Wirklichkeitskonstruktion in deutschen Fernsehserien


Bachelorarbeit, 2011
44 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Wirklichkeit und Realität
2.2 Medienzentrierter Ansatz
2.2.1 Kritische Medientheorien
2.2.2 Stimulus-Response-Modell
2.3 Rezipientenorientierter Ansatz
2.3.1 Uses and Gratification-Approach
2.3.2 Symbolischer Interaktionismus
2.4 Zwischenfazit

3. Serien und ihre Wirklichkeitskonstruktion
3.1 Fernseh-Geschichte
3.2 Fernsehserien
3.3 Wirklichkeit in Serien
3.3.1 Erzeugung von Wirklichkeit
3.3.2 Einfluss auf den Rezipienten
3.3.3 Wirklichkeitserzeugung durch Anschlusskommunikation

4. Parasoziale Interaktion mit Serienfiguren
4.1 Theoretische Grundlage
4.2 Interaktionssituation
4.2.1 Parasoziale Beziehung
4.2.2 Identifikation
4.3 Auswirkungen auf die Alltagswirklichkeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Massenmedium Fernsehen und seine Serien spielen heutzutage im Leben der Menschen eine große Rolle. Sie beeinflussen die Wahrnehmung, strukturieren den Alltag und sind Thema der gesellschaftlichen Kommunikation.1 Obwohl die meisten Fernsehserien fiktional sind, können sie trotzdem eine Wirklichkeit konstruieren, die der Rezipient als realistisch wahrnimmt. Wie diese Wirklichkeit vermittelt wird und wie der Rezipient sie für seine eigene Lebenswelt nutzt, soll im weiteren Verlauf analysiert werden. Außerdem soll herausgearbeitet werden, welchen Einfluss die Rezeption von Fernsehserien auf die subjektive Konstruktion der Wirklichkeit des Rezipienten haben kann und wie dieser mit Serienfiguren agiert. Dabei wird sich diese Arbeit mit der subjektiven Konstruktion von Wirklichkeit auseinandersetzen, die im späteren Verlauf in Bezug zu der von Fernsehserien vermittelten Realität gesetzt wird.

Innerhalb der Medienwirkungsforschung besteht eine große Uneinigkeit bezüglich des Zusammenspiels von Fernsehen und Rezipienten.2 Daher sollen im Folgenden die beiden wichtigsten Ansätze für den Zusammenhang von Fernsehen und Wirklichkeitskonstruktion, der medienzentrierte und der rezipientenorientierte Ansatz, herausgearbeitet werden.

Der medienzentrierte Ansatz orientiert sich primär an der Frage Was machen die Massenmedien mit den Menschen? und setzt sich dabei kritisch mit dem Fernsehen und seiner von ihm ausgehenden Gefahr, insbesondere mit der Manipulation und der Wirklichkeitsverzerrung, auseinander.3 Dabei wird näher auf die kritischen Sichtweisen von Theodor W. Adorno und Günther Anders eingegangen und im Anschluss das Stimulus-Response-Modell erläutert, welches eine mögliche Erklärung für die Auswirkungen des Fernsehens auf den Rezipienten liefert.

Der medienzentrierten Sichtweise steht der rezipientenorientierte Ansatz entgegen, der die oben genannte Frage umkehrt: W as machen die Menschen mit den Massenmedien? Dabei werden die Medienwirkung und der Rezeptionsprozess aus Sicht des Rezipienten und nicht aus der des Fernsehens beleuchtet. Es wird dazu zunächst der

Uses and Gratification-Approach (Nutzen- und Belohnungsansatz) näher erläutert, der aufzeigt, dass Rezipienten nicht, wie der medienzentrierte Ansatz formuliert, passiv fernsehen, sondern selektieren, aktiv Bedürfnisse befriedigen und Nutzen aus den jeweiligen Medieninhalten ziehen.4 Im Anschluss soll anhand des symbolischen Interaktionismus gezeigt werden, wie der Mensch seine Wirklichkeit konstruiert, um das Ergebnis auf die Serienrezeption anwenden zu können.

Der rezipientenorientierte Ansatz wird in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, um den Einfluss von Fernsehserien auf die Wirklichkeit und den Alltag der Rezipienten analysieren zu können.

