1. strafrechtliche Altersgrenzen in Deutschland und anderen Ländern

Im Hinblick auf die Sinnigkeit der Absenkung des Strafmündigkeitsalters ist ein Vergleich mit den Altersgrenzen anderer Länder sinnvoll. Dort gibt es erhebliche internationale Unterschiede. Innerhalb Europas gibt es drei unterschiedliche Konzepte, an denen sich das Jugendkriminalrecht der verschiedenen Länder orientiert.

Das Wohlfahrtsmodell zielt auf Jugendhilfe ab. Das äußert sich in hohen Strafmündigkeitsgrenzen und in den stark erziehungsorientierten Interventionen, die nicht nur bei delinquentem Verhalten, sondern auch bei Verwahrlosung und Gefährdung angewandt werden.

Das Justizmodell hingegen reagiert nur bei strafrechtlichen Verfehlungen. Hier kommt es bei der Sanktionierung auf die Verantwortlichkeit für eigenes Fehlverhalten an, die sich rein an der Tatschuld orientiert und nicht auf die sozioökonomischen Begleitumstände bzw. die Lebenssituation des Betroffenen eingeht.

Beim Konfliktlösungsmodell geht es darum, Konflikte, die sich in einer Straftat ausdrücken oder auf einer Straftat beruhen, ohne förmliches Strafverfahren zu lösen (z.B. ein Täter-Opfer-Ausgleich).

Diese Modelle werden allerdings nirgends konsequent umgesetzt, vielmehr kommt es zu einer Kombination verschiedener Gesichtspunkte der unterschiedlichen Modelle mit einer Schwerpunktsetzung in eine der drei möglichen Richtungen.[59]

Die Einflüsse der verschiedenen jugendkriminalrechtlichen Konzepte zeigen sich auch in den unterschiedlich ausgeprägten Strafmündigkeitsgrenzen (Tabelle 7 und 8).

Tabelle 7: internationale Strafmündigkeitsgrenzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hazel 2008

Tabelle 8: europäische Strafmündigkeitsgrenzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dünkel 1997

Die Strafmündigkeitsgrenzen in diesen Tabellen bewegen sich zwischen 6 und 18 Jahren. Auffällig ist, dass es eine Gruppe von Ländern gibt, deren Grenze sehr hoch und eine zweite Gruppe deren Grenze sehr niedrig ist. Andere Länder haben gar keine Altersgrenze (Brunei, Panama, Saudi Arabien, USA), d.h. delinquente Kinder können dort schon ab der Geburt strafrechtlich verfolgt bzw. sanktioniert werden. Wenn man diese außer Acht lässt, ergibt sich für die Strafmündigkeitsgrenze ein arithmetisches Mittel[60] von 12,5 Jahren und ein Medianwert[61] von 14 Jahren.[62]

2. Besonderheiten dieser Altersgrenzen

Die Befürworter einer Senkung des Strafmündigkeitsalters argumentieren häufig mit den niedrigen Altersgrenzen in anderen Ländern. Dabei übersehen sie jedoch, dass auch in diesen Ländern dann nicht das ganze Repertoire strafrechtlicher Sanktionen zur Verfügung steht. Vielmehr gibt es dort altersbedingte Einschränkungen (bezüglich Wie und Wie viel) strafender Reaktionen.

a. Italien und Österreich

In Italien liegt die Spanne der relativen Strafmündigkeit zwischen 14 und 18 Jahren. Allerdings gilt dort ein besonderes Regel-Ausnahme-Verhältnis dergestalt, dass 14- bis 18-Jährige grundsätzlich als strafunmündig gelten, solange deren Einsichtsfähigkeit nicht bewiesen wurde. Wenn diese aber bestätigt wurde, gelten sie als uneingeschränkt strafmündig, unterliegen jedoch einer obligatorischen Strafmilderung. Der Richter kann statt Haftstrafe „Halbhaft“ oder „kontrollierte Freiheit“ verhängen oder ganz von Strafe absehen. Ansonsten ist eine Verringerung des Strafrahmens zulässig.[63]

