In letzter Zeit scheint das Phänomen Verhaltensstörung im Kinder- und Jugendalter schlagartig an Dynamik zugenommen zu haben. Die in jüngster Zeit populären Erziehungs-Doku-Soaps, wie „Die Super Nanny“ oder „Teenager außer Kontrolle“, tragen dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Und so schaut Deutschlands Gesellschaft – ratlos und erschüttert – den sich in den deutschen Haushalten, Kindergärten und Schulen abspielenden äußerst konflikthaften Szenen immer öfter aufs Neue zu. Dabei zeigen die Eltern, Erzieher und Lehrer oft Hilflosigkeit, Empörung, Enttäuschung und sind von dem Gefühl erfüllt, versagt zu haben, und trachten nach praktischen Ratgebern und Interventionsvorschlägen. Eine gesellschaftlich anerkannte Intervention stellt die Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen in spezielle Sonderschulen, z. B. in „Schulen für Erziehungshilfe“, dar. Weniger als 1 % der Kinder und Jugendlichen eines schulpflichtigen Alters besuchen eine entsprechende Sonderschule (vgl. Langfeldt 2003: 191). Dagegen schätzen die Sonderpädagogen die Prävalenz von Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen deutlich höher ein. So schätzt Norbert Myschker nach einer Diskussion zahlreicher Studien den Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen auf 15 % (vgl. Myschker 2005: 79). Darüber hinaus besuchen die meisten hilfebedürftigen Kinder keine Sonder- bzw. Förderschule, sondern eine reguläre Grund- und Sekundarschule. Damit wird deutlich, dass ein Großteil dieser Schüler kaum eine professionelle pädagogische und therapeutische Behandlung und Hilfestellung bekommt. Angesichts dieser Problemlage ist es auch oder vor allem für die an den allgemeinbildenden Schulen tätigen Lehrkräfte sowie die Lehramtsanwärter überaus sinnvoll und an der Zeit, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Vor diesem Hintergrund wird die vorliegende Arbeit als ein weiterer wichtiger Schritt bei der Vorbereitung auf das spätere professionelle Handeln betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. VERSUCH DER DEFINITION DES BEGRIFFS VERHALTENSSTÖRUNG UND DIE DEFINITIONSSCHWIERIGKEITEN
3. ERSCHEINUNGSFORMEN UND KLASSIFIKATION DER VERHALTENSSTÖRUNGEN
4. PÄDAGOGISCHE DIAGNOSTIK BEI VERHALTENSSTÖRUNGEN
4.1. Diagnostische Kriterien für die Verhaltensstörungen
4.2. Modelle der Diagnostik bei Verhaltensstörungen
5. VERHALTENSSTÖRUNGEN IM KONTEXT DER ALLGEMEINBILDENDEN SCHULE
5.1. Prinzipien der Unterrichtung bei Verhaltensstörungen
5.2. Aspekte einer integrativen Didaktik bei Verhaltensstörungen
6. FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit dem Phänomen der Verhaltensstörungen im pädagogischen Kontext auseinander. Ziel ist es, die Komplexität der Begriffsbestimmung zu verdeutlichen, diagnostische Kriterien sowie Modelle der Diagnostik darzustellen und pädagogische Handlungsmöglichkeiten für den Unterricht an allgemeinbildenden Schulen aufzuzeigen, um den Bedürfnissen betroffener Kinder und Jugendlicher professionell gerecht zu werden.
- Begriffliche Klärung und Definitionsansätze von Verhaltensstörungen
- Klassifikation und Erscheinungsformen von Verhaltensstörungen
- Diagnostische Verfahren und förderdiagnostische Modelle
- Pädagogische Prinzipien und didaktische Ansätze zur Unterrichtsgestaltung
- Integrative Perspektiven im deutschen Schulsystem
Auszug aus dem Buch
4.2. Modelle der Diagnostik bei Verhaltensstörungen
Gegenwärtig werden in der Diagnostik bei Verhaltensstörungen übereinstimmend das medizinische, das psychodynamische, das lerntheoretische und das interaktionistische Modell genannt (vgl. Breitenbach 2010: 165, Myschker 2005: 130, Hillenbrand 2009: 116ff.).
Aus der medizinischen Sicht steht im Zentrum der Untersuchung das Individuum als Träger der Störung. Als die Verhaltensstörungen verursachenden Gründe werden in erster Linie die organischen und funktionalen Schädigungen und Beeinträchtigungen bewertet. Entsprechend gestalten sich in diesem Zusammenhang insofern die Diagnose und Therapie, dass ein Mediziner anders als z.B. ein Pädagoge oder Psychologe eine medikamentöse Behandlung in Erwägung ziehen kann.
Im Kontext einer psychodynamischen Untersuchung werden die Verhaltensstörungen auf beispielsweise frühkindliche Traumata, auf Probleme in der psychosexuellen Entwicklung, auf Beziehungsstörungen und familiäre Strukturbedingungen zurückgeführt. Um die Verhaltensstörungen zu diagnostizieren und zu therapieren, verwendet ein tiefenpsychologisch gebildeter Diagnostiker die im Rahmen der Psychologie entwickelten projektiven Verfahren.