Die weiteren Ausführungen werden sich hauptsächlich mit fiktionalen Fernsehserien auseinandersetzen. Um die Vielzahl an Serien, die im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden, einschränken zu können, werden zur beispielhaften Erklärung ausschließlich deutsche Fernsehserien eingebracht.

Ein wichtiger Faktor des Einflusses auf die subjektive Wirklichkeitskonstruktion des Rezipienten ist in der parasozialen Interaktion zu sehen, bei der der Rezipient, ähnlich einer realen interpersonalen Interaktionssituation, mit einer Serienfigur kommuniziert. Zwischen parasozialer und sozialer Interaktionsform gibt es jedoch einige Unterschiede, die im späteren Verlauf noch erläutert werden. Durch eine immer wiederkehrende parasoziale Interaktion mit einer Serienfigur kommt es schließlich zu einer parasozialen Beziehung, die die emotionale Bindung an die Serienfigur erklären soll.5

Die parasoziale Interaktion und die Entstehung der parasozialen Beziehung sollen anhand der theoretischen Grundlage von Donald Horton und R. Richard Wohl erklärt und in Bezug zur Wirklichkeitskonstruktion der Rezipienten gesetzt werden.

Von der parasozialen Interaktion zu unterscheiden, ist die Identifikation mit Serienfiguren. Durch die große Anzahl an deutschen Serien und entsprechenden Serienfiguren und Rollen, ergibt sich eine Fülle an Identifikationsmöglichkeiten, die, genau wie die parasoziale Interaktion, Einfluss auf die Wirklichkeitskonstruktion des Rezipienten haben kann.6 Daher soll die Identifikation von der parasozialen Interaktion abgegrenzt und anhand des symbolischen Interaktionismus beschrieben werden, wie

Identifikation überhaupt möglich ist und welchen Einfluss sie auf den Rezipienten und seine Alltagswirklichkeit haben kann.

Dazu ist es zunächst notwendig, zu klären, was unter den Begriffen Wirklichkeit und Realität zu verstehen ist.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Wirklichkeit und Realität

Schon der französische Philosoph René Decartes, stellte fest, dass die Welt an sich dem Menschen gar nicht zugänglich ist, „sondern nur die subjektive Konstruktion davon, die auf Erfahrung beruht, wie wir sie in den Kommunikationen mit unserer Umwelt machen.“7 Aus konstruktivistischer Sicht gibt es nicht die eine objektive, sondern viele verschiedene Wirklichkeiten, die subjektiv und aktiv vom Menschen konstruiert werden und nebeneinander bestehen. Die subjektive Wirklichkeit wird von dem gemeinsamen Wissen einer Gesellschaft beeinflusst, welches von der jeweiligen Sprache, Kultur, ihren Symbolen und der jeweiligen Bedeutung abhängig ist.8

Durch Sozialisation, die für die aktive Konstruktion von Wirklichkeit eine zentrale Bedeutung besitzt, wird dem Menschen von Geburt an dieses gemeinsame Wissen vermittelt, so dass er lernt, was in der Gesellschaft, in der er lebt, als angemessenes Verhalten und Handeln anzusehen ist.9 Der Mensch wird in eine Gesellschaft geboren, in der schon verschiedene Wirklichkeiten bestehen. Besonders durch die Eltern, die ersten Identifikationsfiguren, lernt er deren Wirklichkeit kennen und hält diese für die Wirklichkeit schlechthin. Im Laufe der Entwicklung des Kindes erlernt es, angeregt durch außer familiäre Umwelteinflüsse, ein differenzierteres Wirklichkeitsbild und konstruiert sich schließlich seine eigene Wirklichkeit.10

Jede Erfahrung, die der Mensch macht, hat einen Einfluss darauf, was er als Wirklichkeit erlebt, empfindet und bewertet.11 Die Wirklichkeit wird daher von jedem Menschen unterschiedlich interpretiert. Dass man sich trotzdem über eine gemeinsame Wirklichkeit verständigen kann, liegt daran, dass die Menschen innerhalb einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der sie gelernt haben, Dinge ähnlich zu interpretieren. Durch Interaktion mit anderen wird die eigene Interpretation der Wirklichkeit ständig abgeglichen und bietet Orientierungsmöglichkeiten.12

Auf Grund der sich ständig wandelnden individuellen Erfahrungen und Interessen des Menschen ist die Wirklichkeit nicht statisch, sondern dynamisch zu verstehen. Durch die jeweilige soziale und persönliche Situation, in der sich der Mensch befindet, wird die subjektive und selektive Konstruktion der Wirklichkeit beeinflusst und gesteuert. Dadurch ändert sich die individuelle Interpretation von Wirklichkeit stetig.13

Wirklichkeit soll also als aktiv, durch soziale Interaktionen, Gesellschaftskonventionen und eigene Erfahrungen und Erlebnisse konstruiert, verstanden werden. Dabei gibt es keine objektive, allgemeingültige sondern nur eine subjektive Wirklichkeit, welche im Laufe der Zeit immer wieder verändert und an neue Situationen angepasst wird.

