In dieser Arbeit soll ein Fassungsvergleich von Goethes Lustspiel (Goethe hat dem Werk selbst den Namen Lustspiel gegeben, deswegen hier der Gebrauch des Terminus Lustspiel. Auf die genauere Typisierung der Mitschuldigen wird im Laufe der Arbeit noch eingegangen) „Die Mitschuldigen“ gemacht werden.
Das Hauptaugenmerk richtet sich auf die erste und zweite Fassung. Die dritte Fassung wird im Bezug auf die Analyse nur kurz angeschnitten, da es hier keine so große Veränderungen, wie von der ersten zur zweiten Fassung, gibt. Die erste Fassung besteht aus einem Akt, die zweite Fassung besteht aus drei Akten, wobei dort der eine Akt aus der ersten Fassung in zwei Akte aufgeteilt und ein neuer Expositionsakt davor gesetzt wurde. Der Plot ist in beiden Fassungen ähnlich. Der Expositionsakt dient vor allem dazu die Motivation der Handlungen darzulegen und den Text, im Sinne von Gottsched und Gellert, realistischer zu machen.
Doch zunächst zum Einakter. Die handelnden Personen sind der Wirt, seine Tochter Sophie, ihr Ehemann Söller und der Gast Alcest. Der Ort des Geschehens ist das Wirtshaus. Söller, „im Domino, den Hut auf, die Maske vor'm Gesicht, ohne Schuhe“1, befindet sich im Zimmer von Alcest, das dieser gemietet hat, um aus einer Schatulle Geld zu stehlen.
Er wird dabei allerdings von dem Wirt gestört, der auf der Suche nach einem Brief von Alcest ist, da er in diesem wichtigste politische Informationen vermutet. Bevor Söller von dem Wirt entdeckt wird, flieht er auf den Alkoven. Auch der Wirt kann seine Suche nach dem Brief nicht erfolgreich beenden, da er von Schritten von einem „Weiberschuh“2 unterbrochen wird. Er flieht aus dem Zimmer, aber in der Eile lässt er dabei seinen Wachsstock fallen.
Sophie betritt das leere Zimmer und wartet dort auf Alcest. Während sie auf ihn wartet spricht sie über ihre Liebe zu Alcest und über die Verfehlungen ihres Ehemanns Söller, der immer noch auf dem Alkoven sitzt und sich diesen Monolog anhören muss. Er kommentiert Sophies Worte, so dass es zu einem Dialog zwischen den Beiden kommt, der allerdings nur durch das Publikum beziehungsweise den Leser nachvollzogen werden kann.
Im vierten Auftritt kommt Alcest hinzu. Er und Sophie sprechen über ihre vergangene Liebe und Söller, immer noch in den Alkoven, fürchtet, dass er zum gehörnten Ehemann wird. Sophie besinnt sich allerdings auf ihre Tugendhaftigkeit und verlässt das Zimmer von Alcest. Dieser begleitet sie bis zur Haupttür und Söller nutzt die Gelegenheit um ...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die erste Fassung
2.1 Inhaltszusammenfassung
2.2 Entstehungsgeschichte
2.3 Biografische Interpretation
2.4 Die Komödie in Deutschland
2.5. Stil der Mitschuldigen
3. Die zweite Fassung
3.1 Inhaltszusammenfassung
3.2 Entstehungsgeschichte
3.3 Veränderungen
4. Die dritte Fassung
5. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Fassungen von Goethes Lustspiel „Die Mitschuldigen“ und analysiert insbesondere die inhaltlichen sowie stilistischen Transformationen zwischen der ursprünglichen einaktigen Farce und der späteren dreiaktigen Fassung. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie durch die Erweiterung des Werks die Charaktere psychologisch vertieft, die Gattungsmerkmale verschoben und das Ziel einer realistischeren Darstellung erreicht werden sollte.
- Fassungsvergleich der drei Versionen von „Die Mitschuldigen“
- Einfluss der Commedia dell'arte im Vergleich zum bürgerlichen Lustspiel
- Psychologische Charakterisierung und moralische Ambivalenz der Protagonisten
- Bedeutung des Zeitfaktors für die dramatische Struktur
- Rezeptionsgeschichte und Goethes Intentionen der Überarbeitung
Auszug aus dem Buch
2.5 Stil der Mitschuldigen
Aber was ist der Stil der Mitschuldigen? Goethe selbst hat sein Werk Lustspiel genannt und nicht Farce, da das Farcengenre „jetzt auf allen Parnassen contrebande“ sei, aber das spiegelt nicht die ganze Brandbreite der Gattungsmerkmale in den Mitschuldigen wieder.
