Lyssenko und Lyssenkoismus

Eine Überblicksdarstellung


Hausarbeit, 2011

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaftlicher und politischer Werdegang
2.1 Studium und erste Anstellung bis 1929
2.2 Propaganda und Machtwachstum 1929-1936
2.3 Terror und Abkühlung 1936-1948
2.4 Der Höhepunkt des Lyssenkoismus 1948-1952
2.5 Lyssenkos Abstieg

3. Fazit

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll einen kurzen Überblick über den sowjetischen Agronom Trofim Denissowitsch Lyssenko, sowie über Phänomen des Lyssenkoismus – einerseits als Lyssenkos neolamarckistische Theorie der Vererbung von durch Umweltbedingungen erworbenen Eigenschaften, anderseits als die ideologisch gefärbte und systematische Unterdrückung anderer wissenschaftlicher Meinungen und Interpretationen – liefern.

Dazu sollen Lyssenkos politischer und wissenschaftlicher Werdegang im historischen Kontext der Sowjetunion aufgezeigt werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Lyssenko-Debatte bis 1948.

Die theoretischen und praktischen Wegbereiter Lyssenkos, Kliment Arkadjewitsch Timirjasew und Iwan Wladimirowitsch Mitschurin, sowie Lyssenkos wissenschaftlicher Mitstreiter Prezent können im Rahmen dieser Arbeit nicht behandelt werden.[1]

Ein Fazit soll die Ergebnisse zusammenfassen.

2. Wissenschaftlicher und politischer Werdegang

2.1 Studium und erste Anstellung bis 1929

Trofim Denissowitsch Lyssenko wurde 1898 im ukrainischen Karlowka als Bauernsohn geboren und schlug früh die Laufbahn eines Agronomen ein. So besuchte er zunächst bis 1921 die Landwirtschaftsschule in Poltawa und danach einen zweijährigen Kurs über Selektion in der Belaya-Tscherkow-Selektionsstation.[2] [3]

1925 gelang es ihm am Landwirtschaftlichen Institut in Kiew zu graduieren, woraufhin er unmittelbar bis 1929 eine erste wissenschaftliche Anstellung als Agronom an der Experimentellen Selektions-Station im damaligen aserbaidschanischen Gandscha erhielt, wo er teilweise Erfolge bei Experimenten mit Erbsen verzeichnen konnte und an seiner ersten wissenschaftlichen – wenngleich nicht sehr originären – Theorie arbeitete. Diese veröffentlichte er auf dem im Januar 1929 in Leningrad abgehaltenen Genetikerkongress als „Theorie der Stadienentwicklung der Pflanzen“.[4] Da Lyssenko dort dafür kritisiert wurde, dass er „Anspruch darauf erhob, eine bedeutende Entdeckung mitzuteilen“[5], kann man dem damals 30-Jährigen eine gewisse Geltungssucht attestieren.

Obwohl Lyssenko bereits durch seine Versuche mit Erbsen und einem Leitartikel in der Prawda von 1927 Aufmerksamkeit auf sich und viele wissenschaftliche Besucher nach Gandscha zog,[6] gelang ihm sein öffentlichkeitswirksamer und wissenschaftlicher Durchbruch erst durch die Verbindung seiner Theorie mit der Vernalisation – der Kältebehandlung von Wintergetreide vor der Aussaat – woraus er die Methode der Jarowisation ableitete.[7]

Diese Methode sollte – gerade vorm Hintergrund heftiger Missernten in den letzten Wintern – für deutliche Ertragssteigerungen sorgen. Durch anfängliche Erfolge und großangelegte Pressepropaganda erhielt Lyssenko ab nun den Ruf eines „fähigen Wissenschaftlers und tatkräftigen Helfers und Lenkers beim Aufbau des Sowjetstaates“[8], hinzu kam, dass sein Vater im Frühjahr 1929 eine erfolgreiche Ernte eines Wintergetreides einfuhr, die dieser allerdings in der ersten Veröffentlichung übertrieben darstellte.[9] Lyssenko selbst nutzt diesen Erfolg seines Vaters mit seiner Methode bestmöglich, um selbige noch werbewirksamer und sensationeller anzupreisen.[10]

Der ukrainische Bauernsohn, der sich bereits jetzt als ideal für Propaganda erwies, erhielt noch im gleichen Jahr eine Anstellung am All-Unions-Institut für Genetik und Züchtung in Odessa, wo zeitgleich eine „Abteilung für das Jarowisieren durch das Volks-Komissariat für Landwirtschaft der Ukraine und der Sowjetunion“[11] eingerichtet wurde, woran sich abmessen lässt, was für einen Stellenwert Lyssenko schon zu diesem Zeitpunkt bei der Führung der Sowjetunion genoss.