Der Begriff Realität soll hier im Sinne von Wirklichkeit verwendet werden. Etwas ist demnach realistisch, wenn es der Wirklichkeit entspricht.14

2.2 Medienzentrierter Ansatz

2.2.1 Kritische Medientheorien

Der allgemeinen Beliebtheit des Fernsehens auf Rezipientenseite steht eine dem Medium sehr kritische und kulturpessimistische Sicht entgegen, die schon 1947 im Kulturindustrie-Aufsatz von Theodor W. Adorno (1903 - 1969) und Max Horkheimer (1895 - 1973) formuliert wurde und bis heute ihre Vertreter findet. Im Mittelpunkt der kritischen Medientheorien steht die Frage, was die Medien mit den Menschen machen.15 Es wird dabei von einem passiven Rezipienten ausgegangen, der den Gefahren des Fernsehens, wie beispielsweise Realitätsverlust, Flucht aus der realen Welt, Verlust von sozialen Kontakten und Erfahrungen und letztendlich die Vermischung von Realität und Medialität, praktisch schutzlos ausgeliefert ist. Dies soll nun im Folgenden anhand der populärsten Vertreter näher erläutert werden.16 Adorno schrieb 1953 zwei Aufsätze, die sich speziell auf das Fernsehen bezogen: Prolog zum Fernsehen und Fernsehen als Ideologie. 17 In diesen erklärt er, dass das Fernsehen als Teil der Kulturindustrie18, Ideologien der Medienproduzenten verbreitet und durch die Verschleierung der Wirklichkeit und das Vorgaukeln einer falschen Realität das Bewusstsein des Menschen in eine falsche Richtung lenkt.19 Der passive Rezipient steht übermächtigen Medienproduzenten gegenüber, die die Masse regelrecht zu kontrollieren und zu manipulieren scheinen.20

Das Fernsehen täuscht die Rezipienten dadurch, dass ihnen Vergnügungen gezeigt werden, die jedoch von ihren tatsächlichen Bedürfnissen ablenken sollen, um so Zufriedenheit im kapitalistischen System zu gewährleisten. Den Rezipienten werden damit Bedürfnisse vermittelt, die sie eigentlich in ihrer realen Lebenswelt nicht haben.21

Die Situation, in der Fernsehen konsumiert wird, unterscheidet sich wenig vom Alltag der Rezipienten. Fernsehen wird dadurch zu einem Stück Realität und sein künstlicher Charakter wird verschleiert. Zudem betont Adorno den gemeinschaftsbildenden Effekt, welcher aus der distanzlosen Nähe des Fernsehens resultiert. Die Familie versammelt sich stumpfsinnig vor dem Apparat, obwohl sie sich eigentlich nichts zu sagen hat. Der Fernseher überspielt dadurch real entstehende Entfremdung.22 Eine Besinnung, dass die von der Kulturindustrie gezeigte Welt nicht der Realität entspricht, wird immer weniger möglich. Die Menschen nehmen den Betrug hin und versperren ihre Augen vor der Wahrheit.23

Adorno führt zudem aus, dass die Wirklichkeit der Rezipienten von medialen Prozessen determiniert wird und das Leben immer mehr nach dem Vorbild des Fernsehens gestaltet wird. Das Fernsehen gewinnt so eine prägende Macht darüber, was Wirklichkeit für die Rezipienten bedeutet und wie sie sie für sich interpretieren. Dieser Macht kann sich laut Adorno niemand widersetzen.24