Die Forschung hat versucht das Werk zu klassifizieren, kam dabei aber zu unterschiedlichen Ergebnissen: „liebenswertes Lustspiel, harte Satire der Familie, ernste Komödie, kulturkritisches Alexandriner-Lustspiel, Gesellschaftskomödie“, und so weiter. Der Grund für diese vielen differenten Einschätzungen bezüglich der Gattung des Stücks, liegt in der Vermischung Goethes ebendieser.
Die Themen sind typisch für das Lustspiel (Geld, unerlaubte Liebe, Misstrauen, Brief-Dramaturgie), aber zum Beispiel der Gebrauch des Alexandriner-Versmaßes spricht gegen die These, dass es sich bei den Mitschuldigen um ein Lustspiel handelt. Das Alexandriner-Versmaß, das Goethe auch schon bei seinem Werk Die Laune der Verliebten gebraucht hat, aber auch der Inhalt beziehungsweise Plot widersprechen dem Gottschedprinzip der Nachahmung des Natürlichen und des Wahrscheinlichen. Die präzise Redearchitektur des Alexandriner-Versmaß steht im Widerspruch zu den raschen Wechseln und überraschenden Wendungen.
Inhalt und Stil stehen im Gegensatz zueinander und erzeugen so eine komische Spannung; das Komische wird so zum Witzig-geistreichen. Diese Spannung erzeugt eine komische Wirkungssteigerung, die eigentlich typisch für die Commedia dell'arte ist, auch wenn die kunstvoll konstruierte Dialogform dem Improvisationscharakter der Commedia dell'arte widerspricht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Fassungsunterschiede bei Goethes Lustspiel „Die Mitschuldigen“ mit Fokus auf die ersten zwei Versionen.
2. Die erste Fassung: Analyse des einaktigen Werks, seiner Entstehung, biografischen Deutungen und der Verortung innerhalb der zeitgenössischen deutschen Komödientradition.
3. Die zweite Fassung: Untersuchung der Erweiterung zum Dreiakter, des neuen Expositionsakts und der daraus resultierenden inhaltlichen sowie charakterlichen Veränderungen.
4. Die dritte Fassung: Betrachtung der letzten Überarbeitungen und der weiteren Abkehr vom ursprünglichen farceartigen Stil.
5. Abschließende Betrachtung: Zusammenfassende Einschätzung der literaturgeschichtlichen Bedeutung des Werks als Konglomerat verschiedener Gattungstraditionen.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Mitschuldigen, Fassungsvergleich, Lustspiel, Farce, Commedia dell'arte, Söller, Alcest, Sophie, Literaturgeschichte, Gattungstradition, Alexandriner, Realismus, Moral, Aufklärung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Fassungen des Lustspiels „Die Mitschuldigen“ von Johann Wolfgang von Goethe und untersucht, wie sich die dramaturgische Struktur und Charakterzeichnung im Laufe der Überarbeitungen wandelten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören der Vergleich der einaktigen und dreiaktigen Fassung, die Rezeption von Gattungsformen wie der Farce und des bürgerlichen Lustspiels sowie die Bedeutung der psychologischen Tiefe der Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung des Stücks von einer reinen Komödie hin zu einem komplexeren Werk zu dokumentieren und zu hinterfragen, welche ästhetischen und moralischen Absichten Goethe mit den jeweiligen Überarbeitungen verfolgte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Textanalyse, die Einbeziehung biographischer Forschungsergebnisse und die Auseinandersetzung mit der literaturwissenschaftlichen Sekundärliteratur zu Goethes Jugendwerken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert die erste und zweite Fassung verglichen, die Entstehungsgeschichten beleuchtet und die dramaturgischen Veränderungen durch den neuen Expositionsakt in der zweiten Version analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Goethe, Mitschuldigen, Farce, Commedia dell'arte, Alexandriner-Versmaß und Gattungstradition charakterisiert.
Warum wird die Figur Söller in der zweiten Fassung anders bewertet?
Söller wird in der dreiaktigen Fassung vom eindimensionalen Typus der Commedia dell'arte zu einer psychologisch tieferen Figur aufgewertet, deren Handeln durch eine konkrete Notlage – die Spielsucht – motiviert ist.
Welche Rolle spielt der "Zeitfaktor" in der zweiten Fassung?
Durch den neuen Expositionsakt werden Rückblicke auf die Vergangenheit eingeführt, wodurch eine Zeitdimension entsteht, die den Charakteren eine Vorgeschichte verleiht und das Werk aus der losgelösten Zeitstruktur der Farce befreit.
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- Dottore Florian Schmidt (Author), 2009, Fassungsvergleich von Goethes Mitschuldigen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181547