2.2 Propaganda und Machtwachstum 1929-1936

Das Jahr 1929 stellt neben dem Beginn der zweiten großen Terrorwelle einen generellen Wechsel im Ton des wissenschaftlichen Diskurses der Sowjetunion dar: Das politische Klima wurde repressiver und die Systemideologie auf die Wissenschaft dergestalt bezogen, dass in den folgenden Jahren Theorien aus dem nicht-sozialistischen Ausland als per se falsch, kapitalistisch, reaktionär und bourgeois dargestellt wurden.[12] Der Lyssenkoismus als Unterdrückung anderer wissenschaftlicher Meinungen in der Vererbungslehre war also keineswegs ein Ausnahmefall, sondern steht stellvertretend für die Repression in nahezu allen wissenschaftlichen Bereichen; Lyssenkoismus „was only the most extreme of many manifestations of philosophical dogmatism and politcal oppression under Stalin“.[13]

Die Kritik an Lyssenkos Lehren hielt sich demnach in diesem wissenschaftsfeindlichen Klima stark in Grenzen. Alleine N. A. Maksimow, Leiter des Physiologischen Laboratoriums des Institus für angewandte Botanik und neue Nutzpflanzen, wagte es zwischen 1929 und 1931 Kritik an Lyssenko zu üben – und wurde bald daraufhin inhaftiert und trotz seines Fürsprechers Nikolai Iwanowitsch Wawilow, dem sehr renommierten Botaniker und später erbittertstem Gegner Lyssenkos, nach Saratow verbannt, wo ihm das Bekenntnis, seine Kritik sei unberechtigt gewesen, heraus gepresst wurde.[14]

Unterdessen arbeitete Lyssenko einerseits weiterhin an seinen Theorien und andererseits an der Beseitigung von wissenschaftlichen Gegnern, insbesondere Wawilow, der seinerseits u. a. von 1928-1935 Direktor der Lenin-Akademie für Landwirtschaftswissenschaften, von 1930-1940 Direktor des Instituts für Genetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU war. Wawilow war zunächst Förderer von Lyssenko, stand der Jarowisation aber skeptisch gegenüber und vertrat eine genetische Sichtweise bzgl. der Vererbungslehre im Gegensatz zu Lyssenkos neolamarckistischem Ansatz, den dieser ab Ende 1934 öffentlich postulierte.[15]

Lyssenko, der bemerkenswerterweise nie Mitglied der KPdSU war und somit für Stalin als außerparteiliches Korrektiv fungieren konnte,[16] und die für ihn Partei ergreifende Presse begannen ab 1931 damit, dem anerkannten Wissenschaftler Wawilow ohne jedwede Beweise in Artikeln Sabotage, Unwissenschaftlichkeit und reaktionäre, wie subversive Gesinnung zu unterstellen.[17] Weiterhin wurde er unter Druck gesetzt, indem die Regierung der von ihm geleiteten Lenin-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften nicht erfüllbare Auflagen für die Pflanzenzüchtung machte. Während Lyssenko diese hanebüchenen Forderungen an seinem Institut in Odessa realisieren wollte, sollte Wawilows Unfähigkeit durch die Unerfüllbarkeit der Auflagen bewiesen werden, um damit seinen Ruf zu schädigen.[18] Trotz dieser Ausgangslage schwelte der Konflikt zwischen Lyssenko und Wawilow in den nächsten drei Jahren im Stillen; Lyssenko gelang es derweil Sapegin, den bisherigen Leiter des All-Unions-Instituts für Genetik und Züchtung in Odessa, zu entlassen, um sich selbst als Direktor einsetzen zu lassen.[19]