Günther Anders (1902 - 1992) führte 1956 in seinem Werk Die Antiquiertheit der Menschen Adornos Thesen weiter aus. Er beklagt besonders den Erfahrungsverlust, den die Menschen dadurch erleiden, dass sie Erfahrungen nicht mehr selber sammeln und die Welt entdecken, sondern durch den Fernseher alles nach Hause geliefert bekommen. Die Welt wird zu einem, wie Anders es nennt, Phantom, das heißt zu einem Abbild der Realität. Durch das Fernsehen ist die Freizeit voll ausgefüllt und der Rezipient hat das Gefühl, keine Langeweile mehr zu haben und daher auch nichts außerhalb des Wohnzimmers unternehmen zu müssen.25 Dadurch wird der Mensch so stark dominiert, dass Fernsehen nicht nur Wirklichkeit erzeugt, sondern auch Erfahrungen prägt und das Verhalten des Rezipienten beeinflusst.26

Fernsehfiguren stehen dem Rezipienten näher als seine Mitmenschen, wodurch die Beziehung der Menschen untereinander zerstört wird. Der Rezipient gerät dadurch in eine Abhängigkeit zum Fernseher und richtet seine Bedürfnisse, die durch ihn erst erzeugt werden, nach dem Sendeangebot aus.27 Die Unfreiheit, die damit einhergeht, kommt den Rezipienten jedoch selbstverständlich vor und wird gar nicht als solche empfunden.28

Günther Anders formulierte damit noch radikaler als Adorno, dass „der Unterschied zwischen Sein und Schein, zwischen Wirklichkeit und Bild aufgehoben“ sei.29 Als Konsequenz löst sich die alte Wirklichkeit auf, die dem Menschen, vor Etablierung des Fernsehens, noch abverlangte, in produktiver eigener Erfahrung angeeignet zu werden. Die Wirklichkeit wird dadurch zu einer „Reproduktion seiner Reproduktion.“30

Weniger beklagend spricht Wolfgang Welsch 1993 vom „Wirklichkeitsspender Fernsehen“, vor dem unser „alter Realitätsglaube definitiv zusammenbrechen“ müsse.31

Er sieht es als bestätigt an, dass die Wirklichkeit der Rezipienten „primär durch Medien, insbesondere televisionäre Medien vermittelt und geprägt wird.“32 Auch Norbert Bolz ist ähnlicher Meinung und stellt fest: „Neue Medien […] haben uns in diese Zone der Indifferenz von Sein und Schein, Wirklichkeit und Bild katapultiert.“33

Diese Ansichten sollten jedoch kritisch betrachtet werden, da die vermeintlichen Wirkungen des Fernsehens empirisch weitgehend nicht belegt wurden und die meisten Theoretiker selbst nie ferngesehen haben, sich also kein eigenes Bild machen konnten. Wenn sie doch ferngesehen haben, dann ist fraglich, wie sie der Wirkung entgehen und zwischen Realität und Blendung unterscheiden konnten.34

Wie man heute empirisch belegen kann, findet die kulturpessimistisch beklagte Vermischung der Realitäten indes seltener statt, als viele Kritiker vermuteten.35

2.2.2 Stimulus-Response-Modell

Ein weiterer medienzentrierter Ansatz ist das Stimulus-Response-Modell (Reiz- Wirkungs-Modell), dem die Vorstellung zu Grunde liegt, dass „Rezipienten mehr oder weniger gleichförmig auf mediale Reize reagieren.“36 Demnach erreicht der Inhalt eines Massenmediums als Stimulus (Reiz) jeden Rezipienten identisch, indem er eine Reaktion (Response) hervorruft, die vom Medienproduzenten geplant und gewollt ist.

Das Modell baut auf der Instinktpsychologie auf, in der das Individuum keine Kontrolle über seine Triebe hat und daher auf Stimuli der Massenmedien eine identische Reaktion bei vielen Individuen ausgelöst wird.37 Das Individuum ist zudem aus massengesellschaftlicher Sicht willenlos und vereinzelt. Durch den Verlust von traditionellen sozialen Kontexten, wie beispielsweise der Großfamilie und durch das Schwinden von sozialen Werten, wie die der Kirche, fehlt dem Menschen der Rückhalt in der Gemeinschaft und damit jede Möglichkeit der Medienwirkung zu entgehen.38 Man geht bei diesem Ansatz also von einer Allmacht der Medien aus.