Gleiches gilt für Österreich.[64] Dort sind sowohl das Höchstmaß der Tagessätze von Geldstrafen, als auch die Höchstfreiheitsstrafandrohungen für 14- bis unter 18-Jährige zu halbieren. Anstatt lebenslanger Freiheitsstrafe gilt für unter 16-Jährige ein Strafrahmen von 1-10 Jahren, für über 16-Jährige einer von 1-15 Jahren.[65]

b. Spanien

In Spanien dürfen jugendstrafrechtliche Maßnahmen grundsätzlich nur für maximal 2 Jahre angeordnet werden. Bei über 16-Jährigen kann auf 5 Jahre verlängert werden, wenn Gewalt oder Bedrohung im Spiel war. Bei Straftaten, die mit bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe bedroht sind, dürfen unter 16-Jährige maximal 4 Jahre, über 16-Jährige bis zu 8 Jahren in einer geschlossenen Anstalt untergebracht werden. Eine Verlängerung um 5 (unter 16) bzw. 10 Jahre (über 16) ist möglich bei Straftaten, die mit mehr als 15 Jahren Freiheitsstrafe bedroht sind.[66]

c. Frankreich

In Frankreich, wo die relative Strafmündigkeit mit 13 beginnt, gibt es für Maßnahmen zum Schutz, zur Unterstützung, Überwachung und Erziehung kein gesetzliches Mindestalter (diese gelten nicht als Strafen). Allerdings hat der Cour de Cassation 1956 festgelegt, dass Kinder bis zum 6. Lebensjahr nicht zur Verantwortung gezogen und gegen sie keine erzieherischen Maßnahmen ergriffen werden dürfen.[67] Sanktionen des allgemeinen Strafrechts dürfen für Jugendliche ab 13 Jahren nur angeordnet werden, wenn die Umstände oder die Täterpersönlichkeit es erfordern. Zu deren Schutz sind bei 13- bis 18-Jährigen Ausweisung, Geldstrafe (nach Tagessätzen), das Verbot der Ausübung bürgerlicher, ziviler und familiärer Rechte, Berufsverbote und die Veröffentlichung des Urteils als Sanktionen verboten. Verhängt werden können Freiheits- und Geldsummenstrafe, führerscheinrechtliche Maßnahmen und die Einziehung von Fahrzeugen. Freiheits- und Geldsummenstrafe sind jedoch auf die Hälfte des angedrohten Höchstmaßes zu reduzieren. Für über 16-Jährige können jedoch die regulären Obergrenzen gelten, wenn die Tatumstände und die Täterpersönlichkeit dies gebieten. Ferner darf gemeinnützige Arbeit nur gegen über 16-Jährige verhängt werden.[68] Überdies gibt es Sonderregeln für die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe bei unter 21-Jährigen.

d. Griechenland

In Griechenland können für auffällige Kinder ab 7 bis 12 Jahren Erziehungs- oder Heilmaßnahmen angeordnet werden. Zwischen 13 und 17 Jahren kann Jugendstrafe hinzutreten, deren konkrete Dauer (mind. 6 Monate) aber nicht im Urteil festgelegt wird, sondern allein anhand spezialpräventiver Gesichtspunkte bestimmt wird und angepasst werden kann.[69] Für 18- bis 20-Jährige gibt es eine obligatorische Strafmilderung, soweit Erwachsenenstrafrecht angewandt wird: es gilt eine Strafrahmenverschiebung und teilweise eine „Strafartverschiebung“ (Geld- statt Freiheitsstrafe).[70]

e. Niederlande

In den Niederlanden gilt Jugendstrafrecht für 12- bis 18-Jährige. Ausnahmsweise können 16- bis 18-Jährige nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt werden, wenn die Schwere der Tat, Täterpersönlichkeit oder Tatumstände dies gebieten.[71] Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren können wie Minderjährige abgeurteilt werden, wenn deren Persönlichkeit oder die Tatumstände dies nahelegen.[72]

