Das komplizierte und zeitweise äußerst angespannte Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und der Republik China auf Taiwan1 mit seinen zahlreichen Dimensionen wie z. B. die durch die innen- und außenpolitischen, die wirtschaftlichen bis hin zu den kulturellen Aspekten der gemeinsamen Geschichte definierten Spannungsfelder in den Interaktionen beider Parteien, um an dieser Stelle nur einige der wichtigsten zu nennen, wird in einer breit gefächerten und umfangreichen Literatur thematisiert. Als Beispiele für die oben genannten Kategorien können zum einen Bestimmungsfaktoren im innenpolitischen Leben auf der jeweiligen Seite, welche die politische Haltung gegenüber der anderen Seite maßgeblich beeinflussen, genannt werden; zum anderen ist auch die direkte oder indirekte Rolle außenstehender Akteure relevant. In der Volksrepublik werden in diesem Zusammenhang Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die eine Verbesserung ihrer Machtposition vis-a-vis der obersten Parteiführung bezwecken, oder aber Mitglieder der Volksbefreiungsarmee (VBA), die sich eine großzügigere Ressourcenzuteilung von einer solchen Strategie versprechen.2 Auf Taiwan wird wiederum die Suche nach einer geeigneten, d. h. die Wahrung der sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen der Insel gewährleistenden China – Politik, welche ihrerseits zwischen einer formalen staatlichen Souveränität und einer weitgehenden Annäherung an die Volksrepublik mit dem expliziten Verzicht auf eine Unabhängigkeitserklärung pendelt, als derjenige Faktor definiert, der das politische und nicht zuletzt wirtschaftliche Leben dominiert. Das Einwirken außenstehender Akteure, hauptsächlich der USA im Rahmen eines Versuchs, ihre relativ zu China schwächer werdende Position in Südostasien zu verbessern und somit ihr Einflussgebiet vor einem neuen lokalen Hegemon zu schützen, auf diese Konstellation, stellt schließlich eine weitere Determinante für die Verschiebungen im wechselseitigen Verhältnis dar.
Der wirtschaftliche Aspekt wird einerseits durch die vielfältigen Verflechtungen und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den beiden Volkswirtschaften, andererseits durch die daraus resultierenden sicherheitspolitischen Risiken vor allem für Taiwan als die relativ schwächere Seite bestimmt. Die immer lauter werdenden Bedenken in Bezug auf die Schaffung einer gemeinsamen Wirtschaftszone, das Economic Cooperation Framework Agreement (ECFA)...
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 STAND DER FORSCHUNG
2. 1 SPIELTHEORETISCHE ANSÄTZE
2. 2 THEORIEN POLITISCHER DENKSCHULEN
2. 3 PRAKTIKER-VERFAHREN
3 THEORETISCHER RAHMEN
3. 1 VORSTELLUNG DES THEORETISCHEN ANSATZES
3. 1. 1Schlüsselbegriffe
3. 1. 2 Faktoren
3. 1. 3 Phasen
3. 2 KRITIK
4 DER VERHANDLUNGSPROZESS ZWISCHEN DER VR CHINA UND TAIWAN
4. 1 ERSTE UNTERSUCHUNGSPHASE: 1991 – 1995
4. 1. 1 Die Ausgangsposition Taiwans
4. 1. 2 Die Ausgangsposition der VR China
4. 1. 3 Die Beijing-Gespräche
4. 1. 4 Der Konsens von 1992
4. 1. 5 Die Wang-Koo-Gespräche
4. 1. 6 Die „Acht Punkte“ Jiang Zemins und die „Sechs Punkte“ Lee Teng-huis
4. 1. 7 Fazit
4. 2 ZWEITE UNTERSUCHUNGSPHASE: 1998 – 1999
4. 2. 1 Die Ausgangsposition Taiwans
4. 2. 2 Die Ausgangsposition der VR China
4. 2. 3 Die zweiten Wang-Koo-Gespräche
4. 2. 4 Fazit
4. 3 DRITTE UNTERSUCHUNGSPHASE: 2008 – HEUTE
4. 3. 1 Die Ausgangsposition Taiwans
4. 3. 2 Die Ausgangsposition der VR China
4. 3. 3Die Chen-Chiang-Gespräche
4. 3. 4 Fazit
5 ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert den Verhandlungsprozess zwischen der VR China und Taiwan im Zeitraum von 1991 bis 2010. Dabei wird untersucht, inwieweit die bisherigen Verhandlungsabläufe und -ergebnisse zu einer Veränderung der Ausgangspositionen beider Akteure geführt haben und ob Anzeichen für eine kognitive Evolution oder Lernprozesse im Verhandlungsverhalten erkennbar sind.
- Vergleichende Analyse der Ausgangspositionen der VR China und Taiwan
- Einsatz spieltheoretischer und konstruktivistischer Ansätze zur Verhandlungsanalyse
- Untersuchung von drei zentralen Untersuchungsphasen (1991–1995, 1998–1999, 2008–heute)
- Bewertung der Bedeutung von Institutionalisierung und Kommunikationsstrukturen
- Analyse der Rolle asymmetrischer Machtverhältnisse und externer Einflussfaktoren
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Schlüsselbegriffe
Der erste wichtige Schlüsselbegriff in Rangarajans Theorie ist die Unzufriedenheit. Zum einen ist sie der Auslöser von Verhandlungen, denn Staaten nehmen diese auf, um die unter ihnen bestehende Unzufriedenheit zu überwinden. Zweitens stellt sie eine Erweiterung des Nutzenkonzepts dar und eignet sich somit besser zur Beschreibung und Analyse von Verhandlungsprozessen als nutzendominierte Theorien wie z. B. die Spieltheorie oder wirtschaftswissenschaftlich dominierte Ansätze.