Völlig unbeachtet blieben bei diesem Modell die mögliche Selektion des Rezipienten beim Fernsehen und dessen situative und soziale Bedingungen. Zudem wurde eine Analyse unterschiedlicher Reaktionen der Rezipienten nicht in Betracht gezogen. Es wurde weitgehend von einem determinierten Wirkungszusammenhang zwischen Medieninhalt und Wirkung ausgegangen. Erst Mitte der 1950er Jahre kam es zu einer Relation dieses starren Ansatzes, da man in Studien herausfand, dass die Rezipienten nicht immer identisch auf massenmediale Inhalte reagierten und versuchte das Modell um intervenierende Variablen zu erweitern.39 Man blieb jedoch bis in die 1970er Jahre dabei, dass der Rezipient passiv reagiert und ein direkter, einseitiger Zusammenhang zwischen Inhalt und Wirkung (Stimulus und Response) existiert.40

2.3 Rezipientenorientierter Ansatz

In Abkehr zum Stimulus-Response-Modell wurden schon 1944 erste empirische Studien von der amerikanischen Kommunikationsforscherin Herta Herzog (1910-2010) durchgeführt, in denen sie anhand von Daily Soaps, die im Radio liefen, Gratifikationen für die Rezipientinnen untersuchte. Herzog verglich Hörerinnen und Nichthörerinnen in Bezug auf ihr soziales Umfeld, Interessen und Persönlichkeitsstruktur. Sie versuchte zu beweisen, dass Menschen mit wenigen sozialen Kontakten eher Daily Soaps konsumierten, um diesen Mangel ersatzweise zu befriedigen, als sozial aktivere Menschen.41 Sie war damit eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die ihr Augenmerk auf die Frage legte, aus welchen Gründen die Rezipientinnen die Radio-Serien hörten und was ihnen dies an Nutzen brachte.42 Diese Studien bildeten die Grundlage für spätere rezipientenorientierte Ansätze.

Erst in den 1970er Jahre wurde es dann endlich möglich die pessimistische und medienzentrierte Sicht über die Medien zurückzulassen43 und es entwickelten sich neue Theorieansätze, die die zentrale Frage was machen die Medien mit den Menschen? in die Frage was machen Menschen mit den Medien? umkehrten.44 Die neuen Ansätze orientierten sich zunehmend am Rezipienten und analysierten, wie schon Herzog 1944, den Grund und die Art der Fernsehrezeption, sowie die Möglichkeiten der Rezipienten, Medienangebote zu verarbeiten und wahrzunehmen.45

Zwei wichtige Ansätze, die die Wirkung von Medien in Bezug auf den aktiv handelnden Rezipienten analysieren, sind der Uses and Gratification-Approach und der symbolische Interaktionismus. Diese sollen im Folgenden ansatzweise beleuchtet werden, um anhand dieser theoretischen Grundlage später die Konstruktion von Wirklichkeit in deutschen Fernsehserien näher erläutern zu können. In dieser Arbeit wird daher der rezipientenorientierte Ansatz im Mittelpunkt stehen.

2.3.1 Uses and Gratification-Approach

Der Uses and Gratification-Approach (Nutzen- und Belohnungsansatz), entwickelt von Elihu Katz/David Foulkes 196246 und Jay G. Blumler/Elihu Katz 197447, geht davon aus, dass die Rezipienten den Beiträgen und Absichten der Fernsehproduzenten nicht passiv folgen und manipulierbar ausgeliefert sind, sondern aktiv nach ihren jeweiligen Bedürfnissen, Interesse, Problemlagen und Identitätsphasen das Fernsehprogramm selektieren und interpretieren. Sie nutzen die Fernsehangebote ganz bewusst, um Bedürfnisse zu befriedigen und bestimmte Ziele zu erreichen.48 Bei diesem Ansatz stehen nicht die Wirkungen der Medien, sondern die Gründe, Motive und der funktionale Nutzen des Rezipienten im Vordergrund.

Die Mediennutzung steht in direkter Konkurrenz zu anderen Tätigkeiten, die zur Bedürfnisbefriedigung genutzt werden können. Bedürfnisse, die durch Fernsehen befriedigt werden können, sind zum Beispiel die Suche nach Ratschlägen zur Lösung eigener Probleme, Identifikation mit anderen Personen und Lebensstilen (vgl. auch Kapitel 4.2.2) und die Projektion eigenen Versagens auf Fernsehakteure.49 Ein weiteres Bedürfnis der Rezipienten ist die Flucht aus der realen, unbefriedigenden Alltagswelt in eine mediale, da die in einer Industriegesellschaft lebenden Menschen zunehmend von Entfremdung und einem Gefühl von Macht- und Bedeutungslosigkeit geprägt sind. Diesem können sie durch den Fernsehkonsum für eine gewisse Zeit entfliehen. Dieser so genannte Eskapismus kann aber auch negative Wirkungen auf Kosten des sozialen und politischen Verantwortungsbewusstseins haben.50 Fernsehen dient dem Rezipienten damit zur subjektiven Wirklichkeitsbewältigung und ist ein immer wichtiger werdender Bestandteil des Alltagslebens und der Wirklichkeit.51

