„Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück; so ist der der zweiten Besorgniß vor Unglück.“
Diese pessimistische Ansicht über das Wesen der Jugend sowie das Wesen des Alters äußerte Arthur Schopenhauer (1788-1860) in seinem Werk „Vom Unterschiede der Lebensalter“ 1851. Seine Aussage beläuft sich darauf, dass der Mensch, während er in der Jugend hoffnungsvoll nach dem Glück strebt, im Alter hingegen eingesehen hat, dass er selbiges nicht erreichen kann, weshalb er enttäuscht ist und resigniert.
Das Zitat beschreibt eine von vielen möglichen Meinungen über das Alter(n) und gerade in der heutigen Zeit, in welcher dem Jugendkult gefrönt und das Alter verpönt wird, scheint sie nicht an Diskussionswert einzubüßen. So schrieb auch Simone de Beauvoir über einhundert Jahre später in ihrem Werk „Das Alter“ über den alternden Menschen:
„Ob die Literatur ihn rühmt oder verächtlich macht, in jedem Fall begräbt sie ihn unter Schablonen. Sie verbirgt ihn, anstatt ihn zu enthüllen. Er wird, im Vergleich mit der Jugend und dem reifen Alter, als eine Art Gegenbild gesehen: Er ist nicht mehr der Mensch selbst, sondern seine Grenze; er steht am Rande des menschlichen Schicksals; man erkennt es nicht wieder, man erkennt sich nicht in ihm.“
Sie verweist auf die stereotype Einordnung der Menschen nach ihrem Alter und spielt zudem auf die Diskriminierung älterer Menschen gerade in der heutigen westlichen Gesellschaft an.
Diese Äußerung spiegelt zudem nicht nur die zahlreichen Wandlungen der Ansichten über das Alter des Menschen aus philosophischer Perspektive seit der Antike wider, sondern drückt gleichzeitig auch aus, dass eine erschöpfende Analyse und befriedigende Interpretation der Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die das Alter mit sich bringt, kaum möglich ist. Der Grundtenor ist ein negativer, pessimistischer – ist dies unumgänglich bei der Betrachtung des Alters und des Alterungsprozesses? Um dies zu beantworten, möchte ich im Folgenden zunächst auf die historische Entwicklung der Ansichten über das Alter eingehen und daraufhin Schopenhauers Auffassung zum Alter darstellen, analysieren und in einen Kontext zur gegenwärtigen Situation setzen. Inwiefern ist Schopenhauers Weltsicht realistisch? Ist die Ausprägung einer pessimistischen Perspektive unvermeidbar angesichts der negativen Aspekte des Alter(n)s?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Lebensalter in der Philosophie - Historischer Überblick
III. Schopenhauer: Vom Unterschiede der Lebensalter
3.1. Zusammenfassung der Thesen
3.2. Analyse und Interpretation
IV. Aspekte des Alter(n)s
4.1. Pessimismus
4.2. Philosophisch-anthropologische Aspekte
4.3. Perspektiven
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Perspektive auf das Alter, insbesondere unter Berücksichtigung von Arthur Schopenhauers pessimistischer Anthropologie, und hinterfragt, inwieweit ein pessimistisches Weltbild bei der Betrachtung des Alterungsprozesses unvermeidbar oder durch eine neue ethische Sichtweise relativierbar ist.
- Historische Betrachtung des Alterns in der Philosophie
- Analyse von Schopenhauers Werk „Vom Unterschiede der Lebensalter“
- Philosophisch-anthropologische Fundierung des Alterns
- Diskussion über Möglichkeiten zur Steigerung der Lebensqualität im Alter
- Wechselwirkung zwischen Selbstbild und gesellschaftlicher Wahrnehmung der Generationen
Auszug aus dem Buch
3.1. Zusammenfassung der Thesen
Arthur Schopenhauer formulierte mit seiner Schrift „Vom Unterschiede der Lebensalter“ 1851 eine Art nüchterne Abhandlung über die verschiedenen Lebensalter und deren Potenzial zur Erfahrung von Glück, der ein zutiefst pessimistischer Tenor zugrunde liegt. Das folgende Resumé soll die Thesen Schopenhauers zusammenfassen.
Schopenhauer beginnt mit einer Beschreibung der Kindheit, die seiner Ansicht nach vorrangig durch das Erkennen und weniger durch das Wollen bestimmt wird. Das Kind erfasse das zentrale Wesen des Gegenwärtigen und nehme alles Neue auf, da es von Neugier getrieben werde und gegenüber der Welt noch nicht abgestumpft sei. Dadurch gewinne es eine anschauliche Weltsicht, die sich sehr gut einpräge und später zwar ergänzt, aber im Wesentlichen nicht mehr verändert werde. Der Mensch griffe in seinem späteren Leben immer auf die Erfahrungen aus der Kindheit zurück.