Ein weiterer Meilenstein in Lyssenkos Machtwachstum war seine polemische Rede vor dem 2. Kongress der Kolchos-Stoßarbeiter 1935 bei der auch Stalin und sämtliche Regierungsmitglieder anwesend waren. Er propagierte dabei die Jarowisation als bahnbrechende Entdeckung, die den Volkshunger stillen wird, während er die Jarowisationskritiker Klassenfeinde, Volksverräter, Kulaken und Saboteure nennt.[20] Es wirkt in der Retrospektive wie Hohn, wenn ein Mann wie Lyssenko davon spricht, dass eben diese „Klassenfeinde“ „verschworene Feinde der Wissenschaft“[21] seien. Dennoch war Stalin von seinen Worten sehr angetan und kommentierte zum Schluss der Rede: „Bravo, Genosse Lyssenko, Bravo!“[22], was sehr bedeutsam war, da er Lyssenko damit zumindest indirekt völlige Zustimmung und Unterstützung signalisierte und gleichermaßen Kritiker von den Methoden und Lehren des ukrainischen Bauernsohnes als Klassen- und somit Systemfeinde brandmarkte. In der Folge wurde die Ausübung von freier Forschung und Wissenschaft an sich noch weiter erschwert. So kam es im Jahr 1935 auch dazu, dass Lyssenko zum Präsidiumsmitglied der Lenin-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften ernannt wurde, während der Wissenschaftler Wawilow seinen dortigen Posten als Direktor räumen und an den Lamarckisten Komarow übergeben musste;[23] 1938 übernahm Lyssenko diesen Posten (bis 1956).[24]

Sein Aufstieg erfolgte unter dem Deckmantel des dialektischen Materialismus: Nur seine (nie bewiesenen) Theorien über die Vererbung von erworbenen Eigenschaften beim Menschen entsprächen der marxistischen Ideologie – da die Umstände/Umwelteinflüsse das menschliche Sein prägten und nicht umgekehrt – und dem sozialistischen Streben nach der Schaffung des neuen Menschen. Loren Graham vertritt hingegen die Ansicht, dass der dialektische Materialismus lediglich der Rechtfertigung von politischen Säuberungen und der Machtsicherung diente.[25] Für die Pressepropaganda war es zudem ein Leichtes, polemische Versprechungen über revolutionäre Fortschritte in der Landwirtschaft hoch zu loben und seinen wissenschaftlichen, Euphorie bremsenden Kritikern Sabotage am nationalen Fortschritt vorzuwerfen.[26] Bereits zu diesem Zeitpunkt „konvertierten“ einige Genetiker zum Lyssenkoismus, denunzierten sogar Freunde und Kollegen, um nicht selbst in Gefahr zu geraten, als vermeintlicher Regimegegner abgeholt zu werden.[27]

Der Konflikt zwischen Genetikern und Lyssenkisten bzw. Mitschurinisten fand seinen ersten Höhepunkt auf einer außerordentlichen Tagung der Lenin-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften im Dezember 1936 bei der es verboten war, über menschliche Vererbung zu sprechen, woran sich die allermeisten Konferenzteilnehmer hielten.[28] Hierbei wurden die Unvereinbarkeit beider Denkschulen, sowie die politisch gestützte Überlegenheit Lyssenkos und die Unmöglichkeit, wissenschaftlich mit den Lyssenkisten zu diskutieren, deutlich. Auch die Verbindung Lyssenkos zum NKWD ließ sich in der Folge vermuten, aber nie beweisen; so wurden bereits vor der Konferenz drei kritische, jüdische Genetiker (Solomon Levit, Max Levin und Israel Agol) inhaftiert und im Rahmen der Tagung bloßgestellt, während viele weitere Verhaftungen vertuscht blieben. Die Kreativität an Vorwürfen war groß: menschewistische Idealisten, subversive Trotzkisten und Nazi-Anhänger seien die drei gewesen.[29] Das Signal aber war eindeutig: Wer sich gegen Lyssenko ausspricht, der verschwindet.