Der Uses and Gratification-Approach hat jedoch einige Schwachstellen. Die Bedürfnisse bilden zwar das zentrale Kriterium der Theorie, aber es kann nicht erklärt werden, warum Rezipienten bestimmte Bedürfnisse aufweisen und wieso sie bestimmte Medieninhalte als geeignet empfinden, um diese zu befriedigen.52 Außerdem wird davon ausgegangen, dass sich die Rezipienten ihrer Bedürfnisse voll bewusst sind und die Mediennutzung eine rationale Entscheidung darstellt. Es wird dabei außer Acht gelassen, dass die Rezipienten bei der Auswahl des Fernsehprogramms auch emotional gesteuert sind und es auf deren jeweilige Mediennutzungsgeschichte und die aktuelle soziale und persönliche Situation ankommt. Es ist zudem umstritten, ob es sich bei dem Uses and Gratification-Approach um ein theoretisches Konzept oder eine bloße Forschungsstrategie handelt.53

Um diesen Problemen entgegenzutreten, wird die Theorie des symbolischen Interaktionismus hinzugezogen, die im Folgenden näher erläutert wird.

2.3.2 Symbolischer Interaktionismus

Der symbolische Interaktionismus ist ein theoretischer Ansatz, der von den Soziologen George Herbert Mead (1863-1931)54 und Herbert Blumler (1900-1987)55 begründet wurde. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch in einer symbolischen Umwelt lebt, in der er den Dingen jeweils eine bestimmte Bedeutung zuschreibt. Vom Menschen selbst und seinen jeweiligen Interessen, Erfahrungen und vermittelten Werten hängt es ab, welche Bedeutung er den Dingen beimisst und wie er sie interpretiert. Die

Bedeutungen werden vom Menschen durch Interaktion mit anderen erlernt und aktiv zu einer symbolischen Umwelt konstruiert.56 Kommunikationsfähigkeit ist somit die Voraussetzung für das Erlernen und Entwickeln von Bedeutungszuweisungen.

Die symbolische Umwelt ist gleichzeitig auch die Wirklichkeit, in der der Mensch lebt. Die subjektiven Interpretationen von Dingen, auf deren Grundlage der Mensch seine Wirklichkeit konstruiert, sind nicht nur individuell, sondern müssen auch Übereinstimmungen mit den Kommunikationspartnern aufweisen, damit sie sich überhaupt verständigen können.57 Ein wichtiger Begriff im symbolischen Interaktionismus ist das so genannte role taking, welcher sich mit Perspektivübernahme übersetzen lässt. Role taking bedeutet, dass man sich während der Interaktion mit einem anderen Menschen sowohl aus der eigenen als auch aus der Rolle des Gegenübers wahrnimmt. Das heißt, man versetzt sich in den anderen hinein und nimmt seine Perspektive an. Dadurch kann man die Interpretation von Dingen des anderen übernehmen und mit seiner eigenen vergleichen. Es kann dann erahnt werden, wie der Gegenüber sich sieht, was er von einem selbst hält und man kann auf ihn so reagieren, wie er es erwartet.58

Dadurch, dass man die Perspektive wechselt, kann man sich selbst von außen betrachten und verstehen, wer man is. Die Perspektivübernahme ist damit ein wichtiger Faktor, um seine eigene Identität herauszubilden oder zu festigen, was zu einem Teil der eigenen Wirklichkeitskonstruktion gehört.59

Das role-taking ist nicht nur bei realen Kommunikationspartnern möglich, sondern auch bei Medienfiguren während des Rezeptionsprozesses und ist somit ein Teil der parasozialen Interaktion, auf die später noch intensiver eingegangen wird (siehe Kapitel 4.).

Durch den symbolischen Interaktionismus ist es möglich zu erklären, was die Theoretiker der medienzentrierten Ansätze, besonders des Stimulus-Response-Modells, außer Acht ließen, nämlich wieso verschiedene Individuen auf den selben Reiz unterschiedlich reagieren können.