Allerdings nehme das Kind die Dinge der Welt nur auf objektive Weise wahr, d. h. in der Vorstellung, wodurch sie ihm schön erschienen. Das erkennende Kind sei demnach glücklich, da es die Dinge als schön betrachten kann. Das subjektive Dasein der Dinge hingegen erschließe sich erst aus dem Wollen und sei daher schmerzvoll, da es die „schreckliche“ Realität darstelle. Da das Kind die schöne Vorstellung der Dinge kenne, verlange es nach dem Dasein der Dinge – sozusagen nach dem „wirklichen Leben“. Wenn es dies kennenlerne, werde es enttäuscht und desillusioniert. Die Jugend sei geprägt von der Suche nach dem Glück, das jedoch bei Schopenhauer nur negativ existiert: als Abwesenheit von Schmerz und Langeweile. Der junge Mensch sei also unzufrieden und verliere mit dem Alterungsprozess durch die Konfrontation mit der Realität seinen Optimismus zugunsten des von Illusionen befreiten Pessimismus des Alters. Er realisiere, dass das Glück ein Trugbild, der Schmerz hingegen wirklich sei. Der ältere Mensch werde sich der Endlichkeit seines Lebens erst richtig bewusst.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der pessimistischen Sicht auf das Alter ein, beleuchtet historische sowie moderne Diskurse und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Unvermeidbarkeit dieses Pessimismus.
II. Lebensalter in der Philosophie - Historischer Überblick: Dieses Kapitel skizziert den Wandel der philosophischen Altersbetrachtung von der Antike über das Mittelalter bis zur Aufklärung und zeigt, wie Alter zunehmend negativ konnotiert wurde.
III. Schopenhauer: Vom Unterschiede der Lebensalter: Hier werden Schopenhauers Thesen zum Altern detailliert zusammengefasst und kritisch auf ihre anthropologische Konsistenz hin untersucht.
IV. Aspekte des Alter(n)s: Das Kapitel analysiert die Endlichkeit und Negativität des Lebens, diskutiert anthropologische Sinnentwürfe nach Rentsch und erörtert Perspektiven zur Überwindung des Alterspessimismus.
V. Fazit: Das Fazit zieht den Schluss, dass ein gewisses Maß an Pessimismus im Alter zwar unvermeidlich, jedoch durch eine bewusste Akzeptanz und eine neue Ethik des Miteinanders der Generationen in ein erfüllteres Verständnis des Alterns transformierbar ist.
Schlüsselwörter
Philosophie, Altern, Pessimismus, Arthur Schopenhauer, Anthropologie, Lebensalter, Altersweisheit, Generationenkonflikt, Sterblichkeit, Ethik, Lebenssinn, Sinnentwürfe, Selbstbild, Diskriminierung, Lebenszufriedenheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Betrachtung des Alterns und der Frage, ob ein pessimistisches Weltbild in Bezug auf das höhere Lebensalter unumgänglich ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Altersverständnis bei Schopenhauer, die philosophische Anthropologie des Alterns, der Umgang mit Endlichkeit sowie das generationenübergreifende Miteinander.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob der durch Schopenhauer postulierte Pessimismus im Alter eine zwingende Konsequenz ist oder durch eine veränderte Perspektive und neue ethische Ansätze relativiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Arbeit, die primär textanalytische Methoden nutzt, um philosophische Werke und Konzepte zur Anthropologie des Alterns zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der historische Abriss, dann Schopenhauers spezifische Thesen sowie anthropologische Ansätze von Thomas Rentsch zur "Grundsituation" des Menschen und deren Bedeutung für das Alter analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Pessimismus, Altersweisheit, Endlichkeit, Lebenssinn, Generationenkonflikt und anthropologische Sinnentwürfe.
Welche Rolle spielt die "singuläre Totalität" nach Rentsch in der Arbeit?
Dieser Begriff beschreibt die Einmaligkeit des menschlichen Lebens, die dazu zwingt, das Leben selbstständig zu führen, was im Alter oft als Last empfunden wird.
Warum hält die Autorin die erzwungene Pensionierung für problematisch?
Sie argumentiert, dass die starre Altersgrenze den Menschen Potenziale nimmt, ihren Lebenssinn zu entfalten, und schlägt eine flexiblere Handhabung vor, um die Weisheit Älterer zu nutzen.
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- Sina Volk (Author), 2011, Pessimismus als unvermeidbares Attribut des Alter(n)s, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181604