Die sog. „HALT-Maßregel“ ist eine spezielle Regelung für straffällige Jugendliche, die Schadenswiedergutmachung, gemeinnütziger Arbeit oder Ähnlichem umfasst. Wer daran teilnimmt entgeht der Einleitung eines formellen Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft.[73] Mögliche Sanktionen für Jugendliche sind Jugendhaft, Leistungsstrafe, Geldstrafe und Nebenstrafen, wobei Jugendhaft bei 12- bis 16-Jährigen max. 1 Jahr, bei 16- und 17-Jährigen max. 2 Jahre betragen darf. Für Geldstrafe gilt eine Obergrenze von 2250 €. Für Kinder unter 12 Jahren wurde die sog. „STOP-Maßregel“ entwickelt, die dem Kind unter Zustimmung der Eltern zu deren Unterstützung bei der Erziehung erteilt wird. Sie besteht aus max. 10 Stunden gemeinnütziger Leistungen und spezieller Kurse.[74]

f. England und Wales

In England und Wales gibt es eine der niedrigsten europäischen Strafmündigkeitsgrenzen überhaupt. Allerdings gelten bis zum Eintritt der vollen Strafmündigkeit noch bestimmte Regelungen. Eine Haft- und Trainingsanordnung gem. ss. 100 ff. Power of Criminal Courts (Sentencing) Act 2000 darf bei 10- bis unter 12-Jährigen nur als ultima ratio angewandt werden. Bei 12- bis unter 15-Jährigen ist sie nur bei Wiederholungstätern möglich, indes wird dieser Begriff nicht einheitlich definiert. Haftstrafen dürfen gem. s. 91 PCC (S) A 2000 nur für schwere Straftaten verhängt werden und sind grundsätzlich subsidiär. Bewährungsstrafe oder gemeinnützige Arbeit darf erst gegen Jugendliche ab 16 Jahren verhängt werden.[75]

Für Strafunmündige stehen neben dem Jugendhilferecht (Children Act 1989) auch Maßnahmen nach dem Crime and Disorder Act 1998 (CDA) zur Verfügung. Dabei handelt es sich um Kinderschutzanordnungen (s. 11 CDA), d.h. die Unterstellung des Kindes unter die Aufsicht eines Mitarbeiters des Jugendamtes, und Kinderausgangssperren (s. 14 CDA).[76]

g. Schweiz

Auch in der Schweiz beginnt die relative Strafmündigkeit mit 10 Jahren. Auch hier gibt es nach Alter differenzierende Regelungen. Die Dauer einer persönlichen Leistung kann für über 15-Jährige auf über 10 Tage erhöht werden. Außerdem darf Buße (Geldstrafe) und Freiheitsstrafe nicht bei Jugendlichen unter 15 Jahren verhängt werden, Freiheitsstrafe über 4 Jahre sogar erst ab Vollendung des 16. Lebensjahres (zur Tatzeit). Gegen unter 15-Jährige können lediglich Verweis und persönliche Leistungen bis zu 10 Tagen verhängt werden.[77]

h. USA

In den USA, wo es größtenteils gar keine strafrechtlichen Altersgrenzen gibt, kann Kindern jeden Alters der Aufenthalt in „Drill- oder Bootcamps“ auferlegt werden. Jugendliche können vor dem Erwachsenenstrafgericht abgeurteilt werden und dürfen ab 16 Jahren zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit zur Restaussetzung verurteilt werden. Eine Verurteilung zur Todesstrafe ist seit einem Urteil des Obersten Gerichtshofs für 16- und 17-Jährige vorerst nicht mehr möglich.[78]

