Die Bergästhetik in Adalbert Stifters "Bergkristall"


Essay, 2011
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Erzählung „Bergkristall“ von Adalbert Stifter handelt von zwei Geschwistern, die am Heiligabend während der Rückkehr von ihren Großeltern in ihr Heimatdorf von einem Schneesturm überrascht werden, daraufhin die Orientierung verlieren und sich auf dem Berg Gars verlaufen. Die Nacht überleben sie, ohne in einen im Schnee todbringenden Schlaf zu fallen, in einer rettenden Höhle und werden am nächsten Tag von einem Suchtrupp unversehrt gefunden.

Der Berg steht für eine ästhetische Begegnung, wirkt als Resonanzraum wechselnder Wahrnehmungen, als locus amoenus oder locus terribilis und als Stätte religiöser Erfahrungen. Die Aspekte der Bergbetrachtung sollen im Folgenden in Stifters Werk gefunden und analysiert werden, sodass am Ende die besondere Rolle des Berges in der Geschichte deutlich wird.

Schon zu Beginn wird klar, dass der Berg, welcher die beiden Dörfer Gschaid und Millsdorf trennt, eine zentrale Rolle spielt. Zunächst rein geographisch, liegt der Berg zwischen den beiden Tälern, in denen sich die Dörfer befinden. Der Schneeberg beherrscht Tal und Dorf somit überragend1, er bildet eine Barriere, ein zu überwindendes Naturphänomen, über das sich die damalige Zivilisation nicht hinwegsetzen kann, sondern es bezwingen muss, um in das andere Tal zu gelangen. Dadurch kommen wenige Besucher, vor allem nach Gschaid, und die Bewohner des Dorfes leben in einer „eigenen Welt“2. Der Berg erzeugt dadurch zum einen im positiven Sinne eine Solidargemeinschaft, da die Menschen im Dorf sich gegenseitig helfen. Beispielsweise als die Kinder vermisst werden, werden daraufhin zahlreiche Suchtrupps aus dem Dorf losgeschickt. Zum anderen trennt er die Einwohner von der übrigen Zivilisation; auch wird angemerkt, dass „wenig Menschen in das Tal“3 kommen. Unbestritten ist daher, dass der Berg durch seine Omnipräsenz „das Auffallendste, was sie (die Dorfbewohner) in ihrer Umgebung haben“4 ist und den „Mittelpunkt vieler Geschichten“5 bildet. Die Bewohner erfüllt der Berg gar mit Stolz, sodass sie angeblich sogar, um Ehre und Ruhm zu verteidigen, für den Berg gelogen haben.6 Die Gesteinsformation ist für diese Menschen nicht nur eine Attraktion in der Nähe ihres Dorfes, sie ist in der Dorfgemeinschaft fest integriert und kann bei manchen Beschreibungen gar wie ein Bewohner, in jedem Fall jedoch wie ein festes Mitglied dieser Solidargemeinschaft gesehen werden; der Berg gibt der „Gegend ihre Gestalt.“7 Wenn er auch nicht als „Bewohner“ des Dorfes gelten kann, so hat er doch einen ähnlich konstituierenden Stellenwert wie die Gebäude von Gschaid. An einer Stelle bemerkt Konrad, eines der Kinder, die sich auf dem Berg verirren, dass Eisplatten „so hoch wie der Kirchturm in Gschaid oder wie Häuser“8 seien. Die Parallele mit dem Kirchturm wird noch ein zweites Mal, jedoch früher im Werk angeführt, wo Felsen so gerade erscheinen, als ob sie „wie Kirchen gerade aus dem Grasboden“9 heraufsteigen.

Diese Vergleiche leiten direkt zu der religiösen Interpretation der Bergästhetik über. Allein die Vergleiche mit den Gotteshäusern und die Tatsache, dass die Geschichte an Heiligabend spielt, einem der höchsten christlichen Festtage, zeigt eine sakrale Verbindung. Auch scheint es in der Nacht zu einem kleinen Wunder gekommen zu sein. Die Kinder mussten verhindern einzuschlafen, da sie sonst erfroren wären.10 Zunächst wird der Berg zu einem „agens“, zu einem handelnden Subjekt, indem das Eis dreimal kracht. Der Berg, bzw. das Eis wird personifiziert, indem man ihm „Aderchen“11 zuspricht. (Näheres zu Personifikation und „agens“ in einem folgenden Absatz) Dies hält sie erneut vom Schlafen ab, sodass sie draußen in die Sterne schauen und ein seltsames Lichtspiel entdecken: „[Es] erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen, und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben.“12 Um welches Phänomen es sich handelt, wird nicht abschließend geklärt, es könnte ein Nordlicht gewesen sein, eine Halluzination der Kinder oder auch der Weihnachtsstern oder, wie Sanna es später ihrer Mutter berichtet, eine Erscheinung des „heiligen Christ.“13 Und auch die Errettung der Kinder, die unversehrt vom Berg geholt werden können, kann schon als ein Wunder14, und als „göttliche Fügung“15 gelten, wofür Gott mehrfach gedankt wird („Gebenedeit sei Gott“16, „Und kniee [sic!] nieder, und danke Gott auf Knieen [sic!], mein Schwiegersohn“17, „Ja, danken wir Gott, danken wir Gott“18 ).

[...]


1 Hankamer 1950: 86.

2 Stifter 2009: 7.

3 Ebd.: 6.

4 Ebd.: 7.

5 Ebd.

6 Ebd.: 8.

7 Hankamer 1950: 86.

8 Stifter 2009: 40.

9 Ebd.: 11.

10 Bachmaier 2009: 71.

11 Stifter 2009: 51.

12 Ebd.

13 Ebd.: 63.

14 Vgl.: Hankamer 1950: 93.

15 Ebd.: 94.

16 Stifter 2009: 58.

17 Ebd.: 62

18 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Bergästhetik in Adalbert Stifters "Bergkristall"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Neuere deutsche Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V181704
ISBN (eBook)
9783656048138
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bergästhetik, Adalbert Stifter, Bergkristall, Der Heilige Abend, locus amoenus, locus terribilis, Personifikation, agens, identitätsstiftend
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2011, Die Bergästhetik in Adalbert Stifters "Bergkristall", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181704

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