[...]


1 Vgl. Knut Hickethier: Fernsehen. Wahrnehmungswelt, Programmsituation und Marktkonkurrenz. [Grundlagen Band 6]. Frankfurt am Main 1992, S. 9.

2 Vgl. Klaus Merten: Wirkungen von Kommunikation. In: Klaus Merten/Siegfried J. Schmidt/Siegfried Weischenberg (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994, S. 291f.

3 Vgl. Andreas Ziemann: Mediensoziologie - Wirklichkeitskonstruktionen, gesellschaftliche Ordnung und Rezipientenhandeln. In: Christian Scholz (Hrsg.): Handbuch Medienmanagement, Heidelberg 2006, S. 166.

4 Vgl. Ziemann: Mediensoziologie, S. 166.

5 Vgl. Uli Gleich: Sind Fernsehpersonen die „Freunde“ des Zuschauers? Ein Vergleich zwischen parasozialen und realen sozialen Beziehungen. In: Peter Vorderer (Hrsg.)/Holger Schmitz: Fernsehen als „Beziehungskiste“. Parasoziale Beziehungen und Interaktion mit TV-Personen. Opladen 1996, S. 115.

6 Vgl. Ziemann: Mediensoziologie, S. 166.

7 Frank Hartmann: Medien und Kommunikation. Wien 2008, S. 60.

8 Vgl. Ziemann: Mediensoziologie, S. 161.

9 Vgl. Peter M. Hejl: Soziale Konstruktion von Wirklichkeit. In: Klaus Merten/Siegfried J. Schmidt/Siegfried Weischenberg (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994, S. 53 .

10 Vgl. Patrick Lamers: Der Einfluss parasozialer Interaktion auf die soziale Konstruktion von Wirklichkeit. URL: http://www.grin.com/de/e-book/110898/medien-und-wirklichkeiten-der-einfluss- parasozialer-interaktion-auf-die (27.08.2011).

11 Vgl. Achim Baum/Siegfried Schmidt (Hrsg.): Fakten und Fiktionen. Über den Umgang mit Medienwirklichkeiten. [Schriftreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft Band 29]. Konstanz 2002, S. 24.

12 Vgl. Ronald Lübbe>

13 Vgl. ebd., S. 42.

14 Vgl. Realität. In: Kathrin Kunkel-Razum/Werner Scholze-Stubenrecht/Matthias Wermke: Duden. Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim 2003, S. 1281.

15 Vgl. Lübbe>

16 Vgl. Ziemann: Mediensoziologie, S. 166.

17 Vgl. Lothar Mikos: „Ist der Ruf erst ruiniert ...“. In: tv diskurs 10 (2006), H. 36, S. 31.

18 Kulturindustrie bezeichnet nach Adorno und Horkheimer die industrialisierte Produktion von Kultur, wodurch die Kultur zur Ware wird.

19 Vgl. Bildung oder Nichtbildung? Adornos Medienkritik. URL: http://www.medienistik.de/Adorno.pdf (17.06.2011).

20 Vgl. Lamers: Der Einfluss parasozialer Interaktion auf die soziale Konstruktion von Wirklichkeit.

21 Vgl. Stefan Weber: Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. Konstanz 2003, S. 111.

22 Vgl. Der Trug des verdoppelten Lebens - Theodor W. Adornos "Prolog zum Fernsehen", URL: http://fernseherkaputt.blogspot.com/2011/02/der-trug-des-verdoppelten-lebens.html (27.08.2011).

23 Vgl. Theodor W. Adorno: Résumé über Kulturindustrie. In: Britta Neitzel (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart 1999, S. 206.

24 Vgl. Angela Keppler: Mediale Gegenwart. Eine Theorie des Fernsehens am Beispiel der Darstellung von Gewalt. Frankfurt am Main 2006, S. 39.

25 Vgl. Andreas Ziemann: Soziologie der Medien. Bielefeld 2006, S. 48.

26 Vgl. Weber: Theorien der Medien, S. 118.

27 Vgl. Ziemann: Soziologie der Medien, S. 49-51.

28 Vgl. Günther Anders: Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen. In: Britta Neitzel (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart 1999, S. 221.