Im Rahmen des lerntheoretischen Modells werden die Hypothesen auf der Grundlage der Lerngeschichte gebildet. Es wird danach gefragt, ob das abweichende Verhalten die Folge erlernter unerwünschter oder nichterlernter erwünschter Verhaltensweisen ist. In diesem Rahmen geht es darum, das Problemverhalten im Zusammenhang mit den relevanten Lebenssituationen zu sehen, festzustellen, ob es durch bestimmte situative Bedingungen aufrechterhalten wird, und zu untersuchen, ob es sich bei veränderten Rahmenbedingungen ebenfalls verändert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die steigende Relevanz des Themas Verhaltensstörungen im schulischen Kontext und skizziert die Problematik einer einheitlichen Begriffsbestimmung sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. VERSUCH DER DEFINITION DES BEGRIFFS VERHALTENSSTÖRUNG UND DIE DEFINITIONSSCHWIERIGKEITEN: Dieses Kapitel analysiert die Schwierigkeiten bei der Definition von Verhaltensstörungen, die stark von sozialen Normen und Erwartungen abhängen, und stellt gängige Fachdefinitionen gegenüber.
3. ERSCHEINUNGSFORMEN UND KLASSIFIKATION DER VERHALTENSSTÖRUNGEN: Hier werden vielfältige Symptome von Verhaltensstörungen aufgezeigt und nach externalisierenden sowie internalisierenden Störungsbildern klassifiziert.
4. PÄDAGOGISCHE DIAGNOSTIK BEI VERHALTENSSTÖRUNGEN: Das Kapitel erläutert diagnostische Kriterien und verschiedene Modelle, um Verhaltensstörungen wissenschaftlich fundiert zu erfassen und Hilfsmaßnahmen einzuleiten.
5. VERHALTENSSTÖRUNGEN IM KONTEXT DER ALLGEMEINBILDENDEN SCHULE: Hier werden zentrale Prinzipien und didaktische Aspekte der Unterrichtsgestaltung bei Schülern mit Verhaltensstörungen diskutiert sowie verschiedene Konzepte der Unterrichtsführung vorgestellt.
6. FAZIT: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und betont die Notwendigkeit einer professionellen, sensiblen Haltung von Lehrkräften sowie einer interdisziplinären Zusammenarbeit.
Schlüsselwörter
Verhaltensstörungen, Pädagogische Diagnostik, Sonderpädagogik, Förderdiagnostik, Schulalltag, Integration, Verhaltensauffälligkeit, Inklusion, Unterrichtsgestaltung, Erziehungshilfe, Kompetenz, Lernumgebung, Sozialverhalten, Interaktion, Lehrkraft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Herausforderungen von Verhaltensstörungen im schulischen Kontext, angefangen bei der Begriffsdefinition bis hin zu konkreten didaktischen Ansätzen für den Unterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretische Begriffsbestimmung, die Klassifizierung von Symptomen, diagnostische Verfahren sowie pädagogische Interventionsmöglichkeiten an allgemeinbildenden Schulen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, angehenden Lehrkräften ein fundiertes Verständnis für die Problematik zu vermitteln, um Verhaltensstörungen professionell zu erkennen und adäquat im Unterricht darauf zu reagieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung und Diskussion existierender Überblickswerke, Definitionsansätze und didaktischer Modelle zur Pädagogik bei Verhaltensstörungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Auseinandersetzung mit Begriffsdefinitionen, die Darstellung diagnostischer Modelle (z.B. medizinisch, psychodynamisch, lerntheoretisch) und die Analyse pädagogischer Prinzipien zur Unterrichtsgestaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Verhaltensstörungen, Pädagogische Diagnostik, Förderdiagnostik, Unterrichtsgestaltung und Integration.
Warum ist die Unterscheidung zwischen externalisierenden und internalisierenden Störungen wichtig?
Diese Unterscheidung hilft Pädagogen, sowohl auffällige, aggressive Verhaltensweisen als auch eher zurückgezogene, ängstliche Verhaltensmuster, die oft weniger Aufmerksamkeit erhalten, gezielter zu identifizieren und zu unterstützen.
Welche Rolle spielt das "therapeutische Milieu" im Unterricht?
Es dient dazu, Kindern mit Verhaltensstörungen einen Schutzraum zu bieten, in dem sie Sicherheit und Ruhe erfahren können, um sich unter besseren Bedingungen entwickeln zu können.
Warum wird der "offene Unterricht" als Instrument zur Integration betrachtet?
Durch die individuelle Wahlfreiheit und Flexibilität können Bedürfnisse besser erkannt und berücksichtigt werden, was das Selbstkonzept der Schüler stärkt und Beziehungsprobleme minimieren kann.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Lehrerrolle?
Lehrkräfte müssen eine hohe Sensibilität, Flexibilität und fachliches Wissen aufweisen, um Verhaltensstörungen zu erfassen und ihren Unterricht stärkenorientiert zu gestalten.
- Quote paper
- Xenia Janzen (Author), 2010, Verhaltensstörungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181541