Till Eulenspiegel ist eigentlich kein harmloser Possenreißer, auch wenn ihn das Kinderbuch zu einem solchen umfunktioniert hat. Mehr noch: Unter allen Kinderbuchfiguren ist er ein Außenseiter, denn weder Tugenden noch Weisheiten lassen sich mit seinem Wesen vereinbaren.
Bis heute behält er eine überraschende Popularität, obwohl er als Schwankheld auf den ersten Blick – vielleicht aufgrund seiner vielen negativen Eigenschaften – nicht zeitgemäß wirkt. Schließlich stellt der originale Till Eulenspiegel einen „faulen Gelegenheitsarbeiter“, „Bauernfänger“ und „außerständischen Landfahrer“ dar, der mit seiner überlegenen List Schaden anrichtet, aber neben Abscheu auch Bewunderung auslöst. 1
Von dem Buch „Till Eulenspiegel“ und seinem Titelhelden ging seit jeher eine ungeheure Wirkung aus.2 Schon im 16. Jahrhundert war das Werk vielfach überarbeitet und in mehrere Sprachen übersetzt worden.3 Till Eulenspiegel war demnach schon damals eine der populärsten Figuren der deutschen Literatur.
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1
Bollenbeck, Georg: Till Eulenspiegel – Der dauerhafte Schwankheld. Zum Verhältnis von Produktions- und Rezeptionsgeschichte. Stuttgart 1985, S. V.
2 Vgl. Wunderlich, Werner: Till Eulenspiegel. München 1984, S. 7.
3 Vgl. ebd.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 „Till Eulenspiegel“
2.1 Ursprüngliche Intention
2.2 „Till Eulenspiegel“ für Kinder
2.3 Medienverbund
2.4 Die Hauptfigur
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die epochenübergreifende Popularität und Präsenz der Figur Till Eulenspiegel innerhalb eines modernen Medienverbunds. Ziel ist es, die ursprünglichen Intentionen des Autors Hermen Bote zu analysieren und aufzuzeigen, wie sich die Figur durch ihre Vieldeutigkeit und den Verlust der ursprünglichen Historizität von ihrem literarischen Ursprung ablösen konnte, um heute in vielfältigen medialen Kontexten fortzubestehen.
- Gesellschaftskritik und Rebellentum im ursprünglichen Schwankbuch
- Die Transformation der Figur für Kinder und Jugendliche
- Mechanismen des Medienverbunds und mediale Verwertungsprozesse
- Die „Enthistorisierung“ als Voraussetzung für moderne Adaptionen
- Die Charakterisierung der Hauptfigur als „wunderlicher“ Außenseiter
Auszug aus dem Buch
2.4 Die Hauptfigur
Da die Figur des „Eulenspiegel“ zahlreiche und sehr verschiedene Schwänke durchlebt, jedoch keinerlei Persönlichkeitsentwicklung erfährt, ist es fast unmöglich, sie auf eine bestimmte Eigenschaft zu reduzieren. Vom Autor wurde sie eher als negativer Charakter dargestellt, denn nie benutzt Eulenspiegel seine vielseitigen Fähigkeiten, um die von seiner Umwelt in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Er ist sich selbst der Nächste und versucht überall die gewohnte Ordnung durcheinander zu bringen.
Am Schluss des Volksbuches jedoch, nämlich in Kapitel 95, sagen einige Leute, die bei Eulenspiegels Begräbnis anwesend sind und seinen Sarg aufrecht im Grab stehen sehen: „lassen in ston wan er ist wunderlich gewesen in seinem leben, wunderlich will er auch sein in seinem tod.“ „Wunderlich“ ist eine Bezeichnung, die der Vieldeutigkeit und Unbestimmbarkeit von Eulenspiegels Wesen gerecht wird. Denn „wunderlich“ ist, Könneker zufolge, selbst ein vieldeutiger und unbestimmbarer Ausdruck, der letztendlich als Umschreibung für den Begriff „schalck“ gelten kann, der im Volksbuch sehr häufig im Zusammenhang mit seiner Hauptfigur genannt wird. Die Grundbedeutung des Wortes „wunderlich“ lässt sich am ehesten übersetzen mit: anders als alle übrigen Menschen, außerhalb der Norm stehend, jeder vernünftigen Berechenbarkeit entzogen, nicht einzuordnen in einen bestimmten Stand und auf keine typische Eigenschaft oder Verhaltensweise festlegbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Figur Till Eulenspiegel als populären, aber widersprüchlichen Außenseiter vor und formuliert die Forschungsfrage bezüglich seiner epochenübergreifenden Präsenz.
2 „Till Eulenspiegel“: Dieses Kapitel analysiert die Intentionen des Autors, die Anpassung der Figur für Kinder sowie die mediale Verflechtung und die Eigenschaften der Hauptfigur.
3 Fazit: Das Fazit resümiert, dass Eulenspiegel gerade durch seine mangelnde Festlegbarkeit zu einem zeitlosen Schwankhelden wurde, der sich erfolgreich in verschiedensten modernen Medien behauptet.
Schlüsselwörter
Till Eulenspiegel, Schwankbuch, Medienverbund, Kinderliteratur, Gesellschaftskritik, Enthistorisierung, Adaption, Schalk, Hermen Bote, Rezeption, Literaturwissenschaft, Medienwechsel, Volksbuch, Hauptfigur, Populärkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Till Eulenspiegel als literarische Figur von seinen Ursprüngen als Schwankheld zu einer heute im Medienverbund allgegenwärtigen Figur wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf die ursprüngliche Intention des Schwankbuchs, die didaktische Umgestaltung für Kinder, die mediale Verwertung und die Wesensmerkmale der Figur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis der epochenübergreifenden Präsenz Eulenspiegels und die Klärung, warum die Figur trotz ihrer ursprünglichen negativen Eigenschaften eine solche Popularität genießt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Rezeptionsgeschichte und medientheoretische Aspekte kombiniert, um die Ablösung der Figur vom ursprünglichen Text zu erklären.
Was steht im inhaltlichen Mittelpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der historischen Vorlage, der moralisierenden Bearbeitung durch Pädagogen, dem Konzept des Medienverbunds und der Charakterisierung von Eulenspiegel.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Till Eulenspiegel vor allem der „Medienverbund“, die „Enthistorisierung“, der „Schalk“ und die „Vieldeutigkeit“ der Figur.
Warum wurde Till Eulenspiegel im Laufe der Geschichte für Kinder „umgeschminkt“?
Sein ursprüngliches asoziales Verhalten passte nicht in pädagogische Konzepte. Um ihn als Vorbild oder „harmlosen Possenreißer“ nutzbar zu machen, wurden moralisierende Tendenzen hinzugefügt.
Wie verändert sich die Figur durch den Medienwechsel im Vergleich zum Original?
Durch den Medienverbund verliert die Figur oft ihren ursprünglichen historischen Kontext und wird zur bloßen Marke, die je nach Medium als Abenteurer, Narr oder Clown neu inszeniert wird.
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- Julia Frey (Author), 2011, "Till Eulenspiegel" im Medienverbund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181525