2.3 Terror und Abkühlung 1936-1948

Und so folgten einerseits einige „Konvertierungen“ von Genetikern, andererseits viele weitere Verhaftungen; die dritte und heftigste Terrorwelle (1936-1939) setzte ein und neben den ehemaligen bolschewistischen Führern traf es erneut besonders die sowjetische Intelligentsija und somit viele von Lyssenkos Gegnern, aber auch zahlreiche Wissenschaftler aus anderen Disziplinen als der Biologie.[30]

In Lyssenkos eigener – natürlich nach seinem Steckenpferd benannten – Zeitschrift Jarowisazija folgten unterdessen ständig neue Verleumdungs- und Hasstiraden gegen seine Gegner,[31] die sich gut dazu eigneten, davon abzulenken, dass mittlerweile viele Nachteile der Jarowisation klar wurden und die Anwendung an Sommergetreide bereits vor Kriegsbeginn eingestellt wurde,[32] während Wawilow weiterhin auf wissenschaftlicher Ebene zu diskutieren versuchte und seine Arbeiten für große Ernteerfolge in den USA sorgten.[33] Dessen ungeachtet wurde Wawilow im August 1940 verhaftet, ebenso seine engsten Mitstreiter.[34] Er starb wenige Jahre später im Gefängnis von Saratow.[35]

Der dadurch vakant gewordene Direktorposten des Instituts für Genetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR wurde umgehend durch Lyssenko besetzt, der dadurch noch mehr akademische Macht erlangte.[36]

[...]


[1] Zur Lektüre über diese drei für Lyssenkos Entwicklung wichtigen Personen empfiehlt sich u.a.: Regelmann, Johann-Peter: Die Geschichte des Lyssenkoismus, Frankfurt am Main 1980.

[2] Vgl. Regelmann, Johann-Peter: Die Geschichte des Lyssenkoismus, Frankfurt am Main 1980, S. 26.

[3] Es war in den 1920er Jahren der Sowjetunion nicht ungewöhnlich, dass Bauernsöhne sich zu Agronomen ausbilden ließen; vgl. hierzu: Joravsky, David: The Lysenko Affair, Cambridge 1970, S. 54-55.

[4] Vgl. Regelmann, S.26-27.

[5] Medwedjew, Shores A.: Der Fall Lyssenko. Eine Wissenschaft kapituliert, New York 1969,S. 29.

[6] Vgl. ebenda, S. 27-28.

[7] Vgl. Regelmann, S. 27.

[8] Regelmann, S. 27.

[9] Vgl. Medwedjew, S. 30: Lyssenkos Vater gab an, mehr als 30 Zentner statt der tatsächlichen 24 Zentner pro Hektar geerntet zu haben.

[10] Vgl. ebenda.

[11] Ebenda, S. 30.

[12] Vgl. Graham, Loren R.: Science in Russia and the Soviet Union. A Short History, Cambridge 1993, S. 121-123.

[13] Ebenda, S. 122.

[14] Vgl. Medwedjew, S. 30-31.

[15] Vgl. ebenda, S. 33-34; S. 36.

[16] Vgl. Regelmann, S. 28.

[17] Vgl. Medwedjew, S. 34.

[18] Vgl. ebenda, S. 34-35.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd., S. 32-33.

[21] Ebd., S. 32.

[22] Ebd., S. 33.

[23] Vgl. Joravsky, David: The Lysenko Affair, Cambridge 1970, S. 107.

[24] Vgl. Regelmann, S. 27.

[25] Vgl. Graham, S. 121-124.

[26] Vgl. ebd., S. 127.

[27] Vgl. ebd., S. 129.

[28] Vgl. Medwedjew, S. 37.

[29] Vgl. Joravsky, S. 113.

[30] Vgl. ebd. S. 114-115.

[31] Vgl. Medwedjew, S. 61.

[32] Vgl. ebd., S. 31.

[33] Vgl. ebd., S. 81-82.

[34] Vgl. ebd., S. 84-86.

[35] Vgl. ebd., S. 88-90.

[36] Vgl. Regelmann, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Lyssenko und Lyssenkoismus
Untertitel
Eine Überblicksdarstellung
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Sowjetische Technikgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V181539
ISBN (eBook)
9783656047070
ISBN (Buch)
9783656047360
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lyssenko, lyssenkoismus, eine, überblicksdarstellung
Arbeit zitieren
Robert Pilgrim (Autor), 2011, Lyssenko und Lyssenkoismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181539

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