3. deutsche Altersgrenzen im internationalen Vergleich

Interessant in diesem Vergleich ist die Position der Bundesrepublik Deutschland. Der Medianwert der hier berücksichtigten Strafmündigkeitsgrenzen liegt bei 14 Jahren. Deutschland bildet insoweit ein gutes Mittelmaß zwischen den Ländern mit sehr hohen und denen mit sehr niedrigen Strafmündigkeitsgrenzen. Auch das deutsche Jugendstrafrecht verfolgt keines der Konzepte einheitlich, allerdings ist es mit der Orientierung am Erziehungsgedanken (vgl. § 2 I 2 JGG) eher auf das Wohlfahrts- und Konfliktlösungsmodell gerichtet.

IV. Internationale Regelungen

Im Folgenden soll ein Überblick über internationale Verträge, Konventionen, Richtlinien und deren Inhalt gegeben werden, die sich auf den Umgang mit delinquenten Kindern und Jugendlichen und die dafür relevanten Altersgrenzen beziehen.

1. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen 1989

Eines der bedeutsamsten Regelwerke in diesem Zusammenhand ist die UN-Kinderrechtskonvention (KRK) von 1989. Sie wurde außer von den USA und Somalia von allen UN-Mitgliedsstaaten ratifiziert und trat in Deutschland am 05.04.1992 in Kraft, sodass sie als unmittelbar geltendes Recht ebenso zu beachten ist, wie nationale Gesetze.

Gem. Art. 1 KRK betrifft sie alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren, soweit Volljährigkeit nicht schon früher eintritt. Art. 37a KRK beinhaltet das Verbot der Folter, Todesstrafe und lebenslanger Freiheitsstrafe.[79] Außerdem darf Freiheitsentzug immer nur ultima ratio bei straffälligen Minderjährigen sein (Art. 37b KRK). Art. 40 2b KRK enthält Mindestgarantien für Minderjährige im Strafprozess: die Unschuldsvermutung, die Möglichkeit der Wahl eines Verteidigers, der Grundsatz eines fairen Verfahrens und das Verbot des Zwangs zur Selbstbelastung.

Hier ist Art. 40 3a KRK am bedeutsamsten, wonach sich die Mitgliedsstaaten verpflichtet sind, ein Mindestalter für die strafrechtliche Verantwortlichkeit festzulegen. Jedoch wird kein bestimmtes Alter vorgegeben – das bleibt Sache der Mitgliedsstaaten.[80]

[...]


[1] Welt online 11.03.2009; Spiegel online 11.03.2009.

[2] z.B. Hinz 2000, Paul 2003.

[3] Plenarprotokoll 11.09.1997, S. 17112.

[4] Zeit online 22.12.2007.

[5] Welt online 14.01.2008; sueddeutsche.de 14.01.2007.

[6] Meier 2007.

[7] Göppinger 2008.

[8] Meier 2007.

[9] Weitekamp/Meier 1998, S. 85

[10] Pfeiffer/Wetzels 1997.

[11] Elster/Lingemann 1998.

[12] Weitekamp/Meier 1998; Seeliger 2003.

[13] Brettlfeld 2006.

[14] Pfeiffer/Wetzels 1997, S. 346.

[15] Vgl 1.periodischer Sicherheitsbericht (PSB) 2001.

[16] Göppinger 2008, S. 348.

[17] Eisenberg 2005.

[18] 2. PSB 2006; Seeliger 2003.

[19] 2. PSB 2006, S.381.

[20] Statistisches Jahrbuch 2008.

[21] IMK Kurzbericht 2009.

[22] PKS-Zeitreihen 1987-2008, TV insgesamt.

[23] IMK Kurzbericht 2009, S. 5.

[24] PKS 2007, S. 97.

[25] So auch Brettfeld 2006.

[26] Vgl. Weitekamp/Meier 1998, S. 94; Steffen 1999, S. 6.

[27] IMK-Kurzbericht 2009.