Wenn die Verhandlungsparteien der Auffassung sind, dass die Erzielung eines Übereinkommens ihnen einen höheren Nutzen bringt, als der Wettbewerb zwischen ihnen, so wird die Durchführung einer integrativen Verhandlung wahrscheinlicher. Deren wichtigstes Merkmal ist die Annahme, dass nach einem erfolgreichem Abschluss alle Verhandlungsparteien besser gestellt sein werden, als vorher. Dies bedeutet jedoch, dass keine der Parteien den Verhandlungsprozess als ein Null–Summen–Spiel betrachten darf.
Lewicki, Barry und Saunders definieren drei Arten von gemeinsamen Zielen, welche die Entwicklung solcher Verhandlungen begünstigen oder gar auslösen können: erstens, sind identische Ziele (common goals) vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie von allen potenziellen Verhandlungsparteien in gleichem Maße geteilt oder verfolgt werden; zweitens, wird der erzielte Nutzen bei der Erreichung geteilter Ziele (shared goals) in irgendeiner, von den Verhandlungsparteien als angemessen betrachtete Form unter ihnen aufgeteilt; drittens, führt die Verfolgung eines integrativen Ziels (joint goals) zur Zusammenschließung einzelner Verhandlungsparteien mit an sich unterschiedlichen Zielen, die sich aber durch ihre Zusammenarbeit schneller oder leichter erreichen lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die komplexe Problematik der Beziehungen zwischen der VR China und Taiwan sowie Darlegung der erkenntnisleitenden Fragestellung und des methodischen Vorgehens.
2 STAND DER FORSCHUNG: Überblick über theoretische Ansätze zur Konfliktbearbeitung und Verhandlungstheorie, unterteilt in spieltheoretische Ansätze, Denkschulen und Praktiker-Verfahren.
3 THEORETISCHER RAHMEN: Systematische Vorstellung des angewandten theoretischen Ansatzes von Rangarajan, inklusive der Definition zentraler Schlüsselbegriffe und relevanter Faktoren wie Wahrnehmung und Umwelt.
4 DER VERHANDLUNGSPROZESS ZWISCHEN DER VR CHINA UND TAIWAN: Detaillierte Analyse der drei Untersuchungsphasen unter Anwendung des theoretischen Rahmens zur Aufarbeitung der Verhandlungsergebnisse und Ausgangspositionen.
5 ZUSAMMENFASSUNG: Synthese der Forschungsergebnisse und Fazit bezüglich der Frage nach einer kognitiven Evolution oder dauerhaften Lernprozessen im sino-taiwanischen Verhandlungsprozess.
Schlüsselwörter
VR China, Taiwan, Verhandlungsprozess, Rangarajan, Konsens von 1992, Ein-China-Prinzip, integrative Verhandlungen, kognitive Evolution, asymmetrische Verhandlungen, Wang-Koo-Gespräche, Chen-Chiang-Gespräche, internationale Beziehungen, Konfliktbearbeitung, Außenpolitik, Taiwan-Straße.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das komplexe und angespannte Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und Taiwan und analysiert, wie sich der Verhandlungsprozess zwischen diesen beiden Akteuren im Zeitraum von 1991 bis 2010 gestaltet hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die politischen und wirtschaftlichen Interaktionen, die Verhandlungsstrategien beider Seiten, der Einfluss der jeweiligen innenpolitischen Lage sowie die Rolle internationaler Akteure wie der USA.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es zu klären, ob sich die Ausgangspositionen der Kontrahenten durch die Verhandlungsrunden so verändert haben, dass man von einem Prozess der kognitiven Evolution oder einem nachhaltigen Lernprozess sprechen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt als theoretisches Gerüst primär die Verhandlungstheorie von Rangarajan, welche durch Ansätze der Spieltheorie sowie konstruktivistische Theorien der internationalen Beziehungen ergänzt und kritisch reflektiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei historische Phasen (1991–1995, 1998–1999, 2008–heute), in denen die jeweiligen Ausgangspositionen, die Verhandlungsverläufe und die Ergebnisse, wie etwa der Konsens von 1992, detailliert nachgezeichnet werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie sino-taiwanische Beziehungen, Konfliktbearbeitung, asymmetrische Verhandlungen, Ein-China-Prinzip und institutionelle Kommunikation.
Was unterscheidet die erste von der dritten Untersuchungsphase?
Während die erste Phase (1991–1995) von den ersten Schritten zur Institutionalisierung und dem Finden einer gemeinsamen Gesprächsbasis geprägt war, zeichnet sich die dritte Phase (ab 2008) durch eine hohe Interaktionsdichte und eine pragmatisch-wirtschaftsorientierte Kooperation aus.
Wie bewertet der Autor das Konzept der „Zwei-Staaten-Theorie“?
Der Autor ordnet die von Lee Teng-hui formulierte Theorie als einen Versuch ein, den Status Taiwans gegenüber der VR China aufzuwerten, was jedoch seitens Beijings als inakzeptabler Versuch der Abspaltung gewertet und zum Anlass für Verhandlungsunterbrechungen genommen wurde.
Was versteht man unter dem in der Arbeit behandelten „Unzufriedenheitsresiduum“?
Es bezeichnet in der Theorie von Rangarajan jenen Teil der Unzufriedenheit, der trotz erfolgreich abgeschlossener Verhandlungen bestehen bleibt und somit automatisch zum Gegenstand zukünftiger Verhandlungen wird.
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- MA Slavomir Zidarov (Author), 2010, Muster und Trends im Verhandlungsprozess zwischen der VR China und Taiwan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181743