29 Günther Anders: Die Antiquiertheit der Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956, S. 111.

30 Ebd., S. 188.

31 Wolfgang Welsch: Ästhetisierungsprozesse. Phänomene, Unterscheidungen, Perspektiven. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 41 (1993), S. 18.

32 Welsch: Ästhetisierungsprozesse, S. 18f.

33 Keppler: Mediale Gegenwart, S. 39.

34 Vgl. Mikos: „Ist der Ruf erst ruiniert ...“. S. 33.

35 Vgl. Angela Keppler: Person und Figur. Identifikationsangebote in Fernsehserien. In: montage/av 4 (1995), H. 2, S. 84-99, S. 87.

36 Lübbe>

37 Vgl. Ursula Dehm: Fernsehunterhaltung. Zeitvertreib, Flucht oder Zwang? Eine sozial-psychologische Studie zum Fernseh-Erleben. Mainz 1984, S. 40.

38 Vgl. Michael Schenk: Medienwirkungsforschung. Tübingen 1987, S. 22ff.

39 Vgl. Dehm: Fernsehunterhaltung. Zeitvertreib, flucht oder Zwang? S. 41.

40 Vgl. Bettina Fromm: Privatgespräche vor Millionen. Fernsehauftritte aus psychologischer und soziologischer Perspektive. Konstanz 1999, S. 41.

41 Vgl. Herta Herzog: What Do We Really Know About Daytime Serial Listeners? In: Paul F. Lazarsfeld/N. Frank (Hrsg.): Radio Research 1942-43. New York 1944, S. 4ff.

42 Vgl. Klaus Merten: Wirkungen von Kommunikation. In: Klaus Merten/Siegfried J. Schmidt/Siegfried Weischenberg (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994, S. 317.

43 Vgl. Gianni Vattimo/Wolfgang Welsch: Medien-Welten. Wirklichkeiten. München 1998, S. 15.

44 Vgl. Ziemann: Soziologie der Medien, S. 86.

45 Vgl. Lamers: Der Einfluss parasozialer Interaktion auf die soziale Konstruktion von Wirklichkeit. .

46 Vgl. Elihu Katz/David Foulkes: On the Use to the Mass Media as 'escape'. Clarification of a Concept. In: Public Opinion Quarterly. 3 (1962) H. 26, S. 377-388.

47 Vgl. Elihu Katz/Jay G. Blumler/Michael Gurevitch: Uses and Gratifications Research. In: Public Opinion Quarterly. 4 (1974) H. 37, S. 509-523.

48 Vgl. Ziemann: Soziologie der Medien, S. 86.

49 Vgl. Merten: Wirkungen von Kommunikation, S. 318.

50 Vgl. Fromm: Privatgespräche vor Millionen, S. 68.

51 Vgl. Ziemann: Soziologie der Medien, S. 87.

52 Vgl. Lothar Mikos: Es wird dein Leben! Familienserien im Fernsehen und im Alltag der Zuschauer. Münster 1994, S. 84.

53 Vgl. Merten: Wirkungen von Kommunikation, S. 318.

54 Vgl. Biografie George Herbert Mead. URL: http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/mead/32bio.htm (23.08.2011).

55 Vgl. Herbert Blumler/Thomas J. Morrione: George Herbert Mead and human conduct. New York 2004, S. 179.

56 Vgl. Lübbe>

57 Vgl. Fromm: Privatgespräche vor Millionen, S. 43.

58 Vgl. Tilo Hartmann: Parasoziale Interaktion und Beziehungen [Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft Band 3]. Baden-Baden 2010, S. 44.

59 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Wirklichkeitskonstruktion in deutschen Fernsehserien
Hochschule
Universität zu Köln  (Theater- Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Medienkulturwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
44
Katalognummer
V181738
ISBN (eBook)
9783656050476
ISBN (Buch)
9783656050261
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Serien, Fernsehen, Wirklichkeit, Realität, deutsche Serien, Fernsehserien, Stimulus-Response-Modell, Kritische Medientheorien, Medienzentrierter Ansatz, Symbolischer Interaktionismus, Uses and Gratification-Approach, Fernseh-Geschichte, Wirklichkeitskonstruktion, Anschlusskommunikation, Parasoziale Interaktion, Alltagswirklichkeit, Identifikation, Parasoziale Beziehung
Arbeit zitieren
Sabine Wipperfürth (Autor), 2011, Wirklichkeitskonstruktion in deutschen Fernsehserien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181738

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