[28] PKS 2007, S. 16.

[29] Vgl. IMK-Kurzbericht 2009 und PKS-Zeitreihen 1987-2008.

[30] Brettfeld/Wetzels 2002, S. 234.

[31] 2. PSB 2006, S. 379.

[32] Ebenso Pfeiffer/Wetzels 1997, S. 351; Steffen 2002, S. 160; Seeliger 2003, S. 148

[33] 2.PSB 2006, S. 381.

[34] BMI/KFN 2009.

[35] Pongratz 2000.

[36] Fuchs u.a., 2009.

[37] Pongratz 2000, S. 171 ff.

[38] Fuchs u.a. 2009, S. 347, 349, 351.

[39] Vgl. Sonnen 2007, S. 23.

[40] Vgl. Lösel u.a., 2006; Lösel/Bender, 2003; Lück u. a., 2005 nach: 2.PSB 2006, S. 381.

[41] So auch Stelly u.a. 1998, S. 113.

[42] Remschmidt/Walter 2009, S. 195.

[43] Krohn/Thornberry 2003, S. 316.

[44] 2. PSB 2006; Pongratz/Jürgensen 1990.

[45] Remschmidt/Walter 2009, S. 201.

[46] Laub/Sampson 2003; 2. PSB; Block u.a. 2006.

[47] Meier 2007, S. 69 f.

[48] Albrecht 2002.

[49] Remschmidt/Walter 2009, S. 189.

[50] Göppinger 2008, S. 130.

[51] Meier 2007, S. 65.

[52] So auch Farrington u.a 2009, S. 167; Schmidt u.a. 2009, S. 184.

[53] Krohn/Thornberry 2003, S. 317; 2. PSB 2006 S. 371.

[54] Göppinger 2008, S. 136.

[55] Vgl. Meier 2007, S. 76.

[56] Vgl. Meier 2007, S. 78.

[57] Hurrelmann/Engel, 1992; Pinquart/Silbereisen, 2000 nach: 2. PSB 2006 S. 357.

[58] Krohn/Thornberry 2003, S. 321.

[59] Vgl. Kaiser 1997; Drenkhahn 2006.

[60] Das arithmetische Mittel wird berechnet, indem die Summe aller Werte durch die Anzahl aller Werte dividiert wird.

[61] Der Medianwert halbiert eine Verteilung; 50% aller Werte liegen darüber, 50% darunter.

[62] Hazel 2008, S. 31.

[63] Morgante 2002, S. 207.

[64] So auch Hazel 2008; Kilching 2002.

[65] Löschnig-Gspandl 2002; Jesionek 1997.

[66] De la Cuesta 2002, S. 428 f.

[67] Maguer/Müller 2002, S. 163; Kilching 2002, S. 374.

[68] Nothhafft 1997.

[69] Pitsela 1997, S. 164.

[70] Kilching 2002, S. 374.

[71] van Kalmthout 2002, S. 227.

[72] van Kalmthout 2002, S. 228.

[73] van Kamlthout 2002, S. 238.

[74] van Kalthout 2002, S. 263; Kilching 2002, S. 374.

[75] Herz 2002.

[76] Herz 2002, S. 111f.

[77] Backmann/Stump 2002; Lüthi/Mosimann 2007, S. 15.

[78] Vgl. Momsen 2005, S. 181.

[79] In den USA ist lebenslange Freiheitsstrafe für Jugendliche möglich (siehe S. 19)

[80] Kiessl 2001.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Kriminalität, Frühauffälligkeit und Strafmündigkeit
Hochschule
Universität Hamburg
Note
9,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V181509
ISBN (eBook)
9783656046332
ISBN (Buch)
9783656045991
Dateigröße
1702 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriminalität, frühauffälligkeit, strafmündigkeit
Arbeit zitieren
Johanna Gerber (Autor:in), 2009, Kriminalität, Frühauffälligkeit und Strafmündigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181509

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